Der Skandal um den Fälschungsjournalisten Claas Relotius liegt nicht alleine beim „Spiegel“. Er trifft ebenso eine ganze Branche, ihre Berufsverbände und Stiftungen, die diesen Hochstapler honorierten, ihn als Shooting Star vom Schlage eines Egon Erwin Kisch oder Hunter S. Thompson feierten und zum journalistischen Vorbild erhoben. Ein Gastkommentar von Daniel Matissek

Was Relotius ablieferte, war zu keinem Zeitpunkt außergewöhnlicher Journalismus; schreiben wie er konnten viele, womöglich sogar besser. Nein, wofür man ihm die Meriten verlieh, das waren die Themen seiner „Reportagen“. Relotius dachte sich Storys aus, die direkt ins limbische System seiner Vorgesetzten und all jener Haltungsjournalisten spielten, die in diesem Land tagtäglich die Wirklichkeit umformen:

Es waren stets Storys, die ins Weltbild passten und das soziale, ökologische oder pazifistische Gewissen der „Spiegel“-Redaktion stimulierten: Über Todesstrafe oder Waffenfanatiker in den USA. Über syrische Flüchtlingskinder. Über Bürgerkriegssoldaten. Über rechte Hetzjagden. Themen eben, die so „wichtig“ schienen, die Balsam für die eigene, tagtäglich von der Realität malträtierten Weltsicht weidwunder Medienvertreter waren.

Richtige Haltung wichtiger als Fakten

Kein Wunder, dass hier bereits von vornherein blinde Augen zusätzlich zugedrückt wurden und plausibel erdichtete Details in Relotius‘ Reportagemärchen durch das Kontrollsystem schlüpfen konnten. Und weil die meisten deutschen Journalisten – nach statistischen Erhebungen nicht umsonst mehrheitlich „Grünen“-Wähler – den unprofessionellen Bias der „Spiegel“-Redaktion teilen, wurden auch die Laudatoren Relotius‘ bei dessen diversen Preisverleihungen zu keinem Zeitpunkt stutzig, ob seine Stücke vielleicht nicht etwas zu schön waren, um wahr zu sein; einfach „touch to much“, eben zuviel des Guten.

Doch die richtige Gesinnung, ein makelloses Gewissen und „Haltung“ sind heute für Reporter und Schreiber weit wichtiger als solides redaktionelles Grundhandwerk, als objektive Recherche oder kritische Faktenwürdigung.

So gesehen war der Grund, aus dem die „Spiegel“-interne Kontrolle in Gestalt der vermeintlich untrüglichen Abteilung für Dokumentation so kläglich versagte, letztlich derselbe, aus dem Relotius mit Preisen überschüttet wurde.

Die Spiegel-Redaktion hätte gegenchecken können

Es ist im Übrigen keineswegs so, dass die Dokumentation im Spiegel nicht imstande gewesen wäre, die haarsträubenden Details in Relotius‘ Elaboraten gegenzuchecken (etwa zeitliche Unmöglichkeiten, wie in einem weitgehend erdichteten Interview mit der NS-Widerstandskämpferin Traute Lafrenz in den USA, in dem diese sich zu den Ereignissen in Chemnitz diesen Sommer äußerte, von denen sie zum behaupteten Gesprächszeitpunkt überhaupt noch keine Kenntnis gehabt haben konnte, wie das Onlinemagazin „Publico“ gestern enthüllte).

Wären, rein hypothetisch, Artikel mit ähnlich dünnem Quellengerüst wie Relotius‘ Texte dem „Spiegel“-Weltbild zuwidergelaufen, so wäre ganz sicherlich jedes Detail argwöhnisch gecheckt worden (und der fertige Text am Ende vermutlich doch nicht erschienen). Hätte Relotius zum Beispiel – wie gesagt: rein hypothetisch!- über kriminelle Flüchtlinge geschrieben, irgendetwas Positives über Donald Trump recherchiert oder hätte er die Ausschreitungen in Chemnitz relativiert, so wäre ihm augenblicklich das „professionelle“ Misstrauen der Redaktion und die Akribie der hauseigenen Dokumentation in aller Härte entgegengeschlagen.

