(Gastbeitrag) Bereits vor einem Jahr, war zu ahnen, wie wir uns mundtot machen lassen werden und man nicht laut genug mahnen kann. Jeder von uns wird sich eines Tages fragen (lassen) müssen:

„Was hast Du (dagegen) getan?“

Ich sehe jetzt schon den Schmerz und Wut in den Augen der nachfolgenden Generationen, wenn ihnen klar wird, dass ein ganzes Volk wieder in gefolgsamer Starre verharrt hat, als das Unmögliche bereits in vollem Gange war. Und so schrieb ich am 6. Januar 2016:

Auch ich trage eine Schuld

Ich habe mich im Geschichtsstudium gefragt, ob die Menschen damals nicht gemerkt haben, dass sie auf einen Katastrophe zusteuerten, warum es geschehen konnte, dass um sie herum so viel Unrecht – wie etwa die Verfolgung durch die Nationalsozialisten passierte und wie aus Alltag Krieg werden kann.

Von außen betrachtet erscheint es unlogisch, warum niemand „Halt!“ gerufen hat.

Entwicklungen sind nicht einfach Geschicke der Zeit, es sind Prozesse, an denen unendlich viele Menschen beteiligt sind aktiv oder passiv. Es sind nicht einfach nur „die da oben“ – es ist jeder von uns und jeder trägt Verantwortung und jeder trägt Schuld – auch heute!

Was würde Anne Frank sagen?

Ich stelle mir vor, ich treffe Anne Frank. Ich würde sie gerne fragen, wie man es schafft, soviel vermeintliche „Normalität“ zu erzeugen, wo doch die Realität eine ganz andere war. Dann würde ich vielleicht besser begreifen, wie wir es hinbekommen, derzeit so zu tun, als sei die Welt noch weitestgehend in Ordnung.

Das grausamste Bausteinchen, welches das Dritte Reich schuf und so erfolgreich machte, waren neben der Verfolgung und Vernichtung die kollektive Verdrängung der Geschehnisse.

Das Wegsehen und Nicht-Wahrhabenwollen – das Inkaufnehmen von Terror und das Mittragen einer menschlich gesehen untragbaren Politik. Wie Marionetten in einem bösen Spiel ließen sich die Menschen leiten – und das tun wir auch.

Schweigen, wenn man schreien müsste

„Ich halte mich aus den politischen Dingen raus“ oder „Es ändert ja auch nichts, wenn ich was sage“. Das sind die häufigsten Ausreden, wenn es drum geht, seine passive Komfortzone zu verlassen.

Ich habe es bei der Arbeit gesehen: Menschen lassen sich drangsalieren, instrumentalisieren, verkaufen ihre Seele gegen Geld. Viele sind schon dort nicht in der Lage, für sich einzustehen oder gar für andere.

Ein solches Volk ist erneut prädestiniert dazu, alles mitzumachen. Wir scheinen keinerlei Schmerz- oder Leidensgrenze zu haben.

Wir verschlucken eher unsere Zunge, als dass wir etwas Falsches sagen. Und doch müssen wir uns immer wieder fragen lassen:

Welcher Verlust wäre es denn, sein feiges Gesicht zu verlieren?

***

Foto: NLPD [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0), CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0), via Wikimedia Commons

