(David Berger) Die „Bild“-Zeitung feiert es heute als den großen Skandal, den man aufgedeckt habe: Papst Benedikt sei wegen „homosexueller Seilschaften“ im Vatikan zurückgetreten. Dies belege ein Schreiben, das der „Bild“ vorliege.

Der „Focus“, bekannt für sein etwas naives Verhältnis zu Realitäten, schreibt ganz begeistert: „Nun gibt es Gerüchte, dass dies womöglich mit einem Brief zusammenhängt, den der deutsche Papst etwa dreieinhalb Monate vor seiner Abdankung erreichte. Der Inhalt: Ein anonymer Absender mit dem Namen „Erzengel Michael“ verleumdet darin katholische Priester und spricht von sexuellen Ausschweifungen, von „Seilschaften“. Das berichtet die „Bild“-Zeitung, der der Brief vorliegt.“ (auch PP liegt das Schreiben vor (Foto) – und zwar schon seit ca. 5 Jahren)

„La Cordata omosessuale in Vaticano“

Jeder, der sich ein wenig auskennt, fragt sich: Nanu, ist mit den steigenden Temperaturen in Deutschland bereits das „Sommerloch“ ausgebrochen? Denn genau über dieses Dokument berichtete ich bereits am 3. März 2014 bei n.tv – damals noch mit der von den Mainstreammedien gewünschten Schlagseite – ohne die mein Artikel vermutlich nicht erschienen wäre. Vor fünf Jahren schrieb ich:

„Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein weiteres Dokument, das zunächst im Vatikan, dann im deutschen Klerus kursierte und schließlich bestimmten Presseleuten zugespielt wurde, selbst mit in die Vatileaks-Dokumente einging.

Es trägt den Titel „La Cordata omosessuale in Vaticano. Prälat G.G. und homosexuelle Seilschaften hinter dem Rücken von Papst Benedikt XVI.“. Das mit „Prälat G.G.“ Georg Gänswein gemeint ist, wird im Dokument, das auch mir selbst vorliegt, sehr deutlich.

Deckname Michele degli Archangeli

Verfasst ist es von einem ehemaligen Mitarbeiter des Päpstlichen Staatsekretariats unter dem Decknamen Michele degli Archangeli. Aufgrund „bekannt gewordener homosexueller Verfehlungen“ wurde „Archangeli“ aus dem diplomatischen Dienst des Vatikans entlassen und lebt nun in Süddeutschland. Was er im Vatikan erlebte, schrieb er in dem pikanten Dokument nieder und streute es breit unter den Verantwortlichen – sicher nicht ganz ohne Rachegelüste.

Auch wenn die darin enthaltenen Behauptungen zu Gänswein (Foto) mit Sicherheit haltlos sind, so hat das Papier im höheren Klerus doch die Runde gemacht. So etwas genügt in der katholischen Kirche mit ihrer extremen Dämonisierung homosexueller Handlungen und der Angst vor einer nach der Macht greifenden „Homo-Lobby“ schon, um der Karriere hinderlich zu sein oder diese ganz zu beenden.“

Phantasievolle Verschwörungstheorien

Das Interessante damals: Ich hatte – nachdem mir das Papier, das die „Bild“ offensichtlich erst jetzt bekam, zugegangen war – zusammen mit einem Redakteur der SZ längere Zeit zu den Hintergründen des Schreibens recherchiert: Mehr als die Hälfte der dort geschilderten Netzwerke entpuppten sich als phantasievolle Verschwörungstheorien.

Mit der Realität hatten sie herzlich wenig zu tun bzw. zeigten, dass sich der Verfasser nur sehr begrenzt in der schwulen Szene, die er beschreibt, auszukennen schien. Die Annahme, dass ein weltbekannter hoher Prälat des Vatikan über Jahre heimlich nach Berlin fliegt, um sich dort in den Homo-Bars herumzutreiben und Stricherparties in einem von einem Antiquitätenhändler zur Verfügung gestellten Wohnung abzuhalten – ohne dass davon irgendetwas nach außen dringt, ist lächerlich. Auch andere Zusammenhänge, die aufgezeigt werden, erweisen sich bei näherem Hinsehen als phantasievolle Konstrukte karrieregeiler Geistlicher, die offensichtlich nicht so recht zum Zug kamen und nun Rache übten.

Das war vermutlich auch der Grund, warum die SZ einen bereits fertig vorliegenden Artikel nicht veröffentlichte. Obwohl er so formuliert war, dass wir juristisch nichts hätten befürchten müssen.

Mit erfundenen Enthüllungen Kirchenpolitik machen

Was treibt nun die Bildzeitung an, mit einer uralten Geschichte neu an die Öffentlichkeit zu gehen? Ich wollte damals -hasserfüllt gegen die Konservativen-, um jeden Preis dabei mithelfen zu verhindern, dass der durch und durch als traditionell katholisch bekannte Msgr. Gänswein Kardinal Meisner auf dem Kölner Bischofsstuhl nachfolgt. Herrschen jetzt Ängste vor, Papst Benedikt könnte – angesichts des kompletten Versagens seines Nachfolgers und dessen Verwicklung in die Soros-Netzwerke – seinen Ruhestand beenden, um die Kirche zu retten?

Für meinen Propaganda-Journalismus von damals schäme ich mich heute zutiefst. Dass die Bildzeitungsmacher ähnliche Reue über ihr Treiben empfinden werden, halte ich für eher unwahrscheinlich.

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