
Dr. Donatus Prinz von Hohenzollern (Foto r.) ist nicht nur Chef des Familienverbands der Hohenzollernprinzen der Linie Emden, des modernen, weltoffenen Familienverbandes des Hohen Adels als neuem Modell des alten Leistungsadels.
Der summa cum laude promovierte Adelige hat zudem etwas, was man bei dem Geburtsadel seines Hauses eher selten findet: Er gilt auch in der Wissenschaft als ebenso feingeistiger wie scharfer Kritiker der geistigen Verfassung der Gegenwart. Viele seiner wissenschaftlichen Studien sind unter dem Namen Markus von Hänsel-Hohenhausen erschienen.
In diesem Zusammenhang ist er über die Fachwelt hinaus bekannt für seine fundamental ablehnende, konzise durchdachte Haltung gegenüber dem modernen Materialismus und der Philosophie der Aufklärung, die er als folgenreichen geistigen Bruch mit jahrhundertealten metaphysischen, religiösen und kulturellen Ordnungen versteht.
Ich hatte die Freude, den stets bescheiden und souverän-freundlich, aber edel auftretenden Gelehrten zwischen den Jahren mehrere Tage lang auf seinem Schloss in der Nähe von London zu treffen. Das vorliegende Interview ist die Frucht zahlreicher, aus diesem Anlass geführter Gespräche.
Königliche Hoheit, unsere Gespräche waren bislang geprägt von einer harten Kritik an den jüngsten geistigen, politischen und künstlerischen Zuständen. Woran leidet Ihres Erachtens unsere Gegenwart aus Ihrer Sicht derzeit am meisten?
Unser Problem ist der Materialismus, der sich seit dem Ende des 18. Jh. mit der Aufklärung durchgesetzt hat. In der Musik war Mozarts „Requiem“ der Bahnbrecher, der das heilige Format, das uns mit dem Tod einer geliebten Person umgehen lässt und von den Menschen über Jahrhunderte hin approbiert worden war, zum Kunstwerk degradiert hat, das man schön finden kann und nicht auf sich selbst bezieht – nicht wie etwa Bachs „In terram pax“.
Was ist denn an diesem wunderbaren Werk Mozarts verkehrt?
Der musikalische Rebell hat eine immer schon vorhandene Strömung in der Komposition zu ihrem Höhepunkt geführt, indem er von der Zweiheit des endgültigen Totseins und der Auferstehungshoffnung das Letztere als unbedeutend zurückgesetzt hat. Die Aussage von Mozarts Werk, das von den Zeitgenossen bereits als Kunstwerk verstanden wurde, ist so eindeutig, daß Heavy Metall Bands, die für Jugendliche die Selbstzerstörung durch Drogen zur Party machen, sein „Requiem“ in ihrer Musik verarbeitet haben.
Musikalisch ist die Homophonie, die die Stimmen gleichschaltet, die Absage an die Vielstimmigkeit und ihre dissonanten Gegenläufigkeiten (der Kontrapunkt, punctus contra punctum), die unsere Freiheit vergegenwärtigt. Sie ist die Verneinung der Dimension des Geistes und die Zelebrierung der Materie. Mendelssohns Oratorium „Elias“ ist unerträglich homophon, und Verdis „Requiem“ das einstimmige Dröhnen des Todes, das der Hörer über Stunden in sein Bewusstsein lädt. Diese Musik ist derart zerstörerisch, daß die Nazi-Mörder im KZ ihre Gefangenen diese zu spielen zwangen. Die Opfer mussten sich selbst den Tod verkünden, der ewig ist.
Die Nationalsozialisten haben auch Wagner und Beethoven gespielt.
Die Werke dieser Komponisten wurden durch den Gebrauch im Dritten Reich nicht beschädigt, weil sie nichts mit der barbarischen Ideologie zu tun haben. Anders Verdis „Requiem“: Es lässt von der Liturgie nur die Feststellung des Totseins, das ohne Hoffnung und ewig ist, und verwirklicht musikalisch den tödlichen Materialismus, den die Nazis politisch gemacht haben.
Das Opus wurde unter den Mördern, was es werden konnte, und ist seither mit dem Blut der Ermordeten besudelt. In Fukushima wird das Werk jedes Jahr zu Ehren der Toten gespielt, weil man nicht versteht, was man ohne jede Kenntnis sofort hört. Statt die Opfer zu ehren wird die Ewigkeit ihres Totseins besungen.
Wie erklären Sie dieses ungeheuerliche Missverständnis?
Nach dem Ende des Barock um 1750 und der Durchsetzung der Philosophie der Aufklärung wurde die Musik „ästhetisch“. Die Ästhetisierung einer Gestalt, in der sich ihr geistiges Wesen entbirgt, ist eine zusätzliche Metaoberfläche, die diesen Geist unsichtbar werden lässt. Die Verhüllung des Reichstags durch den Künstler Christo war eine solche ästhetisierende Entleerung. Eingepackt ist auch schon weggestellt. (Daher unser Vorschaubild).