10 Kommentare

  1. Ich befürchte das Alles wieder in blutigen Auseinandersetzungen enden wird und meine Hoffnung, dass meine Generation davon vielleicht verschont würde, schwindet von Mal zu Mal.
    Ich bin jetzt 56 und habe mit den 70ern, 80ern und auch noch den 90ern sehr schöne Zeiten in unserem Land erlebt und kann nicht glauben was jetzt passiert.
    Wir können nicht mehr ausgelassen feiern, Frauen und junge Mädchen müssen achtsamer sein denn je (eigentlich auch alle anderen), man weiß schon nicht mehr ob es ratsam ist auf Großveranstaltungen zu gehen, zumindest macht man sich seine Gedanken und Stadtbilder verändern sich zunehmend zum Nachteil, mal davon abgesehen das man diverse Stadtviertel als Nichtmuslim schon längst meiden sollte.
    Ich sehe die Veränderungen tagtäglich in unserer Kleinstadt in der ich groß geworden bin, gehe ich durch unser früheres Viertel, wähne ich mich mittlerweile in einem anderen Land.
    Im letzten Jahr gar war unser Städtchen gleich mehrmals in den Schlagzeilen, als ein Ordnungshüter und Polizisten von einer großen Gruppe männl. Muslime verprügelt wurden, als ein Türke in einem Friseursalon um sich schoss und erst kürzlich ging eine 30-köpfige Gruppe Nordafrikaner tagsüber mit Knüppeln, Brettern und Messern aufeinander los, mitten in einem belebten Viertel.
    Grundsätzlich verabscheue ich Gewalt, doch ich war stets schon als 12-jähriger sehr sportlich und erfolgreich in der Leichtathletik unterwegs und habe mit Krafttraining, Boxen und KravMaga gelernt mich zu verteidigen.
    Stets habe ich körperliche Konflikte gemieden und war immer darauf bedacht, friedliche Lösungen herbei zu führen.
    Mittlerweile laufe ich nur noch mit Kubotan in der Tasche durch die Gegend, habe einen Teleskopschlagstock im Handschuhfach liegen und einen Baseballschläger in meinem Hausflur.
    Wenn ich mich dann hinterfrage warum ich mich derart „aufgerüstet“ habe, bekomme ich jedes Mal eine unbändige Wut auf unsere Politik, die mich zu solch einem Handeln genötigt hat.
    Ich bin wütend und traurig zugleich, wir dürfen das Alles nicht weiter zulassen. Wie sollen denn unsere nachfolgende Generationen hier noch zurecht kommen?

  2. Ehrlich, mich interessiert es nicht wenn jemand mich auf die Straße zerren will – um dort meinen Kopf hinzuhalten … für wen auch immer.
    Meine Großeltern beiderseits haben still und verborgen -nachweislich – seinerzeit verfolgte Menschen versteckt, ernährt und deren Leben gerettet. ( insgesamt 5 Familien) .
    Mein GV väterlicherseits war einfacher Koch, wurde eingezogen und entkam wegen „Unabkömmlichkeit“ dem Einbrennen der SS-Runen … was ihm in russischer Gefangenschaft half zu überleben. Dennoch kam ein gebrochener Mann ( 1954 ! ) zurück, meine GM hat ihn zuerst nicht erkannt – und die Türe verriegelt …
    NIE war innert unserer Familie ein Geheimnis um diese Zeiten – und gerade deshalb verweigere ich mich jedwedem Versuch von politisch/religiöser Forderung „Stellung“ zu beziehen.
    Mein Schwiegervater stammte aus Breslau … und fand seine Mutter ( nach Heimkehr aus italienischer Gefangenschaft 1946 ) im Kreis Hameln – wie auch seine spätere Frau – was würde ich geben ihr danken zu können, weil ich erst später, nach ihrem Ableben, erkannte welch kluge Frau mir da – freundlich, ohne zu drängen oder gar zu fordern wertvolle, wegweisende Rarschläge gab ! – ( kein anderer Mensch hat mich mehr geprägt als diese außergewöhnliche (!) Frau, obgleich oberflächlich (!) … betrachtet unscheinbar … ! ) „Nur … Hausfrau/Mutter“…

    MEINE Stellung ist die, die meinen Nächsten und mir hilft zu überleben – auch wenn ich dafür – vermeintlich – als „Schlafschaf“ tituliert werde.

    Ohne diese Einstellung und diesem Handeln meiner Vorfahren gäbe es mich nicht, und unsere Sippe umfasst viele, viele Mitglieder denen der Hirsch und der/die Raben mehr bedeutet als jedwedes Ritual aus Baals-Zeiten … fernab von Eichen – in den Wüsten !

