(David Berger) Bis auf den letzten Platz besetzt war heute der Vortragssaal des Instituts Philipp Neri in Berlin, als der international renommierte Historiker Michael F. Feldkamp sein heute erschienenes neues Buch über Papst Pius XII. (Eugenio Pacelli) der Öffentlichkeit präsentierte.

Der einzige Mensch in ganz Berlin, der noch für die Seligsprechung Papst Pius XII. betet, hat er sich einst dem Kölner Kardinal Meisner bei dessen letzten Besuch im Bundestag scherzhaft vorgestellt: Michael F. Feldkamp. Tatsächlich gilt Feldkamp, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Pacelli-Papst beschäftigt, international als der beste deutschsprachige Kenner des großen Papstes. Das Erscheinungsdatum des Buches wurde nicht zufällig gewählt. Jährt sich doch der Todestag des Papstes am kommenden Dienstag zum sechzigsten mal.

Es begann mit Hetzartikeln in der Prawda und Hochhuts demagogischem „Stellverteter“

Und die Berliner Präsentation des Buches fällt mit der erneuten Inszenierung des Theaterstücks des Autors Rolf Hochhut „Der Stellvertreter“ auf einer Berliner Bühne zusammen, das mit der Verunglimpfung dieses zu seinen Lebzeiten und darüber hinaus hoch verehrten Papstes einen unheilvollen Prozess der Diffamierung und Geschichtsfälschung auch im Westen gegen diesen Papst in Gange setzte, der bis heute fortwirkt. Ein Präludium hatte dieser Propagandafeldzug ab den 40er Jahren bereits in der Sowjetunion erlebt, als in der Prawda immer wieder Hetzartikel gegen den Papst erschienen.

Hier kristallisieren sich bereits, so Feldkamp in der äußerst unterhaltsam und spannend gestalteten Buchvorstellung, die drei großen Vorwürfe gegen Pius XII. deutlich heraus:

1.)    Er habe aufgrund seines (psychisch bedingten) Antikommunismus mit dem Nationalsozialismus geliebäugelt;

2.)    Er sei Antisemit gewesen und

3.)    habe er deshalb zum Holocaust geschwiegen.

So falsch alle drei Vorwürfe sind – lange genug wieder gekaut haben sie aus Hochhuts Stellvertreter schließlich die Gestalt von „Hitler’s Pope“ (1999) von John Cornwell werden lassen. Letzterem gelang es zwar, wie Feldkamp zeigen kann, sich einige Akten aus dem Vatikan-Archiv zu erschleichen, aber er hatte das Problem, dass er darin keine Stütze für seine Theorie fand. Und sich dann schließlich mit Falschübersetzungen half:

Die These von „Hitlers Papst“ beruht auf gezielten Falschübersetzungen

Aus einem Nuntiaturbericht, den Kardinal Pacelli während der Revolution 1918/19 aus München schrieb, wurden aus den „eingefallenen, übermüdeten Augen“ der Revolutionärinnen „drugged eyes“, womit man Pius wieder unterstellen konnte, er unterstelle den Revolutionären Drogenkonsum. Und aus „weiblichen Rebellen“ wurden in der „Übersetzung“ kurzerhand „jüdischer weiblicher Abschaum“ gemacht. Ein Begriff, das sich in den Orginalakten nirgendwo findet.

Aber das genügte Cornwell, um den Pius XII in seinem, in zahlreichen Sprachen erschienenen Buch zum antisemitischen Nazipapst zu erklären. Sein Anliegen: er wollte den Seligsprechungsprozess Pius XII damit unbedingt unterbinden.

Die reale Gestalt Pius XII., die Feldkamp in seinem Buch – gestützt auf eine Vielzahl von Akten – lebendig werden lässt, ist eben einen ganz andere.

Es ist die eines Mannes, der als Nuntius und Staatssekretär unter Papst Pius XI. diesen dazu brachte, öffentlich gegen den Antisemitismus und Nationalsozialismus zu intervenieren und den Satz:

„Dem Geist nach sind wir als Katholiken alle Semiten“

…öffentlich auszusprechen. Eines Kardinalstaatssekretärs, der Deutschland wie kein anderer im Vatikan jener Zeit kannte und die bekannte Anti-Nazi-Enzyklika „Mit brennender Sorge“ zu mehr als der Hälfte des Textes verfasste und später ganz redigierte. Eines Papstes, der um die Perfidie und Barbarei der Nazis wusste und doch die Devise seines Vorgängers verfolgte, notfalls mit dem Teufel zu verhandeln, um nur eine Seele zu retten.

