Am 13. Oktober finden in Polen die Parlamentswahlen statt. Alles deutet darauf hin, dass die regierende PIS an der Macht bleibt. Die unter dem Banner der bürgerlichen Koalition agierende Opposition versucht dennoch mit dem neuen Thema „Diskriminierung der LGTB-Bewegung“ Boden gut zu machen. Warum die Brüssel-treuen, „europäischen Werteverteidiger“ diesen Kulturkampf und die Wahlen wohl dennoch nicht gewinnen werden, darüber unten einige Überlegungen des Verfassers der gerade den Urlaub in seiner alten ostpreußischen Heimat beendet hat. Ein Gastbeitrag von Dr. Viktor Heese

(Achtung: Replik von David Berger am Ende des Beitrags)

„Kulturkampf“ wegen LGBT-Diskriminierung wird (auch) zum Wahlthema

Die „Werteverletzungen“ (Migrationsabsage, Pressediskriminierung, Justizreform, Urwaldrodung in Białowieża) wechseln seit PIS-Wahlsieg in 2015 ständig. Weil sie alle erfolglos waren, sprang die Opposition zuletzt auf das Thema kirchliche Pädophilie auf und inszeniert nun eine Kampagne gegen die angebliche Diskriminierung der LGBT-Bewegung.  Die auch vom Westen gesteuerten Proteste richten sich primär gegen die katholische Kirche, der Rassismus, Rückständigkeit, Einflussnahme und Scheinheiligkeit vorgeworfen wird.

Wer die Kirche angreift, attackiert de facto die PIS. Bei den Gläubigen ist viel Wählerpotential zu gewinnen. Während sich die polnische Provinz in den Händen des Regierungslagers befindet, hat die „europäische“ Opposition ihre wenigen Hochburgen in einigen bekannten Großstädten.

Sexual- statt Religionsunterricht?

Nach den Kommunalwahlsiegen in Danzig und Warschau ordneten die neuen Bürgermeister Trzaskowski und Dulkiewicz z.B. anstelle des Religions- den Sexualunterricht an. So etwas riecht nach starker Brüssel-Berlin-Hörigkeit. Die Konfrontation mit der Warschauer Zentralregierung wird darüber hinaus bewusst gesucht, auch polnische Nationaldenkmäler werden (Jasna Gora/Tschenstochau, Westerplatte) davon nicht verschont.

Gelegentlich bleibt es nicht bei Debatten und verbalem Streit. Die konkurrierenden Aufmärsche für Gleichheit (Opposition) und Familie (vor allem Katholiken) sind ohne Polizeischutz nicht mehr möglich. In Bialystok gab es vor einem Monat die ersten tätlichen Auseinandersetzungen. Angeblich schwer verletzte LGTB-Anhänger – oft mit Bussen angereist – waren jedoch auf Anfrage in den städtischen Krankenhäusern nicht auszumachen. Der Staat hält sich dabei heraus und lässt sich nicht provozieren – Vorwürfe über Polizeigewalt gelingt es „Werteaktivisten“ nicht zu belegen, sehr wohl gegen ihre angebliche Passivität.*

Erzbischof bezeichnet LGBT-Aktivisten als „Regenbogen-Pest“

Gerade läuft in den westlich beherrschten Medien – daher streben Polen ebenfalls eine „Renationalisierung“ der Medien an – eine Großkampagne gegen den konservativen Erzbischof von Krakau Jędraszewski, der die LGBT-Aktivisten als „Regenbogen-Pest“ – die „rote Pest“ im Kommunismus sei weniger gefährlich gewesen – bezeichnete. Es kam sofort zur Frontenbildung. Auch die osteuropäische Kirche zeigte sich solidarisch.

Andererseits stoßen die finanzpotenten Meinungsdiktatoren mitsamt ihrer TV-Kanäle auf Gegenwehr der öffentlich-rechtlichen TVP und der wenigen Print-Magazine, die mit heimischem Kapital wirtschaftlich gerade über die Runden kommen. Storys über polnischen Faschismus, Rassismus und Nationalismus gehören in den „proeuropäischen“ Medien (Gazeta Wyborcza usw.) zur Tagesordnung. Polen lebt damit. Es gelingt dem Meinungskartell nicht die Nation nicht umzupolen.

