Die Frage nach „Freund oder Gegner“ wird im Falle Russlands immer wieder gestellt. Was hat sich seit dem Beginn der „Ukraine-Krise“ in 2014 zwischen Deutschland (der EU) und Russland geändert? Wer sitzt heute am längeren Hebel? Wie geht es mit den Beziehungen weiter? Kann Russland unter Putin unser „natürlicher“ Verbündeter werden? Ein Gastbeitrag von Dr. Viktor Heese

Russland bleibt für „Demokratieverteidiger“ der Feind, für „Populisten“ wird es zum Partner

Die 1992 untergegangene Sowjetunion war wegen ihrer massiven Menschenrechtsverletzung, militärischer Bedrohung und der imperialen Gelüste einer „Diktatur des Proletariats“ ein klarer Gegner des Westens. Wenn Russland diese Rolle heute übernehmen soll, gelingt die Begründung nur mit fragwürdigen „weichen Fakten“. Putin sei ein KGB-Mensch (Bush-Senior nicht!), er freue sich über die EU-Krise (USA begrüßen aber starkes Chinas und Russland!), habe völkerrechtlich die russische Krim annektiert (Serbien hatte auf das albanische Kosovo freiwillig verzichtet!). Die Liste russischer Untaten ließe sich verlängern. Anders als 1983 müssen die Russen heute kein Flugzeug mehr abzuschießen. Es genügt eine bloße Behauptung (MH17, Skripal usw.) um böse zu sein. „Im Westen nichts Neues“ würde Romanautor E.M. Remarque sagen, oder doch nicht? Europas Populisten fordern eine Partnerschaft mit Russland, Italiens Salvini, aber auch Ungarn und Österreich, drohen mit dem Veto in der Sanktionsfrage. Dieser Widerstand ist neu, die Beschuldigungen alt.

Westlichen „Sanktionsangriff“ längst abgewehrt

Die Wirtschaftssanktionen gegen Russland wegen der Ukraine sind nicht nur unwirksam, sondern de facto eine Farce. Die Maßnahmen werden von so manchen EU-Mitstreitern dreist unterlaufen, Chinesen besetzen schnell die Marktnischen, Großkonzerne (vor allem die aus den USA) sind nicht betroffen, nur primär deutsche Bauern und Mittelständler dürfen „bluten“, unsere Polit-Heuchler (Seehofer, Gabriel, Maas, Merkel) reichten sich bei ihren heimlichen Kreml-Besuchen förmlich die Klinke und geben ihrem Volk keine Erklärungen ab und – last but not least, – Russland wird aus der Sanktionsgeschichte wohl gestärkt herausgehen. Die internationalen Reserven an Gold und Devisen erreichen 2018 mit 460 Mrd. USD das alte Niveau von 2014.

Wider der Systemstatistik: russische Wirtschaft heute so stark, wie die deutsche

Es soll noch besser werden. Bis 2030 wird Russland Deutschland als größte Wirtschaft Europas überholen. Das 2017er BIP auf der Kaufkraftparitäten-Basis betrug schon 2017 über 4,0 Mrd. USD und lag nur knapp hinter dem s mit 4,2 Bill. USD.

Viele wenig informierten „Demokratieverteidiger“ würden Russland gerne als ökonomischen Zwerg sehen. Da liegen sie schief. Das Riesenland verfügt nicht nur über enorme Rohstoffreserven, sondern wird sich breit entwickeln und zunehmend in der Luft- und Raumfahrt und der Digitaltechnik spezialisieren (sonst brauchen wir die Moskauer-Cyberattacken nicht mehr befürchten!).