Der Schock der Deportation der katholischen Juden in den Niederlanden

Etwa, als nach jedem Bericht von Radio Vatikan oder in der Vatikanzeitung (Osservatore Romano), der über die Gräuel der Nationalsozialisten berichtete, ganz bewusst brutal und vermehrt gegen katholische Priester – etwa in Polen – vorgegangen wurde. Oder als die Deutschen die Niederlande besetzten und den Kirchen einen diabolischen Handel im Zusammenhang der einsetzenden Judendeportationen anboten: Schweigen zu den Deportationen oder die SS wird auch die zum Christentum konvertierten Juden deportieren und in KZs stecken.

Die holländischen Bischöfe ließen sich nicht auf jenen Deal ein. Und die SS reagierte wie angekündigt, auch die zum Katholizismus konvertierten Juden wurden deportiert. Eine der Deportierten nach Ausschwitz in den sicheren Tod: die jüdische Ordensfrau Edith Stein.

Diese perfiden Mechanismen brachten die katholische Kirche und auch Pius XII. in eine klassische Dilemma-Situation: Öffentlicher Protest und damit die Inkaufnahme zahlloser weiterer Todesopfer oder ein pragmatisches, diplomatisches Agieren, um möglichst viele Menschenleben, konkret möglichst viele Juden vor dem sicheren Tod zu retten.

Pius entschied sich für das, was er von Kindesbeinen an gelernt hatte: die Diplomatie. Auch wenn ihn sein diplomatisches Vorgehen und die damit verbundenen Konzessionen bis zu seinem Tod schwer belasteten.

Die SS in Rom: der Papst rettete mehr als 8.000 Juden in Rom das Leben

Überdeutlich ist das Verhalten Pius XII. zu sehen an jenen Tagen im September 1943 als die deutsche Soldaten (SA) und die SS die „offene Stadt“ besetzten und die SS sofort mit der Deportation von Juden begannen und in kürzester Zeit mehr als 1000 Juden Richtung Norden abtransportierten.

Als Pius davon erfuhr, griff er so schnell es ging zu zwei weitreichenden Maßnahmen: Er ließ über den deutschen Botschafter von Weizsäcker Hitler drohen, er werde öffentlich protestieren, wenn weitere Juden abtransportiert würden. Und ergab an alle verfügbaren Klöster und exterritorialen Gebiete des Vatikan in Rom eine Anweisung, dort so viele Juden als möglich vor der SS zu verstecken.

Von Weizsäcker wusste von dieser Strategie des Papstes und unterstütze sie indirekt, indem er den in Rom befindlichen deutschen Soldaten die Anweisung gab, die Klausur der Klöster zu respektieren. Ein deutsches Schreiben an den Türen der Klöster und Kirchen wies die Soldaten ausdrücklich auf diesen Erlass hin. Und es funktionierte: Das Schweigen Pius XII., dessentwegen man ihn heute als Schwächling und Nazi-Kollaborateur bezichtigt, rettete mehr als achttausend Juden alleine in Rom das Leben.

„Balsam für die Seele papst- und kirchentreuer Katholiken gerade in heutigen Zeiten“

Im Laufe des Vormittags entstand so ein Bild von Pius XII., das dem Eindruck der Schwaz-Weiß-Photographien von dem Pontifex (Foto links (c) Screenshot YT) sehr ähnlich ist: Inmitten von Dunkelheit scharen sich Menschen hilfesuchend um den Papst, der wie eine weiße Lichtgestalt in ihrer Mitte steht, die Augen nach oben gerichtet und mit seinen Händen die Menschen segnend oder mit einer Geste umfangend.

Bei keinem Papst nach ihm war der Kontrast einer luziden Lichtgestalt, eines Pastor Angelicus („Engelgleichen Hirten“) wie ihn seine Zeitgenossen nannten, zu der diabolischen Dunkelheit der ihn bedrängenden neuheidnischen Mächte der „Welt“ so groß wie bei ihm. Er war der letzte große Römer, der letzt heilige Vollblut-Monarch auf dem Stuhl Petri – kein Papst nach ihm fand solch einhellige Zustimmung und solch tiefe Verehrung unter den Katholiken in aller Welt wie er.

