Meine Liebeserklärung an Italien und an seine betagten Menschen. Ein Beitrag von Dr. Juliana Bauer

 

La mia Italia – la mia Roma – „Giuseppina, vieni, vieni. Prendi un caffè?“

Giuseppina war eine reizende alte Dame aus Albano, einer Kleinstadt in den Albaner Bergen bei Rom, wo ich einige Zeit lebte. Sie brachte meiner Nachbarin Rosanna frisches Gemüse aus ihrem Orticello, ihrem Gärtchen. Kam man zu Rosanna, war ihre erste Frage stets – wie bei fast allen Italienern – „Prendi un caffè?“ Oder „Faccio un caffè? („Trinkst du einen Kaffee?“ Oder „Soll ich einen Kaffee machen?“ Bei einem Espresso lässt es sich eine Weile plaudern. Der Espresso, kurz und schlicht Caffè genannt, ist ein wichtiger zwischenmenschlicher Knotenpunkt. Ecco –  zuerst gab es also einen Kaffee für Giuseppina, bevor das Gemüse in Empfang genommen und bezahlt wurde. Als Rosanna mich Giuseppina vorstellte, lächelte mich diese liebevoll an. Ihre großen dunklen Augen sehe ich noch heute vor mir. Giuseppina war um die 78 Jahre alt, lebendig, bestellte ihren kleinen Garten, war immer guter Dinge. Ich liebte sie vom ersten Moment an.

Elvira stand vor ihrer Haustür. Im Stadtteil Monteverde in Rom. Ich wohnte noch nicht lange im selben Haus. Aber wir schlossen von Anfang an Freundschaft. Elvira, auch sie eine alte Dame. Warmherzig und liebenswürdig. Schon nach wenigen Tagen erzählte sie mir, sie wohne noch nicht lange wieder in ihrer Wohnung. Über ein Jahr lang sei sie in einem Ricovero, einem Altersheim gewesen. Sie habe ihre Wohnung für ihre Enkelin freigemacht, damit diese, nach end- und erfolgloser Wohnungssuche endlich heiraten konnte. Ein gutes Jahr nach ihrer Hochzeit habe die Enkelin eine hübsche Wohnung gefunden und sei dann sofort zu ihr, zu ihrer Nonna gekommen: „Nonna, du kannst zurück in deine Wohnung!“ Die Enkelin komme sie mit ihrem Mann, einem „bravo Ragazzo“ (einem netten bzw. tüchtigen jungen Mann), oft besuchen, strahlte Elvira. Allein die italienischen Wörter für Großmutter und Großvater drücken Zärtlichkeit aus: Nonna und Nonno.

„Ich hatte noch nie eine solch große Armut gesehen wie in diesem Haus“

Als ich in Albano wohnte, fuhr ich meist mit Bus und Metro nach Rom. An der Haltestelle Cinecittà traf ich auf Pasquale, mit dem ich nach wenigen Minuten ins Gespräch kam – wie häufig mit den Menschen, die mit mir auf den Bus warteten. Er wohnte eine Ortschaft weiter als ich. Wir trafen einen Tag später wieder aufeinander. Zwei Tage später bestellte er mir „tanti saluti“ von seiner Mutter und ich solle doch mitkommen zum „Pranzo“, zum Mittagessen. Sie würde sich riesig freuen. Ich nahm die Einladung sofort an – alles andere wäre beleidigend gewesen – und fuhr mit nach Genzano. An der Haustür hieß mich eine herzliche und von meinem Besuch begeisterte Frau willkommen. Sie freue sich ja so, sie habe auch extra viel Spaghetti gemacht. Mit Tomatensoße. „Du isst doch Spaghetti?“ „Ma si Signora, aber ja, das ist mein Lieblingsessen.“ Ich hatte noch nie eine solch große Armut gesehen wie in diesem Haus. Aber auch noch nie eine solch wunderbare Gastfreundschaft erlebt, die Gastfreundschaft und Herzlichkeit einer Frau, die bitterarm war, die ich nicht einmal kannte, deren Sohn ich erst seit zwei Tagen und im Grunde nur flüchtig kannte. Weitere Bekanntschaften dieser Art sollten folgen, einige zu Freundschaften werden.

Daher trifft es mich auch sehr, dass Italien und seine Menschen von der gegenwärtigen Krise so furchtbar heimgesucht werden. Dass sie sich von ihren Lieben nicht einmal verabschieden können, dass sie nicht einmal trauern können. In Italien – dem Land, wo die Familie noch einen hohen Stellenwert einnimmt, in dem Land mit seiner großartigen Kunst und Kultur, mit seinen Farben und Düften, mit seiner Poesie und Musik, mit seinen lebensfrohen Menschen, die oft mit einem Lied den Tag oder auch das Ende eines Unheils begrüßen. Wie auf dem Campo de ’Fiori im Herzen von Rom, als ich bei meinem Einkauf von einem heftigen Unwetter überrascht wurde! Alle Marktstände wurden in Windeseile abgebaut, einige riss der Sturm mit. Als sich das Unwetter verzogen hatte und die ersten Sonnenstrahlen wieder aufschienen, schmetterte eine alte Marktfrau, während sie ihren Stand recht und schlecht wieder aufbaute, ein altes römisches Volkslied in den Himmel. „Vedi“, meinte sie, als sie mich sah, „il sole sta tornando“ (Sieh, die Sonne kommt zurück).

