19Ein Gastbeitrag von Dr. Juliana Bauer

(DB) Vorbemerkung: Der folgende Beitrag ist eine Replik auf unseren Beitrag:

Schülerkreis von Papst Benedikt XVI. positioniert sich gegen Aufhebung des Zölibats

Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist: Wie wahr ist doch diese alte Volksweisheit! Doch stellt sich mir die Frage, ob die „Heißen Eisen“ nicht ganz schnell wieder erkalten, schneller bevor die viel beachtete und viel diskutierte „Amazonas-Synode“ im Vatikan zu Ende ist. Dass sie erkalten, bevor sie dingfest und nutzbar gemacht werden konnten. Die „heißen Eisen,“ wie die beiden Themen Frauendiakonat und Verheiratete Priester von Domradio Köln (8.Okt. 2019) bezeichnet wurden.

Insbesondere um das letztere Thema, um verheiratete Priester bzw. den Zölibat drehten sich in den vergangenen Wochen zahlreiche öffentliche Beiträge. Ja, ein Thema, das die Christen, vor allem die Katholiken bewegt. Solange ich denken kann. Und das nicht nur in dieser kurzen Zeitspanne einiger Jahrzehnte. Taucht man einmal in die jahrhundertealte Geschichte ein, wird man gewahr, dass die Frage um die Lebensform der Kleriker immer stark bewegte und beschäftigte und in der Heiligen Römischen Kirche beständig für Unruhe sorgte.

Der Zölibat. Mit Blick auf das Weihe-Amt des Priesters, eines sakralen Amtes, das diesen Christus in ganz besonderer Weise verbindet, setzen sich Theologen wie Laien immer wieder für die Ehelosigkeit als die einzig adäquate Lebensform für Priester ein. So z.B. der „Schülerkreis“ um Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI., der sich strikt „gegen die Aufhebung des Zölibats … positioniert“ (Philosophia Perennis, 7.Okt. 2019), da sich dieser u.a. von Jesus‘ ehelosem Lebensstand ableiten lasse und den Priester ihm ähnlich mache. Vom Lebensstand eines jungen Mannes, der mit gerade einmal 33 Jahren sterben musste!!! (auf seine Gott-Sohnschaft gehe ich an dieser Stelle nicht ein). Da in verschiedenen katholischen Beiträgen auffallender Weise die Verfechter dieser Lebensform bisher vermehrt zum Zug kamen, möchte ich an dieser Stelle den Verfechtern einmal gegensetzen.

Ich setze entgegen aufgrund

1. meiner Lebenserfahrung mit katholischen Priestern

wie ich sie sowohl in jüngeren Jahren in Freiburg und in Rom kannte, als auch in noch nicht allzu lange zurückliegender Zeit im Hohenloher Raum.

Sicher, ich kannte solche, die den Zölibat lebten. Die sich immer wieder neu damit auseinandersetzten und ihn letztlich als ihre angemessene Lebensform annahmen, zu der sie auch das Versprechen gaben. Ich kannte solche, die ihre Berufung begeistert aufnahmen.

Ich kannte aber auch solche – und das waren beileibe keine Einzelfälle –, die eine Freundin hatten, mit der sie auch schliefen. Manche sogar über Jahre hinweg oder auch – mit der sie schlichtweg zusammenblieben. Über ihre Pension hinaus und zeitweilig sogar ihr Pensionsgehalt dadurch gefährdeten. Dabei ist eine Sache erwähnenswert: Es waren häufig Priester, die ebenso engagierte und begeisterte Seelsorger waren und von ihrer Gemeinde, die in der Regel um die Beziehung ihres Pfarrers wusste, geliebt wurden. Trotz alledem. Manchmal auch deshalb?

(Kardinal Müller, Rom, ein überzeugter Verfechter des priesterlichen Zölibats, stellte in einem Interview fest, dass der „Zölibat in Deutschland … keine gesellschaftliche Akzeptanz“ mehr habe, Kath Net 29.Juli 2019, wobei ich hier gerne ergänzen möchte „bei der Mehrheit der Gläubigen“).

Ich stelle den Lesern nun den ganz konkreten Fall eines Priesters vor, den ich kannte. Er war eine Weile Vikar in meiner Heimatgemeinde.

An einem weiteren Wirkungsort lernte er eine Frau kennen, beide verliebten sich ineinander. Er ging ihr aus dem Weg und bat beim Ordinariat in Freiburg i. Br. um Versetzung. Seiner Bitte wurde umgehend entsprochen. Er hatte nach seiner Versetzung keinerlei Kontakt mehr mit dieser Frau.

