Eine Polemik von Herwig Schafberg

In Erinnerung an den Tag im Jahre 1945, an dem Auschwitz durch die Russen befreit wurde, gilt im Deutschland von heute der 27. Januar als Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus.

Von den 15.000 deutschen Juden, die den Völkermord überlebt hatten, wanderten viele nach Palästina und in andere Länder aus. Das taten auch die meisten der 350.000 Juden aus Osteuropa, die den Genozid überlebt hatten und zunächst in Nachkriegsdeutschland untergebracht waren. Viele von ihnen blieben und begegneten hier weiter Aversionen, als ob manche Deutsche ihnen übel nahmen, daß sie vor der Vergasung bewahrt worden waren.

Zu judenfeindlichen Übergriffen gehörte beispielsweise die Schändung jüdischer Friedhöfe, die in den fünfziger Jahren den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer bewog, sich in einer Radioansprache an die Bürger dieses Landes zu wenden und ihnen im Umgang mit den Schändern zu empfehlen:

„Wenn Sie solche Lümmel auf frischer Tat ertappen, dann geben Sie ihnen am besten gleich an Ort und Stelle eine Tracht Prügel; denn das ist die Strafe, die sie verdient haben.“

Und Adenauer fügte hinzu:

„Meinen jüdischen Mitbürgern sage ich, daß die gesamte Staatsmacht hinter ihnen steht!“

Wo steht die deutsche Staatsmacht heute?

Araber haben ein historisch anders belastetes Verhältnis zum Judentum als Deutsche. Ihr Verhältnis wird durch den Streit mit den Israelis um Palästina geprägt. Wenn dieser Streit zu Massenkundgebungen auf den Straßen unserer Städte führte, begnügten viele Demonstranten aus den Reihen arabischer Einwanderer sich nicht damit, gegen Israel zu protestieren, sondern verlangten blutrünstig „Tod den Juden“, als ob unsere jüdischen Mitbürger für die Politik des Staates Israel mitverantwortlich wären. Und manche Mitläufer entblödeten sich nicht einmal, „Hamas – Hamas – Juden in das Gas“ zu skandieren. Solange solche Schreihälse in der Masse mitlaufen, haben sie vermutlich noch weniger Verantwortungsbewußtsein als sonst.

Doch es kam noch toller: Als arabische sowie türkische Demonstranten am 9. Januar 2009 in den Straßen von Duisburg an einem Haus vorbeikamen, aus dem eine Israel-Flagge hing, löste der Anblick dieser Flagge eine Massenhysterie aus. Aus der Masse wurde nach Adolf Hitler gerufen und der wild gewordene Mob drohte, das Haus zu stürmen.

„Gefährlich ist´s, den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn, doch der Schrecklichste der Schrecken das ist der Mensch in seinem Wahn“, heißt es dazu passend im Lied von der Glocke, das Friedrich Schiller unter dem Eindruck dichtete, den der Straßenterror des Pariser Pöbels während der Französischen Revolution bei ihm hinterlassen hatte. Zur erfolgreichen Terrorbekämpfung bedurfte es damals eines Napoleon Bonaparte, der nicht bloß in offener Feldschlacht zu siegen verstand, sondern auch bei Straßenkämpfen in Paris, in deren Verlauf er die aufmüpfige Kanaille zusammenkartätschen ließ.

Daß die Kanaille in Duisburg am Ende auf die Erstürmung des Hauses verzichtete, lag an den Polizisten, die aber nicht – Adenauers Empfehlung folgend – die gewaltbereiten Lümmel verprügelten, sondern selber das Haus stürmten, die Tür zu der in Betracht kommenden Wohnung aufbrachen und unter dem Triumphgeschrei der wutbebenden Massenmenschen die Flagge vom Fenster nahmen. So wie viele ihrer Kollegen 1933 nach der nationalsozialistischen Machtübernahme zu Bütteln der SA geworden waren, wurden hier deutsche Polizisten zu Handlangern des Mobs, statt die Herrschaft über die Straße denen zu entreißen, die kaum sich selbst zu beherrschen wußten. Die Polizeiführung hielt das für eine Deeskalation, ich hingegen für eine Kapitulation!

