Die Parade zum Christopher Street Day ist sozusagen der jährliche selbstdarstellerische Akt von Schwulen und Lesben schlechthin. Hier greift man ab und zu auf, was einen gerade beschäftigt, möchte aber vor allem aller Welt zeigen: So sind wir!

Verstärkt wird diese Funktion einer großen Bühne zur Selbstdarstellung durch die zahlreichen anwesenden Medien – vom Fernsehen bis zu den jeweiligen Lokalblättern. Bis ins letzte kleine Dorf im Bayrischen Wald oder in der Eifel, aber auch in die eher „unschwulen“ Stadtviertel großer Städte, bekommen so alle die Möglichkeit, sich ein Bild von DEM Schwulen und DER Lesbe zu machen.

Natürlich wissen wir alle, dass es DEN Schwulen und DIE Lesbe nicht gibt. Aber wir wissen auch, dass uns Psychologen sagen, dass Menschen ohne Vorurteile in unserer extrem ausdifferenzierten Welt überhaupt nicht leben könnten. Dass sich der einzelne noch so sehr um Rationalität und Vorurteilsfreiheit bemühen kann und dann doch der erste Eindruck, den er gewinnt, über Sympathie oder eben Abwehr entscheidet.

Dies gilt ganz besonders für die Wahrnehmung von Schwulen und Lesben: tatsächlich gibt es noch immer sehr viele Menschen, die keinen Homosexuellen persönlich kennen. Ihr Bild vom schwulen Mann ist eben bestimmt von Talkshows (Volker Beck, „Olivia Jones“ usw.) oder von den Berichten über die Paraden zum CSD.

Dies ging mir durch den Kopf, als ich vor gut einer Woche am Rand des Kölner CSD-Umzugs stand und die vorüberziehenden „Homoaktivisten“ beobachtete und fotografierte. Herausgekommen ist diese Galerie von Bildern. Ich muss dazu sagen, dass ich gegenüber den Paradeteilnehmern keinerlei Aversionen empfand. Wer längere Zeit als „Berufshomo“ gearbeitet hat, kennt diese Bilder zur Genüge, sie lassen ihn emotionslos.

Zugleich muss ich aber eingestehen, dass ich mir aber schon die Frage stellte:

Was denken Menschen, für die das DIE Homosexuellen sind, in Zukunft über Homosexuelle? Wie fühlt sich ein Jugendlicher in der Pubertät, der gerade sein Schwulsein entdeckt und diese Bilder sieht? Und: würde ich meine Eltern mit auf eine solche Veranstaltung nehmen, um ihnen schwul-lesbisches Leben näher zu bringen? Und zu guter letzt: dient ein solcher CSD wirklich der Akzeptanz und Integration homosexueller Menschen?

 

 

14 Kommentare

  1. Ja brauchen wir, dringend, genauere Blicke als nur auf die auffälligen und schrillen zeigen nämlich, dass da sehr vielfältige Menschen gemeinsam auf die Straße gehen (und, ja: auch ausgelassen feiern) politische Statements und Präsenz sind nicht weniger wichtig, bloß, weil sie Jahreszeit- und wetterangemessen und mit Freude stattfinden

  2. Ich kenne nur wenige Homosexuelle; aber die gehen eher nicht zum CSD, sind nicht anders als ich selber. Ob sie meine Meinung teilen, weiß ich nicht: Was sich auf dem Marktplatz da entblößt (psychisch, geistig, leider auch noch physisch) erweckt Abscheu. Das ist derart unappetitlich, daß es viel mehr Beiträge wie diesen braucht, um den Geschmack von zu Erbrechendem loszuwerden. Diese schweinischen Typen, die glauben, aus ihren sexuellen Vorlieben eine positive Ideologie zu machen, gehören eher in die Psychiatrie als auf die Straße!

