Marko Wild

I

Sascha und ich saßen neben dem Zelt im Gras und frühstückten. Die Sonne war schon über die Berge im Osten gestiegen und brannte unerbittlich. Es würde wieder so ein heißer Tag werden. Gestern, nach der Bergwanderung, war ich vom T-Shirt auf eine langärmelige Feldjacke aus dicker Baumwolle umgestiegen, die ich mit hochgeschlagenem Kragen auf dem nackten Oberkörper trug. Mein Minimalschutz in dieser Höhe; weniger war mir jetzt zu wenig.

Ich fragte Sascha noch einmal, ob sie gerne Valentins Wasserfall-Tour mitmachen würde. Sie wusste es nicht. Das war mir keine 6000 Rubel wert. Denn ich wusste, was ich wollte: Endlich die mongolische Grenze erreichen. Alle schönen Wasserfälle mussten warten. 180 Kilometer waren es noch bis Taschanta. Das sollten wir heute locker schaffen. Blieb nur die Frage, ob Sascha mitkommen würde. Andeutungen, dass sie darüber nachdächte, allein weiter zu trampen, hatte sie schon gemacht. Noch einmal, wie vor drei Tagen in Gorno Altaisk, unterbreitete ich ihr ein „Angebot“:

„Lass uns heute bis Taschanta fahren. Ich will einfach nur mal wissen, wie es dort ist. Wenn möglich, schauen wir kurz über die Grenze in die Mongolei. Es ist bestimmt auch für dich interessant. Dann habe ich alles gesehen, was ich sehen wollte. Auf dem Rückweg klappern wir dann die ganzen Plätze ab, die du noch sehen willst. Wir versuchen, in die hohen Berge zu kommen. Oder zu einem See oder Wasserfall. Oder du ziehst allein weiter – ganz wie du willst. Für dich spielt es doch keine große Rolle, ob du diesen einen Tag noch bei mir mitfährst. Günstig ist es für dich sowieso: du weißt, worauf du dich einstellen kannst, es kostet dich nichts. Und unterhaltsam ist es auch.“

Sie blieb reserviert, ohne genau sagen zu wollen oder zu können, weshalb. Sie wisse gar nicht, ob sie mit ihrem Ausweis überhaupt in die Mongolei könne, meinte sie. Einen Reisepass jedenfalls habe sie nicht.

„Ich weiß auch nicht, ob ich mit meinem Pass in die Mongolei kann. Ich habe ja kein Visum. Das müssten wir sowieso alles an der Grenze abklären“, erwiderte ich. Sascha zierte sich weiter:

„Eigentlich wollte ich nie in die Mongolei.“

„Aber ein Abenteuer wäre es, oder? Was zum Erzählen für zu Hause. Wer kommt denn schon mal in die Mongolei.“

Es war nicht einfach, sie zu überzeugen. Ich warf alles in die Waagschale:

„Es würde mich wirklich sehr freuen, wenn du noch ein paar Tage mitkämest. Und ich verspreche dir: Falls du es dir unterwegs anders überlegen solltest, kannst du jederzeit aussteigen und allein weiter ziehen.“

Äußerlich gab ich mich cool. Innerlich lag ich vor ihr auf Knien. Sie hatte keine Ahnung, wie viel es mir bedeutete. Oder vielleicht doch. Dieses Mädchen sah viel mehr, als es zugab. Letztendlich stimmte sie mir in mehreren Punkten zu und meinte dann:

„Fahren wir also nach Taschanta. Wie lange werden wir brauchen?“

„Wenn alles gut geht höchstens drei Stunden. Vorher muss ich aber nochmal in Aktasch was einkaufen.“

„Gut. Ich will nämlich jetzt noch einmal allein sein. Ich gehe irgendwohin und bin in ein bis anderthalb Stunden zurück.“

Mein „okay“ war bedeutungslos. Sascha hätte es ohnehin so gemacht, wie sie wollte. Sie schulterte ihren Rucksack mit der hellblauen Matratze und marschierte davon. Oder besser: entschwand. Still und unauffällig. Sie nahm keinen Weg, sondern lief einfach querfeldein auf den nächsten, bewaldeten Hügel zu, Richtung Nordwesten. Warum nahm sie den großen Rucksack mit? Vertraute sie mir nicht? Möglich. Anderthalb Stunden wollte sie weg sein? Das hieß, wir würden gegen 10:15 Uhr aufbrechen. Besser war es wohl, sich auf halb bis dreiviertel Elf einzustellen. Auf jeden Fall genug Zeit.

