I

Dreiviertel Neun kam ein Handwerker, um in der Küche ein neues Fenster einzubauen. Er trug einen Werkzeugkasten und hatte eine graue Arbeitskluft an, auf der der Firmenname stand. Krischan und ich hockten im engen Wohnzimmerstübchen. Internet. Emails checken. Meine nächste „Kontaktperson“ hatte geantwortet. Wir könnten uns jederzeit Treffen. Erleichtert schrieb ich zurück, dass ich gerne heute zu ihm kommen würde. Dann las ich Nachrichten. Schon eine halbe Stunde später schrieb er zurück und nannte mir Ort und Termin: 16:30 Uhr in einem Restaurant namens Global, im Nowosibirsker Zentrum. Falls ich es nicht finden könne, solle ich ihn zurückrufen.

Sehr gut.

Dann kam die schwere Aufgabe, es Krischan zu sagen. Ich suchte einen geeigneten Augenblick und legte mir die Worte zurecht. Bisher hatte ich noch nicht herausgefunden, wie er mit meiner Anwesenheit klar kam. Rührten manch schnippische Reaktionen aus seinem sprudelnden Wesen? Oder war es ihm unangenehm und im Grunde eine Belastung, mich zu beherbergen… Bis vor zwei Tagen hatte ich noch geglaubt, wer mich aufnimmt oder einlädt, würde sich über Besuch freuen. Doch der Wurm des Zweifels nagte seit der Erfahrung mit Gernot. Ich versuchte also, den ich-muss-heute-schon-weiter-Testballon ganz beifällig steigen zu lassen. Immerhin hatten Krischan und ich schon festgestellt, dass „Pläne umwerfen“ typisch russisch sei.

Krischan war perplex:

„Ach so? Ich hatte gedacht, du willst ein paar Tage bleiben? Na das ist ja jetzt … Ach so. Da willst du also weiter. Ach so …“

Ich hatte es befürchtet. Er brauchte ungefähr 10 Sekunden, bis er sich wieder gefangen hatte. Krischan war unheimlich schnell im Kopf und sehr kontrolliert; diese 10 Sekunden – das musste wie in Eimer kaltes Wasser gewesen sein. Also hatte er sich doch gefreut. Jetzt tat es mir fast ein bisschen leid, ihn so mir-nichts-dir-nichts wieder zu verlassen. Ich sagte, ich würde noch einmal bei ihm vorbei schauen, wenn ich aus dem Altai zurück käme.

Nachdem der Handwerker wieder weg war, musste Krischan zur Physiotherapie. Ich sagte, ich könne ihn mit dem Bus hinbringen. Draußen regnete es, dass der Schaum in den Straßen stand. Krischan fuhr gerne mit. Dann schickte ich mich an, nach Nowosibirsk zurück zu kehren. Allerdings verspürte ich nicht die geringste Lust dazu. Gernot hatte auf meine SMS nicht geantwortet. Konnte ich einfach so bei ihm aufkreuzen und meine Lebensmittel abholen? Ich brauchte etwas Zeit zum Nachdenken. Zu hektisch war all das. Spontan zog ich, kaum aus Akadem herausgefahren, nach links und fuhr zum Obstausee. Die Waldstraße, die zum Parkplatz führte, versperrte eine Schranke. Ein alter Mann mit gelben Gummistiefeln saß in einem Häuschen und öffnete sie. Als er mitbekam, dass ich Deutscher war, wurde er ganz mitteilsam. In gebrochenem Deutsch meinte er, dass er sich freue, mich kennen zu lernen. Ich fragte, woher er denn Deutsch könne, ob er vielleicht Russlanddeutscher sei? Nein, meinte er, aber er habe fünf Bücher auf Deutsch gelesen. Er wollte das unbedingt, weil ihn unsere Sprache und Kultur schon immer interessiert hätten. In Deutschland sei er nie gewesen und habe auch kaum je Kontakt zu Deutschen gehabt. Alles, was er könne, stamme aus diesen fünf Büchern. Er drückte mir einen Regenschirm in die Hand: Hier, den würde ich vielleicht brauchen. Dazu lächelte er dermaßen freundlich – man kann es kaum beschreiben.