Der moralische Imperativ Deutschlands kann gefährlich werden

Das Merkelsche Deutschland ist bei diesen Auseinandersetzungen keinesfalls nur neutraler Zaungast. Nicht nur die polnischen „Pro-Europäer“ erfahren Unterstützung von den Medien (Deutschlandfunk & Co.), es werden auch Geld und Emissäre zu Demos ins Nachbarland geschickt (Feststellungen der polnischen Polizei bei Personenkontrollen).

Das sehen viele Polen kritisch, die heute Deutschland weder militärisch (die Bundeswehr wird als „Papiertiger“ bezeichnet) noch wirtschaftlich (Rezession in Deutschland, Wirtschaftsboom in Polen mit über 4% jährlich), sondern als unbelehrbaren moralischen „Unruhestifter“ fürchten.

Was wenn sich jetzt Tausende indoktrinierter Werteverteidiger an gewöhnlichen Arbeitstagen, wo normale Polen arbeiten müssen, auf dem Weg ins Nachbarland machen? Auch Zusammenstöße mit echten polnischen Nationalisten (narodowcy) wären dann nicht auszuschließen.

Katholisches Nachrichtenportal will „Zentren der deutschen Dummheit“ bombardieren

Eins ist nicht nur den Polen klar: die sturen Deutschen kennen weder Vernunft noch Mäßigung und fahren den Karren an die Wand, egal was es koste! Schon vor drei Jahren sprach ein Publizist auf dem einem katholischen Portal im Stil des bitteren schwarzen Humors folgende Befürchtung aus:

„Die Deutschen, die seit 70 Jahren nicht mehr bombardiert wurden, stürzen Europa ins neue Unglück. … Es spielt keine Rolle, dass es dieses Mal (angeblich) aus Barmherzigkeit geschieht. Denn Druck, Drohungen und Erpressung haben mit Barmherzigkeit nicht zu tun. Sie sind nur dazu da, damit die Deutschen mit ihrem „Glück“ andere bereichern können, die das nicht wollen… Ja, man sollte die größten Zentren der deutschen Dummheit, sprich der Macht, bombardieren, das Land in 27 Besatzungszonen einteilen und wir alle hätten Ruhe, Harmonie, Entwicklung und Wohlstand. Stattdessen erleben wir blutige Attentate, Vergewaltigungen, Überfälle und Rechtslosigkeit.“

Versöhnende Impressionen aus dem Heimaturlaub im ehemaligen Ostpreußen

Die „normalen“ Deutschen sind dagegen in Polen gerne gesehen und wohl auch als Nicht-Aktivisten erkannt. Keine Bange, es geht nicht um die Paar Euros, die sie mitbringen. Polen hat wirtschaftlich seit der Einführung des Kapitalismus massiv aufgeholt. Wenn es so weitergeht, wird es Deutschland innerhalb einer Generation einholen. Was hätte dazu nur der Alte Fritz (Preußens König 1740-1786) gesagt, der den Begriff „polnische Wirtschaft“ kreiert hatte?

Auch ich heiße ich Sie in meinem Ferienhaus in Siemiany ein (früher Schwalgendorf bei Deutsch Eylau in Ostpreußen) willkommen. Sehenswürdigkeiten zur deutschen Vergangenheit gibt es in der Nähe mehr als genug. So sieht die Marienburg – vor siebenhundert Jahren die Hochburg des Deutschen Ordens – noch heute genauso aus wie in einem alten Film von 1943.

Dr. Viktor Heese – Finanzanalyst und Fachbuchautor; www.prawda24.com, www.finanzer.eu

Replik zu dem Artikel Heeses

*) Ich – auch etwas vertraut mit Polen (ich habe in Lublin habilitiert) – sehe die Lage für LGBTs in Polen deutlich problematischer als der Autor. Da scheinen mir sogar die polnischen Bischöfe zuzustimmen, die m.E. durch den Artikel in ein schiefes Licht gerückt werden (David Berger):

Katholische Bischöfe Polens verurteilen Angriffe auf Homosexuellen-Demo