Eines steht seit gestern Abend fest: Mit Alice Weidel ist ein neuer Star in der Riege der deutschen Spitzenpolitiker aufgegangen.

Eine Seiteneinsteigerin par excellence, vor zwei Jahren völlig unbekannt, mit makellosem Lebenslauf außerhalb der Politik. Bernd Lucke holte sie in die ersten Positionen und dann, völlig überraschend, wurde sie neben dem Urgestein Alexander Gauland zur Spitzenkandidatin im Bundestagswahlkampf.

Den bestand sie grandios, frei von Skandalen und das obwohl ganze Schlammlawinen über sie ausgeschüttet wurden. Jedoch fanden weder die meist unfreundlich gesonnene Presse noch die politischen Wettbewerber einen gangbaren Weg diese Spitzenkandidatin anzugreifen.

Klug, zurückhaltend, überlegt, respektvoll im Stil und hart und kennntnisreich in der Sache für ihre Sache streitend, hat sie ihre Aufgabe sehr gut erfüllt und vermutlich die Erwartungen der meisten Beobachter übertroffen.

Der Tatbestand, dass sie offen lesbisch lebt und das auch noch mit einer Frau, die aus Sri Lanka stammt, hat die politischen Wettbewerber sichtlich aus dem Konzept gebracht.

Der Vorwurf der Homophobie gegenüber der AfD, zuvor einer der beiden Kritik Hauptpunkte neben vorgeblicher Fremdenfeindlichkeit, erwies sich im Wahlkampf als völlig wirkungslos.

Und dies um so mehr, als es offensichtlich wurde, dass ihre sexuelle Ausrichtung für ihre Parteimitglieder und Sympathisanten kein Problem darstellte. Sie hat damit deutsche Politikgeschichte geschrieben. Auch wenn sie das selbst und ihre Partei nur als privat und Nebensache ansieht.

Dass ihre Gegner das anders sehen, beweisen die wütenden, teilweise von Phobie gekennzeichneten Ausbrüche im Netz. Ein Ausdruck absoluter Hilflosigkeit angesichts der Tatsache, dass die vollmundigen Ankündigungen den Gegner „zu stellen“ und „vorzuführen“ ungefähr so erfolgreich waren, wie die pünktliche Fertigstellung des BER.

Und Alice Weidel hatte einen entscheidenden Anteil an dieser Entwicklung.

Es wird nach dem Wahlerfolg vermutlich personell in der AfD etwas rundgehen. Die erstaunliche Disziplin der Flügel wird sich nach der Wahl nicht so aufrechterhalten lassen, Positionen werden sich klären müssen und es wird auch Machtkämpfe, Ringen um den weiteren Weg geben. Das ist völlig normal und in Ordnung.

Wenn Alice Weidel das gut übersteht und alles spricht dafür, dann wird sie in den nächsten vier Jahren zu einer festen Größe in der relativ engen Spitzengruppe deutscher Politiker werden.

Und die AfD wäre so dumm, wie ihre sie Gegner gerne hätten, wenn sie dieses Potential für Deutschland nicht nutzen würde.

***