Vielleicht war es das, was ihm zum Verhängnis wurde – in einer Zeit, die das Gipfellicht des Heiligen nur noch als permanenten Vorwurf gegen die dumpfe Dunkelheit der eigenen Täler empfinden kann.

„Balsam für die Seele papst- und kirchentreuer Katholiken gerade in heutigen Zeiten“, nannte der Gastgeber der Veranstaltung, der weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannte Prälat Goesche – nicht ohne einen pietätvollen Seitenhieb auf den gegenwärtigen Papst – denn auch die Beschäftigung mit Pius XII. über das neue Buch Feldkamps.

Und so kam das wohl auch, dass bei der Matinee dieses Vormittags in St. Afra an der Vortragssaal bis auf den letzten Platz besetzt war und man die Genugtuung über die Rehabilitation eines großen Papstes durch das Buch Feldkamps bei den Besuchern in der regen Diskussion nach dem Vortrag spüren konnte.

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Das Buch kann hier bestellt werden: PATROMINIUM-VERLAG

Mehr zum Veranstaltungsort: INSTITUT PHILIPP NERI

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25 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Wistrich!

    Logisch betrachtet verläuft Ihre Argumentation auf der Ebene der „materialen Implikation“ (Russell):“Wenn so…dann so.“ Nach diesem materialen Konditional wären viele Aussagen in der Apostelgeschichte, bei Paulus und sogar bei Jesus, wo er seinen jüdischen Gesprächspartnern vorwirft, dass der Teufel ihr Vater ist, einfach antisemitisch. So wäre der Jude Jesus selbst ein Antisemit und das Neue Testament der Wegbereiter des Holocaust.
    Aber all diese Texte, genau wie die Enzyklika von Pius XII. und die Substitutionstheorie behandeln metaphysische Zusammenhänge und die sind, genau wie die Prädikate zweiter Stufe, nicht mit der materialen Implikation fassbar. Sie ist anwendbar nur auf reale Gegebenheiten des alltäglichen Lebens.
    Sie begehen in ihrer Argumentation, philosophisch gesprochen, einen Kategorienfehler. . Daraus entsteht u.a. die „Billigtheologie.“
    Nun, Sie werden dann zurecht die Frage stellen, wer oder welche Ideologie den hauptsächlisten Nährboden für den Holocaust war. Die Antwort heutzutage liegt auf der Hand: Das waren die grossen Denker der Aufklärung, abgesehen von wenigen Ausnahmen, wie Herder, Goethe etc.
    Ich beziehe mich auf die neuesten Forschungen, die teilweise zusammengefasst sind in dem Buch „Antisemitismus bei Kant und anderen Denkern der Aufklärung“ (Königshausen&Neumann, 2001).
    Die Forscher auf dem Gebiet, selbst der Aufklärung gegenüber wohlgesonnen, vor allem Bettina Stangneth, wurden für ihre Arbeiten mehrmals ausgezeichnet und preisgekrönt. Erwähnt sei auch die Arbeit von Joshua Halberstam „From Kant to Auschwitz“ und ebenso das Buch von John Weiss „Der lange Weg zum Holocaust“, Hamburg, 1997.
    Diese Aufklärer habe durcgehend in ihren Werken oft den gröbsten Anisemitismus den zukünftigen Beamten, Lehrern, Pfarrern etc. ausgebreitet, so dass das deutsche Bildungsbürgertum absolut unter ihrer Meinungshochheit stand.
    Nur einige Beispiele. Ausgehend von Luther behauptete Kant, dass die Juden „Vampire der Gesellschaft“ seien. In sinem Werk „Religion innerhalb der Grenzen der blosse Vernunft“ hat er die jüdische Religion dermassen herabgewürdigt, dass die damalige jüdische Gemeinde scharf dagegen protestierte. Der jüdische Schriftseller Saul Ascher (1767-1822) schloss daraus, dass mit Kant eine „neue Epoche des Judenhasses“ beginnt.
    Kants Schüler Fichte behauptete, dass man aus einem Juden nur dann einen Menschen machen könne, winn man ihm den Kopf abhacke und einen deutschen darauf setze… Der Kantianer Jakob Friedrich Fries (1773-1843) schrieb, dass kein Jude daran schuldig sei, dass er Jude ist, sondern weil er Jude bleibt.
    Das Friesche Modell war also das einer integrativen Aufhebung des Judentums durch völlige Assimilation. Wenn aber die Juden das nicht wollen, dann müsse man dafür Sorge tragen „dass diese Kaste mit Stumpf und Stiel ausgerottet werde, indem sie offenbar unter allen geheimen und öffentlichen politischen Gesellschaften und Staaten im Staat die gefährlichste ist“ (Zitatende).
    Hegel und sein philosophisches System haben Rechtshegelianismus hervorgebracht, aus dem später die „Kieler Schule“ hervorging, die den Nationalsozialismus leidenschaftlich unterstützte und bei Hitler Öl aufs Feuer gegossen hat. Die bekanntesten Namen sind: Friedrich Büloww (1890-1962), Hermann Glockner (1896-1979), der bekannteste Herausgeber der Hegel-Werke, der sich erdreistete zu behaupten, dass die ganze deutsche Philosophie seit Meister Eckhard nichts anders sei als die Vorbereitung auf den Nationalsozialismus, des weiteren Theodor L. Haering (1884-1964), Otto Koellreutter (1883-1972), Gerhard Dulckeit (1904-1954), Karl Larenz (1903-1993) und andere.
    Nach dem Krieg musste niemand von ihnen nach Südamerika fliehen. Sie haben weiter in Amt und Würde Vorlesungen und Referate über Hegel gehalten, natürlich mit frisierter Sprache den bürgerlich-liberalen Nebel verkauft und Demokratie „gefestigt.“
    Besonders tragikomisch ist das Schicksal von Richard Kroner, der begabteste und radikalste aus der Kieler Schule (das Werk „Von Kant bis Hegel“), der 1937 emigrieren musste, nachdem bekannt wurde, dass er jüdischer Abstammung ist, was er selber nicht wusste.

