Ein Gastbeitrag von Jürgen Fritz

Der Mensch, wusste schon Aristoteles (384 – 322 v. Chr.), ist ein Zoon politikon – ein soziales, auf Gemeinschaft angelegtes und Gemeinschaft bildendes Wesen. Als Einzelgänger hätte der homo sapiens, der anatomisch moderne Mensch, nicht überleben können und auch heute dürfte kaum einer von uns als Einzelner lange überlebensfähig sein.

A. Frühzeit und Antike: Vom Dorf zur Stadt (Polis) und zum Imperium

In der Frühzeit, vor zig- beziehungsweise hunderttausenden von Jahren lebten die Menschen in sehr kleinen, überschaubaren Gruppen. Aus diesen kleinen Gruppen bildeten sich irgendwann Dorfgemeinschaften und Stämme. In Äypten entstand bereits um 3.000 v. Chr. ein großes Pharaonenreich, das Jahrtausende Bestand haben sollte. In Mesopotamien, dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris (heutiger Irak und Syrien), wuchsen ab circa 3.000 v. Chr. große Stadtstaaten heran, insbesondere Babylon (Turmbau zu Babel), von dem Alexander der Große später zutiefst beeindruckt sein sollte.

In Europa entstanden dann im antiken Griechenland ab ca. 800 v. Chr. die sogenannten Poleis (Sparta, Korinth, Athen …), Stadtstaaten, in denen erstmals in der Geistesgeschichte der Übergang vom Mythos zum Logos stattfand, in denen die europäische Philosophie und die Wissenschaften sowie die Demokratie entstanden sind.

Hier in Griechenland wurde mit Thales von Milet (um 600 v. Chr.) und anderen zunächst die Naturphilosophie entwickelt. Mit Sokrates (470 – 399 v. Chr.), dem eigentlichen geistigen Vater Europas, beginnt dann die Frage nach der Ethik, die Frage nach der menschlichen Seele und wonach der Mensch streben, wie er sein praktisches Leben führen soll, vor allem aber das kritische Denken.

Platon (427 – 347 v. Chr.), der mit seinem einzigartigen literarisch-philosophischen Werk nicht nur seinem geliebten Lehrer Sokrates ein ewiges Denkmal setzte, sondern auch das Denken des gesamten Abendlandes prägen sollte wie kein anderer, dessen Philosophie großen Einfluss auf die Entwicklung des Christentums (Nietzsche: Platonismus fürs Volk) hatte, entwirft dann in seiner epochalen Schrift ‚Politeia‘ (‚Der Staat‘) zum ersten Mal in der Geschichte ein Modell, wie ein gerechter Staat auszusehen habe, das zugleich ein Bildungsprogramm enthält auf einer Höhe, die erst Rousseau (1712 – 1778) zweitausend Jahre später wieder erreichen sollte.

Platons berühmtester Schüler Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) begründet sodann neben der Logik, der Wissenschaftstheorie, der Biologie, der Physik, der philosophischen Ethik und der Dichtungstheorie auch die Staatstheorie. Der Staat ist für Aristoteles der Zusammenschluss kleinerer Gemeinschaften zu einer großen, die das Ziel der Glückseligkeit erfüllt. Entstanden aus der logischen Folge wachsender Gemeinschaften (Familie – Hausgemeinschaft – Dorf – Polis), besteht der Staat als natürliche Einheit zur Ermöglichung eines vollkommenen Lebens.

Der Staat ist also für den Menschen da, um ihm ein Leben in Sicherheit und Freiheit zu ermöglichen, zugleich muss der Einzelne diesem Staat aber auch dienen, der ihm das Überleben und das gute Leben überhaupt erst ermöglichen kann. Die Selbstbestimmung der Bürger über das eigene Gemeinwesen, die Demokratie fand hier statt in kleinen überschaubaren Einheiten, in Stadtstaaten (Poleis).

Die geistige Höhe, die wir hierbei in Sokrates, Platon und Aristoteles verkörpert finden, sollte bis Immanuel Kant über 2000 Jahre lang von keinem Menschen mehr erreicht werden. Noch heute lassen sich Platons und Aristoteles‘ Texte, die voller Weisheiten und tiefer Einsichten stecken, mit größtem Gewinn lesen und ein Philosophiestudium ohne Platon- und Aristoteles-Lektüre ist undenkbar.