“Oh judgement, thou art fled to brutish beasts and men have lost their reason”, ließ William Shakespeare seinen Marcus Antonius in Julius Cesar sagen. Das fiel mir ein, als ich an die Raserei des Duisburger Straßenpöbels sowie an die perverse Logik dachte, mit der die dortige Polizei ihr Verhalten damit zu rechtfertigen versuchte, daß der jüdische Wohnungsbesitzer mit seiner Beflaggung den Pöbel provoziert hätte. Das heißt mit anderen Worten: Der Jude war schuld, daß die anderen ihre Contenance verloren hatten.

Juden als Sündenbock?

Es gibt ja nicht nur bei uns, sondern auch im Orient eine jederzeit mobilisierbare Masse an Menschen, die zum Kampf gegen Israel aufgehetzt wird. Zu den Hetzern gehört insbesondere das iranische Mullahregime, das seit langem mit der Zerschlagung des „zionistischen Regimes“ – des Staates Israel – droht und den „al-Quds-Tag“ initiierte, an dem jedes Jahr weltweit und also auch bei uns ungeniert Massendemonstrationen zur „Befreiung von al-Quds“ (Jerusalem) veranstaltet werden.

Als sei das Judentum für die Rolle des ewigen Sündenbocks bestimmt, lassen antizionistische Hetzer kaum eine Gelegenheit aus, um den Zionisten und somit den Juden Böses zu unterstellen, indem sie hinter sämtlichen Attentaten, Kriegen und Revolutionen zionistische Kräfte vermuten und im besonderen davon ausgehen, daß diese die Moral der islamischen Nation sowie Religion untergraben wollten. In iranischen Medien wurde sogar das Gerücht verbreitet, John Lennon`s Friedenslied „Imagine“ wäre ein zionistisches Machwerk, mit dem die Wehrkraft der Muslime zersetzt werden sollte, und Harry Potter ein Zauberer, den Zionisten erfunden hätten, um muslimische Kinder vom „rechten Glauben“ abzubringen. Es sind halt nicht nur europäische und amerikanische Antisemiten, sondern auch orientalische Muslime, in deren Wahnvorstellungen Juden an allem schuld sein sollen.

Judenfeindliche Propaganda gibt es auch in türkischen und arabischen Medien, die ebenso wie einige Moscheen bei uns Quellen der negativen Beeinflussung hier eingewandeter Türken, Araber sowie anderer Muslime sind. „Die Juden sind schuld“ lautet bezeichnenderweise der Haupttitel einer Studie über „Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft am Beispiel muslimisch sozialisierter Milieus“, die im Auftrag der Amadeu-Antonio-Stiftung erstellt worden war. Was ich 2005 bei der Präsentation dieser Studie von der Stiftungsvorsitzenden Anetta Kahane sowie vom Grünensprecher Cem Özdemir hörte und auch in der Broschüre las, war für mich nicht neu; denn über die dort dargestellten Probleme war manches schon viel früher berichtet worden.

Ein Junge namens Ayre beispielsweise war 1991 auf offener Straße in seinem Berliner Wohnbezirk Wedding von zehn arabischen Jugendlichen mißhandelt worden.

„Jude, mach dein dreckiges Maul auf,“

herrschten sie ihn an, stopften ihm Erdbeeren in den Mund und befahlen: „Friß, Jude, friß!“ Als er die Erdbeeren ausspuckte, schlugen sie ihn.

Das ist nur ein Beispiel für die vielen Mißhandlungen, die junge Juden schon damals von seiten deutscher, in zunehmendem Maße jedoch arabischer sowie anderer muslimischer Jugendlicher erfuhren. Und daran hat sich bis heute nichts geändert, wie auch der deutsch-französische Modeschöpfer Karl Lagerfeld vor kurzem mit Blick auf die Einwanderungspolitik der Bundesregierung befürchtete:

„Selbst wenn Jahrzehnte dazwischen liegen, kann man nicht Millionen Juden töten und später dann Millionen ihrer schlimmsten Feinde holen.“

Lagerfeld dachte vermutlich an Immigranten aus Syrien und anderen Ländern, von denen die meisten mit offen propagiertem Haß auf Juden aufgewachsen sind. Seine Befürchtungen mögen übertrieben sein, verdienen es jedoch, ernst genommen zu werden, wie Kahane und Özdemir nach ihren eigenen Erkenntnissen bestätigen könnten. Zu einer sachlich angemessenen Auseinandersetzung kam es allerdings ebenso wenig wie in anderen Fällen.