Wie bitte?
Das Parlament, in dem der Geist der Deutschen Gestalt wird, steht in der Nachfolge des Reichstags und der mit ihm verbundenen politischen Theologie, also der politischen Metaphysik des Alten Reichs. Aber ein von der Materie unabhängiger „Geist“ soll ja heute für uns, deren Wahrnehmung durch den Analysebefehl der Aufklärung verdinglicht ist, nicht mehr existieren.
Schon die Benennung des Ortes als „Reichstagsgebäude“ ist eine Historisierung und Verwissenschaftlichung, die den Ort der Gestaltwerdung der Politik verbirgt. Eine Gestalt, die verhüllt ist, begegnet uns nicht, sie kann nicht mehr erlebt werden. Sie wird der Analyse überlassen, die den Betrachter vom Geschehen abrückt. Er wird vom Zeugen, der sich selbst zum Erlebten verhalten muss, zum Richter, der sich die Sache unterwirft und die ihn als Person nichts angeht. Und vergessen wir nicht, erkenntnistheoretisch ist die sinnliche Empfindungserfahrung, die zweifelsfrei und beweisfrei wahr ist, der Analyse überlegen, die immer potentiell fehlerhaft ist.
(Foto: Das Vorwort zu diesem fundamentalen Werk des Prinzen schrieb Joachim Kardinal Meisner)
Die politische Theologie des Reichs war bei allem Missbrauch und allen Schwächen eine ideale Konstruktion. Sie war „dual“ und hatte die Höhe, die die Menschen begeistert hat. „Das Reich“, das die Dimension des Geistes vergegenwärtigt, vergewisserte die Völker, die zuvor nur durch ihre Sprache verbunden waren, ihrer Einheit und gemeinsamen Herkunft. Einheit ist uns bis heute so wichtig, daß wir sie am 3. Oktober feiern. Denken wir diese nicht als Ausdruck des Geistes, kann sie nur ein Materialismus sein – der romantischen Volksgeistideologie, die die Nationalen Sozialisten beflügelt hat. Sie, die den Materialismus zur Politik gemacht und am Individuum durch Massentötungen vollstreckt haben, haben bekanntlich den Reichstag angezündet. Wir haben ihn eingepackt.
Wollen Sie damit sagen, daß der heutige gesellschaftliche Mainstream in der Nachfolge des Nationalsozialismus steht?
Das deutsche Volk, sagt Elmar Brok (CDU), sei nicht reif für Volksreferenden, sondern bedürfe der fähigen Politiker. Der moderne Politiker entpuppt sich damit als Führerfigur, aber Demokratie existiert entweder, wie eine Schwangerschaft, oder sie existiert nicht und entpuppt sich als eine Scheinschwangerschaft. Entweder Demokrat oder Nationalsozialist, Mischformen gibt es nicht.
Tatsächlich sollen die Politiker ihrem Gewissen verpflichtet sein, das sich wieder nur geistig begründen lässt. Es gibt kein Gewissen aus mitochondrialer Zellexpression. Kein Wunder also, daß nicht wenige gewissenlos sind und der Verhüllung des Parlaments um so lieber zugestimmt haben.
Was ist dann links und rechts aus Ihrer Sicht?
Links ist der aufklärerische Materialismus, der alle gleich und unfrei macht; er hat die materialistischen Lehren des Sozialismus, Kapitalismus und Liberalismus hervorgebracht hat (die beiden letzteren vertreten eine Freiheit durch Erfolg in der Welt der Dinge, von denen aber gerade die Erfolgreichen niemals freiwerden). Rechts steht für das Wertedenken, das die Freiheit des Einzelnen garantiert und die Ungleichheit in Kauf nimmt.
Es scheint, als sei die Mitte eine Illusion, der Grat, von dem man immer nach links oder rechts hin abrutscht. Klar ist, dass der Nationale Sozialismus, der die Gesellschaft bis zur Perfektion gleichgemacht hat, gerade nicht „rechts“ gewesen ist. Er gehört zur Linken, die aus ihrem monologen (materialistischen) Wesen heraus alternativlos und diktatorisch ist. Als Folge und Möglichkeit der materialistischen Philosophie der Aufklärung war der Nationalsozialismus kein Unfall der Geschichte.
Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, wir stehen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts im Strom des materialistischen Denkens, das auch den Nationalsozialismus hervorgebracht hat. Denken Sie an unsere heutige Tötungsgesetzgebung, die das Individuum idealerweise zur Sache macht. Wir brauchen aber die immer schon existierenden Werte, wenn wir dem Leben durch geistige Ideale irgendeine Höhe geben wollen, die mehr ist als die Sexualisierung der Politik. Das Bewusstsein für die Heiligkeit der Verlebendigung finden wir, seit Angela Merkel die CDU nach links gerückt hat, im Parlament ganz klar nur noch auf der rechten Seite.
