Freitag, 14. Juni 2024

Neues Selbstbestimmungsgesetz: „Auf perfide Weise transfeindlich“

(David Berger) Kaum etwas polarisiert in den letzten Tagen so sehr wie das geplante neue „Selbstbestimmungsgesetz“. Seit dem 27. April liegt die neue Gesetzesvorlage auf dem Tisch. Sie sieht vor, dass alle Menschen (Kinder unter 14 Jahren mit Einwilligung, darüber auch gegen den Willen der Eltern) ihr Geschlecht und ihren Namen alle zwei Jahre durch einen einfachen Eintrag auf dem Standesamt ändern dürfen.

Während B. Kelle meint, dass in der Frauensauna zwar das das Hausrecht gelte, man in Zukunft aber 10.000 Euro Bußgeld riskiere, wenn man der Transfrau am Eingang sage, dass sie deswegen nicht reinkönne, weil sie ein Mann sei; erklärt der sog. Queerbeauftragte der Bundesregierung, dass die Empörung über das Gesetz „von Transfeinden gesteuert“ sei und viele Gegner des Gesetzes einfach im Kern „menschenfeindlich“ seien.

Wir wollten es genau wissen und haben mit einer Betroffenen, einer Transfrau, die sich seit über 20 Jahren intensiv mit dem Thema beschäftigt, gesprochen

„Transfrauen sind Frauen. Außer, es gibt Krieg. Dann sind sie wieder Männer“, so ein Kommentar auf Twitter zu einem Absatz des neuen Gesetzes zu „Selbstbestimmung. Als ich diesen Satz heute morgen gelesen habe, dachte ich mir nur: Jetzt ist die Verwirrung perfekt … Geht es nur mir so?

Nein, man hat erreicht, dass niemand mehr differenziert. Partytransen werden mit Transsexuellen in einen Topf geworfen. Wehrpflicht für Frauen sollte auch transsexuelle Frauen umfassen. In der israelischen Armee sind transsexuelle Menschen beider Geschlechter schon lange Normalität.

Was müssen wir unter Partytransen verstehen?

Den Begriff hat mir ein schwuler Freund beigebracht, ich kannte diese Begriff auch nicht. Schwuppen mit zu viel Makeup. Oder eben: Crossdresser/Transvestiten, also diejenigen, die einen zeitlich begrenzten, rein äußerlichen Rollenwechsel machen, z.B. für Partys. Glaube ich … Bei so was merke ich immer, wie wenig Kontakt zwischen TS und diesen ganzen Spielarten ist.

Aber geht es da nicht um eine noch fundamentalere Verwechslung? Ich habe den Eindruck, dass nicht nur der Begriff „schwul“ durch „queer“ ersetzt wurde, was zwei völlig verschiedene Dinge sind, sondern dass auch der Begriff Transsexuelle fast flächendeckend durch Transgender ersetzt wurde? Das „Selbstbestimmungsgesetz“ ist dafür doch ein gutes Beispiel: Im Letzten also eine transfeindliche Aktion der Verantwortlichen?

Ja, aus mehreren Gründen

1. Es regelt nichts spezifisch für TS, indirekt aber stuft es uns ein, wie jemand, der am WE als Transvestit auf eine Party geht. Es gibt gleiche Rechte, ohne auf unsere ganz anderen Voraussetzungen einzugehen. Was soll ein Transvestit mit einer Vornamensänderung oder Personenstandsänderung? Am Montag wieder mit dem männlichen Namen?
2. Es enthält praktisch nichts, was TS unterstützt und wirklich hilft. Beim bisherigen Transsexuellengesetz war eine Härte, dass man zwei Gutachten selbst zahlen musste. Oft mehrere Tausend Euro. Das hätte man mit einer Änderung des alten TSG ändern können.
3. Am Negativsten ist, dass wir im Bild der Öffentlichkeit, die keine Ahnung von Transsexualität hat, mit einer ganzen Reihe von Spaßvögeln zusammengeworfen werden. Und wie eine Einstufung durch den Gesetzgeber wirkt, weiß jeder.

Geschlechtsidentität von TS wird auf einmal belanglos und zu einer Beliebigkeit gemacht.
Der Gesetzentwurf sieht vor in kurzen Abständen die Wahl des Personenstands durch bloße Erklärung wieder zu ändern. Ein Kasperltheater.

So entsteht bei Nichtbetroffenen der Eindruck, Transsexuelle hätten ein Wahlrecht in Sachen Geschlechtsidentität. Tatsächlich ist unsere Geschlechtsidentität vor Geburt festgelegt und lebenslang unverändert.