Ich sah ihr hinterher und dachte nach… Gestern war der beste und schönste Tag meiner bisherigen Reise gewesen. Zunächst die Sorge wegen des kaputten Autos. Die Ungewissheit. Immer wieder Gedanken an Familie, verbunden mit Sehnsucht und auch ein bisschen Heimweh, die sie bei solchen Geschichten wohl automatisch aufkommen. Dann Aktasch, das feine Örtchen, in dem ich eine sehr wertvolle Erfahrungen gemacht hatte. Nämlich gar nicht anders zu können, als mich Land und Leuten auszuliefern. Also genau das, was ich hatte erleben wollen. Ich musste an ein altes Kirchenlied denken, in dem es hieß „der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet…“ So war es mir gestern ergangen. Fremde hatten sich gekümmert, hatten geholfen, hatten alles zum Besten gewendet, während ich Spatzen im Staub beobachtete. Schließlich diese Hochebene. Ein wunderbar friedliches Fleckchen Welt. Und Sascha, immer wieder Sascha, die sich nicht davon gemacht hatte. Welch eine Hilfe war mir dieses Mädchen. Nun folgte mein Auge ihrem roten Rucksack mit der hellblauen Matratze, der sich über die Hochebene davonbewegte und immer kleiner wurde. Was mochte sich in ihr gerade abspielen? Was suchte sie da draußen? Heute frage ich mich, ob Sascha nicht vielleicht mit sich rang, einfach zu verschwinden und nie zurückzukehren. Damals freilich erwartete ich ihre Rückkehr so wie sie es gesagt hatte: nach spätestens anderthalb Stunden.

II

Teil 29.2

Valentin sah heute aus wie der Kellner eines Hard-Rock-Cafés: Zum schwarzen T-Shirt mit weißer Schrift trug er einen schwarz-rot-karierten Schottenrock, stilecht mit Gürteltäschchen aus Fell und Leder an einer Metallkette. Die nackten, braungebrannten Beine stecken in schwarzen Schnürstiefeln. Auf dem Kopf saß lässig-schräg ein Soldaten-Käppi. In der Linken eine Bierdose, in der rechten einen halbvollen Plastikbecher, lief er über’s Gelände. Nachdem ich ihm mitgeteilt hatte, dass wir heute Richtung Mongolei weiter ziehen würden, schaute ich mich ein wenig auf dem Gelände um. Valentin hatte wie erwähnt ein Faible für die Armee. Doch er sammelte nicht nur militärisches Gerät, sondern überhaupt alles, das einen Kontrast zur hiesigen Abgeschiedenheit bildete. Was er zusammen getragen hatte, wäre auch an zivilisierteren Orten „exzentrisch“ genannt worden. Hier oben jedoch, in über 2000 Metern Höhe, verwandelte sich dieser wilde Mix aus Pinakothek, Arsenal und Museum in ein Kuriositätenkabinett sondergleichen. So wenig ich von Valentin selbst erfuhr, so reichlich gaben mir die Dinge Auskunft über ihn. Wer er war und was ihn umtrieb. Sein „Stützpunkt“ verdient deshalb eine etwas genauere Beschreibung. Ich bitte schon im Voraus um Pardon, falls es zuviel werden sollte.

(Anmerkung: der Text war ursprünglich für eine Veröffentlichung in Buchform geschrieben. Fotos sollten nur wenige erscheinen, weshalb ich mich im Folgenden in ausführlichen Beschreibungen ergangen habe. Wem das zuviel ist und wer sich statt dessen die Fotos ansehen will, der möge die entsprechenden Abschnitte einfach überspringen.)

Von Valentins Blockhäusern war keines älter, als zehn Jahre. Ihr Holz sah noch recht hell aus. Auf Google Maps gibt es das Camp noch gar nicht. Beginnen wir mit jenem Haus an der Straße, das ich gestern von weitem als erstes gesehen hatte.

Die Nordseite zierten: Kennzeichen aus halb Russland – jüngere, ältere und zwei oder drei uralte aus Sowjetzeiten, drei deutsche Kennzeichen: eines aus Nürnberg, eines aus Neuss und eines aus Kleve in Nordrhein-Westfalen, ein Kennzeichen aus dem Oman: weiße, arabische Buchstaben auf blauem Grund („Oman“ in lateinischen Buchstaben, sonst hätte ich es ja nicht lesen können). An einem Nagel hing ein Plastikrahmen – vermutlich ein Gehäuseteil irgendeines Elektrogerätes, an dieser wiederum ein aufgeblasener Fahrradschlauch (20 Zoll). An einem zweiten Nagel hing eine alte Tasche aus Sattelleder und zwei mit Stahlnieten verzierte Hosenträger. Dann: ein mit Nägeln angeschlagenes, vergilbtes Plakat eines Abschlepptransporters, zwei weitere, unlesbar gewordene Plakate, ebenfalls mit Autos. Über diese hinweg hing schräg ein gänzlich – also inklusive der Reifen – giftgrün gestrichenes Fahrrad, 28 Zoll (dazu muss man wissen, dass Fahrräder in Russland etwas Ungebräuchliches sind – etwa so, wie Pferdekutschen heute in Deutschland; doch davon erzähle ich später noch). Auf dem Boden vor der Wand lagen: LKW-Räder, ein zusammengerollter Gartenschlauch, ein leerer Plastik-Kanister, Eisenschrott und zwei Reihen Zylinderkopfdichtungen für je drei riesige Zylinder.

