Toledo ohne Touristen

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Dem interessierten Leser wird gerade in diesen Zeiten empfohlen, eine Reise nach Toledo (und Kastilien) zu unternehmen, denn es ist kaum vorstellbar, in „normalen“ Zeiten Toledo mit so wenigen Touristen zu erleben, wie es derzeit möglich ist. Allerdings sollte er sich vorher sorgfältig nach den jeweiligen Öffnungszeiten erkundigen. Beispielsweise waren Santo Tomé und San Juan de los Reyes im März nur an Wochenenden zu besichtigen. Für den Autor war die Reise nach Toledo eine Befreiung aus der Corona-Zwangsjacke der BRD. Ein Gastbeitrag von Dr. Bernd Fischer

Einst mitten im hart umkämpften Gebiet zwischen Christen und Muslimen gelegen, blieb Toledo viele Jahrhunderte lang als Sitz des Primas von Spanien ein bedeutendes Zentrum der Katholischen Kirche. Philipp II floh aus Ihrer Enge und verlegte den Sitz seines Hofes in das damals völlig unbedeutende Madrid. Touristen aller Länder teilen die Aversion Philipps nicht. Gerade jetzt bietet sich eine gute Gelegenheit für einen Besuch!

Ein unvergleichbarer Höhepunkt jeder Reise nach Kastilien ist ein Besuch in Toledo. Von Madrid aus erreicht man die Stadt bequem mit dem Zug vom etwas südlich gelegenen Bahnhof Atocha.

Betritt man das, was man für den Bahnhof von Atocha hält, bietet sich dem Betrachter ein erstaunlicher Anblick. Statt Zügen und Gleisen erblickt man einen tropischen Garten. Die alte Bahnhofshalle dient nämlich lediglich als Warte- und Eingangsbereich für den eigentlichen (neuen), daneben errichteten Bahnhof. Für einen Reisenden, der aus einer Großstadt der BRD stammt, ist dies der Auftakt einer Vielzahl weiterer Überraschungen. Ungewohnt ist die Sauberkeit und der hohe Organisationsgrad der Abläufe. Aufgrund des schweren Anschlags, den islamische Terroristen am 11. März 2004 auf Züge in Madrid verübt hatten, wurden strikte Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Die Gleise können nur mit einer gültigen Fahrkarte betreten werden, Gepäckstücke werden vorher durchleuchtet. Selbst in den viel kleineren Bahnhöfen wie dem von Toledo werden diese Prozeduren strikt angewandt. Die Schnellbahnstrecke nach Toledo wurde —ebenso wie die nach Segovia—in der Mitte des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts eröffnet. Auf allen Fahrkarten wird ein bestimmter Sitzplatz festgelegt. Die Reise selbst verläuft allerdings gänzlich unromantisch. Binnen etwas mehr als 20 Minuten ist man mit diesen bis auf 250 km/h beschleunigenden Zügen schon in Toledo angelangt, und zwar pünktlich! Beinahe sehnt man sich zurück nach den alten Zeiten, als man in Spanien noch ausschließlich über das alte Breitspursystem verfügte. Damals waren die örtlichen Distanzen durch die Anreise noch erlebbarer, sodass das Neue, welches sich einem in einer Stadt bot, als noch eindrucksvoller, wie aus einer anderen, fernab gelegnen Welt stammend wahrgenommen wurde.

Bereits die Lage von Toledo ist schon märchenhaft-faszinierend! Schon von weitem zeigt sich das antike Toletum wie eine majestätische Festungsstadt. An drei Seiten wird sie vom Fluss Tajo umfasst, der Rest wurde von der immer noch existierenden Stadtmauer gesichert. Hundert Höhenmeter muss man heraufsteigen, nachdem man die Stadt durch die Puerta Nueva de Bisagra —das bedeutendste Stadttor—betreten hat, um in die Oberstadt zu gelangen. Dort kann man dann auf der Plaza de Zocodover verschnaufen, bevor man sich in das Labyrinth begibt—denn wahrlich, ein solches ist Toledo! Die Orientierung fällt nicht leicht in diesem Gewimmel von Gassen und Gässchen (von Straßen kann man nicht sprechen), zumal das starkes Höhengefälle zwischen den Teilen der Stadt es unmöglich macht, einen Standpunkt einzunehmen, der einen Überblick ermöglichte. Viele Restaurants und manche Geschäfte waren übrigens geschlossen, vielleicht sogar für immer. Abgesehen von einer Handvoll Franzosen, waren In der Stadt kaum Touristen ersichtlich. Corona hat seine Spuren hinterlassen.

Im 12. Und 13. Jahrhundert war Toledo ein Sammelbecken für Intellektuelle aus verschiedenen Religionen —Muslime, Christen und Juden–, die die Stadt zum Zentrum Europas für Übersetzungen wissenschaftlicher und literarischer Werke aus dem Griechischen oder Arabischen machten. Viele bedeutende Werke sind heute ausschließlich in den Übersetzungen dieser sogenannten Übersetzerschule (ein erst im 19. Jahrhundert geprägter Begriff) erhalten. Im 13. Jahrhundert wurden viele dieser Gelehrten übrigens von Friedrich II an den Hof in Palermo geholt. Toledo und Palermo: Die beiden Standardbeispiele für eine geglückte kulturelle Mischgesellschaften in Europa! Solche Betrachtungen unterliegen allerdings zumeist einer gewissen Realitätsfremde. Auch die elitären, multikulturellen Intellektuellengesellschaften von Harvard oder Standford können wohl schwerlich als Blaupausen für die gesamte USA angesehen werden.