Doch weil er stets auf der „richtigen“ Seite stand und aus der korrekten politischen Gesinnung heraus schrieb, gab es wohl niemals Anlass zu Zweifeln. Das ist der eigentliche Skandal hinter dem Skandal.

Jedes Mittel war ihm recht

Rund 55 Artikel, mindestens, soll Relotius frisiert oder erfunden haben. Doch es war keinesfalls der erste Fall gefakter Sensationsberichte beim „Spiegel“ in der jüngeren Zeit: Schon 2011 wurde die damalige „Edelfeder“ René Pfister gefeuert, nachdem er einen frei erfundenen Text über einen angeblichen Hausbesuch bei Horst Seehofer im Heft unterbringen konnte, der mit spöttischem Unterton von Seehofers Modelleisenbahn erzählte und mit allerlei privaten Details aufwartete, die rein zusammenphantasiert oder aus Drittquellen zusammengestückelt waren. In seinem Bestreben, den CSU-Chef der Lächerlichkeit preiszugeben, war dem Redakteur jedes Mittel recht.

So etwas kommt eben heraus, wenn Medien, zumal ein „Nachrichtenmagazin“, ihren Informationsauftrag gegen den missionarischen Eifer eintauschen, die Menschen erziehen und ihnen die Welt neu erklären zu wollen, weil sie ihre eigene Meinung für wichtiger halten als die Fakten.

Noch ein Super-Gau für das einstige Leitmedium

Das neuerliche Story Mongering ist jetzt natürlich ein Super-GAU für das Blatt, dessen heutige Mitarbeiter noch immer den Nimbus der intellektuellen Erhabenheit pflegten, durchdrungen von dem durch nichts begründeten Stolz, durch ihren Job Teil einer Legende geworden zu sein, jenes „Spiegel“, der bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte mitschrieb, dessen Artikel unfehlbare Bibeltexte des Bildungsbürgertums waren, das von Gymnasiallehrern, Hochschulprofessoren bis Wirtschaftsweisen für seine Seriosität geehrt wurde und dessen kontrollierende Einflussnahme auf die Politik ohne Beispiel in der Presselandschaft war.

Obwohl dieser „alte“ „Spiegel“ längst Geschichte ist – spätestens Anfang der 1990er, als mit Focus ein konkurrierendes Politperiodikum erschien und das World Wide Web seinen allmählichen Siegeszug antrat -, tragen seine Mitarbeiter bis heute jene selbstbeweihräuchernde, überhebliche Attitüde zu Markte, zur vermeintlichen journalistischen Weltelite zu zählen. Und daraus folgt denn auch die abstoßende Unart, die eigenen Leser zu bekehren und sie für das „Gute“ einzunehmen – gegen „Fakenews“, „Populismus“, „rechte Kakophonie“.

Dazu ist jede Methode recht und billig – sogar eigene Fakenews. Es scheint, als hätten Teile der Spiegel-Redaktion in Tom Kummer ihr Vorbild entdeckt, jenem Fake-Großmeister der 1980er und 1990er Jahre, der Lifestyeblättern wie „Tempo“, „Wiener“ und anderen im großen Stil frei erfundene angebliche Interviews und Editorials mit Hollywood-Stars und Weltprominenten unterbrachte.

Nach dieser Blamage werden einige beim „Spiegel“ ja womöglich geerdet, so wie dies vor 35 Jahren schon den Stern-Kollegen heilsam widerfahren ist. Jedenfalls ist der Ruf irreparabel dahin.

Unter Stefan Aust wäre das undenkbar gewesen

Schade ist das nur für das Vermächtnis des einst so stolzen Magazins, das – nach dem Verfall seines Internetablegers „Spiegel Online“ zu einem tendenziösen, manipulativen Meinungsforum – nun auch in seiner Printausgabe endgültig als vergessenswert bezeichnet werden darf.

Unter Presse-Urgesteinen des „Spiegel“ wie Rudolf Augstein, Leo Brawand, Claus Jacoby und auch noch Stefan Aust, als Propaganda beim „Spiegel“ keinen Platz hatte und man noch Distanz zu den Inhalten wahrte, ohne voreingenommen zu sein, wäre diese traurige Entwicklung undenkbar gewesen.

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