(Matthias Rahrbach) Ihnen ist die „Chemie“ nicht geheuer? Prof. Kutschera klärt Sie darüber auf, dass rund 40% des lebensnotwendigen Stickstoffs in Ihrem Körper Industriestickstoff ist. Ohne das Haber-Bosch-Verfahren, mit dessen Hilfe Stickstoffdünger hergestellt werden, könnten gar nicht so viele Menschen auf der Erde leben, sie verdanken somit der „bösen“ Chemie ihre Existenz.

Vor ein paar Jahren beim Einkauf im Supermarkt: Ich stand gerade an einem Feinkostregal neben einer Frau. Sie nahm sich mehrfach hintereinander einen Kartoffelsalat aus dem Regal, guckte kurz auf die Zutatenliste und stellte das Produkt stets mit den Worten „Igitt!“ oder „Bäh“ zurück. „Wieso ‚igitt‘?“, fragte ich sie. „Schmeckt doch gut, den hatte ich auch letzte Woche!“ Sie zeigte mir die aufgelisteten Zutaten auf der Packung. Eine Substanz behagte ihr überhaupt nicht: Natriumhydrogencarbonat.

Daraufhin sagte ich ihr, dass diese Substanz von Natur aus in ihrem Körper vorkommt, wenn auch in ionisierter Form, also in Form von Natrium- und Hydrogencarbonat-Ionen, und dass sie ohne sie gar nicht leben könnte. Sie reagierte freundlich und schien an meinen kurzen Ausführungen dazu recht interessiert zu sein. Das „böse“ Natriumhydrogencarbonat kommt übrigens in jedem Mineralwasser vor, im Backpulver und von Natur aus in mindestens vielen, wenn nicht allen Nahrungsmitteln.

Warum erzähle ich nun davon? Weil mir in meinem näheren Umfeld ähnliche Vorstellungen immer wieder begegnen, die häufig auf Uninformiertheit und auf falschen oder falsch verstandenen Meldungen aus den Medien basieren.

Da wird zwischen „künstlichem“ und „natürlichem“ Vitamin C unterschieden, obwohl sich beides chemisch voneinander nicht unterscheidet. Da werden lactosefreie und glutenfreie Produkte mehrheitlich von Menschen gekauft, die diese Substanzen problemlos vertragen, die aber z.B. in einer Fernsehzeitschrift einmal etwas über diesbezügliche Unverträglichkeiten gelesen haben und nun glauben, sie müssten diese Stoffe meiden. Da wird die Kaffeemaschine nicht mit einem Reinigungsmittel, sondern mit Essig entkalkt, weil ersteres, obwohl vergleichbar ungiftig, „Chemie“ sei. Da wird die Gentechnik auf dem Acker ebenso mit dem Hinweis darauf, dies sei „alles nur noch Chemie“ abgelehnt, da wird CO2 mit dem Ozonloch (!) in Verbindung gebracht oder als „giftig für Bäume“ (!) bezeichnet. Es gibt viele solcher Beispiele für Fehlvorstellungen, die wir auf dem Gebiet haben. In Fernsehzeitschriften stehen oft Artikel über gesunde Ernährung, die teils fehlerhaft, teils irreführend sind. „Chemie“ ist „böse“ und „unnatürlich“, und alles, was natürlich ist, ist zugleich gut – so einfach ist das für viele Menschen.

So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass damals, während meiner Studienzeit, der Asta der Uni Gießen einst eine „Mahnwache“ abhielt, weil dort im Freiland mit transgenen Pflanzen experimentiert wurde. Der Begriff „Mahnwache“ klingt so, als hätte es dort z.B. eine Massenerschießung im Zweiten Weltkrieg gegeben.

Was ich bei dem Thema „Gentechnik“ schon alles gehört und gelesen habe, zeugt größtenteils von Angst und von Vorbehalten. Gentechnik auf dem Teller oder Acker? Um Gottes willen! Das ist doch schließlich alles böse „Chemie“, „unnatürlich“ und stammt aus den Laboren irgendwelcher der Wirklichkeit entrückter Freaks, die in Frankenstein-Manier für die wirtschaftlichen Interessen irgendwelcher dubiosen Saatgut- oder Chemiekonzerne Monster heranzüchten und dafür gewissenlos erhebliche Risiken für Leib und Leben der Bevölkerung und für die Natur in Kauf nehmen. Meist lehnen Menschen das ohne nähere Begründung pauschal ab mit dem Hinweis darauf, dass der Mensch auf diese Weise Gott spiele, der Natur ins Handwerk pfusche bzw. sich an der Schöpfung vergehe. Sogar Vergleiche mit der Atomkraft werden dann auch noch herangezogen.