    Heutzutage redet niemand über die „Kieler Schule“ und Hochhut hätte besser daran getan, wenn er all das unter die Lupe genommen hätte. Aber nein, die Päpste sind immer in der Geschichte das bevorzugte deutsch-protestantische Hassobjekt gewesen und das hat Hochhut der Welt auch erfolgreich präsentiert.

    • Lieber Herr Križić,
      Danke für Ihre interessanten Bemerkungen
      mit denen ich mich noch näher beschäftigen will.

      Zum Pius XII-Artikel von D. Berger argumentiere ich gar nicht theologisch, sondern als Historiker, der fairerweise ein Augustinuszitat auch als solches bezeichnet.
      Es geht hier also um historisches Argumentieren, und auf diesem Gebiet sind sogar unserem klugen und teuren David Berger keine vernünftigen Erwiderungen auf meine beiden Beiträge (siehe 7.10.18) eingefallen:
      1. Das Desinteresse der Alliierten an Pius XII diplomatischem schwarzen Peter? Antwort: Die führten doch längst Krieg gegen das Deutsche Reich.
      2. Bei dem historischen Argument zur Enzyklika mit den Augustinuszitaten geht es nicht um das “Was“ seiner in Teilen traditionell-antijudaistischen Thesen, sondern um das “Wann“, nämlich 1942 und im ersten Halbjahr 1943, als Juden in Polen millionenfach buchstäblich “in ihrem Blut“ lagen, und Pius XII meinte, darüber öffentlich schweigen zu müssen.
      3. Die Frage “wie hätt Er’s seinen Schäfchen sagen können?“ hatte ich doch ausdrücklich beantwortet: >>“per Mundpropaganda und Feindsender“<. (Nichtzuhören ist natürlich eine bewährte Rhetorik zum Abbruch einer gerade unwillkommenen Diskussion.)

