Ein Gastbeitrag von Frank Jordan

Er hatte gedacht, hinter sich zu haben, was ihm einst zweite Natur gewesen war. Die pochende Leichtigkeit, diese schwebend rasende Wachheit, wie nur zu viel Koffein bei zu wenig Nahrung und zu kurzen Phasen klammen Schlafes sie bewirkten. Damals war er Arzt gewesen. Chirurg. Anfang dreissig. Weder müde, noch gelangweilt. Und doch an einem Ort, von dem aus die Sicht ihm nicht gefiel. Eine Bekannte, damals Anwältin, heute seine Frau, hatte ihm Kowaljow empfohlen. Eine ältere Dame. Laufbahnberaterin. Teuer.

Nach dem zweiten Treffen und den ersten Tests – irgendwas nach C.G. Jung, „als Grundlage für unsere Arbeit“ – hatte sie ihm gesagt, sie könne ihm nicht helfen. „Jeder Mensch hat Ausprägungen“, hatte sie erklärt.  „Er ist eher emotional oder rational,  introvertiert oder extrovertiert, emphatisch oder selbstzentriert, strukturiert oder chaotisch und so weiter. Hier und da gibt es Ausschläge. Bei ihnen sind es Extremwerte. Verstehen Sie? Jeder einzelne ist ein Maximalwert. Ich weiss nicht einmal, wie man so leben kann.“ Er war gegangen und hatte weitergemacht. Ein Jahr später dann den Beruf an den Nagel gehängt, eine Lehre als Koch absolviert und die Kneipe in der Altstadt unter den Arkaden übernommen. Die „Armbrust“. Alte Mauern, altes Holz, solide, sauber und stark. Die Speisekarte vom selben Schlag. Das war jetzt bald zwanzig Jahre her. Geblieben von dem, der er damals gewesen war, war Hörensagen, kaum mehr als ein Gerücht. Das, die Motorräder und „Doc“ – so nannten ihn die meisten, ohne zu wissen, warum.

Die Kneipe war von Anfang an gut gelaufen. Die Leute kamen von weit her für seinen Sauerbraten. Vor elf Jahren hatte er zum ersten Mal die Randständigen-Weihnacht ausgerichtet. Eine Journalistin hatte ihn damals gefragt, ob diese Bezeichnung nicht diskriminierend sei. „Wenn Sie Auskunft über Ihre egiene Realität haben wollen, dann sollten sie nicht einen Lederwesten tragenden Koch danach fragen“ hatte er geantwortet. „Menschen, die an einem Rand stehen und die es wissen, einzureden, sie stünden in Wahrheit in irgendeiner Mitte, bloss damit ihresgleichen sich besser fühlt und mit Schuldzuweisungen um sich werfen kann und dann am heilig Abend den Praktikanten mit einer Kamera hierher schicken – das ist entwürdigend. Der Kaffee geht aufs Haus.“ Damit war er aufgestanden, in der Küche verschwunden und die Vertreter der schreibenen Zunft waren dem Lokal fortan ferngeblieben. Trotzdem war alljährlich über seine Weihnacht berichtet worden. Sentimentalität verkaufte sich auch mitten im grossen Entmythologisierungsprogramm mit Namen „Emanzipation“ gut.

Und jetzt war alles anders. Es war die erste Weihnacht danach. Heute standen viele an diesem Rand. Nachbarn, Ladenbesitzer, Lieferanten, Gäste. Freunde, Bekannte, Väter, Mütter, Söhne, Töchter.

Anfang Jahr war es noch kaum mehr als ein fernes Grollen gewesen. „Die Bondmärkte“ hiess es, ohne, dass man genau wusste, was da gerade wem und aus welchen Gründen um die Ohren flog. Man hatte sich noch fast sicher gefühlt. Sich sogar ein Quantum Häme gegönnt. Dann war der Wind quasi über Nacht rauer geworden. Tausende Arbeitslose wurden erst aus den Firmen, dann aus den Ämtern auf die Strassen der Stadt geschwemmt. Die Müllabfuhr kam, wenn überhaupt, noch einmal die Woche, die Gassen wurden kaum mehr gereinigt. Der halbprivate Elektrizitätsmonopolist, der in den vergangenen Jahren mit staatlicher Garantie im Rücken eine internationale Akquisitions-Orgie gefeiert hatte, war nicht mehr in der Lage, Leitungswartung und Lieferung zu garantieren. Der Strom kam und ging wie ein Hund, der mal hier, mal da liegt. Oft war es bereits um fünf Uhr dunkel in der Gasse. Von Weihnachtsbeleuchtung in den Strassen und Läden ganz zu schweigen. Kein Widerschein des kommenden Fests im Fluss. Es sah in jeder Beziehung nach einem harten Winter aus. Und die Unruhe, die er für immer hinter sich geglaubt hatte, war zurück.

Sie sah ihn in der Tür stehen. Gross und breitschultrig wie er war, wirkte der alte Holzrahmen schmächtig. Unzählige Male schon hatte sie ihn dort stehen sehen vor oder nach dem Ansturm zur Essenszeit. Eine Kippe und eine Tasse Kaffee in der Hand, mit Gästen plaudern, Passanten. Schweigen. Jahrein, jahraus. Aber auch das war jetzt anders. Seit in der Stadt und in vielen Geschäften die Lichter ausgegangen waren, wusste man nicht mehr, wer von den Menschen, die nach wie vor zu allen Tageszeiten hier vorbeiströmten, zur Arbeit ging, wer Arbeit suchte und wer bloss floh in den fahlen kalten Morgen vor der Leere eines neuen Tages. Essensgäste waren in der „Armbrust“ selten geworden, die Karte verlangte längst keiner mehr und die wenigen, die noch an die Wärme kamen, hielten sich oft drei Stunden lang an seinem Kaffee oder seinem Glas fest. Sie hatten begonnen, zu sämtlichen Getränken heisses oder kaltes Wasser zu servieren. „Ich will nicht, dass sich einer schämen muss für sein Hiersein. Irgendwie wird’s schon gehen.“