Die Stadt verfügt über eine Reihe baulicher Zeugnisse, die an die im 15. Jahrhundert vertriebenen Mauren oder Juden erinnern, wenngleich die Prägung bei weitem nicht so umfassend ist wie etwa in Segovia: einige maurische Stadttore, die ehemalige Synagoge El Tránsito, die Kirche Santo Tomé mit ihrem Mudejar-Turm (Mudéjar: Anwendung islamischer Dekorationskunst in christlichen Bauwerken).

Bei zeitlich begrenzten Besuchen in einer Stadt, ist es in der Regel sinnvoll, einige wenige thematische Schwerpunkte zu setzen und manches andere entsprechend zu ignorieren. Für meinen Besuch in Toledo waren die Leitthemen der Katholizismus und der Maler Greco!

Das beeindruckendste Gebäude in Toledo ist ohne Frage die Kathedrale, die bedauerlicherweise (Anfang März) für Besucher geschlossen war. Eine Ausnahme wurde lediglich für Gläubige gemacht (und auch dies nur bis 12.30 Uhr!), die die Kirche über einen Nebeneingang betreten durften. Nur auf diese Weise war es möglich, sich ein Bild vom Inneren zu verschaffen. Als sich gegen Ende des 15. Jahrhunderts im übrigen Europa bereits die Renaissance durchgesetzt hatte, entschied man sich in Toledo noch einen gotischen Dom zu errichten, der allerdings erst sehr viel später fertiggestellt wurde und somit noch andere Stilelemente aufgenommen hat. Der Turm erinnert übrigens stark an den von der Kathedrale von Gent, was nicht verwunderlich ist, denn für diesen zeichnete ein flämischer Architekt (Hannequin de Bruselas) verantwortlich.

Geht man von den stilbildenden gotischen Kathedralen in Deutschland oder Frankreich aus, dann verblüfft die Gestaltung des Inneren der Kathedrale. Da das Mittelschiff sehr breit angelegt wurde, stellt sich der Aspekt des „himmelwärts Strebenden“ überhaupt nicht ein. Die Kathedrale erscheint auch keinesfalls von Licht durchflutet zu werden. Es wurde eher eine Sphäre der Geborgenheit, Abgeschlossenheit geschaffen, die eigentlich nicht mit gotischen Kathedralen assoziiert wird. Der Aspekt des „himmelwärts Strebenden“ wurde dann aber doch aufgenommen, und zwar bei der Gestaltung des Hauptaltars (Capilla mayor). Diese gewaltige über mehrere Stockwerke nach oben führende „Wand“ mit Szenen der Heilsgeschichte, an der mehrere Dutzend Künstler beteiligt waren, zählt zu den beeindruckendsten sakralen Kunstwerken überhaupt. Kein anderes einzelnes Bau- oder Kunstwerk vermittelt in ähnlicher Weise ein Bild von der Strenge des spanischen Katholizismus. Das auf der Rückseite des Hauptaltars errichtete „transparente“ steht dem Hauptaltar im künstlerischen Rang wenig nach! Es verkündet vom Wunder der Eucharistie. Bereits das kunstvoll geschmiedete, vergoldete Gittertor, das den Altar vom Kirchenraum abtrennt, würde eine Reise nach Toledo lohnen!

Wie geschaffen für den Katholizismus Toledos, seine labyrinthartige Undurchdringbarkeit sind die Kunstwerke des aus Kreta stammenden Malers Domínikos Theotokópoulos, der gemeinhin als El Greco bekannt ist. Nach Stationen in Venedig und Rom zog es ihn 1577 als 36-Jährigen nach Toledo, wo er die gesamten restlichen 37 Jahre seines Lebens verbrachte. Entsprechend trifft man auf seine Gemälde an verschiedenen Orten in Toledo, etwa in der Casa del Greco, einem alten Haus aus dem 17. Jahrhundert, im Hospital de Santa Cruz und in der Kapelle der Kirche Santo Tomé. Dort findet sich eine der bedeutendsten Arbeiten von El Greco überhaupt: Das Begräbnis des Grafen Orgaz. In ihm versucht er das Unsichtbare sichtbar zu machen, den Aufstieg der unsterblichen Seele in ein Zwischenreich und die anschließende Wiedergeburt im Himmel.

In der Nähe von Santo Tomé befindet sich das Franziskanerkloster San Juan de los Reyes, das man auf keinen Fall verpassen sollte, ist es doch neben der Kathedrale das architektonisch wichtigste Bauwerk der Stadt. In diesem Kloster finden sich weitere Beispiele für den Mudéjar-Stil, etwa die Decke im Obergeschoss des Klosters.

Dem interessierten Leser wird ein Besuch gerade in diesen Zeiten empfohlen, Reise nach Toledo (und Kastilien) zu unternehmen, denn es ist kaum vorstellbar, in „normalen“ Zeiten Toledo mit so wenigen Touristen zu erleben, wie es derzeit möglich ist. Allerdings sollte er sich vorher sorgfältig nach den jeweiligen Öffnungszeiten erkundigen. Beispielsweise waren Santo Tomé und San Juan de los Reyes im März nur an Wochenenden zu besichtigen. Für den Autor war die Reise nach Toledo eine Befreiung aus der Corona-Zwangsjacke der BRD.

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Zum Autor: Dr. Bernd Fischer hat viele Jahre in leitenden Positionen in der Finanzindustrie gearbeitet. Er ist ausgebildeter Physiker und promovierter Mathematiker.

Seit ca. einem Jahr auch freiberuflicher Schriftsteller.

Mehr von ihm finden Sie auf seinem Blog www.philippicae.de.

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