Zwei Jahre später begegnete er ihr unvorhergesehen auf einer Tagung. Und wie es dann eben kam … die Liebe war noch da … Er wandte sich erneut an das Ordinariat in Freiburg und bat um ein Gespräch. Die Antwort war für ihn „ernüchternd, sehr enttäuschend“ und sie machte ihn auch   „wütend.“ Sein Gesprächspartner, einer der damaligen Domherren, bedeutete ihm, er solle sich keine Probleme machen und die Frau als Haushälterin zu sich nehmen …! Voller Enttäuschung rief er ein paar Tage später in der badischen Landeskirchenstelle in Karlsruhe an und bat um einen Termin mit dem damaligen Landesbischof. Nach einem langen Gespräch mit ihm stand die Entscheidung dieses katholischen Priesters: er wurde evangelischer Pfarrer, ein sehr engagierter Pfarrer, heiratete die Frau seines Herzens, wurde mehrfacher Vater – und ist bis heute ein glücklicher Mensch.

Hier greift nun das Wort des Apostels Paulus zur Frage von Ehe und Ehelosigkeit – von Paulus, der ja so gern von den Kirchenoberen in jeder Lage zitiert wird, insbesondere dann, wenn er Worte äußert, die ihnen ins Konzept passen –: „Wenn sie (die Gläubigen wie auch jene, die ein geistliches Amt innehaben) aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren“ (1 Kor.7,9).

2. Setze ich aufgrund biblischer Fakten entgegen.

Aus diesen will ich einige herausgreifen, den Verfechtern des Pflichtzölibats vergleichbar, die ebenso auf biblische Worte zurückgreifen, welche ihre Sicht untermauern bzw. als Grundlage dafür dienen.

In den Evangelien selbst sind nur spärliche Hinweise zu finden, die sich auf eine ehelose Lebensform der (späteren) Priester beziehen lassen. Im Zusammenhang mit dem Thema Ehe und Ehescheidung sprach Jesus die Ehelosigkeit an, so von Matthäus überliefert: „Es gibt Ehelose, die vom Mutterleib so geboren werden, es gibt Ehelose, die von Menschen dazu gemacht werden, es gibt Ehelose, die sich selbst dazu gemacht haben und es gibt Ehelose um des Himmelreiches willen. Wer es fassen kann, der fasse es (Mt 19, 11-12).“ Nun denn. Ich sehe hier keine Anweisung oder gar ein Gebot! Natürlich wird diese Aussage Jesu sinnvoller Weise im Kontext der weiter unten folgenden Verse gesehen: „Und Petrus sagte …Siehe wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was wird uns dafür zuteil? … Und jeder, der Häuser oder Äcker, Bruder oder Schwester, Vater oder Mutter, Frau oder Kinder um meines Namens willen verlässt, wird es hundertfach zurückerlangen und das ewige Leben erben (Mt 19, 27-29).“

Ein modernes, vielfach in Taizé gesungenes Lied drückt diesen Anspruch Jesu an seine Jünger und damit an alle seine Anhänger in schlichten Worten aus: „Suchet zuerst Gottes Reich für diese Welt…“, Gottes Reich, dem sich alles andere unterzuordnen hat. Es bleibt die Tatsache, dass die engsten Freunde und Jünger Jesu, die späteren Apostel, in seiner Erdenzeit alles verließen: Beruf, Haus, Familie, um mit ihm zu gehen. Dennoch findet sich durchaus auch ein Bericht, wie dieser, dass Jesus in das Haus von Petrus kam und seine Schwiegermutter, die krank darniederlag, heilte (Mt 8. 14, 15). Was zeigt, dass Petrus offensichtlich in sein Haus und zu seiner Familie zurückkehrte, wenn er am Ort oder in der Gegend war.

Interessant ist bezüglich der gesamten Fragestellung auch ein Satz von Paulus, den er in seinem ersten Brief an die Korinther schreibt: „Haben wir nicht das Recht, von einer Frau (auf den Reisen) begleitet zu werden wie die übrigen Apostel und die Brüder des Herrn und wie Kephas (=Petrus) (1.Kor. 9, 5)?“ Eines der Zeugnisse des großen Völkerapostels, das mir lange nicht bekannt war, das vielen Gläubigen ebenso unbekannt war. Die Apostel nahmen also ihre Frauen mit.

Ich höre schon den Widerspruch der Zölibatsverfechter, kann ihn fast mit Händen greifen. Das waren doch sicher nur Schwestern im Glauben!? Doch findet sich offenbar im griechischen Urtext die Bezeichnung gynaika für diese Frauen, Gynaika, was gleichbedeutend mit Ehefrau, Gattin ist und in der Erstübersetzung der Vulgata des Kirchenlehrers Hieronymus (347 -420) mit uxor (lat.) = Ehefrau, Gemahlin übersetzt wurde.

