Gastbeitrag von Martin Voigt zu einer Umfrage von Zeit Campus

Was bedeutet es für dich konservativ zu sein, fragt das Magazin Zeit Campus seine Leser. Man habe etwas gelernt aus Trumps Wahl und aus dem Brexit und wolle im Wahljahr nun „Deutschland Deutschland erklären“. Wer sich „jung und konservativ“ fühlt, darf Texte absenden.

Wie stellt man sich beim Zeit-Magazin den konservativen Prototypen vor? Vielleicht so: Er liest Ernst Jünger, läuft gern in Anzug oder Tracht herum, kennt sämtliche Panzermodelle auswendig und setzt abendländische Kultur mit Schweinefleisch, Bier und Nationalfahnen gleich. Oder so: Der Konservative will das Bewährte bewahren und den Fortschritt nicht nur um des Fortschritts Willen. Letzteres ist eher eine Konsequenz.

Das Konservative zeichnet sich primär durch eine innere Haltung aus: Durch einen Verhaltenskodex, der auf die ritterlichen Tugenden zurückzuführen ist. Die aus der antiken Tugendlehre hervorgehende ritterliche Geisteshaltung ist Grundlage der christlich-abendländischen Kultur und Heimat der Konservativen.

Zu den ritterlichen Tugenden zählen Demut, Ehre, Güte, Würde, Bescheidenheit, Treue und Minne (eine dienstbare, hingebungsvolle Liebe). Doch nur die aufrichtige Verinnerlichung und nicht die wohlfeile Adaption dieser Tugenden führen zur gewünschten Haltung gegenüber anderen und sich selbst.

Als Parzival das erlernte Regelwerk einfach nur strikt anwendet und aus Höflichkeit die brennende Frage nach den Leiden des Gralskönigs nicht stellt, scheitert er ausgerechnet an der höfischen Etikette.

Nächstenliebe und ritterliches Selbstwertgefühl zeigen sich nicht im gebügelten Hemd sondern im Umgang mit Schwächeren.

O-Ton Abraham Lincoln: „Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht.“ Oder höre zu, wie er über andere redet. Wie sie über „die eine da“ ablästert. Gift und Galle. Wie er unter seinesgleichen das schwache Geschlecht tituliert. Vulgäre Frustration.

Wie ritterlich kann er sein unter Emanzipierten? Wie tugendhaft kann sie sein unter pilleschluckenden Allzeitbereiten? Welche Ideale kann man hochhalten, wenn alles Zwischenmenschliche gleich wertzuschätzen ist? Bedeutet „jung und konservativ“ sein moralische Verklemmung und innerer Rückzug, während für alles Offene Bestätigung daraus ziehen, wen sie am Wochenende „flachgelegt“ haben?

Keiner hat gesagt, daß Ehre und Anstand mehrheitsfähig sind. Auch im konservativen Milieu hat die Kulturrevolution ganze Arbeit geleistet. Gesoffen, gehurt und patriotischer Pathos. Und so manche Chlamydienschleuder geriert sich tagsüber als Dame.

Affen können lernen, mit Messer und Gabel zu essen, müssen sie aber nicht. Der kultivierte Mensch hingegen muß über Jahrtausende erworbene Kulturtechniken des gemeinschaftlichen Zusammenlebens tradieren, um die in ihm angelegte Würde auch im Nachwuchs zur Geltung bringen: Erziehung und Herzensbildung innerhalb der Familie.

Ein, zwei unerzogene Generationen reichen, um auf primitive Triebregulation zurückzufallen. Infantile Egoismen besingt die Hip-Hop-Band K.I.Z. aus Berlin in ihrem Lied „Hurra die Welt geht unter“:

Wir stehen auf wann wir wollen, fahren weg wann wir wollen
Sehen aus wie wir wollen, haben Sex wie wir wollen
Und nicht wie die Kirche oder Pornos es uns erzählen
Baby die Zeit mit dir war so wunderschön
Ja, jetzt ist es wieder aus, aber unsere Kinder wein‘ nicht
Denn wir ziehen sie alle miteinander auf

Der Halbaffe frisst und fickt und säuft sich zu und läßt die Säuglinge kollektiv aufziehen. Früh der Mutter entwöhnte Brüllaffen werden die neue Gesellschaft bestimmen. Ob nun mit Hemd und Krawatte oder im Kapuzenpulli, geistig sind sie nackt.

Vaterlos, vorbildlos und schamlos begatten sie sich ab der Menarche und Ejakularche gegenseitig, vagabundieren im Rudel durch die Ballungszentren der vergehenden Hochkultur und vollenden „die menschliche Komödie“ unter dem heraufziehenden Halbmond.