Da bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie zu fragen, was dann eigentlich „Aufklärung“ ist?
„Aufklärung“ ist ein Grundzug unseres Wesens. Wir wollen und sollen die Wirklichkeit durch eigene Analyse verstehen. Mit ihr ergreifen wir die Welt, die uns jedoch durch unser Erleben ergreift. Die Erfahrung der Sinne, der Schmerz, der Geschmack, die Musik, meine Liebe zu meiner Frau etc. sind fehlerlos wahr, anders als die fehleranfällige Rechnung. Die Weltbilder waren bis 1750 immer die schwebende Koordination dieser beiden Bewusstseinsquellen.
Die Griechen haben den Wissenschaften Fundamente gegeben, unter dem Dach einer göttlichen Kosmologie. Die Renaissance war eine Aufklärung im Haus des Christentums. Nur die Philosophie der Aufklärung hat diese Dualität in der Geltungsfeststellung am Ende des 18. Jahrhunderts aufgekündigt. Alles sei Materie und die Empfindungserfahrung als „subjektiv“ eine Art Illusion. Dabei ist gerade die Musik nicht subjektiv, sondern hauptaspektisch objektive Kommunikation, ohne die es keine Qualitätskriterien gäbe.
Wenn die Dinge so klar zu tage liegen, warum laufen wir in die falsche Richtung?
Im Alterungsprozess der Aufklärung geht dem Analysebefehl an den Einzelnen die tägliche Erfahrung voraus, daß sich das Ideal, daß Wissen Macht ist, als die Macht der Mehrwissenden verwirklicht. Die Verwissenschaftlichung des Gesellschaftsbildes hat den Fachleuten die diktatorische Autorität verschafft, mit der sie während der Corona-Epidemie über das Parlament hinweg die gesamte Bevölkerung eingesperrt haben – die Totalverkörperlichung des Individuums, dem die Freiheit abgesprochen wurde und die Adolf Hitler beklatscht hätte.
Das Problem ist die Denkfaulheit des Menschen, die seit der Antike beklagt wird. Kant
dazu: „Es ist so bequem unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, (…) so brauche ich mich ja selbst nicht zu bemühen.“ Über die Unmündigkeit des größten Teils er Bevölkerung sagt Adolf Hitler in seinem Buch „Mein Kampf“, in dem der seine Ideologie rational begründet und sich damit zur Aufklärung bekannt hat: Diese sei eine „Sorte von Faulpelzen, die wohl selber denken könnte, aber aus reiner Denkfaulheit heraus dankbar alles aufgreift, was ein anderer schon gedacht hat, in der bescheidenen Voraussetzung, daß dieser sich schon richtig angestrengt haben wird“.
Eine Folge ist, daß die Internetsuche dem Lernen den Rang abgelaufen hat. Ich kann ja alles googeln! Die letzthöchste Bestätigung, daß eigenes Denken ineffizient und unnütz ist, liefert uns die „Künstliche Intelligenz“, die wir überall installieren. Und dies, obwohl sie terrorfähig wie ein Politiker ist, der den Glauben an die Wahrheit seiner sinnlichen Empfindungserfahrung, also den Glauben an etwas anderes als die Materie verloren hat. Umso mehr sollen wir den „Mehrwissenden“ vertrauen. Diese treten täglich in der ARD und im ZDF auf, Journalisten linker Orientierung und die wissenschaftlich assistierten Politiker, die tatsächlich glauben, daß sie das Denken der Allgemeinheit lenken und kontrollieren dürfen. Die Infantilisierung der Bevölkerung durch diese Deutungsdiktatur ist außerdem offensichtlich von Bereicherungsabsichten geleitet und erinnert an die DDR.
Dem Materialismus verdanken wir den Konformismus der Gegenwart, dessen Ideal das Gleichsein ist, das sich als tolerant und freiheitlich spreizt, aber de facto alle unfrei macht. Wer sich dagegen wehrt, wird als politisch inkorrekt gecancelt und sozial vernichtet – das Internet als Nachfolgerin der Guillotine, die den Materialismus mechanisiert hat.
Vielen Dank, Königliche Hoheit, für dieses denkwürdige Gespräch.
**
Die Bücher vom Donatus von Hohenzollern können Sie hier bestellen.
Hier geht es zur Internetpräsenz des Hauses Hohenzollern-Emden.
***
Unterstützen Sie bitte die Arbeit von „Philosophia Perennis“! Hier mit einem Klick:
Oder per Überweisung auf
David Berger, IBAN: DE44 1001 0178 9608 9210 41 – BIC REVODEB2 – Stichwort: Schenkung
ÜBERWEISUNG (Stichwort: Schenkung)
Entdecke mehr von Philosophia Perennis
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.









Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.