(David Berger) Alexander Arendt*  ist Redakteur bei einer bayerischen Regionalzeitung. Obwohl er schon vor geraumer Zeit nach 25 Jahren der Parteimitgliedschaft aus der CSU ausgetreten ist, machen ihn seine politischen Ansichten weiterhin zum Außenseiter an seinem Arbeitsplatz. Er schreibt: „Mit meinen eher konservativen Ansichten sitze ich in der Redaktion oft so alleine da wie Israel im Weltsicherheitsrat.“

„Es macht zugegeben keinen Spaß mehr…“, haben Sie mir in unserem ersten Gespräch gesagt: Gemeint war damit das Netzwerken bei Twitter. Ihr erfolgreicher, von vielen verfolgter Account bei Twitter wurde vor mehreren Monaten komplett gesperrt. Was hatten Sie sich zuschulden kommen lassen?

Warum mein erster Account im November 2017 gesperrt worden ist, weiß ich gar nicht. Natürlich habe ich zuweilen schön bildhaft vom Leder gezogen – etwa gegen das, was ein Ralf Stegner, dieses nimmermüde Sturmgeschütz der Sozialdemokratie, jeden Tag auf Twitter loslässt.

Und zugegeben, von Frau Merkel habe ich nie als „wertgeschätzte Bundeskanzlerin“ geschrieben, sondern nannte sie mitunter „Raute des Schreckens“ oder „das Übel aus der Uckermark“.  

Jedenfalls kam erst eine Sperre über 12 Stunden, dann, etwa drei Wochen später, die komplette Sperre. Also machte ich einen neuen Account auf, fing bei null an.

Der Account hielt sich knapp drei Monate. Anfang Februar wurde der dann auch gesperrt. Das war besonders lustig. Ich schrieb,

…anstatt harmlosen, friedlichen Flaschensammlern Hausverbot zu erteilen, sollte die Deutsche Bahn am Hauptbahnhof in München ebenso konsequent gegen „frech und einschüchternd auftretende Neger“ vorgehen.

Der Tweet stand ein paar Tage, dann kam am 2. Februar vormittags die erste E-Mail von Twitter: Über meinen Tweet sei eine Beschwerde eingegangen, aber Twitter habe keine Verstöße gegen die Twitter-Regeln oder geltende Gesetze gefunden. 

Im Lauf der nächsten Stunden kamen noch zwei solcher Mails mit dem gleichen, für mich sehr befriedigenden Inhalt. Dann traf die nächste, die vierte Mail von Twitter, ein (gesendet 2. Februar, 15.17 Uhr): Mein Account wurde gesperrt. Twitters Begründung: „Verstoß gegen unsere Regeln über Hass-Inhalte.“

Und während ich mich noch wunderte, traf  – gesendet um 16.48 Uhr – Mail Nummer 5 ein, in der mir Twitter versicherte, eben jener Tweet verstoße nicht gegen die Twitter-Regeln oder geltende Gesetze.

Das Wort „Neger“ ist ja tatsächlich grenzwertig, oder?

Als ich den Tweet geschrieben habe, habe ich mir natürlich überlegt, ob ich jetzt tatsächlich „Neger“ schreiben soll.

Ganz ehrlich: ich hab’s vor allem deswegen geschrieben, weil mich dieses Tamtam nervt, das selbsternannte Sprachwächter seit ein paar Jahren machen.

Rassismus in „Jim Knopf“ und „Pippi Langstrumpf“ – da muss man erst mal draufkommen. Ich bin als Kind mit diesen Büchern aufgewachsen und habe beim Wort „Neger“ niemals an minderwertige Menschen gedacht. Wer meint, einen Menschen allein wegen seiner Hautfarbe beleidigen oder geringschätzen zu dürfen, tut das auch, egal,  ober er nun „Neger“, „Nigger“, „Schwarzer Mensch“ oder „Schwarzafrikaner“ sagt.