  3. Einen CSD brauchen heute noch Kleinstädte, aber nicht Köln, Berlin, Hamburg. Am CSD Wochenende steigt in der jeweiligen Stadt da s Erotikbarometer. Da brauchen wir garnicht drüber reden. Schwule trauen sich raus und stehen zu sich s elbst, wollen aber auch entertaint werd en. Ohne die ganze Maskerade, bekäme ein CSD wohl weniger Aufmerksamkeit. Wenn schw ule sagen, sie seien selber gegen die zur Schau Stellung von Sexualität auf dem CSD, müssen sie sich den Vorwurf der internalisierten Homophobie gefallen lassen. Jedes Fitnesstudio wirbt ja mit nackten Menschen, manchmal auch mit Schockolade überzogen. Ich frage mich selber, warum Mütter mit ihren Kindern zum CSD kommen. Das erkläre ich mir nur mit Mangel an alternativen Veranstaltungen.

  4. Ich finde die Leute sollen ihren Spaß haben, aber eine Botschaft sehe ich darin keine. Ich fand Homosexualität nie lustig, aber so eine Aussage ist nicht Party-tauglich.

  5. Ein Journalist schrieb mal: „Die tun da Dinge, für die man die Öffentlichkeit sonst eher meidet als sucht.“
    Jo. Und DAS soll typisch schwul sein? Ach was. Die meisten Homos sind eher konservativ, sagen mir Zeugen und Schwule selber. Wie christliche Pärchen, halt nur in homo.

  6. Also wenn das Akzeptanz und Integration stärken soll. fresse ich einen Besen. Vielleicht bei denen, die ohnehin schon extremst schwulenfreundlich sind. Aber ganz sicher nicht bei denen, die man noch überzeugen müsste. So ein Umzug ist für diese Menschen pure Provokation – und sie werden die Konsequenzen draus ziehen.

  7. Das ist heut natürlich anders als beim ersten CSD-Zug, der in Frankfurt am Main unter dem Namen Homolulu mit 20.000 Leuten (Ender der 70er Jahre) durchgeführt wurde. Da ging es um Politik, den §175 und wenige Jahre später begann AIDS sein Bedrohung zu entfalten, was auch politisierte. Heute ist das für die meisten Leute Karneval und die Wutz rauslaussen. Aber in der Kritik daran schwingt die spießige Sehnsucht mit als normal zu gelten, die viele Schwule bessen hat, einschließlich dem Heiratswahn, obwohl die Ehe ein reaktionäres, patriarchalisches Konstrukt ist und nicht „normal“ in der Geschichte. Leute Ihr könt noch so „normal“ sein wollen, wir sind nicht wie Heteros, nur mit anderer Partnerpräferenz. Humbug! Männer mit Männern, Frauen mit Frauen haben eine andere Sexualität. Von Männern kann ich sagen: triebiger, sozial durchlässiger, freier, experimenteller. Man muss den Körper und die Seele des anderen nicht erst kennen lernen. Ein Hetero-BDSM-Paar hat mir mal gesagt, sie wären den schwulen Lederleuten dankbar, dass diese weniger scheuen ihre Sexualität offen auszuleben und bei CSDs auf die Straße tragen. Das hätte vieles leichter gemacht. Genau solche Effekte erzielen auch Crossdresser. Diese Artikel hier hat etwas von Biedermeier. Anbiedermeier. Und das in einer Zeit einerseit in der aus falscher Toleranz vor dem Islam und anderen Religionen es wieder zurück geht in die Zeiten sexueller Unterdrückung und Prüderie. Die vielen Pornoangebote im Internet sprechen übrigens nicht für mehr Freiheit, im Gegenteil, sie zeigen nur, dass wenig ausgelebt wird und viel Verklemmung existiert.

      • Natürlich waren da Transsexuelle und Transidente und Transvestiten dabei, aber es war politischer. Wir waren am Tag vorher in Mannheim, wo es massive Kritik gab, dass das Theaterstück Bent am Nationaltheater gespielt wurde. Kritik aus Reihen der CDU. Für viele war Outing mehr ein Problem als heute. Damit sage ich nicht, damals war alles ernster. Im Gegenteil. Und die Transvestiten sind oft die Mutigsten gewesen.