aristoteles-kopieDaneben gab es in Asien inzwischen das persische Großreich, das Alexander der Große (356 – 323 v.Chr.), der von Aristoteles persönlich unterrichtet wurde, dann später besiegen konnte, um ein eigenes Reich zu schaffen, das von Griechenland bis nach Ägypten und bis nach Indien reichte, das Orient und Okzident verbinden sollte. Alexander selbst heiratete eine persische Fürstentochter, um Morgen- und Abendland auch dynastisch zu vereinen. Alexander versuchte hierbei das Griechische mit dem Persischen, Babylonischen zu vereinen, was allerdings noch scheiterte. Er gründete hierbei überall neue Städte, die bekannteste hierunter Alexandria in Ägypten mit seiner einzigartigen Bibliothek, einem wahren Wissensschatz der Antike. Leider hatte dieses Großreich keinen Bestand und zerfiel kurze Zeit nach Alexanders Tod. Demokratisch organisiert waren aber weder das persische Großreich, welches die griechischen Stadtstaaten übrigens immer wieder angriff und sich einzuverleiben suchte – bekannt ist vor allem die Schlacht bei Marathon – noch das Alexanderreich.

Aber dennoch ging das einmalige griechische Erbe nicht verloren. Denn auf der Apenninenhalbinsel entwickelte sich aus der zunächst kleinen Stadt auf den sieben Hügeln, aus Rom (Gründung der Sage nach 753 v.Chr.), im Laufe der Jahrhunderte das Imperium Romanum, ein Weltreich. Und die Römer, selbst zwar nicht die größten Denker, aber ausgezeichnete Verwalter und Organisatoren, die besten der Welt, waren schlau genug, das griechische Erbe zu bewahren, ließen ihre Kinder teilweise von griechischen Gelehrten unterrichten. Und sie schufen ein weltweit einmaliges Rechtssystem, das Römische Recht, das für fast ganz Europa prägend werden sollte und das noch heute weltweit Vorbild ist für alle möglichen Rechtssysteme, bis hin nach China. Auch das moderne bürgerliche Recht ist nach wie vor in besonderem Maße vom römischen Recht geprägt.

Das Imperium Romanum war nicht demokratisch organsiert, doch waren die Römer klug genug, die eroberten Gebiete zwar alle Rom zu unterstellen, aber sie führten den römischen Provinzen nicht nur ihre weit überlegene Kultur zu, bauten ein einmaliges Straßennetz, welches noch heute besteht – daher der Ausspruch, dass alle Wege nach Rom führen -, sondern gewährten den eroberten Ländern zugleich oftmals weitgehende Selbstbestimmungsrechte, so dass das Leben der meisten sich nicht verschlechterte, sondern verbesserte.

Auch in China, dem einzigen Großreich, das seit vielen Jahrtausenden bis heute Bestand hat, das zwischendurch mal an Bedeutung verlor, sich inzwischen aber anschickt, neben den USA die zweite Supermacht des 21. Jahrhunderts zu werden, gab es schon vor Jahrtausenden Bestrebungen, im Reich der Mitte „alle unter einem Himmel“ zusammenzufassen. Dieses Großreich war ebenfalls niemals demokratisch organisiert, sondern immer zentralistisch und hierarchisch von oben herab.

B. Die Bildung moderner Staaten in der Neuzeit

In der Neuzeit bildeten sich dann die modernen Staaten, soziale Gebilde also, die drei konstituierende Merkmale aufweisen:

1. ein Staatsgebiet, also ein abgegrenztes Territorium, ein Stück Erde,

2. eine darauf als Kernbevölkerung ansässige Gruppe von Menschen, das Staatsvolk sowie

3. eine auf diesem Gebiet herrschende Staatsgewalt.

Genauso ein moderner Staat war das Deutsche Reich von 1871 bis 1945 (zuvor bis 1806: das Heilige Römisches Reich Deutscher Nation, 1815 bis 1866 der Deutsche Bund als lockerer Zusammenschluss). Und genau so ein moderner Staat – und eben nicht mehr zwei Staaten – ist Deutschland seit genau 26 Jahren.

Wir sind ein Staatsvolk, das auf einem Staatsterritorium unter einer Staatsgewalt lebt. Wir bilden eine Gemeinschaft. Wir sprechen die gleiche Sprache. Wir haben das gleiche Recht. Wir haben eine gemeinsame Tradition. Wir gehören zusammen.

Ganz konkret bedeutet dies z.B. wir haben alle das gleiche Rechtssystem, vom Grundgesetz bis zur StVO, egal ob wir in Kiel oder Freiburg leben. Wir haben alle die gleiche Bundesregierung. Wir haben alle die gleichen Rechte. Wir haben alle die gleiche Schulpflicht usw. usf. Und es bedeutet auch, dass der Kranke, Arbeitslose oder der Rentner in Hamburg von Menschen aus München oder Leipzig mitversorgt wird oder umgekehrt.