An der Ostseite hingen: altes russisches Pferdegeschirr, bestehend aus zwei ledernen Kummets und drei russischen Dugas – hölzernen, bogenförmigen Anspannvorrichtungen, die über den Widerrist des Zugpferdes gesetzt werden – ein einzelner, türkisfarbener Tourenski, ein alter Motorradhelm (Halbschale), ein Waschbrett, ein Abakus, ein Moskitonetz, eine ausgebleichte Geweihstange von einem kleinen Hirsch, eine orangefarbene Rettungsweste, eine Gestellsäge, ein Armee-Parka, Steigbügel mit Riemen. Die Fenster dieser Front bestanden aus dicker, transparenter mit Leisten aufgenagelter Plastikfolie. Neben der Tür hingen alte Zeitungs- und Magazinseiten, darunter eine mit Hammer und Sichel und dem Kürzel KPRF.

(Kleiner Exkurs: die Kommunistische Partei der Russischen Föderation spaltete sich 1990 aus Protest gegen Gorbatschows „Perestroika“ von der KPdSU ab und ist bis heute streng sowjetsozialistisch ausgerichtet. Ihr Vorsitzender, Gennadi Sjuganow, verehrt Stalin, hängt gleichzeitig dem orthodoxen Glauben an und bezeichnete Michail Gorbatschow als Verräter und Zerstörer der Sowjetunion. Gorbatschow soll heute in Russland einen schweren Stand haben, auch im Volk von vielen gehasst werden und deshalb gezwungen sein, sich abseits offizieller Anlässe in Russland meist nur inkognito aufhalten zu können.)

Andere Magazinseiten zeigten Fotos von vermutlich regionalen Politikern und z.T. ganzseitigen Texten unter dicken Überschriften wie „sa Respubliku!“ (für die Republik!). Die Republik, die hier gefordert wurde – das ging aus einem Wahlplakat mit der gleiche Parole hervor, welches einen Mann mit weißem Hemd und Krawatte zeigte, der vor dem Panorama vergletscherter Berge ein Sakko am Zeigefinger über der Schulter trug – war die Republik Altai. Diese Seiten mussten also mindestens zweiundzwanzig Jahre alt sein, denn die Republik Altai wurde 1993 ausgerufen. Da es Valentins Camp damals noch nicht gegeben hatte, müssen sie entweder schon sein früheres Refugium geziert oder zwei Jahrzehnte lang als Teil seiner wichtigsten Habseligkeiten in irgendwelchen Kisten oder Regalen auf ihren Einsatz an der Hütte gewartet haben. Neben den sa-Respubliku-Magazinseiten hing dann noch ein recht großformatiges Portraitfoto des jungen Wladimir Putin. Auf Kabak geklebt. Vielleicht ein Wahlplakat, das Valentin irgendwo eingesackt hatte. Der prominenteste Mann von „Jedinaja Rossija“ (Einiges Russland) neben der KPRF – in Valentins Welt gehörte alles zusammen.

Auf einer Bank vor der Wand lagen: ein kleiner, verbeulter Zinkeimer, ein zusammengeknülltes Baumwolllaken sowie diverse unidentifizierbare Gegenstände. Vor der Bank: eine grün-rostige, oben offene Stahlbox – eventuell der Aschekasten eines alten Industrieofens.

Auf dem Hof selbst standen fünf Fahnenmasten mit sechs Flaggen – an einem der Masten zwei. Neben der russischen Flagge hingen u.a. die der Republik Altai, der Region Altai und Baschkortostans. Eine Flagge zeigte gelbe, aus dem Zentrum nach außen strebende Strahlen auf hellblauem Grund – kasachische Farben. Direkt an der Straße hatte Valentin einen mannshohen, kegelförmigen Steinhaufen errichtet. Daneben ein Gestell mit einem russischen Militärfernglas aus Stahl, so groß wie zwei Ziegelsteine. Es sollte wohl den Anschein erwecken, als könne man hier Sterne beobachten. Doch der Blick durch die Rohre glich dem durch ein ein seit Wochen nicht gereinigtes, algenverschmiertes Aquarium.

Teil 29.5

 

Außerdem befanden sich auf dem Hof: ein halbzerlegtes, uraltes Schneemobil (offenbar vollkommen defekt) mit Bob-Anhänger (hellblau); ein ebenso defekter Motorroller mit drei Rädern (ehemals vermutlich zum Lastentransport); eine Netz-Hängematte aus fingerdicken Seilen, mit Asbest überdacht; ein zersprungenes, leeres Terrarium, auf einem weiß-rostigen Unterbau; ein eisernes Wägelchen (Gulaschkanone?); Gerödel am Gartenzaun; ja, ich denke sogar eine Dekopistole. Die Armee war Valentins Leben gewesen. Wenn etwas deutlich wurde, dann das.