Auch die vom Westen „übersehene“ Zusammenarbeit mit China, Iran, Türkei und anderen Schwellenländern bringt Erträge. Weiter noch: Die Fakturierung der Handelsgeschäfte in Lokalwährungen und die als IWF-Alternative gegründete „BRICS-Bank“ gewährleisten die finanzielle, die noch unterentwickelte Marktwirtschaft („Staatskapitalismus“) bringt sukzessive die technologische Unabhängigkeit vom Westen. Westtechnologie ist immer noch besser, aber kein überlebensnotwendiges „Muss“. Das sehen manche Entwicklungsländer, die russische Technologie (nicht nur Waffen!) kaufen, genau so.

Geopolitik am Scheideweg – die Bedeutung der „Regionalmacht“ wird steigen

Wer genau hinschaut, sieht die schwindende Dominanz der USA und der NATO. Ein „militärischer Geheimpakt“ Russlands mit China bahnt sich an („Der Feind meines…“), die Türkei wird unzuverlässig, Trumps Stellung zum atlantischen Bündnis bleibt labil. Die EU kämpft mit der Krise und die Populisten sind auf dem Vormarsch. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung wächst die politische Bedeutung der östlichen „Regionalmacht“ ohne großes Dazutun.

Chancen für Deutschland: Russen und Deutsche, zwei Völker die es miteinander können?

Deutschland könnte sich in diesem günstigen politischen Umfeld aus der US-Umklammerung lösen, wie es einst 1989 auch die Wiedervereinigung schaffte. Sicherlich werden „Nicht-Putin-Versteher“ moralisch argumentieren, das deutsche Volk wolle das nicht. Abwarten, werden diejenigen sagen, welche an die Wiederholung der Geschichte glauben.

Das postsowjetische Russlands ist in dreifacher Hinsicht unser „natürlicher“ Verbündeter – so die Meinung des Autors. Historisch, wirtschaftlich und mental. Als Verbündete (napoleonische Kriege), wirtschaftliche Partner (Hansa, deutsche Kolonisten und Industrielle) oder starke Leistungsträger in der Zarenzeit, als viele unserer Landsleute im Osten Karriere machten, sehen die heutigen Russen unsere Vorfahren. Warum sollen sich die guten Zeiten des 19. Jahrhunderts nicht wiederholen? Merkel wird gehen, das deutsche Volk bleiben – hört man hüben und drüben.

**

Dr. Viktor Heese – der Autor leitete 2010-2012 das Deutsche MBA in Moskau und verfasste die Publikation „(Un-)Möglichkeit der russischen Imperialpolitik„; www.prawda24.com

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Putin wars!
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Putin wars!

Anscheinend scheinen hier einige nicht richtig ausgelastet zu sein. Die Not in Schland ist wohl nicht groß genug? Mord, Vergewaltigung, da geht noch was….da bleibt noch Zeit für Wichtiges…für den ECHTEN Feind….

Wie sonst ist es zu erklären, dass sich hier einige einen zusätzlichen Feind suchen?

PeWi
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PeWi

Die Krim war ein Geschenk Russlands an die Ukraine, die wiederum eine Sowjetrepublik war. Geschenke kann man sich auch wieder zurückholen.

Stefan Kunz
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Der letzte Satz birgt Hoffnug, wenn sie aber nicht bald gebremst wird………

Maren G.
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Man sollte sich mehr und differenzierter mit Russland und Putin auseinandersetzen. Putin war Freund bis 2004. Er hat 2004 die Gesetze geändert. Nun konnten die Oligarchen mit ihren westlichen Verbündeten die Gewinne aus den russischen Ölgeschäften nicht mehr ins Ausland verschieben sondern mussten sie in Russland versteuern. Das gab dem Land einen gewaltigen Aufschub. Gefiel einigen nicht! 😉

Realistischer
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Realistischer

Die grösste kommunistische Gefahr des letzten Jahrzehnts ging weder von Russland noch von China aus.

Denis Diderot 2018
Gast
Denis Diderot 2018
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Wie einige Vorredner wünsche ich mir gute Beziehungen zu Russland, bevorzuge aber die Westbindung. Bevor mir niemand plausibel erklärt, was an der NATO schlecht ist, sehe ich keine Alternative. Donald Trump beendet die dämliche „regime change“ Politik von Bush/Clinton/Obama und zwingt uns dazu, endlich erwachsen zu werden. Unsere größten Feinde sind der Islam und der Kommunismus und die Varianten.

