
(David Berger) Ben Berndt hat für seinen Podcast „ungeskriptet“ einen Gast vor das Mikrofon bekommen, dessen öffentliche Auftritte in deutschen Medien inzwischen Seltenheitswert besitzen: den russischen Botschafter Sergej J. Netschajew. Das gut einstündige Gespräch erscheint am Samstag um 10 Uhr. Erste Passagen sind bereits bekannt – und lassen ein bemerkenswertes Interview erwarten. Doch angesichts der EU-Sanktionen gegen Journalisten und Blogger, denen Nähe zu russischer Propaganda vorgeworfen wird, stellt sich noch eine ganz andere Frage: Geht Berndt mit einem solchen Gespräch inzwischen sogar ein persönliches Risiko ein?
„In diesen verrückten Zeiten durfte ich mit Sergej J. Netschajew, Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, über Krieg und Frieden sprechen“, kündigte Ben Berndt am Freitag seinen neuesten Coup an. Morgen um 10 Uhr soll das Gespräch auf YouTube, Spotify und den übrigen Plattformen erscheinen.
Dass Berndt tatsächlich einen außergewöhnlichen Gast gewinnen konnte, steht außer Frage. In einer Zeit, in der das deutsch-russische Verhältnis einen neuen Tiefpunkt erreicht hat, spricht er mehr als eine Stunde mit dem offiziellen Vertreter Moskaus in Deutschland – und zwar nicht in einem kurzen Fernsehinterview, sondern im für „ungeskriptet“ typischen ausführlichen Gesprächsformat.
„Wir wollen keinen Krieg mit Deutschland“
Die Berliner Zeitung konnte bereits vorab über Teile des Gesprächs berichten. Netschajew äußert sich darin unter anderem zum jüngsten Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle und zu den darauf folgenden drastischen diplomatischen Maßnahmen Deutschlands und Russlands. Die Bundesregierung macht Russland für den Anschlagsversuch verantwortlich; Moskau weist die Vorwürfe zurück. Vor allem aber schlägt Netschajew erfreuliche Töne zum deutsch-russischen Verhältnis an. Gute Beziehungen zwischen beiden Ländern hätten Deutschland positive Entwicklungen gebracht, schlechte Beziehungen dagegen „Katastrophen und Tragödien“. Seine Konsequenz lautet: „Schluss damit.“ Und der Botschafter erklärt ausdrücklich: „Wir wollen kein Krieg mit Deutschland.“
Ob man Netschajews Aussagen glaubt, ihnen widerspricht oder sie für russische Propaganda hält, ist zunächst zweitrangig. Journalismus sollte gerade darin bestehen, unterschiedliche Seiten zu Wort kommen zu lassen und dem mündigen Zuschauer anschließend das eigene Urteil zu überlassen.
Kann ein solches Interview inzwischen gefährlich werden?
Doch gerade hier bekommt Berndts Gespräch eine zweite, weit über seinen Inhalt hinausreichende Dimension. Denn die Europäische Union ist in den vergangenen Jahren dazu übergegangen, im Zusammenhang mit Russland nicht mehr ausschließlich Politiker, Militärs und Unternehmen zu sanktionieren. Auch Journalisten und Blogger sind auf den Sanktionslisten gelandet. Zu ihnen gehören Thomas Röper, Alina Lipp und Hüseyin Doğru. Der EU-Rat wirft ihnen eine Beteiligung an russischen destabilisierenden Aktivitäten beziehungsweise Informationsmanipulation vor.
Was sich hinter dem harmlosen Wort „Sanktionen“ verbirgt, zeigt besonders drastisch der Fall des in Berlin lebenden Journalisten Hüseyin Doğru. Seine Vermögenswerte und Konten wurden eingefroren, wirtschaftliche Kontakte massiv eingeschränkt. PP berichtete im Mai, dass ihm damals lediglich 506 Euro monatlich für seinen Lebensunterhalt zur Verfügung standen. Doğru und sein Anwalt bestreiten die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und gehen juristisch gegen die Maßnahmen vor. Auch gegen Thomas Röper bestehen die Maßnahmen weiterhin. Noch im Juli 2026 teilte der Rat der Europäischen Union offiziell mit, er beabsichtige, die Sanktionen gegen ihn „auf der Grundlage neuer Beweise“ aufrechtzuerhalten.
Damit soll keineswegs behauptet werden, Ben Berndt drohten nun Sanktionen. Dafür gibt es derzeit keinerlei Anzeichen. Und ein Interview mit einem in Deutschland akkreditierten Botschafter ist selbstverständlich zunächst einmal journalistische Arbeit und kein Beweis für die Unterstützung irgendeiner Regierung. Aber gerade die Tatsache, dass man diese Selbstverständlichkeit im Europa des Jahres 2026 ausdrücklich hinzufügen muss, sollte nachdenklich machen.
Journalismus bedeutet, auch mit der anderen Seite zu sprechen
Wer Krieg verhindern will, muss zumindest wissen, was die andere Seite sagt. Und wer Journalismus ernst nimmt, darf das Interview mit einem russischen Diplomaten nicht mit einer politischen Unterstützung der russischen Regierung verwechseln. Ben Berndt hat in seinem Format Politiker, Journalisten und Persönlichkeiten unterschiedlichster Richtungen zu Wort kommen lassen. Nun spricht er mit dem russischen Botschafter. Das kann und soll kritisch diskutiert werden. Ebenso selbstverständlich muss es möglich sein, Netschajews Aussagen anschließend einer harten Überprüfung zu unterziehen.
Was in einer freien Gesellschaft dagegen nicht zur Debatte stehen sollte, ist das Recht eines Journalisten, ein solches Gespräch überhaupt zu führen. Gerade vor dem Hintergrund der bereits verhängten EU-Sanktionen gegen Medienschaffende wird deshalb neben der Frage, was Sergej Netschajew morgen zu sagen hat, noch eine zweite interessant sein: Wie viel Meinungs- und Pressefreiheit hält Europa aus, wenn ein Journalist tatsächlich mit der anderen Seite spricht?
Das vollständige Gespräch von Ben Berndt mit Sergej J. Netschajew erscheint am Samstag, dem 5. September, um 10 Uhr auf YouTube, Spotify und den weiteren Plattformen von „ungeskriptet“.
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