      Hier möchte ich mich jetzt auch direkt an den, – wie gesagt, von mir geschätzten – Herrn Berger wenden:

      Lieber Herr Berger,
      dadurch, dass sich der meinungspolitische Wind gedreht hat, wird die “fake history“ oder besser lückenhistorische Medienkampagne der katholischen Kirche aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht plötzlich wahr. Und es gibt auch gar keinen Grund, aus überschwänglichem Korpsgeist auf der Seite von Trödelhistorikern einen verlorenen Kampf gegen die mittlerweile soliden Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft zu führen.
      Man kann besten Gewissens vollständig (minus der Unfehlbarkeit) auf der theologisch-liturgischen Linie der Pius-Päpste X-XII bleiben, und gleichzeitig das tragische, angesichts der historischen Herausforderung fast zwangsläufige, aber dennoch auf persönlichen, falschen Entscheidungen beruhende, moralische Scheitern dieses Menschen Pius XII aufrichtig und demütig zur Kenntnis nehmen.

      Menschen irren sich, aber nur die Lebenden können sich entschuldigen oder ihren Irrtum revidieren.

  2. Lieber Herr Berger,
    ich verfolge Ihren Blog seit Jahren mit Interesse und Sympathie, da Sie erkennbar versuchen, sich von der Lüge fernzuhalten, und auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen.
    Leider hat Pius XII erst im Text seiner Weihnachtsansprache 1942, versteckt und verklausuliert, und ohne die Juden beim Namen zu nennen, allgemein die Tötung unschuldiger Menschen wegen ihrer Nationalität und Rasse beklagt. Zur gleichen Zeit, also während 1942 die großen Deportationen und millionenfachen industriellen Vergasungsmorde am polnischen Judentum abliefen, verfasste Pius eines seiner Hauptwerke, die Enzyklika mystici corporis. Deren teilweise der Untermauerung der sogenannten Substitutionstheologie
    gewidmeter Text, lässt uns heutigen Nachgeborenen, aufgrund der im o.g. historischen Kontext aktiv unbarmherzigen, teils sogar gehässig–blutrünstig klingenden Zitatenwahl, das Blut in den Adern gefrieren. Pius XII hat seine Haltung gegenüber den römischen Juden erst nach dem Deutschen Massaker an 5200 italienischen Soldaten auf der Insel Kephalonia im September 1943 geändert; er musste u.a. nämlich berechtigterweise annehmen, dass ihm ein ähnliches Schicksal wie später Mussolini drohen würde, nämlich am nächsten Laternenmast aufgehängt zu werden.

    • Dann gehen wir doch mal das Gedankenspiel durch: Hätte Pius wirklich protestiert – wie hätten diejenigen, die es betrifft, die deutschen Katholiken davon erfahren? Wieviele Opfer hätte das gekostet? Und: Die Enzyklika Mystici Corporis ist eines der faszinierendsten Werke katholischer Lehre überhaupt (ich habe dazu einen Aufsatz in der päpstlichen Zeitschrift „Antonianum vor vielen Jahren verfasst, – mit dem Holocaust oder der Judenverfolgung hat das darin Ausgefühtre schlicht gar nichts zu tun)

      • Gedankenspiel: Hätte Pius XII 1942 das ihm nachweislich bekannte Geheimnis des Völkermords an den Juden nicht sorgsam gehütet, sondern Menschen, die sich weiter daran beteiligen, exkommuniziert, – dann hätte das Morden in industrieller Form wahrscheinlich aufgehört, denn der deutschen Führung war der damals noch mögliche militärischen Sieg sicherlich wichtiger, als die nur nebenbei betriebene Ermordung und Vernichtung der Juden. Ein derartiger Schritt hätte sich sicherlich per Mundpropaganda und per Feindsender herumgesprochen, die Angelegenheit betraf keineswegs nur die deutschen Katholiken sondern gleichermaßen die Katholiken in Polen, der Ukraine, dem Balkan und Insbesondere auch Frankreich. Opfer? Vielleicht einige oder viele Kleriker, vielleicht auch gar keine, wenn die Aussage dezidiert genug gewesen wäre. Ein Vorgehen gegen die eigene Zivilbevölkerung hätte sich das im Krieg stehende Deutschland keinesfalls leisten können.

        Die Mitte 1943 veröffentlichte Enzyklika „Geheimnisvoller Körper“ (mystici corporis) wiederholt am Ende des Textes in etwa die Formulierungen der Weihnachtsansprache 1942, geht also, wenn man die Weihnachtsansprache als Bezugnahme auf den Völkermord an den Juden sehen will, in dieser Form auf das Thema ein. Im Enzyklikatext wird in der zweiten Hälfte des eigentlichen theologischen Vortrages die antitijudaistische Substitutionstheologie durch teils drastische, vor dem Hintergrund des ablaufenden Holocaust gehässig-triumphierend klingende Augustinuszitate wie „… der zum Tode führende alte Bund…“ untermauert.

