(David Berger) Als der seit vielen Jahren aktive und weit über die Grenzen seiner Heimatstadt Köln hinaus bekannte Islamkritiker Ali Utlu vor einigen Wochen auf Facebook und Twitter seinen Rückzug ins Privatleben ankündigte, war das Entsetzten groß. Ich habe ihn gestern in Köln getroffen und wir haben einen Abend lang – bei Burgern und Kölsch im „Marx und Engels“ – intensive Gespräche geführt. 

Die Ankündigung des Rückzugs aus der Öffentlichkeit kam für viele unerwartet und als sie die Gründe hörten, war es ein heilsamer Schock. Und Ali Utlu hatte in der Tat handfeste Gründe, die ihn zu diesem Schritt motivierten.

„Rassist“, „Nazi“, „homophob“, „unzüchtig“, „linksgrün versifft“, „Abtrünniger“

Auf seinem Facebookprofil schrieb er am 27. Juni:

„Es ist wohl vorbei. Ich werde mich wahrscheinlich komplett ins Privatleben zurückziehen. 2012 wurde ich bekannt, weil ich in den Medien den Kampf gegen die Zwangsbeschneidung muslimischer Jungen aufnahm.

Ich wurde damals als Antisemit diffamiert und von Muslimen bedroht, bis zu Morddrohungen und Polizeischutz.

2013 kämpfte ich für Demokratie und Freiheit bei den Gezi Protesten in der Türkei, über meinen Twitter Account informierte ich mit tausenden Tweets über die Vorgänge und auch dieser Kampf wurde von den Medien begleitet, ich bekam viel positives Feedback aber noch mehr Hass, Drohungen.

Ich wurde Zuhause von Radikalen abgefangen, bekam eine Morddrohung und wenig später wurde ich erneut zusammengeschlagen. Auch informierte ich über den Militärputsch in der Türkei, mit dem Ergebnis, das ich Drohungen vom türkischen Staat bekam, seit dem kann ich nicht mehr in die Türkei reisen, ohne verhaftet zu werden.

Ich bekam in all der Zeit jeden Tag hunderte bis tausende Hass Nachrichten, weiterhin Gewalt und Morddrohungen. Ich stand immer alleine da vor all diesem Hass, nur mein Partner war für mich immer da. In dieser Zeit legte ich mich auch mit dem politischen Islam bzw. Islamismus an, auch alleine. Auch von der Seite bekomme ich bis heute Hassnachrichten, Gewaltandrohungen und Morddrohungen, es gibt viele Facebookgruppen in denen Radikale meinen Tod fordern.

„Nach einem erneuten Angriff gegen mich verlor ich einige Zähne“

Ich habe versucht, mit dem Zentralrat der ex Muslime zusammenzuarbeiten, aber das war nicht möglich. Intern sind sie arbeitsunfähig, die Struktur des Vereins und die Leitung unfähig dies zu ändern.

Nach einem erneuten Angriff gegen mich verlor ich einige Zähne, die nun zwar ersetzt sind, aber tiefe wunden hinterließen in meiner Seele.

Andere Islamkritiker haben mich nie wirklich ernst genommen, es gibt vielleicht fünf bekannte, die alle ihr Ding machen, aber sich nie wirklich vernetzt haben oder nur unter sich. Ich habe keine Kraft mehr für das alles. Ich kann alleine nicht mehr weitermachen, seelisch werde ich langsam zu einem Wrack, denn ich fühle mich allein gelassen. Ich habe mich immer wieder für ihre Projekte, Verbände beworben, es wurde immer gesagt, dass man sich bei mir melden und sich freuen würde. Aber eine Antwort bekam ich dann nie. Und darunter sind sehr bekannte Islamkritiker. Aber ich bin ihnen nicht böse, ich passe wohl nicht in die Welt der Doktoren, Professoren und Philosophen. Ich sage offen, was ich denke und gebe mich auch nicht intellektuell. Ich bin nur traurig.

Es waren die Medien, die mir immer wieder Platz gaben, mir Öffentlichkeit verschafften, das mir wiederum eine kurze Zeit Schutz bot. Aber der Kampf ist für mich vorbei. Ich habe all mein Geld in die Sache gesteckt und das geht mir auch schon aus. Ich habe immer gedacht, dass die „Islamkritiker“ für eine gute Sache kämpfen, das wollte ich auch, aber was ich jetzt verstanden habe ist, das alle nur nach Anerkennung suchen und sich über das Thema profilieren.

Auch die ganzen humanistischen/atheistischen Verbände haben mich im Stich gelassen. Ich weiß nicht, was ich machen werde, aber ich werde wohl ganz einfach wieder Ali, privat, Mensch und überlasse das Feld den Islamisten. Ich muss anerkennen, dass wir verloren haben. Mehr als die Katastrophe zu beschreiben können wir nicht, denn ändern werden wir gar nichts mehr. So long, es war eine aufregende Zeit, aber ich bin heute nur noch kaputt.

PS: In all der Zeit wurde ich nicht nur von türk. Nationalisten, Islamisten etc. verfolgt, sondern auch von der Linken Seite als Rassist, Rechter oder Nazi diffamiert. Das alles zusammen ist zuviel für einen Menschen.“

Ali Utlu darf nicht ins Schweigen gedrängt werden

Ein trauriger Text, der sehr anschaulich zeigt, was Menschen bei uns zu ertragen haben, die sich in keine Schublade pressen lassen, sondern eigenständig denken und gegen noch so harte Widerstände den Mut haben, die pure Stimme der Vernunft – gegen Gleichschaltung, PR und Egoismus – sprechen zu lassen. Und eben auch gehörig provozieren…

Aber auch ein aufrüttelnder Text, nach dem sehr viele dachten: Das dürfen wir nicht so stehen lassen. So ging es auch mir, der auf einmal bemerkte, dass das, was ich unter ähnlichen Voraussetzungen durchmache, eigentlich völlig bedeutungslos ist im Vergleich zu dem, was Ali einstecken musste.

Und so kam es gestern zu einem ersten Treffen zu uns. Der Abend war viel zu kurz für die gemeinsamen Themenfelder, über die wir sprachen. Eines wurde mir in diesen gemeinsamen Stunden aber sehr klar. Wenn es irgendwie geht, sollte Ali unbedingt weitermachen.

Persönlichkeit mit enormem Mut

In einer Zeit der Gleichschaltung, der Klima-Aktivisten-Retorenbabys; in einer Zeit, in der politisches Engagement von der Öko-Demo bis zum Fahnenschwenken auf dem Brandenburger Tor zu einer schlichten Wohlfühlmode geworden ist, brauchen wir so selten gewordene aufrechte Persönlichkeiten wie Ali Utlu mehr denn je als zuvor.

Persönlichkeiten, die den Mut haben, sich zwischen alle Stühle zu setzen; Persönlichkeiten, die den Mund auch dort aufmachen, wo die große Mehrheit zusammen mit den linken und rechten Rändern friedlich vereint „Verrat“ und „Politisch unkorrekt“ schreit.

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