Ich stelle mir im Gesamtzusammenhang der obig zitierten Texte nun die Frage, inwieweit die Anordnung von Päpsten des Mittelalters, alle Priester der zölibatären Lebensweise zu verpflichten, in den folgenden Jahrhunderten nicht allein „Ehelose um des Himmelreiches willen“, sondern auch „Ehelose, die von Menschen dazu gemacht wurden“, hervorbrachte.

Sehen wir uns aber noch weitere Textstellen von Paulus an. Er widmet sich insbesondere in Kapitel 7 seines ersten Korintherbriefes dem Thema Ehe – Ehescheidung – Ehelosigkeit. Im Gegensatz zur Unauflöslichkeit der Ehe, die auch er, mit Blick auf die Weisung Jesu, unmissverständlich vertritt, betont er hinsichtlich der Ehelosigkeit: „Nun habe ich keinen Befehl vom Herrn …“ (1.Kor. 7, 25) und weist in einem weiteren diesbezüglichen Kontext eindeutig auf die „Gnadengabe“ hin, die jeder von Gott empfange (1.Kor. 7, 7)., ohne auch nur einmal diejenigen, die im besonderen Dienst für Gott stehen, zur Ehelosigkeit zu verpflichten. Im Gegenteil – für einen Gemeindevorsteher (die im Lauf der kirchlichen Entwicklung Presbyter=Priester und Bischöfe wurden) sei entscheidend, dass er der Mann einer Frau ist, maßvoll, ordentlich, gastfreundlich, lehrfähig, nicht gewalttätig, seiner Frau treu … Dass er seiner Familie gut vorsteht … „Denn wie kann er sonst die Gemeinde Gottes leiten, wenn er seiner Familie nicht vorstehen kann?“  (1. Timotheus 3)

In einer unverblümten Offenheit spricht er das sexuelle Eheleben an: „Der Mann soll seiner Frau das geben, was ihr zusteht, und genauso die Frau ihrem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren eigenen Körper, sondern ihr Mann. Genauso verfügt auch der Mann nicht über seinen eigenen Körper, sondern seine Frau. Entzieht euch einander nicht, außer mit gegenseitiger Einwilligung für eine festgelegte Zeit, damit ihr dem Gebet Zeit widmen und dann wieder zusammenkommen könnt…“ (1.Kor. 7, 3-5) – letzteres wäre gerade für die Priesterschaft eine angemessene Empfehlung.

Vor dem Hintergrund dieser eindeutigen biblischen Aussagen dürfte es keinerlei Probleme mit verheirateten Gottesmännern geben. Auch nicht mit solchen, die erst als Priester (und als Diakone) heiraten. „Viri probati“ d.h. bereits Verheiratete, wie sie es bei den Diakonen schon gibt, bleiben, um es einmal im Volksmund auszudrücken, „kalter Kaffee.“ Diese Lösung führt m.E. am Grundproblem vorbei und wird immer wieder bei unverheirateten Priestern dazu führen, dass sie sich eine Freundin nehmen.

Eine Posse innerhalb dieses umfassenden, ernsten Themas stellt die Aussage im neuen Interview dar, das La Repubblica mit Kardinal Müller führte (katholisches info 11.10.19). Dieser verlangt doch tatsächlich von den, von ihm vehement abgelehnten Viri probati – sollte die synodale Entscheidung zu ihren Gunsten fallen – dass diese als Priester in ihrer Ehe enthaltsam zu leben hätten. Ein eklatanter Verstoß gegen die Heilige Schrift! Die frühe Kirche habe, laut Müller, diese Praktik gelebt (die Forderung zu dieser Praktik, mit Drohungen verbunden, ist mir bekannt, s.u., historische Entwicklung). Wobei ich hier auch die Definition frühe Kirche hinterfragen möchte.

Ein Widerspruch zu dieser Forderung besteht vor allem in der Auffassung zur Ehe, welche die katholische Kirche, gerade an biblischen Texten orientiert, lehrt: die Ehe ist ein Sakrament, d.h. eine Gabe Gottes und eine in Gott geheiligte Verbindung von Mann und Frau.

Damit bin ich 3. beim letzten Punkt angelangt, mit dem ich aus historischer Sicht den Zölibatsverfechtern entgegensetze.