    So, jetzt ist es raus – verbrennt Kräuterkundige-Frauen, unterdrückt Frauen und verbietet ihnen deren Stimme/Wort, schickt Kinder in Kreuzzüge und bindet Kindern Sprengstoff-Gürtel um … betet zu Jahwe, Gott oder Allah – es tangiert meine SEELE nicht !
    “ Meinen Hass bekommt ihr nicht ! “ – welch eine tiefe Erkenntnis aus dem Munde von jemandem der ein Opfer zu beklagen hat. …

    Heuer mehr Sonnwendfeuer wie je zuvor, Wüste und Eichenwälder passen nun mal nicht zusammen …

    Und das WISSEN die derzeitigen – wie die ehemaligen „Lenker“ aus Politik/Religion/Finanz sehr genau !!! Erfahrungsgemäß.

    Ich habe Freunde, wirkliche Freunde ! – darunter Christen, Juden, Muslime, Buddisten , Kommunisten, Kapitalisten, Schwule, Lesben, Atheisten, Agnostiker usw. … – nicht EIN Rassist darunter zu finden (!) – und unsere Diskussionen werden nie boshaft, feindlich oder gar ausgrenzend !
    Eher sind sie fruchtbar – und erkenntnisreich.

    Wir naschen … sozusagen am “ verbotenen“! Baum der Erkenntnis… …

    • Warum soll ich denn “ offenes Visir“ zeigen wenn das /die Gegenüber sich verschleiert bis zur Unkenntlichkeit ?
      Lüge zur Taktik wurde/wird ?

      Neulich eine Umfrage in der Stadt :
      Um weiterer Belästigung zu entgehen antwortete ich auf die Frage : “ Wie schätzen sie die gegenwärtigen Entwicklungen ein ? “ (Trump/Putin/Merkel)
      Mit “ Alles wird sich historisch …entwickeln.“.

      Und ging – noch bevor die verdutzte Umfragerin nachhaken konnte – meines Wegs.

      Ich stehe mit im Schnitt lächerlichen 80 Jährchen einen Jahrtausende altem System gegenüber – und möge man 500 Jahre Reformation auch noch so verzweifelt feiern wollen — aktuell wird 1400 Jahre zurück gefördert – von Politik und Religion(en) … …
      Da wird gar das Kreuz aus Respekt gegenüber dem Islam … abgelegt … von höchsten Vertretern des Christentums … …

      VON DENEN MÜSSTE GESICHT GEZEIGT WERDEN !!!

      Aber da steht ein Boot im Kölner Dom … in dem auch Jesus hätte sitzen können … …

      Jesus ist aber nicht geflüchtet ! Er hat sich seinen ( und unser Aller) Gegnern gestellt – du verdorbener, verblendeter, gekaufter Woelki hast nicht mal DAS begriffen !

      • Und was/ wem hat das mutige Handeln des Jesus genutzt ?

        Jenen die ihn seit fast 2000 Jahren tagtäglich wieder und wieder und wieder benutzen … … um ihren DRECK zu verdecken.
        NIE werde ich vergessen was ich empfand als ich zum ersten Mal ein Krutzifix erblickte – ich habe geweint, war kaum zu beruhigen.
        Die Pharisäer und die Geldwechsler aus dem Tempel … sind im Heute mächtiger denn je !

        Seht gen Frankreich – was blieb übrig von der -Wehr, der „großen“Revolution – in seinem Tagebuch verzeichnete der König schlicht “ Nix“.
        Weitsichtig, denn es blieb wahrlich NIX ! Frankreich steht da wo es seinerzeit stand – unfähige Regierung – Ausnahmezustand -Revolution die Xte …

        Am Ende ist D wieder an allem Schuld, vergessen daß das große Frankenreich (!) … der Kelten/Germanen unter Karl vereint – die Erben/Söhne wieder zersplitterten. 😟

        Mag der große Alexander auch noch so viel erobert haben – im Heute gilt das NIX mehr !
        Kaum jemand der noch weiß um die Geschichte Europas … – und dem Nahen Osten – dem die Engländer 1948 einen absolut unfehlbaren Garant für Rüstungs-Geschäfte-Fördernte- Konflikte installierte … …