Nach ein paar hundert Metern durch lichten Kiefernwald verhinderte ein hohes, geschlossenes Eisentor die Weiterfahrt. Man hätte seitlich daran vorbei fahren können. Ich wusste aber nicht, ob das erlaubt ist und parkte den Bus am Wegrand. Die letzten Meter ging ich zu Fuß. Dann lag er vor mir, der Obstausee. 185 Kilometer lang und an seiner breitesten Stelle 18 Kilometer breit. Doppelt so groß, wie der Bodensee. Der Sand reichte vom Ufer bis weit in den Wald hinein. Obwohl heute geschlossen oder kein Betrieb war – so oder so ähnlich hätte es auch an jeder deutschen Talsperre aussehen können: bunte Schilder, Fressbuden, ein Taxistand, eine Bushaltestelle, Treibholz und leere Plastikflaschen am Strand. Aus bemalten Autoreifen hatte man Spielgeräte für Kinder gebaut, alte, ärmliche Blechhütten hier und luxuriöse Strandhäuser dort. Ich kletterte ein wenig auf großen Felsbrocken im Wasser herum. In den Zwischenräumen erblickte ich leere Bierflaschen – Abakanskoje, Erdinger alkoholfrei und das österreichische Gösser. Wie gesagt: es war im Grunde, wie überall. Ich sammelte einige Muscheln für meine Kinder, machte mich dann auf den Rückweg und aß etwas am Auto. Der Obstausee. Gut, den hatte ich jetzt auch gesehen.

Es war halb Eins. Ich fühlte mich gewappnet, Gernot gegenüber zu treten. Wobei die Chance, dass er da sein würde, ohnehin gering war. Doch manchmal muss eine Bestimmung erst ganz erfüllt werden. Und in meiner Geschichte mit Gernot stand das letzte Kapitel offenbar noch aus. Ich parkte in der Straße mit dem Gemüsehändler, auf der Rückseite des Blockes, in welchem die beiden wohnten. Aber so weit weg, dass man mein Auto nicht sehen konnte. Als ich in den Innenhof kam, öffnete sich die Tür, und Dunja trat – zum Ausgehen bereitgemacht – heraus. Ich konnte meine Überraschung nicht zurückhalten:

„Hey Dunja!“, rief ich freudig.

Da kam Gernot, der anscheinend schon unten gewartet und den ich gar nicht gesehen hatte, auf mich zu und blaffte mich an:

„Was willst du Schweinesocke denn hier?“

Er sah aggressiv aus. Ich versuchte, ruhig zu bleiben und erwiderte: „Hast du meine SMS bekommen? Ich habe noch ein paar Sachen im Kühlschrank. In einer Plastik-Dose. Die wollte ich abholen.“

„Das gibt es nicht mehr.“

„Wie: gibt es nicht mehr?“

„Habe ich weggeworfen“, sagte Gernot.

Dunja war sichtlich unwohl.

Ich sagte: „Da war eine Dose, mit Butter drin, und selbergemachte Sachen von meiner Frau. Das kannst du doch nicht weggeschmissen haben…“

„Dein Abgang gestern war unter aller Sau. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie der Kühlschrank ausgesehen hat? Bier ausgelaufen, Milch umgeschüttet… Drei Stunden haben wir geschrubbt, bis alles wieder sauber war … wegen dir! So eine Sauerei, so eine Arbeit!“

Ich meinte, dass ich das nicht gewesen wäre.

„Ja wer außer dir war denn sonst an dem Kühlschrank? Wir gehen nicht da ran!“

Ihr geht nicht an euren eigenen Kühlschrank?, dachte ich.

„Ich will meine Sachen“, wiederholte ich, ärgerlich geworden. „Das waren MEINE Sachen. MEINE Plastikbox. MEIN EIGENTUM. Du hattest kein Recht, mein Zeug einfach wegzuschmeißen. Zumal ich dir gestern eine SMS geschrieben hatte und du GENAU wusstest, dass ich kommen würde. Wo ist mein Zeug?!“

„Alles dort in der Mülltonne.“ Er nickte Richtung Einfahrt. „Kannst es dir ja raus holen. Aber du wirst nichts mehr finden. Hier wird täglich geleert.“

Das schien ihm eine besondere Genugtuung.

„Im Übrigen“, fügte er hinzu, „werde ich einen Bericht über dich verfassen; und wo der hingeht, ist dir ja wohl klar…“

Er drohte mir. Wahnsinn. Das war eine Farce, eigentlich zum lachen, wenn es nicht so traurig gewesen wäre. Unglaublich, wie weit Gernot ging. Wahrscheinlich hatte er alles absichtlich weggeworfen, nachdem er meine SMS erhalten hatte. Die ganze Situation tat mir auch für Dunja leid, die ratlos wirkte.

