Nach drei Monaten Berlin zurück im noch sonnigen Palermo. Ein Potpourri persönlicher Eindrücke von der Reise nach und den ersten sieben Tagen in Sizilien. Ein Gastbeitrag von Dr. Wulf D. Wagner

Nun bin ich also seit dem 19. Oktober wieder hier, in meinem geliebten Palermo.

In den Wochen zuvor vermischte sich das bedrückende politische Klima in Berlin mehr und mehr mit dem Grau der herbstlichen Tage. Die Nerven lagen zunehmend blank, sowohl bei denen, die sich vor der „zweiten Corona-Welle“ fürchteten, als auch bei uns anderen, die wir mit ansteigendem Entsetzen den einschüchternden Worten der Politiker, den immer neuen Einschränkungen unserer Grundrechte, der medialen Panikmache folgten. Selbst wenn man sich wie ich, in Arbeit und Bücher flüchtete, die Gedanken wurden doch von der Situation außerhalb der eigenen Wände beherrscht, die Gespräche kreisten immer und immer wieder darum. Ich bat sogar meinen lieben Freund, den Historiker und Publizist Eberhard Straub, uns einige Tage nicht telefonieren zu lassen.

Die Nervosität wuchs dennoch. Nein, nicht wegen Corona, sondern mich bewegten die Fragen: Komme ich in den Süden, braucht es wirklich mittlerweile Mut, innerhalb Europas zu reisen, will ich unter den derzeitigen Maßnahmen überhaupt hin? Die Internetseite der italienischen Botschaft in Berlin hinkte mit ihren Informationen den aktuellen Bestimmungen hinterher, schon drang das Gerücht zu mir, dass am Flughafen in Palermo – und nur in Sizilien, sonst nicht in Italien! – Schnelltest vorgenommen würden. Dies war tatsächlich so begonnen worden, stürzte den Flughafen jedoch in ein Chaos, so dass man es zumindest für uns Deutsche wieder bleiben ließ. Aufatmen!

Viele Italiener scheinen Berlin zu verlassen

Der Flughafen Berlin-Schönefeld war an jenem letzten Montag wie ausgestorben. An der Sicherheitskontrolle konnte ich mit dem Personal plaudern; um sich die Zeit zu vertreiben, nahm man meinen kleinen Rucksack genauer unter die Lupe. Danach lagen die Gänge leer, die meisten Geschäfte waren geschlossen und die Halle leerte sich gerade für einen Flug nach Bari. Andere Reisende schienen im Gegensatz zu mir besser über die Situation informiert zu sein, kamen erst knapp vor der Zeit zum Einstieg; auch für den Flug nach Palermo füllte sich erst kurz zuvor die Halle wieder. Viele Italiener scheinen Berlin zu verlassen. Mich freuten die zahlreichen jungen deutschen Pärchen, die sich nicht in Panik versetzen ließen, sondern zum ungewissen Urlaub nach Sizilien aufbrachen. Überhaupt trifft man nun wohl nur noch jene, die ihr europäisches Leben – das die Politik uns doch noch vor Kurzem so pries – fortsetzen wollen. Ich unterhalte mich mit einem freiberuflichen Schotten, dessen Frau in Ungarn wohnt. Wieder einmal sehe ich, dass es nicht die Politiker sind, die Europa leben, sondern wir, die wir unsere Völker verbinden, die wir weiterhin – entgegen aller Forderungen etwa von Kanzlerin Merkel – nicht zuhause bleiben, sondern unser Europa gemeinsam ganz konkret gestalten, zusammenstehen.

Die chirurgische Maske, die für den Italienflug auf der Ryanair-Seite gefordert wird, interessierte niemanden – 5,90 € umsonst ausgegeben, irgendjemand wird schon dran verdient haben. Im Flieger war Platz, um ans Fenster zu wechseln. Neapel mit Capri lag gut sichtbar zu meiner Linken und die bergige Küste Siziliens erweckte meine immer gleiche unbeschreibbare Freude, wenn ich hierher zurückkehre.