Zum Autor: 

Martin Voigt

Dr. Martin Voigt ist Jugendforscher, Autor und Journalist in Berlin und München.

Im Jahr 2015 erhielt er den renommierten Gerhard-Löwenthal-Preis für Journalisten.

 

avatar
400
7 Comment threads
0 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
6 Comment authors
LutherVolker DiehlJan aus KölnDichter Tatenlosneukonservativ Recent comment authors
  Abonnieren (alle Kommentare oder nur meine Kommentare)  
neueste älteste beste Bewertung
Ich möchte benachrichtigt werden zu:
Luther
Gast
Luther

Treffend herausgefunden,dass es ohne Erziehung im Chaos endet.Wenn ich sehe,wer heute Lehrberufe erlernt,wer und wie heute Kinder erzogen werden oder eben auch nicht,dann sag ich es ist zu spät.ritterlich ist da nix mehr.meine Enkelkinder werden hoffentlich nicht hier aufwachsen!

Volker Diehl
Gast

Dichter Tatenlos kommt der Sache am nächsten.

Ritter waren zudem Ritter und werden romantisiert dargestellt.
Wenn im Mittelalter ein Mädchen vergewaltigt wurde blieben ihr wie im Islam 2 Möglichkeiten
1) Sie heiratet ihren Vergewaltiger, also wenn der die „Beschmutzte“ noch wollte.
2) Sie ging als Prostituierte ins „Frauenhaus“
Bei all dem kam mit Sicherheit keiner von diesen selbstgefälligen Rittern zur Hilfe!
Die „hohe“ Zeit des Christentums eben.

Jan aus Köln
Gast
Jan aus Köln

IHR HABT DIE FALSCHEN KREUZRITTER DARGESTELLT! Der sog. dt. Ritterorden, eigentlich der Orden der hl. Jungfrau Maria, musste den Orient. weil von den Moslems vertrieben und wurde von Polen zur Hilfe gerufen gg. die heidnischen Prussen! Als er diese nahezu ausgelöscht hatte, hat er sich gegen das Firstentum Litauen u. gg. das katolische Polen selbst gestellt und beide Länder angegriffen. Und als es dem Untergang nahe war, wurde es protestantisch d. h. die Brüder wurden zu Häretikern und verrieten ihre Schutzpatronin die Jungfrau Maria selbst. Dafür hat diese als Schutzpatronin, Polen selbst, den grandiosen Sieg von Wien geschenkt! Man nehme… Mehr lesen »

Jan aus Köln
Gast
Jan aus Köln

Wie soll die Gegenrevolution aussehen? Dumme Frage! Christlich-katholisch-abendländisch, wie auf dem Bild! Kreuzritter eben oder gar nicht! Als Karamustafa vor Wien stand, da waren nur die kaiserlichen, ohne Kaiser übrigens, dieser ist mit den Kindern auf und davon und hat die Kaiserin (sic!) „in Vertregung dem Sultan dagelassen und sich nach Spanien abgesetzt. Keine Protestanten, keine Franzosen und schon gar nicht die Engländer! Karamustafa standen 1683 gegenüber: – Die Kaiserin an der Spitze der kaiserlichen Truppen (natürlich nicht auf dem Feld, sondern stellvertretend in der Burg) -Hilfstruppen vom Papst und sein heilige Mönch, Marco d’Aviano! Und der Pole, Jan III… Mehr lesen »

Dichter Tatenlos
Gast
Dichter Tatenlos

Ich befürchte, es ist viel schlimmer. Als konservativ verschrien wird man inzwischen, wenn man für Demokratie, Meinungs- und Redefreiheit sowie eine Soziale Marktwirtschaft nach dem Modell eines Ludwig Erhards ist. Da ist man schon verdächtig in den Augen des neo-sozialistischen Gesellschaftsblockes. Und wenn man dazu noch für die Freiheit des eigenen Vaterlandes stimmt, dann gilt man mindestens als rechts voll Nasi.

Wunderbar an der Angelegenheit: Ich mache mir gar nichts draus. Diese Dinge haben in der Bonner Republik gut funktioniert. Das wird auch der Berliner Republik wieder beigebracht. Widerstand!

neukonservativ
Gast

Den Finger sehr schön in die Wunde gelegt. Besonders gefällt mir, dass das Männliche UND das Weibliche angesprochen wird.

Bleibt die Frage: Was tun? Wie kann eine Gegenkulturrevolution aussehen und wie kann sie erfolgreich sein?

truckeropa66
Gast

Irgendwie treffend die derzeitige Situation beschrieben…….