(David Berger) Bis auf den letzten Platz besetzt war heute der Vortragssaal des Instituts Philipp Neri in Berlin, als der international renommierte Historiker Michael F. Feldkamp sein heute erschienenes neues Buch über Papst Pius XII. (Eugenio Pacelli) der Öffentlichkeit präsentierte.

Der einzige Mensch in ganz Berlin, der noch für die Seligsprechung Papst Pius XII. betet, hat er sich einst dem Kölner Kardinal Meisner bei dessen letzten Besuch im Bundestag scherzhaft vorgestellt: Michael F. Feldkamp. Tatsächlich gilt Feldkamp, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Pacelli-Papst beschäftigt, international als der beste deutschsprachige Kenner des großen Papstes. Das Erscheinungsdatum des Buches wurde nicht zufällig gewählt. Jährt sich doch der Todestag des Papstes am kommenden Dienstag zum sechzigsten mal.

Es begann mit Hetzartikeln in der Prawda und Hochhuts demagogischem „Stellverteter“

Und die Berliner Präsentation des Buches fällt mit der erneuten Inszenierung des Theaterstücks des Autors Rolf Hochhut „Der Stellvertreter“ auf einer Berliner Bühne zusammen, das mit der Verunglimpfung dieses zu seinen Lebzeiten und darüber hinaus hoch verehrten Papstes einen unheilvollen Prozess der Diffamierung und Geschichtsfälschung auch im Westen gegen diesen Papst in Gange setzte, der bis heute fortwirkt. Ein Präludium hatte dieser Propagandafeldzug ab den 40er Jahren bereits in der Sowjetunion erlebt, als in der Prawda immer wieder Hetzartikel gegen den Papst erschienen.

Hier kristallisieren sich bereits, so Feldkamp in der äußerst unterhaltsam und spannend gestalteten Buchvorstellung, die drei großen Vorwürfe gegen Pius XII. deutlich heraus:

1.)    Er habe aufgrund seines (psychisch bedingten) Antikommunismus mit dem Nationalsozialismus geliebäugelt;

2.)    Er sei Antisemit gewesen und

3.)    habe er deshalb zum Holocaust geschwiegen.

So falsch alle drei Vorwürfe sind – lange genug wieder gekaut haben sie aus Hochhuts Stellvertreter schließlich die Gestalt von „Hitler’s Pope“ (1999) von John Cornwell werden lassen. Letzterem gelang es zwar, wie Feldkamp zeigen kann, sich einige Akten aus dem Vatikan-Archiv zu erschleichen, aber er hatte das Problem, dass er darin keine Stütze für seine Theorie fand. Und sich dann schließlich mit Falschübersetzungen half:

Die These von „Hitlers Papst“ beruht auf gezielten Falschübersetzungen

Aus einem Nuntiaturbericht, den Kardinal Pacelli während der Revolution 1918/19 aus München schrieb, wurden aus den „eingefallenen, übermüdeten Augen“ der Revolutionärinnen „drugged eyes“, womit man Pius wieder unterstellen konnte, er unterstelle den Revolutionären Drogenkonsum. Und aus „weiblichen Rebellen“ wurden in der „Übersetzung“ kurzerhand „jüdischer weiblicher Abschaum“ gemacht. Ein Begriff, das sich in den Orginalakten nirgendwo findet.

Aber das genügte Cornwell, um den Pius XII in seinem, in zahlreichen Sprachen erschienenen Buch zum antisemitischen Nazipapst zu erklären. Sein Anliegen: er wollte den Seligsprechungsprozess Pius XII damit unbedingt unterbinden.

Die reale Gestalt Pius XII., die Feldkamp in seinem Buch – gestützt auf eine Vielzahl von Akten – lebendig werden lässt, ist eben einen ganz andere.

Es ist die eines Mannes, der als Nuntius und Staatssekretär unter Papst Pius XI. diesen dazu brachte, öffentlich gegen den Antisemitismus und Nationalsozialismus zu intervenieren und den Satz:

„Dem Geist nach sind wir als Katholiken alle Semiten“

…öffentlich auszusprechen. Eines Kardinalstaatssekretärs, der Deutschland wie kein anderer im Vatikan jener Zeit kannte und die bekannte Anti-Nazi-Enzyklika „Mit brennender Sorge“ zu mehr als der Hälfte des Textes verfasste und später ganz redigierte. Eines Papstes, der um die Perfidie und Barbarei der Nazis wusste und doch die Devise seines Vorgängers verfolgte, notfalls mit dem Teufel zu verhandeln, um nur eine Seele zu retten.

Der Schock der Deportation der katholischen Juden in den Niederlanden

Etwa, als nach jedem Bericht von Radio Vatikan oder in der Vatikanzeitung (Osservatore Romano), der über die Gräuel der Nationalsozialisten berichtete, ganz bewusst brutal und vermehrt gegen katholische Priester – etwa in Polen – vorgegangen wurde. Oder als die Deutschen die Niederlande besetzten und den Kirchen einen diabolischen Handel im Zusammenhang der einsetzenden Judendeportationen anboten: Schweigen zu den Deportationen oder die SS wird auch die zum Christentum konvertierten Juden deportieren und in KZs stecken.