Wünschenswert wäre natürlich, dass alle in Deutschland auch wirklich die gleiche Sprache sprechen, nämlich Deutsch und diese auch wirklich beherrschen, bietet diese doch ungeheure Ausdrucksmöglichkeiten. Nicht von ungefähr kamen in den letzten 300 Jahren aus allen sonstigen Ländern dieser Erde zusammen nicht so viele bedeutende Denker wie aus dem deutschsprachigen Raum alleine, dem Land der Dichter und Denker:

Gottfried Wilhelm Leibniz, Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Arthur Schopehauer, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Wilhem Dilthey, Albert Einstein, Werner Heisenberg, Edmund Husserl, Max Scheler, Karl Jaspers, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein und Karl R. Popper (beide Österreich), Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Hans Albert, Jürgen Habermas, Peter Sloterdijk, um nur einige zu nennen.

Wenn auch die deutsche Sprache vielleicht nicht so charmant klingt wie z.B. die französische, nicht so prägnant wie die englische, so bietet sie doch ganz besonders differenzierte Ausdrucksmöglichkeiten, die gerade das tiefsinnige Nachdenken ermöglicht und zu begünstigen scheint.

Der Geist der Menschheit hat sich vor allen Dingen in zwei Ländern wie nirgends sonst verdichtet: in der Antike in Griechenland, in der Neuzeit in Deutschland.

Wünschenswert wäre auch, dass es ein gemeinsames Bewusstsein gibt für die eigene, gemeinsame Tradition und Kultur, insbesondere für die deutsche Literatur und Geschichte. Diese Dinge sind nicht nur für die eigene Identitätsbildung wichtig, sondern auch für das Zusammengehörigkeitsgefühl. Und ohne ein Zusammengehörigkeitsgefühl kann keine Gemeinschaft auf Dauer gedeihen.

C. Menschen schließen sich zu immer größeren Einheiten zusammen

Menschen schließen sich also seit Urzeiten zu Einheiten zusammen und diese Einheiten werden immer größer. Die nächstgrößere Einheit wäre die Europäische Union (EU). Hier haben wir ja schon seit mehr als einer Dekade eine gemeinsame Währung und auch viele gemeinsame rechtliche Regelungen. Auch Europa verbindet eine gemeinsame Kultur, ausgehend von der griechisch-römischen Antike, die dann in Verbindung mit dem Christentum unser gesamtes Denken bis heute maßgeblich grundgelegt hat, ein Denken, das dann nach der antiken griechischen Aufklärung im 18. Jahrhundert in eine zweite +Aufklärung mündete, welche das Feudalsystem abschaffte und die Menschenrechte proklamierte, ein Denken, an dem sich die gesamte Welt zunehmend orientiert und das in vielem als Maßstab, Richtschnur und Vorbild gilt.

Eine spannende Frage ist, inwieweit der geistige Horizont des Menschen mit dieser äußeren Entwicklung hin zu großen Einheiten Schritt halten kann. Es zeigt sich z.B., dass unser ethisches Empfinden bei Menschen, die uns näher sind, ganz anders ausgeprägt ist, als bei Menschen, die wir nicht persönlich kennen und die weiter weg sind. Die Aufgabe wird hier sein, dass aus der ursprünglichen Familien- und Gruppenmoral ein Ethos entsteht, der sich auf alle Menschen und dann im nächsten Schritt auch auf empfindungsfähige Tiere sukzessive ausweitet. Manche Menschen sind hier schon viel weiter als andere. Aber das ist wohl bei jeder Entwicklung so.

Und es wird auch darum gehen müssen, die Unterschiede in den Lebensbedingungen der Menschen auf der Erde sukzessive zu reduzieren – nicht völlig einzuebnen, Unterschiede wird es immer geben -, aber diese eben zu verringern, damit es nicht immer wieder zu riesigen Flüchtlingsströmen kommt und um der Gerechtigkeit willen.

Letztlich bilden natürlich alle Menschen dieses Planeten eine Gemeinschaft. Wenn wir die Lebensbedingungen der Erde z.B. durch einen atomaren Krieg zerstören oder wenn ein großer Meteor auf der Erde einschlägt, wie dies in der Erdgeschichte schon mehrfach der Fall war, dann kann dies im Extremfall alles menschliche Leben auf der Erde auslöschen. Insofern bilden wir alle zusammen von Europa bis Australien, von Grönland bis zur Antarktis eine Gemeinschaft.