Stattdessen wurde Lagerfeld in Frankreich wegen „Volksverhetzung“ angezeigt und in Deutschland verstieg der Moderator eines öffentlich-rechtlichen Nachrichtensenders sich zu dem Hinweis, daß der Modeschöpfer für eine jüdische Firma tätig wäre, als ob er suggerieren wollte, Lagerfeld hätte sich als Agent des „Judentums“ zu Wort gemeldet. Was war denn hier gehetzt: Lagerfelds Übertreibung oder die Entgegnung, mit welcher der Moderator sich im ähnlichen Duktus äußerte wie nationalsozialistische Agitatoren mit ihrer judenfeindlichen Propaganda?

Sorgen macht mir jedenfalls nicht der Einfluß von „jüdischem“ Kapital, sondern der milliardenfache Geldstrom aus Saudi-Arabien, Katar und anderen Staaten des Orients, der zum Kauf von europäischen Firmen sowie Vereinen und zu Spenden für Universitäten sowie andere meinungsbildende Institutionen verwendet wird, aber auch für Moscheen, in denen zur Bekämpfung von „Ungläubigen“ und speziell von Juden aufgehetzt wird.

Wann ist die Schmerzgrenze erreicht?

Wir waren kürzlich erneut Zeugen, wie aufgehetzte Araber, Türken sowie andere Muslime die amerikanische Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels zum Anlaß nahmen, um nicht bloß gegen die USA sowie gegen Israel zu demonstrieren, sondern ein weiteres Mal unüberhörbar „Tod den Juden“ zu kreischen.

Und sie können sich solche volksverhetzende Agitation immer wieder leisten, weil sie sich in der Masse unangreifbar fühlen und in diesem Gefühl auch noch bestärkt werden durch die Passivität von uniformierten Vertretern der Staatsmacht, die solche Demonstrationen begleiten und in einem Falle den Demonstranten sogar den Lautsprecherwagen der Polizei für die Agitation zur Verfügung stellten.

Wie Niccolo Machiavelli lehrte, muß man die erforderlichen Grausamkeiten am Anfang begehen, wenn man Schlimmeres verhindern will. Doch die politisch Verantwortlichen in unserem Lande waren nicht zu belehren, sondern nehmen schon lange Schlimmeres in Kauf. Was Israelgegner aus muslimisch sozialisierten Milieus beispielsweise im Januar 2009 während der oben genannten Proteste gegen die israelische Politik an Judenhaß demonstrierten, müßten „wir bis an die Schmerzgrenze“ ertragen, meinte die damalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries zur Begründung für die Zurückhaltung der deutschen Staatsmacht. Sind „wir“ es, Frau Ministerin, oder sind es nicht in Wahrheit unsere jüdischen Mitbürger, die diese Feindschaft „bis an die Schmerzgrenze“ ertragen sollen? Wann – bitte schön – ist denn diese „Schmerzgrenze“ erreicht und was soll dann passieren?

„Jude“ ist ein Schimpfwort, das von Jugendlichen aus diesen Milieus gerne verwendet wird. „Das ist ein Jude“, sagte beispielsweise ein Schuljunge aus ihren Reihen, als er nach seinem Verhältnis zu einem ganz bestimmten Lehrer gefragt wurde. Der Lehrer war zwar nicht jüdisch, hatte aber Leistungen des Schülers negativ bewertet. Anstatt sich selbstkritisch zu fragen, ob er vielleicht zu dumm oder zu faul wäre, suchte der Junge die Schuld für seine Leistungsmängel beim Lehrer, den er in der Logik seiner Ressentiments zum „Juden“ erklärte.