Und natürlich seine Schuppen und Gatter für die Tiere – unter anderem langhaarige Ziegen mit gedrehten Hörnern. Valentin setzte mir ein noch ganz junges Zicklein auf die Arme. Dann fotografierte er mich. Auch versuchte er, für mich das Hängebauchschwein aus seinem schattigen Unterschlupf mit Nüssen und Obst hervorzulocken. Das Schwein wollte nicht; es schnappte sich die Happen, grunzte und blieb wo es war. Was für eine Hitze aber auch. Ich konnte das Schwein schon verstehen.

Valentin hatte einige Rundhütten gebaut, deren Außenseiten mit Tarnnetzen behängt waren. Eine davon war die Sauna. Das größte Haus befand sich am unteren Ende des Geländes. Es war zweistöckig, komplett „unverziert“ und bot vermutlich die meisten Übernachtungsplätze. Auf seinem Satteldach aus Wellblech, aus dem ein ellenlanges Ofenrohr ragte, saßen weiße Tauben, die in einem fort landeten und wieder hoch flogen.

Alles bisher Beschriebene aber war nichts im Vergleich zu einer kleinen Hütte unterhalb des hintersten „normalen“ Blockhauses, neben dem wir zelteten. Dort hatte Valentin sein Museum errichtet, seinen Schrein, seinen Tempel. Sein Allerheiligstes. Sein Meisterstück. Das komprimierte Abbild seines Lebens und all seiner Träume, das, was Valentins Ruhm in die Welt hinaus tragen sollte.

Der Grundriss der Hütte war ein regelmäßiges Achteck von vielleicht 4 m Durchmesser. Das Dach war eine achtseitige Pyramide. Zwei hölzerne Stufen führten hinein. Ich öffnete die angelehnte Tür. Zunächst gelangte man in einen kleinen Vorraum. Lampen und Fenster gab es keine. Erhellt wurde das Ganze nur vom Tageslicht, das durch die Tür fiel. Nach dem Vorraum betrat ich das Eigentliche. Im leichten Dämmerlicht erblickte ich zuerst einen Billardtisch in der Mitte des Raumes. An den Wänden standen bis zur Dachschräge mit den irrwitzigsten Utensilien berstend gefüllte Regale. Auch die hölzerne Dachschalung oberhalb war über und über mit Erinnerungsstücken drapiert. Nur dort, wo man schlecht hinkam, war hie und da noch eine Handbreit Platz. Ein Faszinosum, wie ich noch keines gesehen hatte. Ich will versuchen, aufzuzählen, was Valentin dort zusammengetragen hatte.

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Direkt neben der Tür stand ein altes, schwarzes Klavier. In Augenhöhe ein aufgeklebtes Textblatt. Auf dem Klavier standen: eine alte Schreibmaschine; ein alter Plattenspieler; eine alte Tischbohrmaschine; ein Labormikroskop?; ein Toaster oder elektrischer Tischheizer?; ein Gerät mit ballonförmigem Oberteil – möglicherweise der Lampenschirm eines uralten Diaprojektors? – es sah aus wie eine Erfindung aus einem Jules-Verne-Roman; ein Karton aus dicker Pappe, auf dem beschriebene Ringblöcke lagen; ein Bild von Lenin; eine Rolle Gewebeklebeband. An der Seite des Klaviers klebten: ein Aufkleber von den russischen Luftlandetruppen; das Länderkennzeichen von Tschechien; der Aufkleber irgendeiner 4×4-Allrad-Internetseite. Am Türrahmen neben dem Klavier hing ein großes Armeefunkgerät mit einer Antenne, lang und dünn wie eine Fliegenangelrute, untergliedert wie eine Wirbelsäule.

Im Uhrzeigersinn folgte ein Bücherregal voller dünner Bücher und Broschüren, mit zwei Schubkästen, obendrauf wieder jede Menge Blätter, Akten und Ordner.

Rechts davon ein Regal mit zwei Wohnzimmer-Transistorradios, einem kleinen Verstärker, mit beigem Stoff bespannten Lautsprecherboxen, einer kleinen und einer großen Marmorbüste von Lenin, einem ovalen, holzgerahmten Lenin-Konterfei (schwarz-weiß), einem Kofferradio, zwei Mini-TV-Geräten, zwei Quartzweckern aus Plastik, einem alten Fotoapparat mit Ziehharmonika-Balg, Spielzeug im Wühlfach, daneben weitere elektronische Geräte im grauen Emaille-Gehäuse, ein Ghettoblaster auf dem Boden und ein Polsterstuhl.