Die bürokratischen Forderungen beim Eintritt nach Italien und speziell nach Sizilien erinnerten ein wenig an frühere Reisen in die DDR, nur eben digitalisiert. Im Internet trug ich mich auf der amtlichen Seite der Provinz ein, das Formular druckte ich aus – vorzeigen musste ich es niemandem, und die in Berlin von mir befragten Italiener haben es sich nicht einmal ausgedruckt. Der Staat fordert außerdem eine fünfseitige „Autodichiarazione giustificativa per l’ingresso“, die ich jetzt, nachdem ich mich bei zwei hohen Polizeibeamten vor dem Rathaus in Palermo schlau machte, immer brav mit mir führe – andere tun das nicht, aber die haben auch keinen Polizisten gefragt.

Die beiden Polizisten meinten, die Corona-App könne ich ruhig wieder löschen

Beim Eintritt in den Flughafen Palermos sitzt hinter Hinweisschildern ein müder Beamter, schiebt seine Maske etwas hoch; von Fiebermessung, Kontrolle der Formulare nichts in Sicht. Nun muss ich mich noch bei der App „SiciliaSicura“ auf meinem Smartphone einloggen; diese fragt mich seither alle paar Stunden – sollte ich sie anklicken –, ob ich mich gut fühle, ob ich Fieber habe, ob ich einen Infizierten traf. Die beiden Polizisten meinten, diese könne ich ruhig wieder löschen. Pascal – ein bretonischer Freund, der gerade auch wieder in der Stadt ist, – hat sich da zwar angemeldet, aber nicht eingeloggt – irgendwelche Aufforderungen erhält er nicht. Ich behalte die App jetzt und fühle mich selbstverständlich jeden Tag „fine“.

Nun bin ich also nach dreimonatigem Berlin-Aufenthalt wieder hier, wie zu Zeiten des Lockdowns im Frühjahr. Kaum hat sich etwas verändert. Im Fernseher – den ich in Berlin nicht habe – die gleiche Berichterstattung wie zuvor: Zahlenspielereien wie bei uns von Positiv-Getesteten, Aufnahmen aus Krankenhäusern, der vom „Anwalt des Volkes“ zum Anwalt seiner eigenen Macht mutierte Ministerpräsident Giuseppe Conte spricht davon, mitten in der lange angekündigten „zweiten Welle“ der Pandemie zu sein – die Schallplatte hat einen Sprung seit Monaten.

Und doch, auch trotz der täglichen Maskerade, in Palermo kehrt bei mir endlich Ruhe ein. Der blaue Himmel über mir tut sein Möglichstes. Die Sonne scheint. Sogar ins kühle Meer können wir aus dem Norden noch, für Sizilianer ist die Badesaison freilich lange vorbei. Und dann diese wunderbare Stadt, dieses uralte Juwel mit seinen unzähligen Barockkirchen und prächtigen Adelspalais, mit seinen blühenden Parks und der Farbenpracht der – noch offenen – Obst- und Gemüsemärkte, den winkeligen Gassen, und den allherbstlichen Denkmalwochen „Le Vie dei Tesori“. Diese verlieren allerdings diesmal an Attraktivität. Ein heiteres Wandern von einem geheimnisvollen Ort zur anderen ansonsten nie geöffneten Kirche ist nicht mehr möglich, man muss sich digital anmelden, ist festgelegt. Nicht alle stören sich dabei an den Masken ohne Lächeln, aber mich erfreuten in den vergangenen Jahren stets die interessanten zufälligen Begegnungen mit Orten und Menschen. Ich verzichte also heuer.

