(David Berger) Als ich im vergangenen Sommer nach langem Zögern unter die Blogger ging und meine Internetseite „philosophia perennis“ (immerwährende Philosophie) nannte, merkten viele meiner Bekannten an, dass der Titel reichlich seltsam sei. Erst ab diesem Zeitpunkt wurde mir so recht bewusst, wie wenig das Konzept der philosophia perennis selbst in akademischen Kreisen noch bekannt ist. Ich erspare jetzt den Lesern die verschiedenen Konnotationen, die meine Bekannten beim ersten Lesen des Blognamens hatten.

Für philosophische Verhältnisse ist der Begriff noch reichlich jung. Er findet sich nach dem bekannten Philosophiehistoriker Hans Meyer zum ersten mal bei dem italienischen Theologen und Bischof Augustinus Steuchus. Der gab seinem 1540 im Druck zu Lyon erschienenen Werk den Titel „De perenni philosophia libri X“. Die philosophia perennis verstand er dabei als völker- und zeitenübergreifendes Konzept, das feste Grundwahrheiten versammelt, die aus dem Urprinzip des absoluten Seins (Gott) hervorgehen. Die Entwicklung des Naturrechtsdenkens in jener Zeit hängt eng mit der Idee der philosophia perennis zusammen.

Diese erstmalige Erwähnung des Begriffs soll freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Idee von einer solchen perennierenden Philosophie bis auf die Antike zurückgeht.

Große Verdienste für die Weiterentwicklung in die Neuzeit hinein kommen Gottfried Wilhelm Leibniz zu: Die philosophia perennis besteht für ihn aus ewigen universalen Geist- und Naturgesetzen, ewigen Wahrheiten, auf die sich die großen Philosophen schon seit den Anfängen der Philosophie gestützt haben und die sich jeder Denker immer wieder neu, stehend auf dem Boden der Altvorderen, wird aneignen dürfen. Auch hier spielt das die Zeiten, Nationen und Kulturen überdauernde und damit auch verbindende Denken eine große Rolle. Wobei Leibniz bereits darauf dringt, dass dieses Denken nicht nur neu angeeignet werden, sondern auch im Kontext der Zeiten seine Aktualität entfalten können soll.

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Der Beitrag erschien zuerst in der Festschrift zum 70-jährigen Bestehen der Katholisch Österreichischen Landsmannschaft „Theresiana“

Der Wiederentdeckung der großen aristotelisch-thomistischen Tradition im 19. Jahrhundert durch katholische Philosophen kam die Idee zupass. Ebenso international und der lebendigen Denktradition verhaftet wie diese Renaissance war, war ja auch das Konzept der perennierenden Philosophie von jeher.

Freilich kam dabei auch immer wieder die Versuchung auf, diese immerwährende Philosophie auf Thomas von Aquin und seine Schule einzuschränken. Zumal dort, wo Philosophie nach den Anweisungen des Papstes in katholischen Schulen, Seminaren und Universitäten betrieben wurde.

Aber spätestens mit dem bereits genannten Hans Meier, der ausgerechnet ab dem Jahr 1936 das Konzept der philosophia perennis im deutschen Sprachraum neu zum Leuchten brachte, hatte es sich bereits von der dem Konzept selbst widersprechenden Verhaftung an einen einzelnen Denker, und sei er noch so großartig, befreit. 

Meier schreibt:

„Die Philosophie ist als Wissenschaft dann perennis, wenn sie imstande ist, allgemeingültige Erkenntnisse, zeitlose Wahrheiten über die philosophischen Gegenstände zu erringen, wenn sie einen gesicherten, innerlich zusammenhängenden Wissensbestand aufweisen kann, der nicht immer neu ansetzt, bei dem sich vielmehr auf gesichertem Fundament in organischem Wachstum, in kontinuierlicher Entwicklung Baustein an Baustein fügt. Erkenntnis- und Wahrheitsgewinnung sind so ein fortdauerndes Werk, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu arbeiten haben.“

Die Definition Maiers zeigt schön, wie haltlos die Vorwürfe einer statischen Sicht auf die Philosophie durch die philosophia perennis sind.

Geschichte wurde nicht im Sinne der notwendigerweise zum Relativismus führenden Geschichtlichkeit alle Wahrheiten, aber doch als unausweichliches Faktum mit berücksichtigt, ja prägt das Konzept zuriefst.

Hinzukommt, dass das immer wieder angemahnte Lernen aus der Geschichte eigentlich sein anthropologisches Fundament erst durch das Menschenbild der philosophia perennis bekommt: 

Der Mensch – so eine der tiefen Weisheiten der philosophia perennis – verändert sich in seiner Natur nicht. Die conditio humana bleibt immer dieselbe. In den Menschen, die im Dritten Reich lebten, quälten und mordeten, gequält und ermordet wurden, floss das gleiche Blut wie in jenen, die heute lebten oder vor Jahrhunderten. Wir sind nicht weniger anfällig für das Böse als sie.