Weiter: ein Regal mit Taschenbüchern, am oberen Ende des Regals eine sich über drei von acht Wandseiten hinziehende Seidenbanderole mit goldenem Leninprofil und Glückwünschen zum 70. Jahrestag irgendeiner hinter dem Baikalsee gelegenen Region, alte Telefone, undefinierbare elektrische Geräte mit hängenden Kabeln, ein kleines 8-mm-Filmvorführgerät, ein großes Filmvorführgerät – evtl. aus einem Dorfkino – zwei Reihen kleinformatiger, schwarz-weißer Fotoportrais von Männern, noch mal Koffer- und Transistorradios, ein kleiner Röhrenfernseher, Messgeräte, Filmrollen, Schallplatten, ein Ensemble alter Kleinbildkameras (elf Stück), die in aufgeklappten Lederhüllen an der Wand hingen, ein Belichtungsmesser, drei Kinderzimmer-Wandhaken mit bunten Herzchen auf einem rosafarbenen Brettchen, Handfilmkameras sowie Kataloge.

Wimpel: DDR, Thüringen, Rostock, Sächsische Schweiz, Rathaus Wernigerode, Schneeberg, Sonderhausen, (mitten darin ein großformatiges Privatfoto von ihm selbst als Soldat, mit kritischem Seitenblick), Tangermünde, Rübeland im Harz, Berlin, Neustrelitz, Gotha, Magdeburg, BSG Aktivist Grossräschen, Wieseneckklause, Oranienburg, Halberstadt, 1975-2010 Kraftstoff-Versorgung des Russischen Geheimdienstes FSB, Leipzig, noch mal Berlin, noch mal Magdeburg, und ein Wimpel der Fliegerei der CCCP.

Eine große russische Flagge mit einer Widmung aus Kurgan, geschrieben mit Kugelschreiber, von Kindern mit Farbkasten oder Filzstiften gemalte Bilder. Die meisten stellten entweder Valentins Camp, das Zelt der Familie mit dreieckigem Berg im Hintergrund oder Valentin selbst dar. Immer mit Militärkäppi. Mit Datum des Aufenthaltes der Kinder im Camp. Außerdem Postkarten, Bleistift- und Kohlezeichnungen, vermutlich ebenfalls vom Camp, 32 Aufnäher von verschiedenen Waffengattungen und Dienstgraden, ein Plakat eines Panzers. Ein großformatiges Schwarz-Weiß-Kunstfoto mit überbetontem Kontrast zeigte das Gesicht einer alten Zentralasiatin, die sich ein weißes Kopftuch übergebunden hatte. Daneben Stadtpläne, eine Reinigungsschnur für Gewehrläufe, ein altes, verbeultes Kassettenaufnahmegerät aus Blech, eine etwas modernere Schreibmaschine, ein Lautsprechertrichter aus Metall, aus dem auf Kasernenhöfen die Durchsagen plärren, ein blau-weißer Briefkasten aus Stahlblech mit eingeprägten Schriftzug „Potschta“. Darüber eine kleine UdSSR-Flagge, wie sie das Volk zum Fähnchenschwenken bei Staatsanlässen in der Hand gehabt haben mochte. Die Ränder waren schon ganz zerfranst und die Sonne hatte das Rot zu einem blassen Lachsrot gebleicht. Weiter: ein kleines Hirschgeweih, an dem ein gut erhaltener Sowjetwimpel aus roter Seide mit gelben Fransen hing, auf dem – na wer wohl? – Lenin abgebildet war, zusammen mit Hammer und Sichel, einer Weizenähre und Eichenlaub. Weiter hing an dem Geweih eine zentralasiatische Fellmütze mit einem goldenen Schmuckband, eine Kopfbedeckung aus silbrigen Spiegelplättchen, mit Bändchen, an denen weitere silberne Plättchen hingen – vermutlich die traditionelle Hochzeitshaube einer Frau irgendeines sibirischen Volkes. Über dem Geweih ein großes, geschnitztes Doppeladler-Wappen. Unter dem Geweih das geschnitzte Relief eines Stieres.

Weiter: eine technische Zeichnung, mit Buntstiften leicht schraffiert, ein roter Seidenvorhang mit Sowjetemblem im Ährenkranz über einer aufgehenden Sonne, der schwarz-weiße Stab eines Verkehrspolizisten, eine alte Gas- oder Petroleumlampe, weitere großformatige, rote Sowjetwimpel aus roter Seide mit gelben Fransen. Daneben sehr gute Portraitzeichnungen, nur in Braun, Gelbbraun und Schwarz gehalten, vor romantischen Hintergründen wie Wolken, Bergen oder weiten Landschaften. Ein gepolsterter Doppelsitzer (Art: aufstrebende Unterschicht, Nachwendezweit), auf dessen Lehne zwei bunte Kissen mit Militärwappen standen. Ein kleines Bett, ein Kopfkissen mit einem alten, blau-weißen Baumwollbezug, eine Landkarte, zwei große, farbige Portaitaquarelle von Soldaten, vor denen ein Fischernetz hing, ein Foto von Schafen an einer Tränke, ein rotes Notenblatt (?) in DIN-A-3-Größe, ein Ölgemälde im Goldrahmen (russische Beamten-Adels-Familie sitzt zu Tisch), eine rote, querformatige Urkunde hinter Glas, mit Goldschrift, ein Foto einer kasachischen Bäuerin, Zaumzeug, Briefe und eine Flagge der Mongolei.