Das Gute an Palermo ist, dass die Stadt trotz ihrer Größe ein Dorf für den ist, der hier länger wohnt. Man trifft immer einen Bekannten, man hat seine kleinen Läden, die Obst- oder Fischverkäufer, mit denen man einige muntere Worte wechselt. Ich treffe alte Freunde. Diskussionen werden geführt. Auch hier ist die Bevölkerung gespalten. Meine liebe rothaarige Ex-Mitbewohnerin, die selbstverständlich durch den Lockdown schon ihren Job verloren hat, kann ihre Maske kaum noch ablegen. Und die junge „Antifaschistin“ im Haus, die als Touristenführerin auch nichts mehr zu tun hat, ist entsetzt, dass in Berlin „Corona-Leugner“ ohne Maske demonstrieren dürfen – Antifa heißt hier wie bei uns geradezu regierungshörig zu sein, „hinterfragen“ gilt, wie ich auch aus meiner linken Berliner Nachbarschaft weiß, bereits als verdächtig.

Einig, dass mit dem Virus irgendwer kräftig Geld verdient

Hingegen gibt es auch die anderen, etwa die beiden jungen Angler am Meer, die sich einig sind, dass mit dem Virus irgendwer kräftig Geld verdient und alles nur die übliche Grippe sei. Von den Gegnern der Restriktionen bekommt Pascal grundsätzliches Lob, weil die Franzosen selbst für Kleinigkeiten auf die Straße gehen, mir zollt man Anerkennung, wenn ich von Demonstrationen selbst in deutschen Kleinstädten spreche, Fotos zeige oder von den Gerichtsurteilen, die einzelne Maßnahmen aufheben, erzähle. Hingegen fällt bei der Beurteilen der eigenen Bevölkerung – meist sich selbst eingeschlossen – der Satz: „Siamo pecore!“ (Wir sind Schafe!). Selbstverständlich beurteilen das Politik und Medien anders und hören wie im Frühjahr nicht auf, die neue Disziplin der Italiener zu loben. Aldo Maria Valli etwa sieht das anders. Ich hole mir wieder die Zeitung „La Verità“ (24.10.), die ein langes Interview mit dem Journalisten führt, der gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. Diese gebildeten Italiener gibt es glücklicherweise. Sie dringen tiefer, verfassen schnell oft geistreiche Bücher. Valli, der sich fragt, wie es möglich ist, dass ein ganzes Volk sich an die Leine nehmen lässt, sich Bürger zu Untertanen machen lassen, wird Antworten nicht schuldig: „Aus Angst, Unwissenheit, Passivität, Feigheit.“ Und: „Letztendlich hat dies kulturelle Gründe. Wir werden nicht mehr zur Freiheit erzogen, zur Liebe für die Freiheit. Wir haben die Illusion, gänzlich auf dem Laufenden zu sein, und wissen doch nichts. Wir studieren nicht und wir lassen uns konditionieren. Wir müssen neu lernen zu denken.“

Das ist keine Frage der politischen Richtung. In Sizilien zeigt sich beispielhaft, dass es fast egal ist, wer regiert. Der konservative Regierungspräsident Siziliens Nello Musumeci – der schon überlegt, auch Italienern den Eintritt auf seine Insel zu verbieten – und der linke Bürgermeister Palermos Leoluca Orlando – der die Situation jetzt mit Chernobyl und dem Zweiten Weltkrieg vergleicht! –  haben beide in den gleichen drohenden, Dekrete erlassenden Modus geschaltet. Der Bürger hat zu gehorchen. Ansonsten wird die Polizei geschickt, wird mit immer härteren Geldstrafen, weiteren Einschränkungen der Grundrechte oder eben gleich ganz mit einem Lockdown gedroht, Tag für Tag.