LISA
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LISA

Es wird vielleicht weniger Freundschaft als Abhängigkeit vom Finanzplatz NY City, dass Europa sich nicht mit Putin verständigen kann, sondern in der Zwickmühle ist, zwischen zwei gleich schlechten Möglichkeiten. Rein ideologisch ist man immer noch näher am Turbokapitalismus der West- Angelsachsen als am vorneokapitalistischen Oligarchentum des Ostens. Mal sehn, was Osteuropa macht.

Eckard
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Eckard

Es wäre eine deutsch-russische Allianz zwar wünschenswert, jedoch spielt die russische Seite ihr eigenes Spiel. Linksparteikollaboration bei RT, die 8.-Mai-Aufmärsche sind Beleg dafür. Deutschland muß seinen Interessen mit wechselnden Bündnissen vertreten

Emma
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Emma

Wenn ich diese Frau nur sehe oder höre wird mir übel !

Nicolaus Hess
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Nicolaus Hess
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Zwischen Russland und der ehemaligen UdSSR besteht ein gewaltiger Unterschied, Russland stand in seiner Geschichte dem Westen nicht feindselig gegenüber, Anfang des 20. Jahrhunderts waren 6 regierende europäische Monarchen mit dem russischen Zaren verwandt, Deutschland (Hessen) hat 2 einflussreiche Zarinnen hervorgebracht. Das christliche Russland ist unser natürlicher Verbündeter.

Lothar Herzog
Gast
Lothar Herzog

Es ist fatal das wir Kriege gegen Russland geführt haben.
Wir haben die selbe Religion und Kultur.
Und am Beispiel von Napoleon hätten wir müssen können,
daß der Winter ein natürlicher Verbündeter von Russland
ist.
Apropos Kommunismus. Wir Deutschen haben doch Lenin
aus seinem Asyl in Zürich geholt und über Deutschland nach
Finnland gefahren.
Die Geschichte wäre anders verlaufen !!!

Katjuscha
Gast
Katjuscha

Au weia,

gleich geht das Geschrei wieder los. Putinfreund, Westenhasser, Krim 🙂

So manch einer kann es gar nicht erwarten, Atombomen los zu schicken (die Russen halten schon still!). Diesmal klappt es garantiert besser, als bei den letzten beiden Versuchen. Ich empfehle diesen Schwätzern immer dicke Winterkleidung und sofortigen Aufbruch nach Stalingrad. Nur Mut, wird schon!

Gerd Peter
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Gerd Peter
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Dann ist es ja nur noch eine Frage der Zeit, vielleicht nach der Fertigstellung des neuen Gasrohres, Gas aus dem Westen zu kaufen. Es geht ja bekanntlich bei der miesen USA-Haushaltssituation nur ums Geld:) , warten wir es ab.

Patricia Steinkirchner
Gast
Patricia Steinkirchner

Es ist so dumm, wie hierzulande meistens über Russland gesprochen und geschrieben wird. Russland ist ein großartiges Land, das zu seiner Geschichte steht. Die Religion ist für die Menschen – auch und gerade die jungen! – etwas Unverzichtbares. Meiner Erfahrung nach bringen die meisten uns Deutschen viel Achtung und Vertrauen entgegen.

Heinz Maier
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Heinz Maier

Von den deutschen Exporten in Höhe von 1.278 Milliarden (Zahlen von 2017) gehen ca. die Hälfte in Europäische Länder, 111 Milliarden in die USA (8,6 %), 86 Mill. an China und 25 Mill. an Russland (knapp 2 %). Der Export nach Russlnd ist als fast bedeutungslos. Persönlich wünsche ich ein gutes Verhältnis zu Russland und ein Ende der Regimechange Politik des Westens.