„I’m sorry“, sagte ich zu ihr gewandt. Sie nickte nur. Gernot, der offenbar dachte, ich würde mein Verhalten bereuen, fuhr mich an:

„Das hättest du dir früher überlegen müssen. Zieh ab und lass dich hier nie wieder blicken!“

Er wandte sich um. Die beiden ließen mich einfach stehen und spazierten davon. Gernot im hellen Leinenanzug stolz vornweg, Dunja schleichend eine Schrittlänge hinterdrein. Was war nur kaputt gegangen in diesen wenigen Tagen? Viel mehr, als der Sensor meines Busses. Ich warf einen Blick in den Müll. Unzählige vollgestopfte Tüten. Essensreste, Gemüseverschnitt, Hausabfall, Plastik, Zeitungen – alles durcheinander. Keine Chance, meine Box zu finden.

II

Bei der Besteigung mancher Berge muss man besonders schwierige Passagen, gefährliche, enge Schlüsselstellen durchklettern. Man quält sich hindurch, kommt nur langsam voran und steht ständig in der Gefahr, abzustürzen. Hat man diese dann überwunden, geht es einfacher weiter. Die Ereignisse mit Gernot waren nicht nur in beim Erleben, sondern auch beim Nachempfinden und Niederschreiben dieser Geschichte eine solche Passage. Heute, mit etwas Abstand, bin ich im Grunde dankbar für die Erfahrung. Denn trotz oder vielleicht gerade wegen jener Erlebnisse gehört Gernot zu den faszinierendsten Menschen, die mir im Leben begegneten. Ein Deutscher, der das Klischee deutscher Korrektheit idealtypisch verkörperte, der zum Zerrbild des von ihm erhobenen Anspruchs geworden war, der sich allzuleicht in etwas verstieg, auf dessen Festplatte schier unendliche Datenmengen gespeichert waren, dessen Herz jedoch erschreckend leer zu sein schien. Der in all dem zutiefst davon überzeugt war, nach dem eigentlich Guten und Wahren zu streben, der aber möglicherweise von zu vielen zu sehr enttäuscht worden war, weil er zu hohe, zu moralische Erwartungen gehabt hatte, deren Standard man ihm einst als jungem Menschen beigebracht haben mochte und für die er später in der Welt nie eine wirkliche Entsprechung gefunden hatte. Wann begegnet man schon einmal jemandem, in dem sich solches wie in einem Konzentrat manifestiert, jemandem, der, in einem Wort, möglicherweise an der deutschesten aller deutschen Tugenden – der Perfektion – gescheitert war und dies nun im Gegenzug mit Unbarmherzigkeit und Härte quittierte? Das kommt auch in Deutschland nicht allzu oft vor. Gernot hat sich auf meiner persönlichen Rangliste der erinnerungswürdiger Begegnungen unauslöschlich eingeprägt. Deshalb muss ich in dieser Geschichte auch von ihm erzählen. Und natürlich hieß er in Wirklichkeit anders.

Heute trage ich Gernot nichts nach. Damals an der Mülltonne jedoch war ich außerstande, in Ruhe nachzudenken und sein Verhalten einzuordnen. Erneut fühlte ich diese große, innere Erschöpfung. Wieder sehnte ich mich nach einem Menschen, der anders wäre. Nach einem menschlichen Menschen.

Bis zum nächsten Treffen dauerte es noch ein paar Stunden. Ich ließ den Bus stehen, schnappte mir das Rad und fuhr in die Stadt. Als erstes kaufte ich in dem von Gernot empfohlenen Geschäft eine 8-Gigabyte-Speicherkarte für meine Kamera. Er hatte recht gehabt: erstens gab es dort welche (denn es war kein Standardformat sondern ein spezielle Sony-Karte, die man in Deutschland fast nirgendwo mehr erhielt). Und zweitens kostete sie nicht zuviel: 1150 Rubel. Das waren 18,50 Euro. Soviel hatte ich in Deutschland für 4 Gigabyte bezahlt.

