(David Berger) Offiziell endete der Nationalsozialismus im Jahr 1945, von den Nazis lebt heute kaum noch einer. Anders scheint dies in Köln zu sein, wo man schon immer viel Wert auf Brauchtumspflege und Traditionen legte.

Dort druckt man nämlich derzeit 200.000 Bierdeckel, zahlreiche Plakate sind schon fertig und warten darauf in der Südstadt, in Ehrenfeld und am Eigelstein angeklebt zu werden – und mehr als 50 Kneipen haben sich bereits als Abnehmer für die neuen Druckerzeugnisse gefunden. Die Aufschrift, die diesen Aufwand auslöste:

„Kein Kölsch für Nazis!“

Eine spontane Umfrage eines Bekannten aus Köln gestern in einigen Kölschkneipen der Domstadt, ob man dort in der Stamm-Stuff schon mal einem Nazi begegnet sei, ergab erwartungsgemäß nur Fehlanzeigen. Weit und breit keine Nazis, die die meisten Kölner nur noch aus dem Kino kennen: SS-Uniform, strammer Schritt, blondes Haar – und Schmitz macht den Hitlergruß.

Anders offensichtlich die Realitätswahrnehmung der beteiligten Wirte und Initiatoren, die sich bereits 2008 zu einem Bündnis von 450 Kneipen zusammen geschlossen hatten, das mit Bierdeckeln gegen die Nationalsozialisten Kölns kämpfte. Offensichtlich wenig erfolgreich, wenn nun schon wieder solch dringender Handlungsbedarf besteht.

Nun würde ich auf den ersten Blick sagen, dass ich nach dem sechsten oder siebten Kölsch auf nüchternenen Magen (ich trinke sehr selten) auch öfter den Eindruck habe, Eva Braun und Schäferhund Blondi würden mich wegen meines Blogs aussponieren.

Und wenn ich an mein Praktikum in der Psychiatrie zurückdenke, gab es dort auch eine Frau, die sehr überzeugend davon sprach, dass die zwölf Apostel jeden Tag bei ihr zum Kaffee vorbeikommen, Sonntags sogar mit Jesus.

Eine aus der Ferne als Henna gerötete Frisur identifizierbare Frau, Sozialpädagogin von Beruf, wusste beim gestrigen investigativen Kneipengang meines Informanten dann doch mehr zu berichten:

Schließlich wollten die Nazis sogar das Kölner Martim-Hotel mieten und außerdem seien in NRW bald Wahlen. Da sei eine solche Aktion schon nötig.

Nur nebenbei sei gesagt, dass sich über eine andere Sache keiner der Kölschausschenker aufregte:  Nämlich dass der ebenfalls zwischen Kölschglas und Dom wirkende WDR  am 8. März einen 40-minütigen Dokumentarfilm ausstrahlte, der suggerierte, der niederländische Politiker Geert Wilders sei eine Marionette der Juden – er habe schließlich eine „jüdische Großmutter“ und zudem „ein Jahr in Israel verbracht“. Die „Achse des Guten“ berichtete darüber unter dem Titel: „WDR enthüllt: Geert Wilders ist eine Marionette der Juden“

Gut, dass das Kölschtrinken in dieser Stadt auch zu den Traditionen gehört, anders wäre es vermutlich in der Hochburg karnevalistischen Frohsinns nicht einmal in der Fastenzeit auszuhalten …

***

Collage unter Verwendung von (c) Bundesarchiv, Bild 146-1969-054-53A / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons und (c) Facebook