Es gibt also verschiedene ‚Wirs‘ gleichsam konzentrischen Kreisen, denen der Einzelne allen angehört. Ich lebe derzeit in Hamburg. Hamburg gehört zu Deutschland. Deutschland liegt im Herzen Europas. Und Europa gehört zur Weltgemeinschaft.

Und um die Brücke zur eingangs angeführten Frühzeit zu schlagen: Moderne genetische Untersuchungen deuten ganz massiv darauf hin, dass alle heute lebenden Menschen Nachfahren sind einer relativ kleinen Gruppe Menschen, die vor einigen zig Jahrtausenden in Afrika lebten (Out-of-Africa-Theorie, genauer: Out-of-Africa III).

Es könnte sogar sein, dass alle heute lebenden 7,4 Milliarden Menschen von einer ganz bestimmten Frau abstammen, dass es also in gewissem Sinne tatsächlich eine Eva gab (die sogenannte Mitochondriale Eva), die, so schätzt man aktuell, vor ca. 200.000 Jahren lebte. Das wäre ausgesprochen jung, wenn man bedenkt, dass die bislang ältesten Urmenschenfunde auf zwei bis drei Millionen Jahre datiert werden! Von all den Linien des Stammbaums des Menschen wäre also nur eine einzige übriggeblieben und unsere Ur-Mutter wäre nicht Millionen Jahre alt, sondern „nur“ 0,2 Millionen Jahre.

Biologisch gesehen sind wir also alle Brüder und Schwestern, auch wenn wir nicht immer die gleiche Sprache sprechen, nicht einmal in Deutschland, genauer: auch wenn wir uns gegenseitig nicht immer verstehen.

Der Mensch ist jedoch im Gegensatz zum Tier und zur Pflanze kein rein biologisches, sondern vor allem ein Kultur- und Geistwesen. Und die Kulturen, die Geistesgeschichten und auch die Moral- und Wertvorstellungen dieser Kulturen unterscheiden sich beachtlich.

Auch hat sich gezeigt, dass Demokratien, dass Selbstbestimmung von Gemeinwesen durch die Staatsbürger bislang immer nur funktioniert hat, wenn diese nicht zu groß wurden. In der kleinen Schweiz klappt dies ausgezeichnet, hat man den Eindruck. Hier sind sogar starke Elemente der direkten Demokratie verwirklicht. Deutschland mit rund 80 Millionen Staatsbürgern dürfte größenmäßig gerade noch demokratisch regierbar sein. Bei der EU mit über 500 Millionen Menschen und X verschiedenen Sprachen und Mentalitäten scheint dies auf absehbare Zeit nicht möglich zu sein.

Big ist wohl nicht immer beautiful und bigger nicht immer more beautiful.

Nein, Deutschland scheint vielmehr eine Größe zu haben, die es gerade so noch erlaubt, so etwas wie eine Gemeinschaft zu bilden, die nicht durch eine Gewalt von oben, sondern durch ein inneres Zusammengehörigkeitsgefühl zusammengehalten wird. Dieses Gefühl gilt es zu stärken, nicht zu schwächen. Wachstum kann auch bedeuten, nicht immer größer zu werden, sondern innerlich mehr zusammenzuwachsen, mehr Solidarität entstehen zu lassen. Dies scheint mir die primäre Aufgabe der nächsten Jahre und Jahrzehnte zu sein. Und dies könnte die Basis sein für mehr Demokratie und mehr Selbstbestimmung (Autonomie) sowohl des Einzelnen als auch unseres Gemeinwesens. Ich finde, das wäre ein schönes gemeinsames Ziel. Und ein solches brauchen wir. Denn:

Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige.“ (Lucius Annaeus Seneca) 

***

Vorschaubild: Die Sabinerinnen erzwingen einen Friedensschluss, der es ermöglicht due palatinische und die quirinalische Ansiedlung zum ‘Populus Romanus Quiritium’ zu vereinen. Gemälde von Jacques-Louis David [Public domain], via Wikimedia Commons

22 Kommentare

  1. Wir haben alle die gleichen Rechte und einige sind etwas gleicher als gleich. Deswegen gibt es auch überall die gleiche Presse mit genau dem gleichem Jubel. Und nicht zu vergessen, die gleiche Rente. Ja Rechte sind sehr beweglich, vor allen Dingen von rechtswegen. Aber das ist Populationismus oder war es Popelismus?
    PS: Es ist schon so mancher Kahn abgesoffen, weil der Kapitän nur in die Ferne schaute.