Ich wünsche Italien und seinen Bewohnern von ganzem Herzen, dass die Sonne wiederkehrt. In alle Bereiche ihres Lebens. Und mit mir wünschen dies meine italienbegeisterten Kursteilnehmer, die sehnsüchtig darauf warten, ihren Unterricht wieder aufzunehmen, die hoffen, auch bald wieder nach Italien reisen zu können.

Ja, ihr deutschen Politiker, eure Deutschen, zumindest ein Großteil von ihnen, liebt Italien, seine Menschen und seine Kultur. Ihr seid stolz auf technischen Fortschritt, auf Fortschritt in Medizin und Gesundheitswesen, der nicht zu verachten ist. Den auch viele bei uns lebende Italiener durchaus zu schätzen wissen.

Dennoch –die Deutschen und manch andere Europäer können von Italien einiges lernen, gerade betreffs der Solidarität.

„Chi può metta  chi non può prenda“ Napoli und die Solidarität

Die TV-Sendung Siamo noi bei TV2000, in der neben Ärzten, Journalisten u.a. regelmäßig auch Seelsorger gehört werden, bestach am 3.April mit einer Berichterstattung über eine einzigartige Aktionskette der Solidarität in Napoli, die in dieser schweren Zeit (neu?) geboren wurde. Bereits ohne Worte erhellte das Hintergrundfoto die Aktion: in einer neapolitanischen Gasse steht neben dem Eingang eines Hauses ein großer geflochtener Weidenkorb, gefüllt mit Lebensmitteln. Darüber sieht man ein Plakat, auf dem die Worte zu lesen sind: Chi può metta  chi non può prenda. Was so viel heißt wie: Wer kann, der gebe etwas (der lege etwas hinein), wer nichts geben kann, nehme sich etwas.

Die Worte gehen zurück auf den in Neapel einst beliebten und noch immer verehrten Arzt Giuseppe Moscati (1880-1927), der sich den Kranken und verarmten Menschen seiner Heimatstadt mit unendlicher Hingabe widmete, der viele Mittellose unentgeltlich, bis zur kompletten Aufgabe seines Vermögens behandelte. Papst Johannes Paul II. sprach ihn 1987 heilig.

Täglich werden die Körbe, die in den Gassen Neapels stehen, für die Mitmenschen, die nichts besitzen, die nicht einmal ein Essen bezahlen können, mit Lebensmitteln gefüllt, jeder, der kann, legt etwas hinein. Erweitert wird das „Hilfsprogramm“ lebensnah: man ruft am Fenster jemandem ein gutes Wort zu, Helfer kommen in die Häuser der alten Menschen, schauen nach ihnen, reden mit ihnen, kaufen für sie ein, bringen ihnen das Lebensnotwenige (natürlich mit „mascherina,“ mit Mundschutzmaske).

Die Aktion ist mit der Initiative des „carrello sospeso“ (aufgehobener Wagen) verknüpft, auch „carrello della solidarietà“ (Wagen der Solidarität) genannt: Gutverdiener, Bessergestellte, Engagierte der Kirche oder des sozialen Lebens oder einfach nur Menschen mit einem großen Herzen kaufen auf ihre Kosten für eine bedürftige Familie ein. Die Initiative knüpft ebenso an eine alte Tradition der Stadt am Fuße des Vesuvs an: an den „Caffè sospeso,“ den „aufgehobenen Kaffee,“ der seit Ende des 19. Jahrhunderts eine lokale Besonderheit der neapolitanischen Kultur darstellt. Mit dem Caffè sospeso erfreut man einen „povero o misero,“ einen Armen oder im Elend Lebenden. Außer dem eigenen Kaffee zahlt man einen weiteren, der dann vom Barista an einen Bedürftigen ausgeschenkt wird.

Und noch etwas vergessen die Neapolitaner über ihrer materiellen Not nicht: ihr Seelenbedürfnis und ihr Seelenheil. Jeden Abend kommt ein Geistlicher in die Stadtviertel, segnet es und spricht über „streaming“ ein Gebet.

Roberto, der vor einem Jahr seine Frau verlor und nun allein in seiner Wohnung lebt, teilte dem TV-Sender mit Blick auf seine Stadt mit: „Die Solidarität geht nicht in Quarantäne.“

Nachbemerkung

Wer des Italienischen mächtig ist, dem empfehle ich den wundervollen Film „L’amore che guarisce = Die Liebe, die heilt.“ Das Motto ist geradezu zutreffend für das Elend, das Italien heute heimsucht, das aber auch auf die mitfühlende Hilfe verweist. Der Film zeigt, in einer Überlänge von 3 Stunden und abrufbar über youtube, das Leben des Arztes und Wissenschaftlers Giuseppe Moscati, seine Aufopferung für die Kranken, seine liebevolle Zuwendung zu ihnen, die neuen Wege, die er in der Medizin beschreitet, aber auch seinen Humor und seine Frohnatur. Der Film bezaubert und informiert. Vor dem Zuschauer entsteht Napoli und seine Bevölkerung Ende des 19. sowie zu Beginn des 20. Jahrhunderts und das Neapel der 20iger Jahre, die Armut und das Elend, der Reichtum und die Eleganz, die Frömmigkeit und die Ausgelassenheit dieser vor Leben sprühenden Stadt. Der Film ist beseelt von typischen Charakteren Neapels und mit ausgezeichneten Schauspielern besetzt.