Ein Gastbeitrag von Josef Hueber

„Wenn Sie eine ganze Generation von Universitätsstudenten schaffen, für die es beim Lernen nicht um Wissen, sondern um Selbstbehauptung geht, dann blicken wir in eine Zukunft, in der die Menschen nicht in der Lage sein werden, Syrien auf einer Karte zu lokalisieren, sondern mit Sicherheit feststellen können, dass die Aufforderung, dies zu tun, sie unzumutbar belästigt.“ (Julian Vigo)

Studium – ein update liegt vor

Humboldt war gestern. Die Vorstellung, Bildung nur durch harte Arbeit, vor allem in Vorlesungen und Bibliotheken, zu erlangen, dürfte dem Mülleimer überholter universitärer Ideale geopfert sein, nicht nur wegen Bologna. Eingeschriebensein an der Universität heißt heute im Bereich der  Orchideen-Fächer (und ihren Sozio-Varianten, wie etwa dem gesamten Genderkram) Studieren in der Light –Version. In Deutschland noch dazu auf Kosten arbeitender Steuerzahler.

Damit dies aber möglichst vielen, herbeigehofften Trägern der stets betonten intellektuellen Ressourcen ermöglicht werden kann,  heißt es Abschied nehmen von Hard-Core-Arbeit am Schreibtisch, um die zwangsweise damit einhergehende Diskriminierung der weniger Begabten zu vermeiden.

Der von oben geförderte, neue Trend akademischen Lebens  geht aus diesem Grund hin zur Sicherstellung einer persönlichen I-feel-good-Befindlichkeit  des Kunden Student.

Schnee von gestern

Ich erinnere mich genau. Als im 1. Semester Anglistik ein Prof im Rahmen einer Vorlesung  eine Leseliste austeilte, löste die Reaktion eines Studenten sein Gelächter aus.

Der angehende Akademiker meldete sich zu Wort und verlautbarte: „Soll ich das alles lesen? Das geht nicht.  Ich habe auch noch anderes zu tun.“

Geld braucht Kunden

Dass damals die Reaktion des Professors nicht zu seiner  Entlassung  führte, zeigt immerhin, dass eifriges Lesen und Studieren als  die eigentliche Tätigkeit eines Studenten an der Universität definiert wurde. (Heute wäre die Entlassung des Professors wohl eine selbstverständliche Konsequenz, selbst wenn er Nobelpreisträger wäre. Siehe Oxford!).

Im Gegensatz dazu sieht sich gegenwärtig die Universität vielfach als eine Art postakademisch-psychologisches Wellness-Zentrum,  um Anmeldezahlen und Fördergelder nicht schrumpfen sehen zu müssen.

Helikopter-Unis im Anmarsch

Stimmt nicht? Ein Blick in die europäische bzw. transatlantische  Diskussion zeigt, dass Beobachtungen an englischsprachigen Universitäten (nicht kostenlos, wie bei uns) Bemerkenswertes, aber auch Beunruhigendes an Entwicklungen zeigen.  „Warum wollen Studenten wie Kinder behandelt werden?“  fragt Joanna Williams in ihrem so betitelten Essay.

Sie  kommt zu dem Ergebnis: „Leider scheint es so zu sein, dass viele der heutigen Studenten das Erwachsensein und die Autonomie nicht mehr als erstrebenswert erachten und stattdessen wollen, dass sich die Universitäten auf eine bessere Betreuung konzentrieren.“ Beispiel: Die  Universität Bristol   will die Eltern informieren, wenn die Studenten Schwierigkeiten haben, sich von ihrem Elternhaus innerlich zu lösen.“

Die sensible Seele will es nicht hören

An amerikanischen Universitäten gibt es eine Maßnahme, die sich mit einiger Verzögerung, wie gewohnt, auch in Deutschland durchsetzen dürfte. Sogenannte „Trigger Warnings“ ( Hinweise an  Studenten, dass die  Inhalte der Lehre provozierend, beleidigend oder verstörend sein können).

Studenten fordern immer häufiger, dass solche Warnungen ausgesprochen werden. Spektakulärstes Beispiel: In einer Jura-Vorlesung zum Sexualstrafrecht forderten Studenten einen Professor auf, das Wort „violate“ (engl. für vergewaltigen) nicht mehr zu verwenden. Dies sei für sie eine traumatisierende  Belastung.

Das Update verpasst

Axel Meyer, Biologe an der Universität Konstanz hatte das zeitgeistorientierte Vergnügen, wegen Kritik am Arbeitsverhalten mancher Studenten von seinem Vorgesetzten gemaßregelt zu werden und einen Pressehype auszulösen.

Er ließ u.a. wissen, dass sich Studenten „ zu hohen Anteilen vor Prüfungen krankmelden“, viele das Studium als „Hindernisparcour“ verstehen und  die deutschen Universitäten „ lax prüfen“.

Der Professor  hatte leider das Pech, die von offizieller Seite aus erwartete Helikopter-Einstellung des Lehrpersonals  gegenüber den Studenten, wie sie heute offensichtlich üblich ist,  bei seiner Äußerung außer Acht gelassen zu haben.

Nimmt es da Wunder, dass sich der Rektor der Universität – sich fremdschämend – für den Kollegen entschuldigte und „disziplinarische Maßnahmen“ erwog?

Das Sex-Seminar als Video

Der Blick auf eine kleine Universität in einem beschaulichen, flussdurchzogenen, barocken Städtchen mit italienischem Flair zeigt, wie das eigene „I-feel-good“ im Vordergrund steht und  Persönlichstes aus dem Intimbereich  als pseudowissenschaftliches „Ergebnis“ des öffentlich finanzierten Studiums präsentiert wird.

Zu einem „sehenswerten“ Filmchen mit dem Titel  „Liebe und Sex …“ erfahren wir, dass dieses Produkt als Ergebnis eines Proseminars, also einer mehrmonatigen Arbeitsphase,  „ am Ende des Semesters vorgeführt“ wurde.

„Proseminare dienen der Vertiefung des in der Vorlesung behandelten Stoffes. Insbesondere sollen Proseminare dahingehend mit der Vorlesung koordiniert sein, dass der den Proseminaraufgaben zugrundeliegende Stoff in der Vorlesung bereits behandelt wurde.“ Dieser Leitfaden wurde von einer Fachschaft PHYSIK (!) herausgegeben.

Biotope sind schützenswert

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, behauptete die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Gilt das auch für das akademisch korrekte Biotop, zu dem sich die  Universitäten in manchen Fächern zu entwickeln scheinen?

Ein Biotop, in dem die Generation ausgebildet werden sollte, die unseren und ihren Wohlstand sichert? Als Gegenleistung für das kostenlose Studium?