Und noch etwas wusste ich von Gernot: wo ungefähr sich das Russisch-Deutsche-Haus Nowosibirsk befand. So konnte ich es leicht im Stadtplan ausmachen. Es befand sich nicht weit hinter der Oper, im Zentrum. Ich schlüpfte in mein gutes Hemd und radelte hin. Kein spektakulärer Bau. Aber mit begrüntem Parkplatz davor. Ein Portier pfiff mich zurück und hieß mich warten, denn ich hatte eine Treppe hochgehen wollen. Kurz darauf kam eine junge Dame die halbgewendelte Treppe herunter und bat mich, ihr zu folgen. Ich stellte mich als Journalist aus Deutschland vor. Allmählich wurde mir diese Rolle zur zweiten Haut. Ich sei auf der Suche nach Informationen über die noch hier lebenden Deutschstämmigen. Die Dame – Valerija – sprach kein Deutsch. Sie hätte jetzt nur noch eine halbe Stunde Zeit, meinte sie auf Englisch. Aber die würde sie mir gerne zur Verfügung stellen. Ansonsten könnten wir gerne einen Termin für einen anderen Tag vereinbaren. Ich sagte, dann würde ich beides in Anspruch nehmen. Denn beim Hochgehen war mein Auge unvermittelt von etwas Fantastischem gebannt worden und ich wusste, dass ich hier sehr viel Zeit brauchen würde: Gemälde! Das gesamte Obergeschoss diente als Galerie. Es handele sich überwiegend um Werke junger Nowosibirsker Kunststudenten, erklärte Valerija. Ich war hin und weggerissen. Diese Kunstgattung hatte mich bisher noch nie wirklich interessiert. Hier aber. . . Diese Motive, diese Farben. . ! Mir war, als seien sie nur für mich gemalt worden. Ein Bild gefiel mir ganz besonders. Ein Stillleben. Vielleicht 50 mal 40 Zentimeter. Es zeigte eine Vase mit einem Strauß Vogelbeerzweigen voller reifer Früchte. Grün die Blätter, rot die Beeren. Jeweils in unterschiedlichsten Farbnuancen dick und fett aufgetragen, leuchtend und von einer Anziehungskraft – das Bild wollte mich fast verschlingen. Und ich es! Wie eine Begierde, gegen die man wehrlos ist. Ich konnte einfach nicht von diesem Bild ablassen.

Teil 20.1

Einige Beeren waren mit schamloser, geradezu wolllüstiger Inbrunst auf die Leinwand gedreht, so dass die Farbe einen halben Zentimeter herausstand. Das war Zauberei. Ich hatte in meinem Leben nur wenige Gemälde in Realität gesehen. Ein paar Alte Meister, ein bisschen Kirchenmalerei, die Bauernschlacht im Kyffhäuser und eine Dali-Ausstellung. Es war immer die Musik gewesen, der mein Interesse galt. Doch nun hatte es mich wie der Blitz getroffen. Ich musste ein Bild kaufen. Weh mir, wenn ich ohne Gemälde aus dieser Galerie nach Hause fahren sollte!

„Can I buy one of these?“ – Kann ich eines davon kaufen? – fragte ich Valerija.

Sie müsse mit der Agentin telefonieren. Dann würde sie mir Bescheid sagen. Aber nicht mehr heute. Ich gab ihr meine Handynummer und sie schrieb mir ihre auf einen Zettel. Ob ich denn schon ein bestimmtes Bild im Auge hätte, dann könne sie gezielt nachfragen. Ich wies auf das mit den Vogelbeeren. Dabei war dies erst die Empore; den Saal hatte ich noch gar nicht betreten. Ach, was gab es da erst alles zu sehen. Vor allem Landschafts- und Tiermotive. Welch eine Zuneigung zur heimischen Natur mussten diese Maler verspüren. Rotkehlchen im Winter, ein Pferd, das über die Steppe dahinflog, Sonnenuntergänge über der Taiga und so weiter. Wie herrlich sie das Licht emalt hatten! Es gab auch Portraits, Menschen in Bewegung und sogar ein paar abstrakte Bilder. Doch selbst diese fügten sich harmonisch in die Zusammenstellung ein. Ich war kein Experte, wusste aber, dass sich das eine impressionistischer Stil, das andere Naturalismus nannte. Einige Maler(innen) schienen ihren Stil zwar noch zu suchen. Hie und da haperte es auch ein wenig an den richtigen Proportionen. Aber das war egal. Viel wichtiger: kein Bild versuchte etwas Scheußliches darzustellen. Kein Bild wartete mit brutalen, bedrückenden oder pornografischen Motiven auf. Kein Bild hatte eine depressive Ausstrahlung. Bei keinem Bild fragte man sich, was das denn bitte sein sollte. Alles offenbarte sich, anstatt sich zu versperren. Alles war selbsterklärend. Nicht weil man hier naiv, verklemmt oder zurückgeblieben war. Sondern aus einem anderen Grund: aus Liebe! Die Künstler sprachen mir direkt in die Seele. Durch das Werk ihrer Hände. Genau das waren diese Bilder: Farbe gewordene Liebe.