Schlimmer trifft es Schüler, die wirklich Juden sind. Vor einiger Zeit ging in Berlin wieder ein Schüler jüdischer Herkunft von einer Schule ab, weil seine „Schmerzgrenze“ erreicht war und er den Judenhaß einiger Mitschüler aus muslimisch sozialisierten Milieus nicht länger ertragen konnte. An einer anderen Berliner Schule ist ein jüdischer Schüler schon seit Jahren davon befreit, die Unterrichtspausen auf dem Schulhof zu verbringen, weil die Schulleitung – eine Vertretung der Staatsmacht – den Jungen nicht vor judenfeindlichen Mitschülern schützen kann oder will. Bei der „Befreiung“ dieses Jungen handelt es sich also nicht etwa um ein Privileg, sondern um eine Kapitulation des Rechtsstaates wie beim Sturm auf ein Haus in Duisburg und bei anderen Gelegenheiten.

Das sind nur einige von vielen tausend Fällen, in denen Juden auf dem Schulhof, auf dem Sportplatz oder auf der Straße Opfer verbaler, aber auch körperlicher Gewalt wurden. Mancher wurde sogar – auf sich allein gestellt – von mehreren jungen Arabern oder Türken zugleich verprügelt. Schon allein deswegen klingt es wie ein Scherz voller bitteren Hohns, wenn Gruppen junger arabischer sowie türkischer Demonstranten bei Protestmärschen gegen Israel skandieren:

„Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“

In Schillers Lied von der Glocke heißt es: „Da werden Weiber zu Hyänen und treiben mit Entsetzen Scherz, noch zuckend mit des Panthers Zähnen zerreißen sie des Feindes Herz.“ Ist es vielleicht das „Weibische“ in solchen Männern, das sie in Massen zur hysterischen Raserei treibt und nicht hinter ihrem Machogehabe verborgen bleibt? Man müßte dringend solche Rasenden zur Räson bringen, soweit man sich ihrer nicht mehr durch Abschiebung oder Ausweisung entledigen kann!

Judenfeindliches Gesindel gibt es allerdings nicht bloß unter Arabern, Türken sowie anderen Muslimen, sondern auch unter Deutschen, die man bedauerlicherweise nicht los wird. Sie trauen sich zwar vergleichsweise selten, offen zur Tötung von Juden aufzurufen wie historisch nicht so stark belastete Einwanderer; aber mancher kann es nicht lassen. Daß zum „Deutschsein“ eine besondere Verantwortung für Juden gehöre, wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hervorhob, kam einem alten Deutschen vermutlich nicht in den Sinn, als er kürzlich den Wirt eines israelischen Lokals in Berlin-Schöneberg anschrie, daß die Juden in Deutschland auch „nach 1945“ weiterhin unerwünscht, in „Palästina“ jedoch ebenfalls nur „Gast“ wären, und diese völlig ungeniert aufforderte, „alle zurück in Eure blöde Gaskammer“ zu gehen; denn „keiner will euch hier!“

Kaum war das Böse in seiner Banalität über die Lippen gekommen, zeigten Vertreter der Medien sowie der Politik professionell Empörung. Nach den judenfeindlichen Ausschreitungen, zu denen es einige Tage zuvor bei Protesten von arabischen sowie türkischen Massenmenschen gegen die Anerkennung Jerusalems gekommen war, hatte es länger gedauert. Hatte man sich in den Redaktionsstuben und Amtszimmern erst einmal überlegt, ob man im Falle von „jungen Wilden“ aus dem Orient Nachsicht walten lassen könnte, die jedoch einem wild gewordenen Altdeutschen nicht zugestanden werden dürfte?

Auf eine Anfrage gab die Redaktion von ARD-Aktuell zur Antwort:

„Natürlich kann man im Nachhinein fragen, warum wir nicht schon früher berichtet haben. Uns erschien es aber bei diesem Thema gerade wichtig zu sein, politische Stellungnahmen einzubinden.“

Und die schienen nach den Protesten gegen die Anerkennung auf sich warten zu lassen. Wie wäre es, wenn Journalisten nicht Verlautbarungen von Politikern abwarteten, sondern mit kritischen Fragen auf diese zugingen? Doch die Redakteure, die nicht ohne politische Stellungnahmen berichten wollten, gehören möglicherweise zu den Zeitgenossen, die der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz wegen ihrer suchtverdächtigen Neigung zum überkorrekten sowie überkonformen Verhalten für „Normopathen“ hält.