  2. Jürgen Fritz:
    „Mein Eindruck: Sehr vielen ist gar nicht bewusst, was Kulturen, Gesellschaften und Staaten innerlich zusammenhält.
    Meine Erklärung hierfür: Weil sie die unsere Kultur, vor allem unsere Geistes-, aber auch Kulturgeschichte so gut wie gar nicht kennen.“
    Ja genau, diese Defizite sind es ganz vorrangig, die in das beklagenswerte Desaster führen bzw. bereits sehr weitgehend geführt haben.
    Aber wie konnte es dazu kommen, daß aus unserem einstigen Land der Dichter, Denker und Erfinder, das sich durch ein vom Humboldtschen Bildungsideal beseeltes und gebildetes Volk auszeichnete, inzwischen eine weitgehend dem hedonistischen Konsumidioten- Sklaventum ergebene Bevölkerung hat werden lassen? (Wie) läßt sich dieser Prozeß rückgängig machen, und welche Hindernisse und Interessen stehen dem möglicherweise entgegen?
    Jürgen Fritz:
    „Was man nicht kennt, kann man nur schwerlich wertschätzen. Und wofür man keine Wertschätzung hat, dafür ist man auch nicht bereit einzustehen, geschweige denn dafür zu kämpfen.“
    Wie wahr!

  3. Das Bild der konzentrischen Kreise die von einem kleineren zu einem größeren WIR führen ist treffend. Heißt das in einer globalisierten, zusammenwachsenden Welt nicht auch, dass wir nach konstruktiven Wegen suchen müssen, wie die unterschiedlichen WIRs in das gemeinsame WIR überführt werden können? Ist es ein Lernprozess sich mit anscheinend ‚weniger entwickelten‘ WIRs und egoitischen WIRs gemeinsinnig auseinander zu setzen, sich eben nicht abzugrenzen, sondern sie langfristig zu integrieren / inkludieren? Wie gehe ich mit Kindern oder Jugendlichen um, die partout einen eigenen Weg gehen wollen? Lasse ich sie in die Wüste laufen und lache darüber schadenfroh? Gemeinsinn ist keine Haltung, die an der eigenen Kultur-, Religions- oder Landesgrenze halt macht.

    • Die von Ihnen aufgeworfenen Fragen sind in der Tat vertiefenswert und in gewisser Weise vielleicht auch von nicht unerheblicher Bedeutung für uns Menschen, die wir als Individuen und zugleich Sozialwesen, in der Herausforderung stehen, die Beziehung zu sozialen Gemeinschaften (erfolgreich) zu gestalten.
      Bereits der einzelne Mensch steht in dem Spannungsfeld zwischen wünschenswerter Nähe und notwendiger Abgrenzung zu anderen Menschen. Diese „Gratwanderung“ gilt auch für alle weiteren Kreise der Konzentrik. Ich gehe davon aus, daß wir uns über das Ziel einig sind, daß es darum gehen muß, alle förderliche Offenheit im sinnvoll-gebotenen Maße zuzulassen, und alles Beeinträchtigende oder gar Zerstörerische und damit letztlich das Ebenen-Wir Zerstörende zu meiden bzw. vor diesen Einflüssen von „außen“ abzugrenzen, d.h. sich denen zu verschließen.
      Ein Individuum, das nicht in der Lage ist, sich selbst wahrzunehmen, gerade auch aufgrund der Abgrenzung selbst zu den Menschen, die ihm in seinem Leben am nächsten stehen, kann kein (gesundes!) Selbst-Bewußsein hinsichtlich seiner eigenen Person entwickeln. Symbiotische Mutter-Kind-Beziehungen führen dauerhaft über den Entwicklungsprozeß beibehalten zu diversen pathologischen Störungen, ebenso wie z.B. das Verhalten einer „over-protecting mother“, etc.
      Das heißt, jeder Mensch benötigt die eineindeutige Gewissheit der Respektierung seiner physisch-psychischen Grenzen als Individuum.
      So ist auch die partnerschaftliche/familiale Kleingruppe eine (weitestgehend) geschlossene Gemeinschaft, deren besondere Ich-stabilisierende Funktion aus der Sicherheit dieses weitestgehend intimen Nächstbereiches erwächst. Das bedeutet, das hier, und nur unter den Bedingungen der Ab-Geschlossenheit das Ich-nächste Wir-Gefühl entstehen kann.
      Wenn wir uns aber die Probleme und Herausforderungen vergegenwärtigen, die bereits auf der dyadisch-partnerschaftlichen Ebene existieren, und unseren Blick auf die familiale Kleingruppe erweitern wird klar, daß die Vielfältigkeit der komplexen Herausforderungen sich teilweise verändert und damit auch zunehmend anspruchsvoller wird.
      Verlassen wir einmal unseren sozialen „Intimbereich“ und erweitern unseren Blick dann zunächst einmal auf die verschiedenen direkt erlebbaren und erfahrbaren (psychologischen) Kleingruppen, die alle zusammen die Realität unseres sozialen Alltags ausmachen: unsere Arbeitsgruppe(n), Freundeskreis(e) und sonstige Freizeitgestaltung, Nachbarschaftsbeziehungen, etc.
      Es würde allerdings den Rahmen dieser Kommentarfunktion sprengen, hier und jetzt zu den nächsten Stufen der Konzentrik auszuführen. So viel möchte ich aber hier noch als Wesensmerkmal auch nicht direkt in ihrer Gesamtheit erfahrbarer (soziologischer) Großgruppen festhalten. Alle zielgerichteten menschlichen Gesellungsformen, Klein- und Großgruppen, zeichnen sich aus durch eine mehr oder weniger unerläßliche Geschlossenheit, wobei das jeweilig zu praktizierende Ausmaß und die konkrete Ausgestaltung der „Offenheit“ und „Geschlossenheit“ eine sehr sensibel zu handhabende Herausforderung im einzelnen beinhaltet.