Teil 20.3

Was ich sah, war die ungeteilte Lust am Heilen und Schönen. Oper und Volkslied. Der zauberhafte Blick auf eine Welt voller Wunder und Versprechen, wie ihn nur die haben, die sich etwas vom Kindsein bewahren konnten. Und das war wunderbar. Vielleicht berührten mich die Bilder umso mehr, als sie in ihrem „Heilsein“ meiner momentanen Sehnsucht entsprachen…

III

Ein junger Mann gesellte sich zu mir und stellte sich auf Englisch als Journalist vor, als Chefredakteur einer deutschsprachigen Zeitung. Leider lief mir gerade die Zeit davon. Er bat um ein gemeinsames Foto. Valerija schoss das Bild. Eine Visitenkarte hatte er nicht. Ich schaute auf die Uhr. In einer halben Stunde würde ich Ralph treffen, einen deutschen Architekten. Laut seiner ersten Email-Antwort hatte er eine Datsche am Ob-Stausee. Ich wollte keinesfalls zu spät sein. Mit Valerija vereinbarte ich, in den nächsten Tagen unbedingt noch einmal vorbei zu kommen. Ja, sie würde Zeit haben, ich solle mich nur rechtzeitig ankündigen. Dann machte ich mich auf, um das Restaurant Global zu suchen.

Gefunden war es rasch. Gar nicht weit weg. Nur wo war der Eingang? Das Global war kreisrund gebaut und lag offenbar zum Teil unter der Erde. Oberirdisch enthielt es ein Theater. Doch nirgends fand ich eine Tür zu einem Restaurant. Das Theater war zu. Klar – Mittwoch um kurz nach Vier. Ich wartete. Halb Fünf war weder irgendein Ralph in einem dunkelgrünen Mercedes ML zu sehen, noch hatte ich den Eingang zum Restaurant gefunden. Ich rief Ralph an. Hoffentlich würde überhaupt jemand abnehmen. Sollte das hier schief laufen, hatte ich keine Ahnung, wie es weiter gehen konnte. Zurück nach Akadem, zu Krischan? Auch peinlich. Doch mein Klingeln wurde erhört. „Ralph? Ich bin jetzt am Global“, sagte ich, als würden wir uns schon kennen. „Wo bist Du?“

„Ich komme gerade gefahren. Siehst du die Bushaltestelle unterhalb?“

„Ja?“

„Wenn ich geparkt habe, komme ich dorthin.“

„Alles klar.“

Fünf Minuten später saßen wir als einzige Gäste an einem Tisch im unglaublich noblen, unterirdischen Restaurant Global. Alles war in dunklen Holztönen gehalten. Ralph bestellte Tee. Der wurde uns auf einem kunstvoll getriebenen Messingtablett serviert; die Bedienung war auf Zack.

„Na erzähle mal“, begann Ralph. „Ich will mal wissen, wer du bist.“

So konnte man ein Gespräch auch eröffnen. Ich mochte Menschen, die zum Punkt kamen.

Nachdem ich von mir erzählt hatte, fragte ich, warum er das denn so genau wissen wolle.

„Ich weiß nicht, ob du ein Spion bist“, entgegnete er. „Aber ich weiß, dass ich abgehört werde. Deshalb muss ich aufpassen, mit wem ich mich treffe und wem ich was erzähle. Aber du scheinst in Ordnung zu sein. Schöne Uhr übrigens.“

„Die hier?“ Ich hob meinen Arm. „Ist eine russische Automatik.“

„Meine auch“, sagte er und drehte sein Handgelenk.