Im Vorraum: ein buntfarbiges, hochformatiges Poster von Bridgestone mit einer lächelnden Bikinischönheit, ein großes Poster vom höchsten Berg des Altai – der Belucha mit Doppelgipfel und langer Gletscherzunge. Und: ein 2 Quadratmeter großes russischsprachiges Riesenposter über die DDR, mit schwarz-weißen Fotos von Berlin-Alexanderplatz samt Fernsehturm, der Alten Messe in Leipzig mit dem doppelten M, dem Dresdener Zwinger, eine Übersichtskarte der DDR, aus deren unterer Hälfte ein großes Stück herausgerissen war und ein schwarz-weiß-Foto, das Arbeiterinnen bei der Produktion von Lampenschirmen aus Plastik (?) zeigte.

Auf der Spitze des Pyramindedaches thronte außen – quasi als krönender Abschluss – eine silberne, spiegelverglaste Diskokugel.

Das war Eklektizismus in Reinform. Auf den ersten Blick kaum mehr, als kaleidoskopisches Chaos, entpuppte es sich auf den zweiten als nach einer höheren Ordnung erschaffen, die nur Valentin selbst bekannt war. Bizarrerweise wirkte diese Sammlung zutiefst sinnig und geschmackvoll auf mich. Eine faszinierende Werkschau. Und der sie erschaffen hatte war kein Messie, sondern ein Künstler. Ein ärmlich in den Bergen zurückgezogen lebender Ex-Soldat, der auf dem Grunde seines verwitterten Herzens darum kämpfte, auch ein Poet zu sein. Mit kindlichem, beinahe schon religiösem Selbstverständnis hatte er die Gegenstand gewordenen Erinnerungen, die aus einem anderen Leben in das jetzige hinüber gerettete, im Grunde längst verbrauchte Mitgift, das liebgewonnene Dekor der einzig wahren Zeit, die er vielleicht je gehabt hatte, zu einem im positiven Sinne wahnwitzigen Gesamtwerk organisiert. Wie Orden an einer Uniform hingen Valentins Zeugnisse an Brettern und Balken, erzählten von Heldentaten, von den seligen Jahren, von seinen Träumen und von vergangenem Kummer. Seine Liebe zu diesem Werk war unverkennbar; sie spross trotz seines vermutlich lädierten Lebens wild wie Löwenzahn auf einer Halde. Hätte man ihn zerstören wollen, hätte man vermutlich nur diese Hütte anzünden müssen. Denn dort teilte er sich selbst mit. Sie war sein Bekenntnis, und es lautete: schaut her, ich lebe vielleicht oft nicht viel besser als ein Tier, aber ich bin kein Tier; ich bin bei weitem immer noch ein Mensch!

Man musste nicht Sherlock Holmes heißen, um zu erkennen, was Valentins Leben besonders geprägt hatte: Film und Fotografie, Rundfunktechnik, die glorreiche Sowjetunion, die Armee und die DDR… Valentins Sammlung war sein Versuch, das alles unbedingt festzuhalten, weil sich nur dadurch ein für alle mal beweisen lässt, dass und was er selbst einst gewesen ist. Die Menschen gehen auf unterschiedliche Weise mit der Flüchtigkeit um. Manche schreiben Tagebuch, andere haben Fotodateien. Bei wieder anderen sammelt sich alles im Herzen – wie bei Victor. Die meisten aber dekorieren ihr Leben mit ein paar Dingen der Erinnerung. Valentin ging weit über jedes normale Maß hinaus. Vielleicht spiegelte sich in seinem Werk auch ein notwendiger Ausgleich zu einem Dasein, das in langen einsamen Monaten sicher auch Phasen seelischer Wüstenei kennt. Und dennoch konnte das nicht die alleinige Erklärung sein. Ich denke nicht, dass er ursprünglich für ein Leben in der Einsamkeit gemacht war. In seiner Seele hatte das Verlangen nach dem Anderen zu viel Raum. Valentin hatte keinen endgültigen Bruch zum alten Leben vollzogen; es sah eher nach selbstgewählter Verbannung aus – so widersprüchlich das klingen mag. Deshalb lebte er hier oben und nicht „ganz anständig“ in einer städtischen Mietwohnung oder einer dörflichen Siedlung. Deshalb war ich dem, was er von sich zeigte, auch so zugetan. Seiner „Erzählung“ . . . wuchtig, vital, einsam. Und extrem. Wie Russland.

Valentin wäre sicher ein großartiger Museumsdirektor gewesen.

Zwei Mädchen kamen und versuchten sich am Klavier. Es war völlig verstimmt. Aber der „Flohwalzer“ und „Für Elise“ funktionieren immer und überall auf der Welt. Und sämtliche Mädchen scheinen diese Stücke spielen zu können. Ich lauschte von draußen… Eine ganz andere Qualität von Leben wehte plötzlich über das Camp. Als diese dumpfen, schrägen Töne aus dem Klavier sprangen wurde mir wieder bewusst, was Zivilisation und was der Mensch ist. Und wozu allein er fähig ist unter allen Geschöpfen des Kosmos.