        Nu, heute wird an Schulen in D, der EU … gelehrt … wie man Kondome anbringt …, einen HartzIV-Antrag ausfüllt und das es über 60 Geschlechter gibt … …
        Pisa -der schiefe Turm – lässt grüßen – wie auch Babylon – die Geburtstätte des sich nicht mehr verstehen können auf der Suche, dem Bestreben ein Gebäube … bis in den Himmel ragend zu bauen.
        Ging damals mächtig daneben -und wird wieder und wieder und wieder mächtig daneben gehen – was die Mächtigen wenig bis gar nicht schert.

        Ich genieße die Entwicklungen – teuer bezahlt von unseren Vorfahren – der Reformation und der Aufklärung, ich will nicht zurück in finsterste Zeiten – hier wie da und dort … ich will WISSEN weit mehr als GLAUBEN !

  3. Es geht um Mut und „fortitudo“ in unserer Gesellschaft. Dazu kommt mir ein Aufsatz von Günter Zehm/Pankraz* aus dem Jahr 2003 in der JF in den Sinn – auch in seinem Buch „Gesunder Menschenverstand“ veröffentlicht.

    Günter Zehm:
    „… Wahre Tapferkeit gedeiht nur bei gebildeten Völkern“, schrieb schon Hegel in seiner Rechtsphilosophie.
    Zählt die heutige BRD mit ihren mittlerweile erreichten niedrigen Pisa-Standards und ihrer spezifischen „Diskurs-Demokratie“ noch zu den gebildeten Völkern? Hat der Mut also hier noch eine Chance?
    …. Die „Stimmungslage“ hinwiederum, so eine berühmte Äußerung des Bundeskanzlers Schröder, werde heute in Deutschland nicht von qualifizierten Weisheitsräten erzeugt, sondern „von der Bild-Zeitung und der Glotze“. Allein diese Instanzen habe der moderne Politiker noch zu fürchten. … Alles verharrt im „Diskurs“, der immer wesenloser und uninspirierter wird, und der Mut zum Handeln bleibt auf der Strecke.
    Wo aber bleiben die Träger des Muts, die nach wie vor Mutigen und Tapferen? Nun, sie haben alle Hände voll damit zu tun, ihre Position überhaupt noch erkennbar zu markieren. Mag sein, es gibt hier und da noch Institutionen, wo man sie – freilich unter zunehmender Androhung von Gewalt … – Widerspruch formulieren läßt, gewisse Wissenschaftsräume, Redaktionen, Gesprächskreise. Das Handeln ist ihnen aber verwehrt. Weil die Feigen nicht handeln wollen, dürfen die Mutigen nicht handeln, dafür ist bei uns gesorgt. So bleibt zur Zeit wirklich nur noch das Standhalten.“

    *https://jungefreiheit.de/kultur/2003/pankraz-w-sofsky-und-der-mut-in-der-demokratie/

  4. Sehr geehrter Herr Berger, natürlich haben Sie recht, aber WAS kann ich tun? Seit ca. 1,5 Jahren frage ich mich das. Ich schreibe emails an die „Verantwortlichen“, Kommentare, Meinungen. Das interessiert die nicht. Wenn Antworten kommen, dann,…., na, Sie wissen schon: vorformuliert, pauschal, „programmgesteuert“, arrogant, unpersönlich, an den Themen vorbei. Das interessiert die einen – sorry – Sch…. Was kann ich sonst tun?

  5. Tja, das wird wohl immer so sein,. daß die Mehrheit der Bürger, oder zumindest die hirngewaschenen Spinner aus der Oberschicht die Katastrophe erst bemerken, wenn sie selber brennen. Manche nicht mal dann.
    So war das schon vor den Weltkriegen. Junge Naive zogen ins Gemetzel, weil sie den Quatsch irgendwelcher Intellektueller glaubten.
    Und die, die Überlebten, waren selbst danach kaum in der Lage, ihren FEhler auch nur zu erkennen.

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