    • „Gemeinsinn ist keine Haltung, die an der eigenen Kultur-, Religions- oder Landesgrenze halt macht.“
      Da haben Sie völlig recht! Das kann und darf aber nicht implizit die Forderung beinhalten, in einer Friede-Freude-Eierkuchen-Seeligkeit keine Unterscheidung mehr zuzulassen, zwischen „mein“ vs. „Dein“, unser vs. „Euer“. Vielmehr gibt es eine naturgesetzliche Verantwortungshierarchie (konzentrisch), entsprechend dem Gebot der Nächstenliebe, wobei es wünschenswert wäre, wenn sich jeder einzelne Mensch dieser verpflichtet fühlen würde!

  4. Kompliment für diesen gut recherchierten Artikel. Insbesondere folgende Aussage halte ich für elementar und stimme ihr aus vollem Herzen zu: „Die Aufgabe wird hier sein, dass aus der ursprünglichen Familien- und Gruppenmoral ein Ethos entsteht, der sich auf alle Menschen […] ausweitet. Manche Menschen sind hier schon viel weiter als andere.“

    Angesichts der heutigen Ereignisse in Dresden möchte ich Ihren standhaften Optimismus bezüglich der Einheit Deutschlands jedoch – gerade deshalb – nicht teilen.

    Entweder sind die Westdeutschen „viel weiter“, als die Ostdeutschen, oder Deutschland ist eben doch ein bisschen zu groß, um eine Gemeinschaft zu bilden. Vielleicht waren auch 40 Jahre Trennung einfach zu lange und zu grundsätzlich. Die Wiedervereinigung war auch damals eine stark kritisierte Idee, denn man kann Geschichte nicht einfach wieder zurückdrehen. Jedenfalls sind mir die Leute, die heute in Dresden das Wort „Volk“ plärrten fremder als jeder Fremde. Vielleicht möchten diese Leute lieber in einem eigenen Land leben, das sich politisch und kulturell an Russland, Polen oder Ungarn orientiert, statt am bundesrepublikanischen Gutmenschentum. Eine Gemeinschaft sind Ost- und Westdeutsche definitiv nicht. Diesbezüglich haben wir uns 26 Jahre lang die Taschen vollgelogen und das Offensichtliche ignoriert: Wir gehören nicht zusammen, wir passen nicht zusammen und wir müssen auch nicht zusammen sein, nur weil es früher irgendwann mal so war. Bevor es also zu Bürgerkrieg oder zu Bomber-Harris-Beschwörungen kommt, sollten sich Dunkeldeutschland und die Bunte Republik friedlich und endgültig voneinander verabschieden.

    Eine Lösung für die Situation (und ein vorrübergehendes gemeinsames Ziel) könnte das Instrument des verfassungsgebenden Plebiszits darstellen, wie es ja auch im Parteiprogramm der AfD zu finden ist (offenbar um ein Ermächtigungsgesetz im Parlament durchzusetzen). Ich bin überzeugt, dass der Westdeutsche sehr eifrig für ein autonomes Ostdeutschland stimmen wird und der Ostdeutsche – vielleicht auch. Ironischerweise brächte uns dann ausgerechnet die wiedergehende Schlange AfD genau das notwendige Werkzeug um die unglückliche Deutsch-Deutsche-Verbindung endgültig zu lösen.

