(Dagmar R. Heinemann) Außerordentlich bemerkenswert ist ein Artikel von Johannes Konstantin Poensgen über den „Tag der Freiheit“, der am 3. August auf der Internet-Plattform von Götz Kubitscheks „Sezession“ unter dem Titel „BRD-Widerstand“ erschien. Im Rahmen seiner Demo-Bewertung stellt der Verfasser Björn Höcke, dem „Gesicht“ des aufgelösten – real allerdings immer noch existierenden – Flügels nicht nur im Subtext ein dramatisch schlechtes Zeugnis aus.

„Der bisherige Tiefpunkt ist, dass rechte Führungsfiguren entweder wider besseres Wissen das Märchen von den (mindestens!) 500.000 tapferen Coronakritikern erzählten und es mit Bildaufnahmen untermauerten, auf denen man bestenfalls einige Tausend sehen kann. Oder aber wie Björn Höcke, dem man noch nie ein solches Unbehagen an einer Sache anmerken konnte, es zumindest für unmöglich hielten, offen zu widersprechen und sich auf ausweichende Formeln zurückzogen.“

Mut- oder ahnungslos?

Steht das da wirklich? Tiefpunkt in einem Atemzug mit Björn Höcke? Ja, das tut es. Und der Autor Johannes Konstantin Poensgen formuliert nicht einmal so hart, wie man es hätte tun können. Im Gegenteil: Er entschuldigt Höcke. Dieser habe Unbehagen gehabt, es aber nicht für möglich gehalten, zu widersprechen. Man staunt zum zweiten Mal. Was sagt der Herr Poensgen hier? Höcke hat also im Video die Demo gelobt, obwohl er genau weiß, dass sie ein Fehler war? Er traute sich trotz anderer Einsicht nicht, zu widersprechen?

Diese Unterstellung ist sicher wohlwollend gemeint, rettet Höcke aber keineswegs. Eher ist das Gegenteil der Fall. Björn Höcke, der Lotse durch die Herausforderungen der politischen Unwetter. Björn Höcke, den einige AfD-Mitglieder nahezu anbeten, gar all ihre Hoffnungen in ihn legen. Björn Höcke, der den richtigen Weg kennt, während alle anderen sich angeblich beirren lassen und ebenso angeblich im Appeasement verheddern. Björn Höcke, der Ganze, der stets darauf besteht, kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Läutet der Sezessions-Artikel Höckes Demontage ein?

Dieser Björn Höcke findet keinen Weg, seinen eigenen Leuten zu sagen, wenn sie in die falsche Richtung laufen? Er ist der Getriebene, nicht der souveräne Weltenlenker? Er hat sich nicht einmal getraut, die Fantasiezahlen zu korrigieren? Desaströs! Die freundlich gemeinte Entschuldigung Höckes ist in Wahrheit faktisch der Beginn einer Demontage.

Vielleicht irrt der Autor und Björn Höcke spricht die Wahrheit, wenn er die Demo lobt. Man fragt sich, ob das nicht schmeichelhafter gewesen wäre. Doch bereits im Folgeabschnitt geht auch diese Idee baden. Denn dort wird vollkommen korrekt die politisch dramatische Folge eines derartigen Fehlengagements beschrieben:

,,Im Ergebnis verliert die Rechte damit bei allen die Glaubwürdigkeit, die politisch auf der Kippe stehen, aber noch alle Sinne beieinander haben. Das ist ein langfristiger Verlust, der von keiner Demonstration aufgewogen werden kann, schon gar nicht von einer, die eben keine revolutionäre Masse hat.“

Höcke nach Kalbitz‘ Sturz für die „Neue Rechte“ wertlos?

Das hat der Autor, der Politikwissenschaft und Geschichte studiert, korrekt analysiert. Hier trifft er voll ins Schwarze, wenngleich seine sonstigen Schlussfolgerungen eher neurechte Strategie anklingen lassen, als die der AfD.

Und wenn er schließt, man dürfe sich nicht davor fürchten, die Stimme der Vernunft zu sein und es dürfe sich nicht wiederholen, dass die Reiter so mit den Pferden durchgehen, darf man das getrost ebenfalls als Kritik an der Führer-­Kompetenz Höckes auffassen. Höcke ist also nicht (mehr) die Stimme der Vernunft. Höcke ist nicht (mehr) der, der die Pferde im Zaum halten kann. Höcke ist der, dem sie durchgehen. Er ist der, der die eigenen Leute nicht (mehr) im Griff hat und wohl auch deshalb nicht (mehr) wagt, sie offen zu kritisieren. In einem Satz: Höcke ist nicht (mehr) sakrosankt!

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