Gerade der Bürgermeister, der mit seiner Migrationspolitik Tür und Tore nach Palermo weit für Afrika offen halten will und der sich mit seiner Politik manch deutsches Lob einheimste, kann nun von den größten Probleme seiner Stadt ablenken: der hohe Arbeitslosigkeit, die natürlich auch durch sein derzeitiges Handeln weiter wachsen wird. Die neueste seiner Ideen war es, dass wir von 21.00 bis 5:00 nicht mehr auf der Straße stehen bleiben (stazionare) dürfen. Auch „Giornale di Sicilia“ (24.10.) zweifelt an der Umsetzung; darf sich zum Beispiel eine ältere Dame nicht mehr kurz ohne Strafe setzen? Le passeggiate – die beliebten Spaziergänge des Sehens und Gesehenwerdens – was bringen sie den schön herausgeputzten Italiener hinter ihren Masken, die hier auch am Tage auf Plätzen und Straßen, auch bei über 20 Grad angeordnet sind. Und nun soll man nicht einmal für ein paar Worte stehen bleiben dürfen? Aber schon schaltet sich Musumeci ein und verhängt eine Ausgangssperre ab 23:00 – bleiben wir halt alle zuhause. – Und schon für Montag, 26. Oktober, bestimmt Rom, dass Restaurants und Bars nunmehr ab 18:00 Uhr zu bleiben. –

Schon übermorgen wird es wieder andere Verordnungen geben

Kann ich eine solche Stadt Freunden noch empfehlen? Sie braucht Touristen. Aber schon übermorgen wird es wieder andere Verordnungen geben. Obwohl es mir schwer fällt, ich schwärme niemandem mehr etwas vor. Palermo erobert uns nämlich nicht auf den ersten Blick. Es gehört gerade ihre Lebendigkeit dazu, um über Vieles – so über die auch von Musumeci und Orlando nie gelösten Müllprobleme – hinwegzusehen. Doch das Leben der Stadt, die vor allem abends in ihrem goldenen Glanz, in ihrer Heiterkeit, in ihrem menschlichen Frohsinn so sehr sie selbst ist, wird gerade heruntergefahren. Vor den beliebten Bars in der Via dei Chiavettieri langweilt sich das Personal. Die berühmte „Taverna Azzura“, in der normalerweise zu später Stunde „A Mano a mano“ von Rino Gaetano fröhlich von der Jugend mitgesungen wird, hat keine Tische und Stühle und nimmt sich „eine Pause“. Andere, wie „Ballarak Magione“ mit ihren guten selbstgebrauten Bieren, haben ihre Sitzplätze eingezäunt und messen bereits am Spätnachmittag die Temperatur der Gäste – irgendwie muss man überleben, irgendwie wenigstens ein paar Gläser Wein oder Bier verkaufen.

In Berlin würde mich diese Situation und das Schicksal all der kleinen Länden, Restaurants, B & Bs, Künstler, Freiberufler oder kleinen Unternehmer unendlich nervös machen, ich würde Artikel um Artikel lesen, auf Demonstrationen gehen; hier muss es mir nun „egal“ sein. Die Italiener müssen selbst entscheiden, wie sie leben und wirtschaftlich überleben wollen. Ich hingegen habe genug Arbeit und etwa 300 Bücher hier – vielleicht kaufe ich mir noch Vallis Buch „Virus e Leviatano“ („Der Virus und der Staat“) –, sizilianischer Wein, Obst und Gemüse werden ebenfalls nicht zur Mangelware werden, und so kann ich „gelassen“ – wenn auch in Trauer um diese schöne Stadt – einem Lockdown entgegen schauen.

Weihnachten verboten

Wann ich zurückkomme? Ryanair fliegt seit der letzten Oktoberwoche nicht mehr zwischen Berlin und Italien – erst im Frühjahr wieder –, mal sehen, welche Reiseroute mich zu Weihnachten nach Hause führt oder ob bis dahin auch in Deutschland das Weihnachtsfest in den Familien – wie es uns DIE ZEIT bereits als Frohe Botschaft verkündete – verboten sein wird und ich erneut aus dem Süden berichten werde.

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