    • Vielen Dank für die positive Rückmeldung, Novalis. 🙂 Mir scheint aber, dass Sie eine völlig falsche Spaltung wahrnehmen respektive vornehmen wollen. Diese Spaltung geht nicht durch Ost und West, sondern durch ganz Deutschland, durch den westlichen und den östlichen Teil, wenngleich im letzteren vielleicht ein paar Prozent mehr zu der einen Seite tendieren. Aber es sind auch tausende Westdeutsche, die Merkel und Co. „hau ab“ zurufen und wahrscheinlich Millionen, die diesen Wunsch, des dem gleich zu tun, in sich tragen. Die Schlüsselfrage scheint mir hier zu sein: Wie um Gottes willen, konnte das geschehen? Was ist hier so sehr schief gelaufen?

      Wenn wir diese Frage analytisch und ehrlich beantworten wollen, dann werden wir nicht an der Feststellung vorbeikommen, dass sich a) die Politikerkaste über Jahrzehnte immer weiter von der Bevölkerung entfernt hat (von der Verfassung nicht vorgesehene Parteienherrschaft) und b) dass in den letzten 13 Monate, aber auch schon die Jahre zuvor katastrophale Fehlentscheidungen getroffen wurden, die zwangsläufig zu dieser inneren Spaltung des Landes führen mussten.

      • „Diese Spaltung geht nicht durch Ost und West, sondern durch ganz Deutschland“

        Pardon, aber diese Beschwichtigung haben wir auch nach Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen schon gehört. Wie weit war denn die „Politikerkaste“ damals bereits vom ostdeutschen Wutbürger entfernt? Die Leute im Osten sind für ihr Auftreten und Handeln selbst verantwortlich, niemand sonst.

        Im Übrigen möchte ich betonen, dass mir selten ein Politiker derart aus dem Herzen gesprochen hat, als Frau Merkel mit ihrem „Wir schaffen das“. Ist das etwa die „katastrophale Fehlentscheidung“, die Sie meinen?

        Welchen Grund sollte es überhaupt dafür geben, Deutschland innerhalb der jetzigen Grenzen aufrechtzuerhalten? Gerade die Ostdeutschen wünschen sich doch offenbar ihre „Käseglocke“ zurück und die Abneigung gegen den Osten ist in Westdeutschland – aus etlichen Gründen – sehr fundiert. Von allen populistischen Forderungen und Ideen, die derzeit Konjunktur haben, dürfte eine Zweiteilung des Landes wohl die einzige sein, die mit Sicherheit mehrheitsfähig ist.

    • Hallo Neo-„Novalis“,
      wer für sich selbst einen solch bedeutenden Namen wählt, sollte bemüht sein, diesem hohen Anspruch auch einigermaßen gerecht zu werden. Ich hege indes Zweifel, ob sich ein Novalis mit Ihrem Plädoyer für „Spalte und herrsche“ im allgemeinen und für unser deutsches Volk im besonderen gemein machen könnte!
      Auch haben Sie m.E. nicht die Quintessenz der von Herrn Fritz angesprochenen Konzentrik verstanden, denn Sie wollen demnach „das Pferd von hinten aufzäumen“; das erinnert mich schon ein wenig an einen Geisterfahrer, der einem entgegenkommt, ohne die erforderliche Fahrtrichtung einzuhalten…

      • Mir kommt es ähnlich vor wie Ihnen, Sabrina, und die zwei Metaphern, in der Sie das beschreiben, treffen es aus meiner Sicht gar nicht schlecht.

        Mein Eindruck: Sehr vielen ist gar nicht bewusst, was Kulturen, Gesellschaften und Staaten innerlich zusammenhält.

        Meine Erklärung hierfür: Weil sie die unsere Kultur, vor allem unsere Geistes-, aber auch Kulturgeschichte so gut wie gar nicht kennen.

        Was man nicht kennt, kann man nur schwerlich wertschätzen. Und wofür man keine Wertschätzung hat, dafür ist man auch nicht bereit einzustehen, geschweige denn dafür zu kämpfen.

  5. Vielen Dank für diesen philosophisch-grundierten Impuls, der eine wichtige Grundlage bilden kann für viele erforderliche Fragen, die zu stellen wären.
    Dabei ist u.a. auch danach zu fragen, wie und warum es überhaupt zu diesem Gemeinschafts- und Kulturverlust hat kommen können, wobei dieser Prozeß ja noch keinesfalls „abgeschlossen“ ist. Eine hierzu eingehende Analyse ist unerläßliche Grundlage für die zu vertiefenden Fragen, wie dieser „Entwicklung“ Einhalt geboten und dieser schließlich konstruktiv entgegengewirkt werden kann.
    Eine anspruchsvolle und sehr komplexe Herausforderung; packen wir es an?!