Dann, vor drei Wochen etwa, hatte er es gesagt: „Keine Weihnacht dieses Jahr.“

Bloss ein Nebensatz an einem weiteren dunklen stromlosen Morgen beim Schein der Petrollampe zwischen Küche und dem nutzlosen Kühlraum. Sie hatte nicht darauf geantwortet, Kaffee auf dem Gasherd aufgebrüht, – die schöne La Cimbali, was längst nur noch Dekoration einer Normalität, die es so nicht mehr gab – gewartet. „Wenn wir’s wie bisher halten“, hatte er nach einer Weile gesagt, „versteht das keiner. Wenn wir’s anders machen und die Sache grösser aufziehen, für mehr Gäste, ist Krawall programmiert. Wenn Leute gezwungen sind, sich beschenken zu lassen – und sei es für die Liebsten – , sind die Lunten kurz. Es wäre von Anfang an ein böses Fest.“

Seither Unruhe, die ausser ihr keiner bemerkte. Es war der Junge. Er war gleichentags aufgetaucht am Kücheneingang, der auf die enge Metzgergasse hinausführte. Er hatte an die Sandsteinmauer gelehnt konzentriert die Lieferanten und das wenige, das sie noch in die Küche trugen, beobachtet. Brot, Milch, Butter, Gemüse, Kartoffeln, Fleisch. Da war nichts Gieriges in dem Blick gewesen. Nichts Forderndes oder Heischendes in dem spitzen Gesicht. Bloss diese schneidende Konzentration, eine Art unbedingtes Verstehen- oder Erinnernwollen. „Kannst du mal helfen, Junge? Hier – nimm das. Ich muss die Gasse freimachen für den Verkehr.“ Der Junge hatte geholfen, wo keine Hilfe nötig gewesen war. Den Blick immer auf den grossen Rücken des Mannes gerichtet, der zehn Gänge absolvierte, wo es normalerweise einer tat. „Danke dir – Hier“, er hatte ihm einen Hunderter hingestreckt. Heute kaum mehr als ein Zehner wert. „Kannst auch essen, wenn’s dir lieber ist als das Geld“. Der schneidende Blick des Jungen war kurz heller geworden. Er hatte genickt. „Setz dich hierhin.“ Sie hatten ihn in Ruhe essen lassen. Sie hatte  noch nie ein Kind mit solchem Ernst essen sehen. Wortlos hatte ihr Mann den Teller nochmals gefüllt.

Jetzt trat sie hinter ihn in den Türrahmen. „Weisst Du noch, was du damals gesagt hast, als einer fragte, ob diese ganze Randständigen-Kiste nicht herablassend und reine PR sei?“

„Stimmt. – Der Kerl hat wirklich ‚Kiste‘ gesagt.“ Sie fühlte ihn lachen unter der Hand auf seiner Brust. Er wusste, was er damals gesagt hatte. „Bethlehem ist kein Almosen für irgendwelche Idioten, die den Umsatz im Leben nicht bringen. Es ist ein Angebot. Punkt. Genauso, wie hier – ein Angebot. Keiner wird gezwungen. Nicht zum Kommen, nicht zur Ruhe, nicht zu Dankbarkeit.“ „Kinder zwingt man nicht“, sagte sie jetzt. „Man kann ihnen höchsten verbieten, zu kommen. Niemand wird das tun. Nicht an Weihnachten. Nicht, wenn’s Sauerbraten mit Kartoffelstock gibt.“ „Und danach?“ hatte er gefragt.

„Was ist, wenn das Übelnehmen nachgeholt wird und danach gar keiner mehr kommt? Die Luft hätten wir nicht nach einer solchen Aktion.“ „Dann fangen wir neu an. Bei null wird’s so oder so nicht sein.“

Der 24. kam. Und mit ihm die Kinder. Heilig Abend. Nur eine Schiefertafel an der Tür hatte auf die Programmänderung hingewiesen. Er stand in seinem schwarzen Kochkittel und langer Schürze an den zusammengeschobenen Tischen mit den Warmhalteplatten und Pfannen. Neben sich stapelweise Styropor-Behälter und Tüten. „Die sind viel zu gross für Kinder, Doc“, sagte einer der drei Aushilfsköche und deutete auf die Essbehälter. „Da geht in jeden locker die Menge für eine Grossfamilie rein.“ „Füll sie einfach“ sagte er und reichte eine Tüte über den Tisch. „Und füll sie ganz.“

Das Kommen und Gehen dauerte bis nach zehn Uhr. 1374 Portionen gingen über die Gasse. Später assen sie zu dritt hinten in der Küche. Keiner sagte viel. Am diesem Rand wurden Worte unwichtig.

Am nächsten Morgen war’s still. Normal für einen Weihnachtsmorgen hätte ein zufälliger Passant gesagt. Er hätte sich getäuscht. In der „Armbrust“ war jeder Stuhl besetzt. Durch die offene Schwingtür zur Küche, wo sie Brote schmierte und frischen Kaffee kochte, sah sie Gesichter über Tassen und Zeitungen geneigt, die sie seit langem nicht mehr gesehen hatte. Nachbarn, ehemalige Ladenbesitzer, Lieferanten, Gäste. Freunde, Bekannte. Mütter, Väter. Söhne, Töchter. Jede Bestellung ein Angebot.

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