Ein Gasbeitrag von Karoline Seibt

Samstag, 07.04.2018 – Der Tag beginnt für mich mit einer Fortbildung in Hamm. Als ich gegen 15.00 h das Gebäude verlasse, scheint draußen die Sonne und es ist so warm, dass ich die Jacke weglassen kann. Ich fahre über die Landstraße mit geöffnetem Schiebedach. Aus der Anlage läuft Musik und ich schmettere die Lieder mit. Die Natur beginnt zu explodieren. Es ist der erste warme Tag nach einem gefühlt endlosen und sehr kalten Winter.

Zuhause reiße ich mir die Klamotten vom Leib und schlüpfte in ein bequemes Sommerkleid und Turnschuhe. Die Sonne strahlt auf mein Bett. Das Zimmer ist gefüllt mit guter Laune. Geschafft! Das Wochenende kann beginnen.

Plötzlich dringt Naomis Stimme durch das Treppenhaus: Mama, in der Stadt ist ein Auto in eine Menschengruppe gefahren!

Es ist der Moment, wenn Du inne hältst und angestrengt versuchst, in Deinem Kopf die Stopptaste zu finden. Autos fahren in Menschengruppen. Ich habe keine Lust, mir auch noch diesen schönen Tag mit schlechten Nachrichten verderben zu lassen.

Doch obwohl Naomi gar nichts mehr sagt, spüre ich Unruhe. Das „Weg-Clicken“ der Hiobsbotschaft hat nicht funktioniert. Und nach und nach realisiere ich: Es ist der erste Terroranschlag in MÜNSTER!

Der Kopf ist schlagartig leer und ein Automechanismus stellt sich ein. Aufräumen, hin- und herlaufen. Dein Kind auf dem Weg zur Eisdiele. Draußen geht das Leben weiter. Grillgeruch liegt in der Luft.

Auf dem Handy poppt die erste Nachricht auf: Seid ihr ok? Und noch eine, und noch eine…. Bleibt zuhause, stay safe.

Ein kurdischer Freund ruft an. Ein Glück, dass es Euch gut geht. Ich habe die Merkel gewählt und fühle mich mitschuldig. Das muss alles ein Ende haben. Es waren nie Flüchtlinge. Islamisten sind das und Kriminelle. Afrin wurde mit deutschen Panzern eingenommen.

Carol, eine junge Chinesin, die in Peking lebt, meldet sich völlig überraschend über What’s App. Wie ein Lauffeuer hat sich die Nachricht von der Katastrophe in Münster auf der ganzen Welt verbreitet, sogar bis nach China!

Es ist fast fünf Jahre her, dass ich Carol per Zufall in der Philharmonie in Essen traf und wir unsere Kontaktdaten austauschten. Sie studierte Wirtschaft an der FMO und schrieb ihre Bachelorarbeit im Hotelmanagement in deutscher Sprache. Ich weiß noch genau, wie beeindruckt ich war, könnte ich mir umgekehrt doch niemals vorstellen, auch nur einen einzigen chinesischen Satz zustande zu bringen.

Wir verstanden uns auf Anhieb und Carol besuchte uns für ein paar Tage in Münster (siehe Photo!). Es gab chinesisches „Cola-Chicken“ mit Reis und Wein.

Carol ist intelligent und unfassbar gebildet. Deutschland liebte sie wegen des Fußballs und wegen der Kultur. Sie war regelrecht besessen davon. Sie ging nicht nur in die Philharmonie, sondern fuhr auch in die Mannschaftshotels der deutschen Nationalmannschaft, um dort Selfies mit den Fußballstars zu machen.

Den Kontakt haben wir seitdem gehalten. Per Facebook oder What’s App, je nachdem. Manchmal gab es längere Zeit keine Reaktion von ihr wegen der staatlichen, chinesischen Zensur. Das war für mich lange Zeit kaum vorstellbar. Inzwischen bin ich Diejenige, die sie wegen meiner Sperren auf Facebook oft wochenlang nicht erreichen kann…

Und jetzt, nach all den Jahren, ruft Carol mich zum ersten Mal an!

Wir reden und reden und stehen alle unter Schock. Deutschland ist das gefährlichste Land der Welt geworden, sagt Carol traurig. Ich sage, vielleicht müssen wir bald nach China flüchten. Und das Lachen bleibt uns im Halse stecken.

Den Rest des Tages verbringe ich wie in einer Wolke. An diesem wunderschönen Tag sind Menschen wie Spielzeug überrollt und zerquetscht worden. Einfach so.

Ich hole mir Wasser und Allzweckreiniger und fange an, die Terrassenmöbel zu schrubben. Welches Spiel wird hier eigentlich gespielt?

Nora kommt nach Hause und vermisst ihre Freundin, die sich noch nicht zurück gemeldet hat. Erst spät abends große Erleichterung.

Ich fahre in die Innenstadt, um meinen Freund abzuholen, 300 m Luftlinie von der Katastrophe entfernt. Das Zentrum ist abgesperrt. Überall schwerbewaffnete Polizei. Die Straßencafés in der Absperrzone sind gespenstisch leer. Außerhalb der Sperrbänder sitzen Menschen vor Kneipen und feiern. Hubschrauber kreisen. Wir verabreden uns in einer Seitenstraße und verlassen diese eigenartige Szenerie.

Das Deutschland, das Carol geliebt hat, gibt es nicht mehr.

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