Die holländischen Bischöfe ließen sich nicht auf jenen Deal ein. Und die SS reagierte wie angekündigt, auch die zum Katholizismus konvertierten Juden wurden deportiert. Eine der Deportierten nach Ausschwitz in den sicheren Tod: die jüdische Ordensfrau Edith Stein.

Diese perfiden Mechanismen brachten die katholische Kirche und auch Pius XII. in eine klassische Dilemma-Situation: Öffentlicher Protest und damit die Inkaufnahme zahlloser weiterer Todesopfer oder ein pragmatisches, diplomatisches Agieren, um möglichst viele Menschenleben, konkret möglichst viele Juden vor dem sicheren Tod zu retten.

Pius entschied sich für das, was er von Kindesbeinen an gelernt hatte: die Diplomatie. Auch wenn ihn sein diplomatisches Vorgehen und die damit verbundenen Konzessionen bis zu seinem Tod schwer belasteten.

Die SS in Rom: der Papst rettete mehr als 8.000 Juden in Rom das Leben

Überdeutlich ist das Verhalten Pius XII. zu sehen an jenen Tagen im September 1943 als die deutsche Soldaten (SA) und die SS die „offene Stadt“ besetzten und die SS sofort mit der Deportation von Juden begannen und in kürzester Zeit mehr als 1000 Juden Richtung Norden abtransportierten.

Als Pius davon erfuhr, griff er so schnell es ging zu zwei weitreichenden Maßnahmen: Er ließ über den deutschen Botschafter von Weizsäcker Hitler drohen, er werde öffentlich protestieren, wenn weitere Juden abtransportiert würden. Und ergab an alle verfügbaren Klöster und exterritorialen Gebiete des Vatikan in Rom eine Anweisung, dort so viele Juden als möglich vor der SS zu verstecken.

Von Weizsäcker wusste von dieser Strategie des Papstes und unterstütze sie indirekt, indem er den in Rom befindlichen deutschen Soldaten die Anweisung gab, die Klausur der Klöster zu respektieren. Ein deutsches Schreiben an den Türen der Klöster und Kirchen wies die Soldaten ausdrücklich auf diesen Erlass hin. Und es funktionierte: Das Schweigen Pius XII., dessentwegen man ihn heute als Schwächling und Nazi-Kollaborateur bezichtigt, rettete mehr als achttausend Juden alleine in Rom das Leben.

„Balsam für die Seele papst- und kirchentreuer Katholiken gerade in heutigen Zeiten“

Im Laufe des Vormittags entstand so ein Bild von Pius XII., das dem Eindruck der Schwaz-Weiß-Photographien von dem Pontifex (Foto links (c) Screenshot YT) sehr ähnlich ist: Inmitten von Dunkelheit scharen sich Menschen hilfesuchend um den Papst, der wie eine weiße Lichtgestalt in ihrer Mitte steht, die Augen nach oben gerichtet und mit seinen Händen die Menschen segnend oder mit einer Geste umfangend.

Bei keinem Papst nach ihm war der Kontrast einer luziden Lichtgestalt, eines Pastor Angelicus („Engelgleichen Hirten“) wie ihn seine Zeitgenossen nannten, zu der diabolischen Dunkelheit der ihn bedrängenden neuheidnischen Mächte der „Welt“ so groß wie bei ihm. Er war der letzte große Römer, der letzt heilige Vollblut-Monarch auf dem Stuhl Petri – kein Papst nach ihm fand solch einhellige Zustimmung und solch tiefe Verehrung unter den Katholiken in aller Welt wie er.

Vielleicht war es das, was ihm zum Verhängnis wurde – in einer Zeit, die das Gipfellicht des Heiligen nur noch als permanenten Vorwurf gegen die dumpfe Dunkelheit der eigenen Täler empfinden kann.

„Balsam für die Seele papst- und kirchentreuer Katholiken gerade in heutigen Zeiten“, nannte der Gastgeber der Veranstaltung, der weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannte Prälat Goesche – nicht ohne einen pietätvollen Seitenhieb auf den gegenwärtigen Papst – denn auch die Beschäftigung mit Pius XII. über das neue Buch Feldkamps.

Und so kam das wohl auch, dass bei der Matinee dieses Vormittags in St. Afra an der Vortragssaal bis auf den letzten Platz besetzt war und man die Genugtuung über die Rehabilitation eines großen Papstes durch das Buch Feldkamps bei den Besuchern in der regen Diskussion nach dem Vortrag spüren konnte.

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Das Buch kann hier bestellt werden: PATROMINIUM-VERLAG

Mehr zum Veranstaltungsort: INSTITUT PHILIPP NERI

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