Wenn einer sagt  „Ich vermiete nicht an Türken und schwarze Menschen“ , dann ist das für mich rassistische Diskriminierung, auch wenn die Begriffe bei den Sprachpolizisten sicher durchgehen

Wie war die Reaktion von Twitter auf Ihre Einsprüche?

Bei meiner ersten Sperre habe ich ein paar E-Mails geschrieben. Twitter bietet in seinen Mails ja einen Link an, dem man folgen kann, wenn man Einspruch erhebt.

Habe auch angeführt, dass meine Schwester, immerhin Anwältin, in meinen Tweets nichts Justiziables findet und welcher Tweet denn überhaupt zur Sperre geführt hat. Es kam nie eine konkrete Antwort.

Nach der vierten oder fünften 08/15-Antwort habe ich aufgegeben und mir einen neuen Account zugelegt. Nach der zweiten Sperre Anfang Februar habe ich mich als Redakteur kundig machen wollen, wie es denn sein kann, dass viermal mein Tweet als in Einklang mit den Twitter-Regeln beurteilt wird und einmal nicht.

Die Hamburger Agentur,  die Twitter in Deutschland vertritt, antwortete auf meine Mail nur telefonisch: ich möge mich direkt an die Twitter-Presseabteilung in den USA wenden. Aber bitte auf Englisch.

Habe ich dann auch so gemacht. Seit Anfang Februar habe ich vier Mails geschickt, auch noch mal die Hamburger angeschrieben. Antwort kam keine. Ich rechne auch nicht mehr damit.

Ganz gesperrt kommt ja einer Löschung gleich. Warum haben Sie nicht einfach einen neuen unter neuem Namen eröffnet?

Habe ich ja immer wieder. Aber da fängt man wieder bei null an, muss sich seine Kontakte sehr mühsam zusammensuchen. Bekanntlich löscht Twitter beim gesperrten Account ja alle Follower und alle Nachrichten. Dass einer seinen alten Account mitsamt seinen Followern zurückbekommen hat, habe ich noch nicht gehört.

Immer öfter hört man von solchen Fällen, ich selbst bin mit meinem Account mit über 13.000 Followern auch betroffen. Haben Sie einen Einblick, welche Dimensionen die Zensur bei Twitter – abgesehen von unseren beiden Fällen – angenommen hat?

Die Zensur auf Twitter in Deutschland durch meist wohl nur angelernte Nicht-Juristen wird immer schlimmer. „Patriarchator“ ist ein prima Beispiel dafür, wie Twitter nach dem NetzDG mit kritischen, konservativen Stimmen umgeht.

Der wurde vor fünf Wochen über Nacht gesperrt. An Mike Klengenburg erinnere ich mich, an Kolja Bonke natürlich und an den genialen, herrlich eloquenten HotMiFi. Das sind die „Großen“, die bekannten Namen. Die sind weg – da weiß ich nur von einem, dass er mit einem neuen Account weitermacht.

Da überlegt man sich jetzt schon, was man schreibt und was besser nicht.

Über die Ausmaße der Sperrungen und Einschränkungen, die Twitter vornimmt, hört man in den großen deutschen Medien kaum etwas.

Leider. Dabei ist es spätestens seit Sommer 2017 ganz deutlich, dass Twitter angefangen hat, Accounts und einzelne Tweets in Deutschland zurückzuhalten. „Norge Privacy“ ist da ein bekanntes Beispiel für diesen „Shadowban“. Wer eine deutsche IP-Adresse hat, liest da auf einmal wesentlich weniger als einer, der sich via VPN unter „Italien“ oder „Rumänien“ einloggt.

Lieber Herr Kollege, ich danke Ihnen für das Gespräch. Und hoffe, dass wir die Tage noch erleben werden, in denen das Volk aufsteht und die Vertreter der (alten) und neuen Stasi zur Rechenschaft zieht.

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*Name geändert, Name, Anschrift und Arbeitgeber liegen PP vor.

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