Der Leidensdruck den Körper an die Identität anzupassen, wäre ohne diese Festlegung nicht vorhanden. Und kein Mensch würde die Transition auf sich nehmen ohne diesen Leidensdruck. Am Ende heilt die Transition, weil sie den Leidensdruck beendet.
Wer ein behauptet, transsexuelle Menschen hätten ein Wahlrecht bei der Geschlechtsidentität ist transphob.

Also haben die Genderkritiker doch auf der vollen Linie recht?

Der Begriff Genderkritiker trifft nur auf Wenige zu. Kritik im Sinn des Wortes findet ja kaum statt. Die Masse der Wortmeldungen ist einfach nur ein wütender Aufschrei, der häufig völlig enthemmt ist und in der Masse zeigt, dass keine Sachkenntnis vorhanden ist und keine Empathie.

Die härteste Genderkritik ist gleichzeitig die Kritik, die überhaupt nicht gehört wird. Diese Kritik kommt von transsexuellen Menschen, einer Gruppe, die weitgehend unsichtbar und ohne jede Lobby ist. Was es den Genderideologen natürlich leicht macht, unter falscher Flagge zu segeln, denn die Schmähkritik der selbsternannten Genderkritiker wird ja außerhalb der eigenen Blase weder wahrgenommen, noch ernst genommen. Die Folge ist, dass dieses Canceln der Geschlechtsidentität durch die Genderideologie immer absurdere Formen annimmt. Die wenigsten Genderkritiker können aufgrund mangelnder Sachkenntnis, absehen, wohin das noch führen kann.

Haben Sie eine Idee?

Wir haben bebenden Volkszorn, der aber seine Energie auch schnell wieder einem anderen Thema zuwenden wird. Wer spricht heute noch über den Islam oder die €-Krise, die illegale Migration oder die Coronamaßnahmen? Hauptthema ist aktuell gendern und wer weiß, was dann kommt? Für Transsexuelle ist der Volkszorn aber schlimm. Einerseits verstehen wir diese Menschen und ihren Zorn. Was diese Menschen übersehen ist, dass uns die Geschlechtsidentität genauso genommen wird, wie ihnen.

Das versteht nur niemand. Stattdessen werden wir für Dinge verantwortlich gemacht, die Transsexuelle ablehnen oder unter denen sie selbst leiden.

Selbst wenn unsere Kritik gehört würde, bliebe immer noch, dass sie nicht ins Konzept der Zornigen passt. Denn die Kritik kommt ja von transsexuellen Menschen. Die Genderideologen können also ganz zufrieden sein mit diesen Genderkritikern.

Aber damit ja nicht genug: gleichzeitig spielt uns die Erweiterung der Gay-Szene zur „LGBTQIA2+“ eine „Community“ vor, die es gar nicht gibt. Ganz im Gegenteil. Am deutlichsten wird dies an den sich häufenden Nachrichten zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Lesben- und Transgruppen. Viele, die sich nicht näher mit der Szene beschäftigt haben. fragen nun, wie kann das sein? Wer bekämpft da wen und warum? Wer ist gewalttätig, wer Opfer?

Da gibt es eine nette Geschichte dazu. Zwei Transfreundinnen waren auf einer Lesbenparty. Die eine, Prä-Op aber so richtig Kawaii-Girl, wird von einer Butch heftig umschwärmt und nach einer Weile verschwinden beide zusammen auf der Toilette. Kurze Zeit danach hört man aus die Richtung, in der die Beiden zusammen verschwunden sind, wütendes Brüllen der Butch.

Grundsätzlich sind transsexuelle Frauen nicht aggressiver als andere Frauen. Bei Transmännern kann das in den Anfangsjahren eher sein, weil es schwierig sein kann, mit Testosteron umzugehen. Aber ich denke, hier geht es nicht um Einzelne.

Schon seit Jahren wird uns Transsexuellen von radikalen Feministinnen immer wieder der Krieg erklärt. Zunächst war es unser eher konservatives Frauenbild, das wir meist leben. Der Vorwurf lautete damals, wir würden weibliche Stereotype fördern. Was im Umkehrschluss bedeuten würde, dass „wir“ anderen Frauen eine Rollenvorlage geben würden. Also Biofrauen werden mit weiblichen Stereotypen re-infiziert, weil Transfrauen sich eher klassisch weiblich verhalten. Ich weiß nicht, wer das glauben sollte.
Diese Phase war auch eher unproblematisch, denn die große Masse der Frauen hatte für diesen durchgeknallten Feminismus nicht viel übrig. Diese Positionen, etwa von Butler, blieben Randmeinungen.