Die Ehelosigkeit gibt es als Gebot für Priester seit nunmehr fast 900 Jahren. Zuvor aber gab es sie, seit dem 2. Jh. vermehrt, als sehr geschätzte und empfohlene Lebensform, eine Empfehlung, an der nichts, aber auch gar nichts auszusetzen ist. Es gab auch darüber, insbesondere seit dem 4. Jh., immer wieder heftige Auseinandersetzungen bei der höheren Geistlichkeit und permanente Versuche von Seiten der Päpste, die verpflichtende Form zu etablieren. Im Mittelpunkt, um den die Diskussionen kreisten, stand das Thema der ehelichen Sexualität.

Einige interessante und aufschlussreiche Ansatzpunkte seien hier daher herausgegriffen.

Das Konzil im spanischen Elvira verordnete im Jahr 306 in einem Dekret (Nr.43), dass Geistliche, die die Nacht vor der Hl. Messe mit ihrer Frau verbringen, ihres Amtes enthoben würden. Im Jahr 385 verbot Papst Siricius den Priestern den Beischlaf mit ihrer Frau, während das 2. Konzil von Tours 177 Jahre später den Geistlichen, die mit ihrer Frau im Bett gesehen würden, die Exkommunikation sowie für ein Jahr lang die Erniedrigung auf den weltlichen Stand androhte. Dennoch seien im Frankreich des 7.Jahrhunderts immer noch die Mehrheit der Geistlichen verheiratet gewesen. Interessant ist in diesem Kontext ebenso, dass der hl. Bonifatius (8.Jh.) dem Papst berichtet habe, dass es in deutschen Landen fast keinen unverheirateten Priester oder Bischof gebe.

Im 12. Jh. zog sich die Schlinge um die verheirateten Priester zu. Nachdem schon Papst Calixtus II. im I. Laterankonzil 1123 Priesterehen für ungültig erklären ließ, erließ Papst Innocenz II. beim II. Laterankonzil 1139 die Anordnung zur Zölibatspflicht für alle Kleriker höherer Weihen. In Kanon 7 erklärt er die „Kleriker-Weihen zu einem trennenden Ehehindernis“ und den Zölibat für verbindlich mit der Begründung des „ungeteilten Herzens … um des Himmelreiches willen.“ Die Verfügung seines Vorgängers betreffs der Kleriker-Ehen bekräftigte er: sie blieben ab jenem Zeitpunkt definitiv ungültig, die Frauen der Priester galten von da an als „Konkubinen.“

Wenn wir nun in das 13. Jh. blicken, so können wir lesen, dass im Jahr 1215 das IV. Laterankonzil unter Papst Innocenz III. stattfand (Denzler, Georg: Der Zölibat der Priester zur Zeit Papst Innocenz‘ III., … Città del Vaticano …, s.u.). Unter anderen Themen war auch der Zölibat Gegenstand der Reden. Der Papst, der mit aller Entschiedenheit an der Zölibatsverpflichtung für die Kleriker höherer Weihen festhielt, warnte die mehr als 400 anwesenden Bischöfe bereits in seinen Begrüßungsworten „vor der Begierde nach der Frau.“ An dieser Stelle fällt mir ein Satz Walters von der Vogelweide (1170-1230) ein, eines der bekanntesten Minnesänger jener Zeit, den dieser bei der Wahl von Innocenz III., wenn auch nicht den Zölibat im Blick, ausrief: „Owê, … hilf, hêrre, dîner cristenheit.“

Die Konzilsväter warnten die Priester, sich „vor sexuellen Ausschweifungen zu hüten …“, „…damit sie vor dem Angesicht … Gottes mit lauterem Herzen und reinem Leibe dienen können“ und drohten mit rigoroser Bestrafung der Kleriker, die „nachweislich dem Laster der Un-Enthaltsamkeit verfallen“ sind (Reformkanones, Kanon 14). Sie waren der Überzeugung, mit entsprechenden Strafmaßnahmen ihren Forderungen zum Erfolg zu verhelfen, was jedoch, wie wir sehen werden, zahlreiche Geistliche offenbar nicht interessierte.

Quellen dokumentieren Berichte von Theologen jener Jahrzehnte, die ein massives Auseinanderklaffen von Ideal, Vorschrift und Realität aufzeigen. So spricht der bretonische Adlige Pierre von Blois (1130-1211), Theologe und u.a. in Diensten des Erzbischofs von Canterbury, in Predigten das „große Ärgernis erregende Leben vieler Geistlicher“ an, die „mit ihren Frauen im Vorraum der Kirche liegen“ und suchte es mit Eifer zu bessern.