Valentins unermüdliches Werk war wie das seines Geistesverwandten – des Erbauers der Kathedrale von Barcelona – noch lange nicht vollendet. An der Außenwand des Blockhauses, neben dem wir zelteten, hatte er angebracht: einen orangefarbenen Rettungsring, mehrere Abakusse, Buchstaben aus Holz (Ulaganskije Ozera, Aktasch-Ulagan, 22km, 8961 9960174), zwei Erste-Hilfe-Kästen, eine grünes Apotheken-Plastikschild mit weißem Kreuz, eine Küchenuhr, eine zu einem Vogelhäuschen umgebaute Wohnzimmeruhr, einen Lautsprecher, eine Tabelle mit irgendwelchen eingetragenen Daten, ein Barometer und jenen Kasten, in den man das Geld für die Übernachtung stecken sollte.

Ich traf Valentin, der sich freute, dass ich mir seine Kollektion angesehen hatte, und fragte ihn, ob er die DDR mochte. Oh ja, meinte er, ein ganz, ganz wunderbares Land sei sie gewesen, die DDR… Die schönsten Erinnerungen habe er, die allerschönsten. Da verstand ich, dass für ihn nicht irgendeine frühere Zeit, sondern gerade die Zeit in der DDR die beste seines Lebens gewesen sein musste.

Auf der Heimreise begegnete ich noch anderen ehemals in der DDR stationierten Ex-Soldaten, die aus den Tiefen der Sowjetunion nach „Deutschland“ – wie sie alle die DDR nannten – gekommen waren. Und immer war es die gleiche Geschichte: wie herrlich war es in der DDR gewesen! Welch ein wunderbares, modernes, fortschrittliches und freundliches Land sei sie gewesen. Nur die besten Erinnerungen. Erinnerungen, von denen diese Soldaten den Rest ihres Lebens zehrten. Erinnerungen an das eine große Abenteuer ihrer Jugend, Erinnerungen, die nach und nach in Verklärung übergegangen waren.

Dass diese Soldaten die DDR ganz einfach „Deutschland“ nannten, verwirrte mich anfangs. Ich selbst hatte die DDR nie als „Deutschland“ gesehen. Allenfalls als eine Art drolliges Pittiplatsch-Land, das man international nicht ganz ernst nehmen konnte. „Deutschland“ war wenn schon, dann eher die Bundesrepublik gewesen. Und ich war davon ausgegangen, dass auch jedem Russen der eklatante materielle Unterschied zwischen der DDR und dem westdeutschen Superstaat offensichtlich gewesen sein müsste. Es sich deshalb von selbst verbot, die DDR mit etwas so Geschichtsträchtigem wie „Deutschland“ in einem Atemzug zu nennen. Aber es geschah so. Diese Außensicht, gerade auch weil ich sie mehrfach zu hören bekam, veränderte mein Verständnis von die DDR. Die DDR war also tatsächlich mehr gewesen als ein schizophrenes Extrem, das einerseits Kritiker verfolgte und andererseits Kindern wie mir eine schöne Kindheit ermöglichte – ein Eingeständnis, für das man sich heute fast schon schämen muss, weil man weder die medialen „Unrechtsstaat!“-Rufe teilt, noch die schweren Erinnerungen der eigenen Eltern. Sie muss mehr gewesen sein als das, wenn Fremde aus der Ferne in der DDR ein hochzivilisiertes Kulturland sahen, in dem alles ordentlich funktionierte und in dem es sich viel besser leben ließ, als bei ihnen daheim.

III

Ich packte. Sascha würde bald zurück sein. Neben dem Zelt, im Gras – das war mir gestern gar nicht aufgefallen – entdeckte ich den ausgebleichten Unterkieferknochen eines Tieres. So groß wie meine Hand. Die Reißzähne waren noch richtig spitz. Vermutlich ein . . . keine Ahnung. Ich machte ein Foto. Dann ein suchender Blick in die Ebene. Saschas anderthalb Stunden waren um. Vom roten Rucksack mit der hellblauen Matte war weit und breit nichts zu sehen.

Eine Sascha zieht am Gebirge hin . . .

Zog sie aber nicht. (Wo war sie?)