  8. Also, ich finde ganz einfach der CSD nicht mehr das ist was es einmal war. Für mich ist es eine Karnevevalsveranstaltung im Sommer geworden. Es hat nur noch was mit Feiern und Partys zu tun. Es gibt Gruppen die Politisch im Thema stehen. Ich werde aber nicht mehr Akzeptiert durch den CSD als sonst. Es gibt nun mal verschiedene Menschen in der Szene was auch gut so ist. Aber müssen wir uns in Frauenkleider zeigen oder halb Nackt auf der Straße? Was hat das mit dem Thema zu tun. In meinen Augen nichts. Das Bunte treiben ist eine tolle Party.und ichglaube die meisten sind nur auf Sex aus.
    Akzeptanz wird da nicht groß geschrieben. Der beste CSD war der erste in Köln .
    Ich hätte es schweer durch den CSD heute mich zu outen.

  9. Das Thema ist ja etwas komplexer: Die Christopher Street Day Paraden gründen historisch auf den Stonewall Inn Riots, und da ging es nun mal um einen „Tunten(Drag)aufstand“ gegen die damalige Polizeiwillkür gegen die schwule Subkultur, eskaliert bei einer Razzia in eben jener Christopher Street in New York. Ich bezweifele zwar, dass es die Mehrheit der Teilnehmer überhaupt noch weiß, aber daher rühren doch die „schillernden“ Drag-Kostüme beim CSD. Im Wandel der Zeit wurde der CSD dann zunehmend auch Symbol für die Forderung nach Akzeptanz aller (homo/bi/trans) sexueller Spielarten, so kamen die Dykes on Bikes ebenso dazu wie die Gogos und die Lederkerle. Und der Gedanke ist doch bis heute richtig. Das Problem ist, dass die Medien das meist vollkommen undifferenziert darstellen, so dass der von David geschilderte „verqueere“ Eindruck in der Öffentlichkeit entsteht – in der Tat mit den beschriebenen Folgen der Wahrnehmung in der Mehrheitsbevölkerung und auch bei schwulen Jugendlichen. Ich hatte damals in den 90er Jahren das gleiche Problem: Schwule wurden in den Medien damals nur als handtaschenschwingende Transen dargestellt, und damit konnte ich mich nicht identifizieren, als Mann, der auf Männer (Kerle) steht. Als ich dann aber das erste mal beim CSD war (1995 in Köln) und die schiere Masse von Schwulen jeder Couleur erlebte, fühlte ich mich angekommen, aufgehoben, gestärkt. Ich denke, dass die CSDs auch heute noch diese Funktion auf Jugendliche haben, die am Beginn ihres Weges stehen, und dass sie in der Vielfalt der mehreren Hunderttausend Teilnehmer (und Teilnehmer*nnen) auch genügend Identifikationsfiguren für ihre eigene Spielart des Auslebens ihrer queeren Persönlichkeit finden.

  10. Hier ist Fremdschämen angesagt … und das verbunden mit lauten Anti-AfD-Plakaten ist dann reine Werbung für diese Partei! Empfehlung: Zurück in die Darkrooms, da isses dunkel und Politik ist egal!

  11. Nicht mehr meine Welt. War in den Anfängen der CSD-Paraden in Deutschland dabei, aber da gibg es um Politik, keine Regenbogenfarben-GayHippieShow. Wer es richtig gemacht hat, war Conchita Wurst. Sie hat provoziert, aber noch viel mehr durch künstlerisches Können überzeugt.

    • Komisch. Mein erster CSD war 1993. Das ist also 23 Jahre her. Und der war schon kein bisschen anders als heute.

      Ja, davor noch, war er politischer. Die Themen waren auch handfester – §175, Forderungen, HIV-Infizierte in Lager zu sperren…
      Aber ich kenne genug Leute, die von Anfang an den CSD mitgestaltet haben. Und ja, auch damals wurde gefeiert.

      Das hat den CSD IMMER schon unterschieden von den Friedensdemos oder Anti-AKW – Demonstrationen.

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