„Ich dachte, in Russland muss man vielleicht eine fette Uhr dran haben, wenn man ernst genommen werden will.“

Ralph lächelte. „Ja, sollte man manchmal…“

Nun war ich an der Reihe. „Und du? Was hat dich hierher verschlagen?“

Teil 20.2Ralph erzähte von seinem Nomadenleben als Architekt. Baustellen überall auf der Welt. Als junger Mann hatte er in den Vereinigten Staaten Lodges gebaut und sich dann mit diesem Geschäft selbstständig gemacht. Später kamen die größeren Aufträge. Zwanzig Jahre war er herumgezogen. Brasilien, Katar, Europa – überall, wo es schön ist, hatte er gebaut. Zuletzt länger in Kasachstan, Almaty, wo Landschaft und Architektur reizvoll wären und er seine Frau kennen gelernt hatte. Er zeigte mir Fotos aus Almaty auf seinem Smartphone.

Ich erzählte, dass ich vor vielen Jahren selbst einmal die Chance gehabt hatte, beruflich nach Almaty zu gehen – als Assistent der Bauleitung eines Großprojektes, mich dann aber der Musik wegen anders entschieden hatte. Dass dies eine der wenigen Entscheidungen meines Lebens sei, über die ich manchmal nachdächte und mich fragte, was denn geworden wäre, wenn… Und nun säße ich hier, mit jemandem, der in Almaty gebaut hat.

„Tja“, bemerkte er, „so ist es halt. Das Leben ist seltsam. Welches Projekt war es denn?“

„Philip Morris, Zigarettenfabrik. Kennst du?“

„Natürlich.“

Es wurde immer verrückter. Vielleicht hätte ich Ralph schon vor Jahren kennen gelernt, wenn ich damals… Und jetzt saßen wir hier im Global und tranken Tee. Ralph fuhr fort und erzählte, dass er momentan eine Dragster-Rennstrecke baue. Er erzählte von Verständnis-Schwierigkeiten auf der Baustelle, von Arbeitsmoral und Qualifikation der Arbeiter und konnte mir meine Frage beantworten, warum die sibirischen Millionenstädte alle ähnlich aussahen. Ralph hielt Vorlesungen an russischen Universitäten, in denen er für eine ökologische und ästhetisch anspruchsvolle Architektur plädierte. Nowosibirsk sei jedenfalls für ihn erst mal Endstation. Hier wolle er sich niederlassen. Er fragte mich über die politischen Vorgänge in Deutschland und Europa aus, fand meine Schilderungen sehr interessant, war aber auch selbst gut informiert. Was viele seiner internationalen Kontakte am Bau mit sich brachten. Mit einem Wort: schon nach der zweiten Tasse Tee kullerte unsere Unterhaltung hin und her, wie die Kugel beim Flipper.

Zeit, ein bisschen nachzuforschen: „Kannst du etwas zu den Russlanddeutschen hier sagen? Wieviele es noch gibt? Wo sie wohnen? Ob Werden die deutschen Dialekte noch gepflegt?“

Ralph räumte ein, nicht allzu viel darüber zu wissen. Ich solle mich aber mal im Dorf Halbstadt – auf russisch Galbschtat geschrieben – südlich von hier, nahe der kasachischen Grenze, umhören. Dort gäbe es eine Siedlung Deutsch-Russen, die noch lebten „wie anno dazumal“. Ich erinnerte mich: genau das hatte mir Alexander Heyer aus Tomsk auch empfohlen. Von den alten, deutschen Qualitäten sei bei diesen Leuten aber nur noch wenig übrig, fuhr Ralph fort. „Es gibt da ein Kulturzentrum. Mitten im Dorf. Ich kenne den Chef. Daher weiß ich davon. Pass auf: das Dorf hat eine Käserei. Und die hat eine Maschine aus Deutschland bekommen. Eine ausrangierte, aber voll funktionstüchtige. Alle im Dorf waren erst mal total happy. Aber: nach einem halben Jahr war die Maschine hin. Ging nichts mehr. War keiner da, der sich richtig damit auskannte. Keinen, den es interessierte. Keine Pflege. Keine Wartung. Alles runtergewirtschaftet. Konnt’ste wegschmeißen das Ding. Also eine sinnlose Spende.“

So sei das oft – jedenfalls nach dem, was ihm so zu Ohren käme. Deswegen denke er, dass das Deutsche bei den meisten längst verloren gegangen sei. Aber er könne mir eine andere Geschichte erzählen, eine wahrscheinlich ziemlich unbekannte. Was Ralph nun erzählte, war nicht nur interessant, sondern vermutlich sogar historisch sehr brisant…