Kleine Anmerkung am Rande: wie dezent und gesittet ist doch das Verhalten Geistlicher heutiger Tage, wenn sie mit einer Frau leben, gegenüber eines solch ungezügelten, wollüstigen Temperaments im sinnenfreudigen Mittelalter.

Der Prediger und Geschichtsschreiber Jacques von Vitry (1170-1240), u.a. Kardinalbischof von Tusculum, berichtet in seiner Historia Occidentalis von Bordellbesuchen von Klerikern, bezeugt, dass sich viele des Pariser Klerus‘, den er bei mehreren dortigen Besuchen näher kennen lernte, sich eine oder gar mehrere Konkubinen hielten. Doch auch die römische Kurie lässt er nicht ungeschoren, nennt sie „ein Haus der Korruption und der Simonie.“

Von Eudes Rigaud, von 1248-69 Erzbischof von Rouen, sind Aufzeichnungen seiner Visitationen in Pfarrgemeinden überliefert – Aufzeichnungen, die eine eindeutige Sprache jener Epoche sprechen: viele Landpfarrer hatten eine oder mehrere Konkubinen, in einigen Provinzen des Bistums hatte die Mehrheit der Priester eine legitime Ehefrau, die von ihnen gezeugten Kinder lebten mit im Pfarrhaus – wie man sieht, um es süffisant zu bemerken, die Vorwegnahme des evangelischen Pfarrhauses. Hier wird eine grundlegende Situation beschrieben, wie ich sie aus archivalischen Berichten über Pfarrhäuser in Hohenlohe-Franken um die Reformationszeit, also nahezu 300 Jahre später, kenne. Dort konnten die Geistlichen schließlich, die sich mehrheitlich der Reformation und ihrer „reinen evangelischen Lehre“ anschlossen, ihre Verbindung legalisieren, was sie dann auch taten und „ihre Maid,“ wie es in einer Chronik heißt, heirateten.

Das mag als kurzer Überblick über eine bestimmte historische Zeitspanne genügen. Daraus ist unschwer zu erkennen, dass insbesondere Angst und Fehlinterpretationen der Sexualität das Hauptmotiv des verpflichtenden Zölibats waren. Und es noch heute teilweise sind (Kardinal Müller, s.o.). Führen wir den Bogen weiter in unsere moderne Zeit und zum Erfahrungsbereich meiner bisherigen Lebensjahre zurück, so ist ebenso unschwer zu erkennen, dass die Menschen im Grunde ihres Wesens blieben, wie sie nun einmal sind. Und wie sie Gott schuf. Mit Geist, Seele und Leib. „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut… Durch das Wort Gottes und das Gebet ist alles rein, nichts kann uns da von Gott trennen,“ so der hl. Paulus (1 Timotheus 4, 4-5).

Ja, wir sind wieder bei der Bibel angelangt. Welcher die unlängst geäußerten Worte von Papst Franziskus hinsichtlich des „heißen“ Themas eine schmackhafte Würze verleihen: „die Sexualität, der Sex … sind ein Geschenk Gottes …“ „der zwei Bestimmungen hat: sich zu lieben und Leben zu zeugen“ Und Sexualität habe mit „leidenschaftlicher Liebe“ zu tun. „Wahre Liebe ist leidenschaftlich“ (katholisch.de, 26.09.2019).

Möge Papst Franziskus das auch seinen Klerikern in freier Entscheidung zugestehen. Möge er ihnen zugestehen, in eine leidenschaftliche Liebe zu Gott und zu Christus auch jene zu einer geliebten Frau mit hineinzunehmen.

Zur zitierten historischen Quelle: Denzler, Georg: Der Zölibat der Priester zur Zeit Papst Innocenz‘ III., in: Proceeding oft the Eleventh International Congress of the Medieval Canon Law, Catania 30.07.-06.08.2000, Monumenta Juris Canonici…, Vol.12, Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana 2006.

Zu Innocenz III. ist unabhängig der Zölibatsfrage zu ergänzen, dass er ein exzellenter Theologe war und sich auch für Benachteiligte und Minderheiten einsetzte. So stellte er z.B. die Juden unter seinen besonderen Schutz.

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Die Autorin über sich: ich bin keine Theologin, sondern Kunst- und Kulturhistorikerin, aber eine, die mit der Bibel von Kindheit an vertraut ist und den Worten eines meiner Lehrer, eines ehemaligen Ordinarius des kunsthistorischen Instituts der Universität Freiburg/Br. Rechnung trägt: „Ein Kunsthistoriker des Abendlandes muss bibelfest sein.“ Auch bin ich, in einem ökumenischen Haus aufgewachsen, mit der katholischen wie der evangelischen Kirche gleichermaßen vertraut.


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