        Diese Fakten geben Zeugnis einer damals wohl weitverbreiteten, krankhaften Unfähigkeit, das Böse zu erkennen, zum anderen bleibt bisher offen, inwieweit politisches Kalkül („Kampf gegen den Bolschewismus“) oder die von ihm getragene antijudaistische Substitutionstheologie die passive Haltung Pius XII bestimmten.
        Nicht von ungefähr fand sich das zweite vatikanische Konzil zusammen, um diese Theologie abzubauen, und nicht von ungefähr ist Pius XII, hoffentlich für immer, nicht heilig.

      • Pius XII war der erste (!) der die Alliierten von den KZs und dem , was dort passierte informierte. Wissen Sie, wie die reagierten? kein Interesse! Auf den rest gehe ich nicht ein, das ist jene Billigtheologie, die die katholische Kirche der gegenwart in den Ruin getrieben hat!

      • Meine Frage, wie die deutsche Öffentlichkeit bzw. die Gläubigen ganz praktisch von dieser Verurteilung hätten hören und etwas mitbekommen, haben Sie nicht beantwortet! Warum nicht? Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass die noch mehr als derzeit gleichgeschaltete Presse davon in Deutschland berichtet hätte

  3. Die Debatte nur auf die Zeit des Nationalsozialismus zu lenken ist pure Nebeltaktik – der Antisemitismus ist ohne den Antijudaismus nicht erklärbar. Die jahrhundertelange Hetze der Kirchen gegen den jüdischen Glauben, die frühe christliche Kreation des Stereotypen „Jude“ war die Basis für den Holocaust. Der Weg nach Auschwitz beginnt in Rom, führt über Luther und endet beim faschistischen Millenarismus.

  4. Gerne bekenne ich mich zur vorkonziliaren Kirche von Paps Pius XII. Als ich mit der Einschulung 1963 auch in die katholische Kirche kam, wurde die Messe nach dem Messbuch von 1962 gefeiert und die Welt war in Ordnung. 1968 konnte ich als Messdiener die beginnende Verweltlichung spüren, 1973 war die Sache bereits erledigt. Wenn ich mir die Entwicklung 50 Jahre später ansehe, komme ich als Laie zu dem Ergebnis, daß dieses Konzil ein Fehler war. Aus pesönlicher Erfahrung bezeuge ich, daß die Lösung eines Problems niemals in der Diskussion mit anderen, also der Welt zu finden ist, sondern immer innen im Gespräch mit Gott. Die längste Reise ist die Reise nach innen, schreibt Dag Hammarsköld. Das gilt für den Einzelnen und für die Kirche. Eine völlig falsch verstandene Ökumene in Deutschland, nämlich eine Vermischung der katholischen mit der protesantischen Lehre, und die aktuelle Vermischung mit dem Islam durch Papst Franziskus sind die traurigen Endpunkte dieser Entwicklung. Mit der ewigen Wahrheit hat das nichts zu tun. Das ist Gedöns.

  5. Warum dürfen nicht alle Akten der „Lichtgestalt“ Pacelli veröffentlicht werden? Benedikt XVI. und seine Vorgänger haben das offiziell untersagt. Was verheimlicht der Vatikan?

    • Dass die Akten bereits jetzt schon – gegen alle Regeln der Geheimarchive – frei gegeben wurden, ist eine Ausnahme. Bei solchen teilweise verweigerten Freigaben geht es schlicht darum, Persönlichkeitsrechte von noch Lebenden bzw. ihrer Nachfahren zu wahren. Wenn es um den Respekt vor den Rechten der menschlichen Person und die Wahrung des Beichtsiegels geht, ist die Catholica sehr korrekt. Aber vielleicht versucht das jetzt ja der unkatholischste aller Päpste auch zu ändern

  6. So sind die Christen. Immer alle Schuld von sich weisen. Immer das gleiche Spiel, funktioniert seit Jahrtausenden.

  7. Herr Feldkamp ist ein ausgezeichneter Historiker. Seine Darstellung der Zeitumstände um Papst Pius XII. sind wohlbegründet. Leider wollen viele Leute nicht unterscheiden zwischen einer wissenschaftlichen Darstellung einerseits und einer fiktiven und Parteiischen Dichtung Hochhuths.
    Es ist eine Lüge, dass der Vatikan hohen SS-Offizieren Fluchtwege nach Südamerika eröffnet hätte. Alerdings hat der italienische Staat vielen displaced persons, deren Identität oft nicht klar war, Papiere für Südamerika beschafft, um sie nicht mehr versorgen zu müssen. Auch der Staat war damals überfordert.