Gentechnik sehe ich nicht als Allheilmittel an, aber dass sie nur als Risiko und nicht als Chance wahrgenommen wird, finde ich unangemessen. Herr Prof. Kutschera rehabilitiert sie in seinem neuen pflanzenphysiologischen Lehrbuch, was aus meiner Sicht überfällig ist.

Er beschreibt in seinem Buch unter anderem, dass „Goldener Reis“, eine genmanipulierte Reissorte, die anders als normaler Reis Vitamin A enthält, eine große Zahl an Menschenleben vor dem qualvollen Verfall und Tod durch Vitamin-A-Mangel rettet, und das, ohne dabei ein kommerzielles Produkt zu sein. Es ist kaum zu glauben, dass Umweltaktivisten selbst diese Art der Lebensrettung in der Vergangenheit aus ideologischen Gründen lange ablehnten.

Ebenfalls räumt Herr Prof. Kutschera mit der Vorstellung auf, dass nicht genmanipulierte, aber dennoch hochgezüchtete Nutzpflanzen heute noch im Gegensatz zu transgenen Pflanzen „natürliche“ Produkte seien.

Apropos natürliche Produkte: Haben Sie schon mal eine Süßkartoffel gegessen? Ich frage deshalb, weil Süßkartoffeln von Natur aus „transgen“ sind, d.h. sie enthalten auch Gene, die es über einen sog. Ti-Plasmid in die Pflanze geschafft haben, wie bei einer genmanipulierten Pflanze.

Ihnen ist die „Chemie“ nicht geheuer? Prof. Kutschera klärt Sie darüber auf, dass rund 40% des lebensnotwendigen Stickstoffs in Ihrem Körper Industriestickstoff ist. Ohne das Haber-Bosch-Verfahren, mit dessen Hilfe Stickstoffdünger hergestellt werden, könnten gar nicht so viele Menschen auf der Erde leben, sie verdanken somit der „bösen“ Chemie ihre Existenz.

Nun zum Klimaschutz: Dieses heiße Eisen, bei dem zurzeit die Emotionen hochschlagen und sich die Menschen gegenseitig in „Gläubige“ und „Ungläubige“ (bzw. Ketzer, Leugner, Sünder) einteilen, packt er auch an, und zwar angenehm unaufgeregt und mit interessanten Vorschlägen zur Sache. Wer sich z.B. über den Kohlenstoffkreislauf, über Kohlendioxidsenken oder über potentielle Durchbrüche in der kohlenstofffreien Energiegewinnung durch denkbare Bio-Solarzellen auf Basis des Photosystems II und den diesbezüglichen fachlichen Hintergrund informieren möchte, kann das hier tun. Sie werden erkennen, dass gerade das Thema CO2-Senken selbst jetzt, wo der Klimaschutz in aller Munde ist, gemessen am Potential zur Reduktion des Kohlendioxids in der Atmosphäre völlig vernachlässigt wird.

Deshalb sei dieses Buch auch z.B. politisch interessierten oder aktiven Menschen, gerade Entscheidungsträgern in der Politik empfohlen, die mit diesen „grünen“ Themen zu tun haben, aber generell allen, die sich für das Thema „Klimaschutz“ interessieren. Know-how ist besser, als den Nachbarn für seinen ach so „klimaschädlichen“ Hund zur Rede zu stellen oder Panik wegen dem angeblich drohenden „Point of no return“ mitsamt nachfolgendem „Weltuntergang“ zu bekommen.

Insbesondere dürfte dieses Fachbuch Biologiestudenten, Biologen und Studenten bzw. Absolventen anderer biowissenschaftlicher Studiengänge sowie Biologielehrern umfassende Orientierung in Sachen Pflanzenphysiologie geben, zumal auch die Geschichte der Pflanzenphysiologie nicht zu kurz kommt. Es ist sehr gut erklärt, interessant und für ein Fachbuch dieser Art recht angenehm zu lesen. Doch in einer Zeit, in der biologische Themen immer mehr zu Glaubensfragen geworden sind, sind solche Bücher generell sehr wertvoll, beileibe nicht nur für Profis und solche, die es werden wollen.

Kutschera, U. ( 2019): Physiologie der Pflanzen. Sensible Gewächse in Aktion. 712 S.,316 Abb., 3 LIT-Verlag, Berlin, geb., 59,90 €; hier zu finden: AMAZON