Die Sonne drückte mit Gewalt. Still erduldete das Land die Hitze. Alle Viertelstunde unterbrochen durch einen LKW, Geländewagen oder PKW, die ihre Staubwolken hinter sich herzogen. Sascha war Richtung Westen losgezogen. Weil ich nicht wusste, was ich sonst tun könnte, ging ich ihr hinterher. Der stachelige Bewuchs der Heidelandschaft wurde von den wundersamsten, schönsten, bunten Blüten versüßt. Trockenheit. Scharfkantiges Geröll. Steinsbrocken. Nach hundert Metern setzte mich ich mich auf einen größeren Felsen und wartete. Stand auf. Hielt Ausschau. Suchte. Wartete wieder. Die Zeit verging. Keine Sascha. Nach zweieinhalb Stunden begann ich, mir Sorgen zu machen. Es mochte ihr doch nichts zugestoßen sein? Bisher hatte sie stets getan, was sie gesagt hatte. Nach drei Stunden begann ich, mir Verletzungen, einen Sturz, ein gebrochenes Bein, eine offene Wunde, einen Bären, eine Schlange vorzustellen, ja, die Möglichkeit ihres Todes durchzuspielen. Ich malte mir Ermittlungen aus, dass ich der Letzte gewesen sei, der sie lebend gesehen hätte, stellte mir vor, wie ich über die Universität Orel ihre Identität ausfindig machen würde und ihrer Mutter die traurige Nachricht… Da erspähte ich einen roten Punkt. Anderthalb Kilometer Richtung Nord-Nord-West, am Fuße des Bergkamms, unterhalb der Bäume. Der Punkt bewegte sich ganz langsam Richtung Süden. Hierher, wenn auch nicht auf direktem Wege. Nach einer Weile konnte ich die hellblaue Matte ausmachen. Nun würde es nicht mehr lange dauern. Ich sammelte einige Blumen und Gräser, ging zum Auto und tat sie zum Trocknen in meinen Koffer für besondere Dinge. Vielleicht konnte ich sie daheim bestimmen.

Wo aber blieb Sascha? Als sie am Fuß der Hügel so weit nach Süden gewandert war, dass sie eigentlich im rechten Winkel hätte abbiegen und direkt zum Camp herüber kommen müssen, ging sie einfach weiter geradeaus. Ich eilte ihr entgegen. Es war inzwischen fast Mittag. Wir mussten doch los. Sascha war noch etwa 300 Meter weit weg. Ich winkte. Sie beachtete es nicht und wandte sich statt dessen wieder nach Süden. Dort befand sich einer der Seen. Sie würde doch nicht noch um den See herumlaufen? Glücklicherweise hielt sie sich am Nordufer und kam nun doch endlich, endlich näher. Wie eine Münze, die man mit Schwung in einem großen Trichter rollen lässt, sich zunächst scheinbar gegen den Sog zur Mitte wehrt und außen bleibt, bevor sie dann doch aufgibt und ihre Bahnen immer kleiner werden. So ging Sascha. Nur eben viel langsamer. Und auf ungeraden Bahnen.

„Du wolltest doch schon vor zwei Stunden zurück sein.“

„Wie lange war ich denn weg?“

„Über dreieinhalb Stunden…“

„Ich brauchte einfach die Zeit. Ich wusste doch, dass du warten würdest.“

„Ich habe mir Sorgen gemacht …“

„Was denn? Dass ich tot bin?“

„Zumindest, dass dir etwas zugestoßen sein könnte. Da draußen ist Wildnis.“

Sie schaute ungläubig und grinste schief – als wolle sie sagen: Mir? Etwas zustoßen? Nicht dein Ernst, oder?

Ich sagte: „Können wir jetzt fahren?“

Valentin und Sergej waren noch nicht zum Wasserfall aufgebrochen. Doswidanija gesagt. Gute Wünsche mitbekommen. Dann starteten wir.

Lufttemperatur: 23,5 Grad Celsius

Höhe: 2050 Meter.

Kilometerstand: 7.333 seit Reisebeginn

Am Felsbogen machten wir diesmal Halt und fotografierten. Der wilde Gebirgsbach neben der Straße war uns gestern gar nicht aufgefallen. Dann endlich: der Asphalt. Die bekannten Kurven, von oben hereinfahrend, an den kleinen Holzhäuschen vorbei, der sich lichtende Wald, Menschen, die Siedlung – wie schön war es, wieder in Aktasch zu sein. Auf 1350 m Höhe registrierte der Bordcomputer 30.5 Grad. Ich kaufte Obst, Joghurt, Tomatensauce, tankte 29 Liter für 1000 Rubel; dann gingen wir in ein kleines Kафе an der Hauptstraße und machten Mittag. Sascha beriet mich. Bei Hitze würden Russen gerne „Okroschka“ essen – eine kalte Suppe aus gewürfelten Gurken, Eiern, Radieschen, Kartoffeln und Wurst, gewürzt mit Dill, Schnittlauch, Pfeffer und Salz, in Wasser und Sahne – kalt stellen, ziehen lassen, fertig. Noch traditioneller allerdings wäre es, Kwaß anstatt Wasser zu nehmen. Das Kафе bot beide Varianten an. Ich entschied mich für Kwaß. Und sank auf die Knie. Das war umwerfend. Es konnte nichts Besseres geben an solch einem Tag bei solchen Temperaturen. Sascha schien sich zu freuen. Wir nahmen beide einen schwarzen Tee mit Zucker und Zitrone, saßen einander gegenüber, an einem kleinen Tischchen, mit Wachstuchdecke… Ich war in Russland angekommen.