Und immer wieder ist es das mysterium iniquitatis, das undurchdringliche Geheimnis des Bösen, dem der Mensch sich zuneigt in einer fast nihilistischen Ponderation, die ihm neben dem Streben nach dem Glück und damit dem Guten und der Tugend innewohnt. Der Psychologe Carl G. Jung hat dieses Zusammen von dunklen und hellen Archetypen gar als konstitutionell für den ganzen Menschen und daher auch seine psychische Gesundheit gedeutet.

In diesen Einsichten aus Philosophie und Psychologie finden wir die Basis, warum und unter welchem Vorbehalt wir von einer Wiederholung der Geschichte sprechen können, was nichts anderes heißt, als dass wir den Menschen in seiner Größe, aber auch seiner Niedertracht und Schuld wieder erkennen.

Doch zurück zu der Definition Meiers: Die philosophia perennis wurde in jener Zeit, als diese Definition erfolgte, denkerisch so dringend benötigt, dass man sich den Luxus, der die perennierende Philosophie unauflöslich mit einem bestimmten Denker (hier Thomas von Aquin) verbindet, schlicht nicht mehr leisten konnte.

Gerade die Übernationalität, die Idee der konvertierenden Weisheit aller Kulturen, aber auch das Pochen auf eine unveränderliche, von Akzidentien (wie der „Rasse“, soziologischen Gegebenheiten usw.) unabhängige, mit dem Naturrecht einhergehende Würde der menschlichen Person war eine indirekte Kampfansage an die Ideologie des Nationalsozialismus – wie sie typisch für die Innere Emigration war.

Ohne die damalige Situation mit der heutigen gleich setzen zu wollen, sind wir hier bei der Aktualität der philosophia perennis angelangt. Nach der Einschätzung bekannter Historiker, aber auch kluger Staatsmänner wie Václav Klaus, befinden wir uns derzeit in einer neuen Völkerwanderung.

Europa steht – ähnlich wie das Römische Reich in seinem Endstadium – vor der Gefahr von Bürgerkriegen und dem kompletten Zerfall der EU, wie der Brüsseler Historiker David Engels treffend beschreibt. Die damit einhergehende zunehmende Islamisierung Europas lässt uns einem Phänomen begegnen, das altvertraute, vom Wirken der philosophia perennis vertretene oder mit vorbereitete, teilweise durch die Aufklärung säkularisierte Werte – wie die Gleichberechtigung aller Menschen unabhängig von ihrer Religion, ihrem Geschlecht usw. – schwankend macht.

Diese Islamisierung trifft auf ein durch einen praktisch überall vorhandenen Kulturrelativismus geschwächtes Europa.

Dabei steht der Islam dem durch die Säkularisierung entstandenen religiösen Vakuum oder einem komplett geschwächten Christentum und dessen dazugehörigen, häufig mehr dem Islam-Appeasement als der Sache Jesu verpflichteten Vertretern gegenüber. Sodass man sich von hierher keine Lösung der Probleme erwarten kann. Und auch nicht sollte:

Das Abendland hat die bittere Erfahrung von Konfessionskriegen durchstanden und diese Zeiten glücklicherweise überwunden. Ein neuer Religionskrieg wäre ein schwerer Rückfall und seiner nicht würdig.

Aber es gibt durchaus ein starkes Ideal, das wir der islamischen Ideologie entgegensetzen können: es ist jenes der philosophia perennis. Dort, wo alles brüchig ist und aus unseren abendländischen Sicht menschenverachtende Barbaren zunehmend die Macht an sich reißen, bekommt die Besinnung auf das Bleibende, auf von Konventionen, Konfessionen, Religionen, Kulturen und weiteren soziologischen Einflussfaktoren unabhängige Werte, die in einer ebenso unabhängigen Metaphysik wurzeln, eine ganz neue Relevanz.

Da heißt es dann auch Dinge um der Menschlichkeit auszuhalten, die vielleicht emotional schwer erträglich sind. Als etwa der ansonsten zurecht reichlich umstrittene Kardinal Woelki von Köln betonte, dass die Menschenwürde auch für ISIS-Terroristen gelte, betonte er nur eine tiefe Einsicht der immerwährenden Philosophie und des Naturrechts.

Nämlich, dass es einen unverlierbaren Kern an Menschenwürde gibt, den auch der schwerste Verbrecher durch sein Handeln nicht verliert. Dass der Verbrecher dennoch die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen und für seine Untaten zur Rechenschaft gezogen werden soll, ist selbstverständlich und ebenfalls in der Gerechtigkeitsidee der immerwährenden Philosophie Grund gelegt.

Auch wenn das Konzept der perennierenden Philosophie vor allem im Abendland fortentwickelt wurde, gehört es nicht der europäischen Zivilisation alleine.

Ganz im Gegenteil: Es scheint fast eine Fügung zu sein, dass es der große vorsokratische Philosoph Heraklit von Ephesos (derzeit Türkei) war, der noch bevor es ein Christentum, geschweige denn einen Islam gab, in jener Region, wo Abend- und Morgenland sich überschneiden, betonte, dass die Vernunft allen Menschen gemeinsam ist und alle zu sachgemäßen Erkenntnissen befähigt und somit eine Grundvoraussetzung der philosophia perennis festhielt.

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Beitragsbeginn in der Druckfassung