Nachdem es im Jahre 2000 einen Brandanschlag auf eine Synagoge in Düsseldorf gegeben hatte, verkündete der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder:

„Wir brauchen einen Aufstand der Anständigen. Wegschauen ist nicht mehr erlaubt.“

Daraufhin wurden „Aktionspläne“ geschmiedet und Lichterketten sowie Demonstrationen organisiert. Es stellte sich aber heraus, daß es sich bei den Attentätern nicht um deutsche Antisemiten handelte, wie man zunächst vermutet hatte, sondern um arabische Judenhasser. Die konnte – und kann man bis heute – wohl nicht so gut wie „Nazis“ für antirassistische Feindbilder bei geplanten Aktionen „gegen rechts“ verwenden.

Aus Sorge, man könnte sie sonst selber für „Rassisten“ oder „Rechtspopulisten“ halten, schauten und schauen „Normopathen“ in Politik, Medien und weiteren mainstreamlinienförmig aufgestellten Gesellschaftsgruppen nach wie vor gerne weg, wenn es um Juden- oder andere gruppenspezifische Feindlichkeit in muslimisch sozialisierten Milieus geht, und halten ihre Ignoranz für Toleranz. Und wenn sich die eine oder andere Verhaltensauffälligkeit in diesen Milieus doch nicht ignorieren läßt, folgen den mahnenden Worten so gut wie keine durchgreifenden Taten. Manche Politiker haben halt „keinen Saft in den Hoden“, wie der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt maulte. Wenn sie kommen, ist es nur heiße Luft, die sich zu Sprechblasen formt, die wiederum wirkungslos zerplatzen.

Wohin mit den Juden?

Der oben erwähnte Ayre, dem Araber fast zehn Jahre zuvor den Mund gestopft und Ohrfeigen versetzt hatten, weil er Jude war, mochte die zunehmende Judenfeindlichkeit in Deutschland nicht mehr ertragen.

„Jude, verpiß dich aus unserem Bezirk,“

hatten die übergriffigen Araber ihn aufgefordert, als ob der Wedding damals schon eine arabische Kolonie in der deutschen Hauptstadt werden sollte. Kurz nachdem Bundeskanzler Schröder zum „Aufstand der Anständigen“ geblasen, dabei aber die Backen zu voll genommen hatte, war die „Schmerzgrenze“ überschritten und Ayre wanderte 2001 nach Israel aus.

Hatten ihre Liebes- und Bestätigungsmängel am Rande der deutschen Mehrheitsgesellschaft dazu beigetragen, daß die genannten Araber aus dem Wedding, aber auch andere junge Männer aus muslimisch sozialisierten Milieus damit begannen, sich in ihren Wohnquartieren wie „Herren“ aufzuführen, um sich für erlittene Schmach zu rächen und sich dafür Juden als Sündenbock auszusuchen? Wenn man erlebt, wie ungeniert sich Judenhaß in Deutschland ebenso wie in anderen europäischen Ländern ausgebreitet und verbale sowie körperliche Gewalt zugenommen hat, ist es nicht verwunderlich, daß jüdische Mitbürger sich in Europa immer unsicherer fühlen.

„Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Mond sicher,“ schrieb einst Hannah Arendt – oder halt in Israel, wie viele Juden hoffen, die dorthin auswandern. Neben Frankreich mit seinen vielen tödlichen Attentaten auf jüdische Männer, Frauen und sogar Kinder sind es vor allem Länder wie Belgien und Schweden, in denen die Judenfeindlichkeit seit der Masseneinwanderung orientalischer Muslime lebensbedrohende Ausmaße an- und der jüdische Exodus nach Israel demgemäß zugenommen hat.

Daß junge Araber und Türken sich auf den Straßen europäischer Städte teilweise im Kolonialherrenstil aufführen und keine Juden in ihrer Nachbarschaft dulden wollen, mit ihren Aggressionen jedoch immer mehr europäische Juden zur Auswanderung nach Israel treiben und insofern ausgerechnet in ein Land, das diese Unduldsamen ebenfalls möglichst „judenfrei“ haben wollen, ist eine Einsicht, die ihnen wohl ebenso schwer zu vermitteln ist wie dem weiter oben zitierten altdeutschen Wüterich vor dem israelischen Lokal in Schöneberg. Narzißtisch, wie viele von ihnen sind, gefallen sie sich in ihrem „Holocaustneid“ und beanspruchen mit dem Hochmut eines Gekränkten für sich einen ranghohen Opferstatus, den sie den Holocaustüberlebenden streitig machen.

