Freitag, 16. Januar 2026

Berlin streicht DDR-Geschichte als Pflichtstoff für Gymnasien

Wer vom neuen Sozialismus träumt, den darf der alte mit Mauertoten nicht stören (Marco Junk).

(David Berger) Je mehr die Rede von der BRD als DDR 2.0 die Runde macht, je öfter sich Menschen die mahnenden Worte Bärbel Bohleys (s.u.) erinnert fühlen, umso mehr scheinen sich die Verantwortlichen zu bemühen, die Erinnerung an den Unrechtsstaat vergessen zu machen. Dafür steht eine neue Regelung im Oberstufen-Lehrplan Geschichte an Berliner Gymnasien: Künftig müssen Abiturientinnen und Abiturienten in der Hauptstadt nicht mehr verpflichtend über die DDR, die SED-Diktatur und den Mauerfall lernen.

Hintergrund ist eine Reform des Berliner Rahmenlehrplans (verantwortlich eine CDU-Politikerin), nach der Geschichte als Pflichtfach nur noch im ersten und zweiten Kurshalbjahr verbindlich belegt werden muss. Die dort vorgesehenen Themen reichen von den Revolutionen über die Weimarer Republik bis zum Nationalsozialismus. Die Zeitgeschichte ab 1945, zu der traditionell die deutsche Teilung und das Leben in der DDR zählen, steht erst im dritten und vierten Halbjahr – das aber wird künftig oft optional oder gar nicht gewählt.

Teilung, Mauerschützenpartei und Mauerfall für Berliner irrelevant?

Für viele Lehrkräfte und Experten ist dieser Schritt ein Rückschritt für die politische Bildung. Der Verband der Geschichtslehrer bezeichnete die Pläne als „sehr, sehr problematisch“, weil nun nicht mehr sichergestellt sei, dass alle Berliner Abiturienten einmal systematisch mit einer der prägenden Epochen der deutschen Nachkriegsgeschichte in Berührung kommen. Gerade in einer Stadt, die so eng mit der Teilung und dem Mauerfall verwoben ist, hält man diesen Verzicht für wenig nachvollziehbar.

Ist den Verantwortlichen vielleicht peinlich, was die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley kurz nach dem Mauerfall anmahnte?

Bärbel Bohley: „Das ständige Denunzieren wird wiederkommen“

In einem offenen Brief an Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) fordern Lehrkräfte und Fachverbände eine Nachbesserung des Lehrplans. Sie betonen, dass die Auseinandersetzung mit SED-Diktatur, Teilung und dem demokratischen Neubeginn kein beliebig verschiebbares Thema sei, sondern ein zentraler Bestandteil historisch-politischer Bildung.

Freiheit, Demokratie und Unrechtsstaat

Kritiker warnen, dass solche Lücken im Lehrplan Wissensdefizite bei jungen Menschen fördern könnten – gerade bei Themen wie Freiheit, Demokratie und Unrechtsstaat, die für das Verständnis der eigenen Identität und der politischen Kultur Deutschlands wichtig sind. Zudem zeigen andere Berichte, dass die DDR-Geschichte in vielen Bundesländern ohnehin schon eher punktuell behandelt wird und zu kurz kommt.

Obwohl die Themen nicht vollständig gestrichen sind, sei ihre freiwillige Natur ein Problem, so Lehrkräfte weiter: Viele Schüler könnten diese Inhalte ganz umgehen – mit Folgen für ihr Verständnis der jüngeren Vergangenheit und der demokratischen Entwicklung Deutschlands.

Die Senatsverwaltung für Bildung hat sich bislang nicht offiziell zu den Vorwürfen geäußert, doch anhaltender Protest aus der Schulpraxis lässt erwarten, dass die Debatte über den Lehrplan noch lange nicht abgeschlossen ist.

Da drängt sich am Ende doch die Frage auf: Hat man Angst, dass die Ähnlichkeiten zu einer DDR 2.0 auch den Generationen auffallen, die die DDR nicht selbst erlebt haben?

Addendum: DDR 2.0 verbotener Begriff?

Bei dem versuch diesen Artikel unter dem Tag DDR 2.0. auf Threads zu posten bekam ich folgende Warnung:

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Bestseller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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