  8. Danke für diese großartige Würdigung Pius XII an Herrn Dr. Feldkamp, aber auch an Sie Herr Dr. Berger. Dass die erste Würdigung dieses Buches bei Philosophia Perennis stattfindet, zeigt, wie wichtig diese Nachrichtenseite geworden ist. das zeigt sich nicht nur an den immer mehr werdenden Lesern und Leserinnen (meine Frau hat mich erst auf diese Seite hier hingewiesen), sondern v.a. auch an den Inhalten. Wir werden hier besser und ausgewogener informiert als mit unserem FAZ-Abo, das wir nach 25 Jahren vor einigen Monaten gekündigt haben. Geld geht jetzt als Spende an verschiedene Internetseiten

  9. Pius XII. war hochintellektuell, wie der Deutsche Papst Benedikt und außerdem war er im Gegensatz zu vielen anderen Päpsten ein Deutschlandkenner und eine kleine authentische Anekdote kann man als Beweis anführen, die sich in Rom zugetragen hat. Bei einer Audienz kam ein deutscher Soldat mit dem Papst kurz ins Gespräch und er fragte den Soldaten, wo er denn herkomme. Der sagte, er käme aus Gaildorf in Baden-Württemberg und der Papst entgegnete, das ist doch in der Nähe von Winzenweiler, einem kleinen katholischen Ort. wo der Papst des öfteren in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts Ausflüge machte und das völlig inkognito in seiner Zeit als päpstlicher Nuntius und mit dem Zug viele Landstriche bereist hat und Land und Leute kennenlernte. Diesem Papst zu unterstellen, er hätte sich dem Hitlerregime nicht entgegengestellt ist eine üble Verleumdung des bekannten linkslastigen Schriftstellers mit seinem Buch, der Stellvertreter, wo alle linken Klischees bedient wurden um diesen Papst unglaubwürdig zu machen und er hat gegen das Regime nicht nur protestiert, sondern auch im Rahmen diplomatischer Gepflogenheiten alles unternommen um gerade allen Bedrohten zu helfen und viele Juden haben sich bei ihm persönlich für seinen Einsatz bedankt und aufgrund seiner Kenntnis zu Deutschland war er sicherlich hin und hergerissen mit seinen früheren positiven Erfahrungen zu Land und Leuten und dem verbrecherischen Regime, dem man ja nur bedingt etwas entgegen setzen konnte und das hat er mit Bravour gemacht und vermutllich hätten die heutigen linken Gesellen nicht die gleiche Courage, sollten sie mit einem ähnlichen Problem konfrontiert werden, er aber blieb standhaft und hat die Geschundenen verteidigt, nicht laut aber still und leise, wie es eben Menschen dieser Art entspricht und deshalb wird ihn eine große Lüge niemals kleiner machen, denn er ist ein Großer in der Kirche und wird es auch bleiben, denn er wußte was er tat, zumindest kannte er das Land und seine Bürger und das ist viel wert, wenn man beurteilen und zugleich handeln soll