Bedenkt man, wie schwer viele von ihnen den Juden das Leben bei uns sowie in den Nachbarländern machen, entbehrt es nicht der Chuzpe, daß viele Araber sowie andere Antizionisten die „Rückkehr“ aller Juden aus Israel nach Europa fordern. Das wollte auch ein entfernter Bekannter aus Marokko:

„Alle diese Juden in Palästina wurden dort nicht geboren. Sie sollen machen, daß sie dorthin gehen, wo sie herkamen.“

Doch sein Sohn war reflektionsfähiger und wies den Alten darauf hin, daß man mit der gleichen Logik ebenso die Rückkehr aller in Europa lebenden Araber, Türken und anderen Muslime in deren Herkunftsländer fordern könnte.

Die Einwohner von Marokko sowie von anderen arabischen Ländern wären vermutlich weder von der Rückkehr ihrer nach Europa ausgewanderten Landsleute begeistert noch von der Immigration sämtlicher Juden, deren Vorfahren von dort nach Israel emigriert waren; denn abgesehen davon, daß viele Juden schon lange vor der Gründung des Staates Israel in Palästina geboren waren, stammen auch die später dort Eingewanderten längst nicht alle aus europäischen Ländern, sondern zu einem großen Teil aus Marokko, Jemen, Irak und anderen arabischen Ländern, aus denen sie – mehr oder weniger zwangsweise – in den neugegründeten Staat Israel ausgewandert waren. Es handelte sich schätzungsweise um insgesamt rund 800.000 sephardische sowie andere orientalische Juden. Und das sind weit mehr als all die aschkenasischen Juden, die in Europa den Holocaust überlebt hatten und dann nach Palästina beziehungsweise Israel emigriert waren.

Schlußfolgerungen

Antizionisten sowie Antisemiten gleich welcher Herkunft, Religion oder Weltanschauung wären gut beraten, wenn sie nicht so vorlaut und bedenkenlos, sondern nachdenklicher und rücksichtsvoller wären.

Solange davon wenig zu merken ist, fühle ich mich in meinem Vorurteil bestätigt, daß Judenfeindlichkeit eine Attitüde der Mißgunst sowie Gehässigkeit von Dummköpfen und Halunken gleich welcher Herkunft, Religion oder Weltanschauung ist, die sich meiner wohldosierten Verachtung gewiß sein dürfen.

Und wohldosiert ist meine Verachtung insofern, als sie nicht Menschen als Ganzes betrifft, sondern nur bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen. Meine Geringschätzung schließt also nicht aus, daß auch an Antizionisten sowie Antisemiten manches schätzenswert sein kann, wie ich nicht zuletzt aus Erfahrung in meinem Nazi-Elternhaus weiß.

Dennoch würde ich Menschen, die mit juden-, aber auch schwulen- sowie anderer menschenfeindlicher Attitüde aufgefallen sind, nie als Mitarbeiter einstellen und vermiete ihnen ebenso wenig eine Wohnung in einem meiner Häusern.

Mögen solche Verhaltensauffälligen froh sein, daß ich wenigstens nicht die Macht im Staate habe – weder jetzt noch in Zukunft, obwohl ich noch gar nicht so alt bin wie Konrad Adenauer, als er mit 73 Jahren Bundeskanzler wurde. Und er hatte selbst als greiser Staatsmann noch viel „Saft in den Hoden!“

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schafbergZum Autor: Herwig Schafberg ist Historiker, war im Laufe seines beruflichen Werdegangs sowohl in der Balkanforschung als auch im Archiv- und Museumswesen des Landes Berlin tätig, arbeitet seit dem Eintritt in den Ruhestand als freier Autor und ist besonders an historischen sowie politischen Themen interessiert.

Sein letztes Buch erschien bei BoD unter dem Titel „Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern“ (ISBN 978-3-7412-4491-9) –

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