Dann kam die Harry-Potter-Tante. In der Folge wurde „TERF“ („Trans-ausschließender Radikalfeminismus“) auf einmal nicht Mainstream, aber von einer größeren Gruppe von Biofrauen akzeptiert. Das hält bis heute an und ist schwer zu verstehen. Zuerst fällt auf, dass Frauen, die sich ansonsten spinnefeind sind, sich nun in eine gemeinsame Schublade einordnen. Radikalfeministinnen und Frauen aus der konservativen bis rechten Szene gehen Hand in Hand. Sie eint nur, dass sie Transfrauen als „Männer in Kleidern“ oder „kastriert“ beschimpfen und sich darüber als „richtige Frauen“ abgrenzen. Das erinnert an die Abgrenzung „richtiger Männer“ gegenüber Schwulen in der Vergangenheit.
Wenn man sich jetzt aber ansieht, wie unsichtbar Transsexuelle im Rahmen der gesamten Gesellschaft sind und sein wollen, dann ist das völlig absurd und nur durch einen grundlegenden Irrtum erklärbar. Getriggert fühlen sich diese Feministinnen in erster Linie durch Menschen, die mit Transsexualität genau so viel zu tun haben, wie sie selbst: Drag Queens, Transvestiten, Crossdresser oder Biofrauen und Biomänner, die politisch die Genderideologie vorantreiben. Differenziert wird hier nur sehr selten und selbst das wird dann oft in einer Gruppenreaktion niedergeschrieben.

Hier wird Hass ausgelebt gegen eine Gruppe, die so klein und so unsichtbar ist, dass sie praktisch keine Gegenwehr leistet. Es wird eine Bedrohung weiblicher Schutzräume durch „Männer“ dargestellt, die so nie existiert hat und nie existieren wird. Transfrauen haben denselben Hormonspiegel und dieselben Geschlechtsmerkmale wie Biofrauen. Übergriffigkeit wäre also nicht anders zu bewerten, als wenn sie von Lesben ausgehen würde. In der realen Welt sehe ich das nicht. Zum Glück ist unsere Erfahrung eine Andere. Wir in weibliche Solidarität einbezogen, wir können „beste Freundin“ sein, es werden uns die gleichen Schutzbedürfnisse zugestanden wie Biofrauen. Und das ist richtig, denn die Bedrohungen sind diesselben. Transphobie gegen sichtbare transsexuelle Frauen wandelt sich mit dem „Unsichtbar werden“ zu ganz „normaler“ sexueller Übergriffigkeit, wie sie jede Frau kennt.

Aber die Warnungen von Politikern, die durch Transgender eine Gefahr für weibliche Schutzräume sehen, haben doch einen realen Hintergrund. Denken wir nur an den Fall in den USA, wo zwei Frauen in einem Frauengefängnis von einer anderen dort einsitzenden „Insassin“ (?) schwanger wurden!

Sprechen diese Politiker von Transsexuellen? Nein, sie benutzen den Begriff „Transgender“ als eine Art Klammerbegriff für alle möglichen Menschen. Das ist ein falscher Begriff und er führt zu falschen Schlussfolgerungen.

Ein Mann, der penetrieren kann, gehört natürlich nicht in ein Frauengefängnis. Das ist doch eine Selbstverständlichkeit. Verursacht wird diese Gefahr durch andere Politiker, die das zum Recht erklären.

Dadurch dass zu den PP-Lesern und -Fans sehr früh viele transsexuelle Frauen gehörten (was ich mir anfangs nicht erklären konnte), fiel mir auf, dass Genderkritiker wie Birgitt Kelle den Genderideologen viel näher stehen als Naturwissenschaftler, die die Genderideologie kritisieren

Das ist das Paradoxe: beide Seiten sind sich spinnefeind, aber behaupten übereinstimmend, dass Geschlechtsidentität keine biologische Basis hat. D.h. die Genderkritiker übernehmen die Glaubenssätze der Genderideologen. Verrückt oder? Auch die Schlussfolgerungen sind ähnlich.

Die Genderideologen sagen: Geschlechtsidentität ist frei wählbar und frei veränderbar.
Die Genderkritiker sagen: es ist eine psychische Krankheit und benötigt nur Therapie, aber ja keine körperliche oder hormonelle Angleichung.

Man sieht: Beide Lager sind sich grundsätzlich einig. Der Unterschied liegt in erster Linie in der Wertung. Genderideologen werten alles was trans ist, als normal, im Sinn eines natürlichen Phänomens. Genderkritiker bekämpfen alles, was trans ist, weil nicht normal im Sinn der überwiegenden Mehrheit, sondern eine verschwindende Minderheit, ein Unfall der Natur. Sie fürchten jede tatsächliche oder vermutete Abweichung von der Norm. Ähnlich wie früher Homosexualität gefürchtet und abgewertet wurde. Keine der beiden Seiten interessiert sich für das Schicksal von transsexuellen Menschen wirklich, außer man kann sie für die eigenen Belange instrumentalisieren.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Besteller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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