  10. Im Gegensatz zu allen anderen Päpsten, außer dem deutschen Papst Bendikt, war Papst Pius XII. ein ausgewiesener Deutschlandkenner und er ist in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in seiner Zeit als Nuntius in Deutschland gerne durch süddeutsche Lande gereist und es gibt sogar eine Begebenheit, wo ein Soldat dem späteren Papst in Rom erklärte, er käme aus Gaildorf in Baden-Württemberg und der Papst ihm dann antwortete, das sei doch der Ort bei Winzenweiler, wo er sich oft in seiner Freizeit aufgehalten hat und selbst mit dem Zug durch die Lande inkognito reiste und natürlich auch Land und Leute kennenlernte und das beweist doch, daß er urteilen konnte über die Deutschen, wobei er deren Regime später als Papst nicht verhindern konnte und er hat sehr wohl interveniert und versucht das Unrecht einzudämmen, soweit möglich und deshalb ist die Anklage von Hochhuth eine üble Agitation gegen die katholische Kirche von damals, denn dieser Papst war intellektuell auf dem gleichen Stand wie Benedikt und Persönlichkeiten mit dieser Geistesgröße neigen nicht unbedingt dazu, Tyrannen zu begünstigen und deshalb ist es abwegig diesem Papst nur annähernd Kumpanei zu unterstellen, das ist eine infame Lüge und selbst Bürger jüdischen Glaubens haben sich für seine Hilfe bedankt und alle die das Regime damals erlebt haben, können sich nichteinmal annähernd vorstellen, was das bedeutede, wer in den Focus des Staatsapparates geriet, konnte nur noch von Glück reden, wenn er noch heil heraus kam und auch Papst Pius XII. konnte keine Wunder vollbringen, er konnte nur seine Möglichkeiten ausschöpfen und die waren begrenzt, wie das eben so ist in Diktaturen.

  11. Werter Herr Berger – das Problem, das ich mit „Chefs“ (Papst als Oberhaupt der kath. Kirche ist „Chef“, Merkel ist Regierungschefin, usw. usw.) immer und grundsätzlich habe, ist dasjenige, dass „Chefs“ auch für das Verantwortung tragen, was der Blödeste deren Mitarbeiter anstellt. Ich will das wirklich nicht auf die Spitze treiben – und erwarte einfach nur ein System, welches den meisten und den gröbsten „Blödsinn“ (darunter auch Straftaten – und da hört der Spaß absolut auf) verhindert. Und falls an diesem System vorbei etwas passieren sollte, muss sofort und energisch aufgeklärt und gegengesteuert werden. Das glaube ich kann realistisch erwartet werden. Perfekte Systeme gibt es nur in der Theorie – dessen bin ich mir bewusst. Dass aber viele höhere und hohe Geistliche vielen Nazis die Flucht aus deren Verantwortung ermöglichten ist Angesichtes der Tatsache, dass Pius XII sich Hitlers (und seiner Adlaten) Bösartigkeit bewusst war, ist für mich schon sehr schwer nachvollziehbar…

  12. Menschen suchen Vorbilder, man sucht oft das, was einem selbst fehlt, beispielsweise Diplomatie. Das wichtigste ist ein warmes mitfühlendes Herz, beispielsweise auch für Menschen, die Christus noch nicht gefunden haben. Der christliche Glaube ist immer ein Angebot, kein Zwang. Dieses Angebot hat Papst Pius XII. in einer vornehmen und liebevollen Weise gelebt; wie gut, dass er nicht vergessen ist!

  13. Wunderbar, endlich entzaubert jemand den Helden der schrecklichen 68-er,Herrn Hochhut und zeigt,wie Pius Menschen rettete und nicht Hitler in die Hände spielte.
    Der heutige Papst ist anders,er schätzt den Europa erobernden Islam naiv und besoffen vor Toleranz völlig falsch ein und sagt KEINEN TON zu Übergriffen und Morden in D und F.

    • Zur Entzauberung von Herrn Hochhut hat Dr. Feldkamp noch viel mehr auf dem spannenden Vortrag gesagt, das hier teils aus Platz und teils aus (vorsichtigen) Diskretionsgründen nicht breiter ausgeführt wurde.

  14. Nun, alles schön und gut, sollte sich Papst Pius XII doch nicht als Freund des A.H. schlussendlich herausstellen.
    Mir bleibt da die Frage, ob es richtig ist, dass er resp. seinen Untergebenen, etlichen hohen SS-Militärs nach Kriegsende die Flucht nach Südamerika möglich machte. Es hält sich nämlich das Gerücht, dass er Diplomatenpässe an jene ausgeben ließ.

      • Leider ist mir Ihre sarkastische Antwort doch etwas zu „dünn“. Wahrscheinlich habe Sie auch noch nie von diesen Anwürfen gehört/gelesen; genau so wenig dass der Mufti von Jerusalem derzeit ein, Onkel von Arafat war.

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