    • Vielen Dank für diese Rückmeldung, Sabrina, über die ich mich sehr freue. 🙂 Ihre Haltung mit der ganzen Problematik umzugehen, finde ich persönlich genau die richtige: offen, ehrlich, klug und kontruktiv. Genau so sollten wir auch aus meiner Sicht an die Dinge herangehen.

      • Zunächst einmal bedanke ich mich bei Ihnen, lieber Herr Fritz, für die außerordentlich freundlichen Worte, die mir für meine zukünftigen Ausführungen Ansporn und motivationale Unterstützung bedeuten!
        Ihre aufwendige und fundierte philosophisch-historische Grundlagenarbeit, die in obigem Beitrag in verdichteter Form eingeflossen ist, enthält wertvolle Bezüge zu den Fragen des gemeinschaftlichen Miteinanders, an dem es in unserer Zeit und in unserer Gesellschaft, bzw. in unserem Volk heute besonders mangelt.
        Ich halte Ihr Anliegen und Ihren Ansatz für zu wertvoll und wichtig, um es damit bewenden zu lassen. Vielmehr fände ich es wünschenswert, sich daraus ergebende weitere Fragestellungen aufzugreifen und zu vertiefen.
        Ob, und in welcher organisatorischen Form das geschehen kann, muß letztlich Herr Berger entscheiden.
        Ich würde es begrüßen, wenn es eine Fortsetzung geben könnte, und zentral erscheinende Mosaiksteine des komplexen Gesamtgeschehens in Einzelbeiträgen thematisiert und zur Diskussion gestellt werden könnten. Wie wohl auch das sicher immer nur fragmentarisch geschehen kann, halte ich in gewissen Zeitabständen verbindende Schlußfolgerungen für möglich und sinnvoll…

    • Und erneut bin ich sehr angetan von Ihrem Kommentar, liebe Sabrina. Ihre Ideen gefallen mir ausgesprochen gut. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: klug, umsichtig und vor allem konstruktiv.

      Die Ausrichtung des Blogs obliegt ja David Berger, aber ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass er dies recht ähnlich sieht. Auch ich finde, da sollten wir am Ball bleiben und versuchen, das analytisch aufzuarbeiten, was hier schief gelaufen ist.

      Ihnen ein schönes Wochenende! 🙂

      • Vielen lieben Dank für diese ermutigenden Worte!
        Ich freue mich, daß auch Sie eine entsprechende Fortführung der Betrachtungen zu den von Ihnen angeregten Überlegungen begrüßen würden.
        Auch wenn das Wochenende nun schon fast wieder vorüber ist, bleibt mir nur, Ihnen eine gute neue Woche zu wüschen!

  6. Endlich beginnt philosophia-perennis einmal, seinen Grundideen näher zu kommen. das war bisher ja häufiger das konservative Spiegel-online als eine Auseinandersetzung mit den großen Fragen der Zeit aus dem Geist der perennierenden Philosophie. Weiter so!

    • Manchmal ist es halt auch dringend nötig die Tagesfragen anzusprechen, besonders wenn das de großen Medien nicht machen oder in einer Weise machen, die dem Sachverhalt nicht gerecht wird. Aber Sie haben recht: die Auseinandersetzung mit den Grundlagen politischen und ethischen Handelns sollte mehr Raum bekommen. ich gelobe Besserung …

    • Ich finde beides wichtig, Thomas M. Wiener, bin aber etwas schockiert, muss ich gestehen, dass dieser Essay nur einen Bruchteil der positiven Rückmeldungen erhält wie meine sonstigen Artikel, die ich teilweise mit viel weniger Zeitaufwand und weniger Gehirnschmalz schrieb.

      • Ich kenne das: Meine Einführung in die Summa theologiae des Aquinaten (die bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen ist und heute auf jeder Literaturliste phil. Fakultäten steht) habe ich zwei Jahre gearbeitet, gekauft wurde sie, wenn es hochkommt 3000 mal, verdient habe ich daran nichts. Mein „heiliger Schein“, den ich in 4 Monaten geschrieben habe und der eher journalistisch populäre Literatur ist, hat 11 Hardcover- und 3 TB-Auflagen erlebt. Ich will damit nicht angeben, sondern eher meiner Trauer Ausdruck geben, dass hohe geistige Leistung weniger geschätzt wird als das Produkt des Augenblicks. Ich tröste mich dann immer mit dem Höhlengleichnis Platons …

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