Die Deutschen sind fleißig – das eigentliche Problem sitzt im Kanzleramt

(David Berger) Während Bundeskanzler Friedrich Merz den Eindruck erweckte, die Deutschen müssten endlich wieder mehr arbeiten, widerlegt eine neue INSA-Umfrage dieses Narrativ eindrucksvoll. Nicht mangelnder Fleiß ist das Problem des Landes – sondern eine Bundesregierung, der die meisten Bürger schon heute kein überzeugendes Reformprojekt mehr zutrauen.

Wer den Deutschen mangelnden Arbeitseifer vorwirft, sollte sich die jüngsten Zahlen des Meinungsforschungsinstituts INSA genauer ansehen. Sie zeichnen ein Bild, das den Vorwürfen aus dem Kanzleramt diametral widerspricht: Die Deutschen arbeiten nicht deshalb, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Die eigentliche Vertrauenskrise betrifft nicht die Arbeitnehmer – sondern die Bundesregierung.

Auslöser der Befragung waren die viel kritisierten Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz. Viele Bürger hatten seine Aussagen so verstanden, als halte er die Deutschen für zu bequem oder zu wenig leistungsbereit. Doch genau dieses Bild wird nun durch die Umfrage widerlegt.

Die Deutschen sind nicht faul, aber der Kanzler unfähig

61 Prozent der Erwerbstätigen erklären, sie würden selbst dann weiterarbeiten, wenn ihr Lebensunterhalt bereits vollständig gesichert wäre. Lediglich 27 Prozent würden auf Erwerbsarbeit verzichten. Betrachtet man nur diejenigen, die hierzu eine klare Meinung äußern, wären sogar rund 70 Prozent auch ohne finanziellen Zwang bereit zu arbeiten.

Damit bestätigt sich ein Befund, der in der politischen Debatte häufig unterschlagen wird: Arbeit ist für die meisten Menschen weit mehr als bloßer Broterwerb. Sie stiftet Sinn, Verantwortung, Selbstachtung und gesellschaftliche Teilhabe. Das Arbeitsethos, das Deutschland über Jahrzehnte wirtschaftlich stark gemacht hat, ist keineswegs verschwunden.

Bemerkenswert ist zudem, dass sich diese Haltung nahezu durch alle Bevölkerungsgruppen zieht. Ob jung oder alt, Ost oder West, Mann oder Frau, höheres oder niedrigeres Einkommen, Anhänger verschiedener Parteien – überall findet sich eine klare Mehrheit, die auch ohne finanziellen Druck arbeiten würde.

Die eigentliche Krise liegt deshalb an einer ganz anderen Stelle. Nur noch 27 Prozent der Deutschen glauben, dass es der schwarz-roten Bundesregierung in dieser Legislaturperiode überhaupt noch gelingen wird, ein Reformpaket vorzulegen, das die Mehrheit der Bürger überzeugt. 61 Prozent halten dies ausdrücklich für unwahrscheinlich.

Das ist ein verheerendes Zeugnis – und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem die Regierung ihre Arbeit gerade erst aufgenommen hat. Offenbar fehlt vielen Bürgern bereits jetzt das Vertrauen, dass Schwarz-Rot die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme des Landes überhaupt noch lösen kann.

Besonders aufschlussreich ist, dass sich diese Skepsis durch nahezu alle politischen Lager zieht. Selbst links der Mitte und in der politischen Mitte überwiegt das Misstrauen gegenüber der Regierung. Lediglich unter den Anhängern der Union gibt es noch eine knappe Mehrheit, die an den Erfolg von Merz glaubt.

Auch bei einem zweiten Großthema zeigt sich eine zunehmende Distanz zwischen politischem Establishment und Bevölkerung. Seit Jahren gilt die sogenannte Brandmauer als nahezu alternativloses Dogma der Berliner Politik. Doch die Bürger beurteilen ihre Wirkung deutlich skeptischer. 36 Prozent sind inzwischen überzeugt, dass die Brandmauer die AfD sogar stärkt. Nur 18 Prozent glauben, sie schwäche die Partei. Fast doppelt so viele Menschen sehen also einen gegenteiligen Effekt.

Relative Mehrheit inzwischen gegen „Brandmauer“

Noch bemerkenswerter ist die Frage, ob die Brandmauer überhaupt fortgeführt werden sollte. Während sich lediglich 30 Prozent für ihre Beibehaltung aussprechen, plädieren bereits 36 Prozent für ihre Abschaffung. Damit spricht sich erstmals eine relative Mehrheit gegen eines der zentralen politischen Projekte des Berliner Parteienkartells aus.

Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Thema AfD-Verbot. Obwohl die Debatte in Politik und großen Medien seit Monaten mit erheblicher Intensität geführt wird, lehnen 45 Prozent der Bürger ein Parteiverbot ab. Nur 36 Prozent befürworten einen solchen Schritt.

INSA-Chef Hermann Binkert verbindet diese Zahlen mit einer bemerkenswerten Forderung. Sollte tatsächlich ein Verbotsverfahren eingeleitet werden, müsse das Bundesverfassungsgericht rasch entscheiden und dürfe das Verfahren nicht jahrelang verschleppen. Ein schnelles Urteil würde endlich Rechtsklarheit schaffen. Wie zuletzt auch der Historiker Andreas Rödder betonte, könnte eine gerichtliche Entscheidung dazu beitragen, die politische Sonderbehandlung und Ausgrenzung der AfD entweder zu beenden oder – im gegenteiligen Fall – eindeutig zu legitimieren. Ein jahrelanger Schwebezustand nutzt dagegen vor allem der politischen Instrumentalisierung.

AfD bleibt stärkste Kraft

Passend dazu bleibt die AfD auch in der aktuellen INSA-Sonntagsfrage stärkste politische Kraft. Mit unverändert 29 Prozent liegt sie weiterhin deutlich vor der Union, die sich zwar leicht auf 22 Prozent verbessert, den Abstand aber nicht entscheidend verkleinern kann. SPD, Grüne und Linke bleiben deutlich dahinter, während FDP und BSW nach den aktuellen Zahlen weiterhin den Einzug in den Bundestag verpassen würden.

Die Umfrage liefert damit eine unbequeme Botschaft für das politische Berlin. Die Deutschen sind weder arbeitsunwillig noch reformmüde. Was ihnen zunehmend fehlt, ist das Vertrauen in eine Regierung, die ihnen ständig neue Zumutungen erklärt, ihnen aber immer seltener überzeugende Lösungen präsentiert. Wer dieses Misstrauen überwinden will, wird kaum mit moralischen Belehrungen oder immer neuen Brandmauern Erfolg haben, sondern nur mit einer Politik, die Probleme tatsächlich löst und verlorenes Vertrauen zurückgewinnt.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Bestseller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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