In seiner Predigt am 31.10.2015 hat der Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer bemerkenswert klare Worte zur Genderideologie gefunden. Sie sind sowohl für Gläubige wie Atheisten und Agnostiker interessant, da sie neben theologischen Erwägungen auch die philosophische Anthropologie und Naturwissenschaft zugrunde legen.

Ausgangspunkt war ein sog. Gender-Flyer unter dem Titel „Geschlechtersensibel. Gender katholisch gelesen“.

Der Bischof sagte damals: „Gender, Sie wissen es, ist der englische Begriff für „Geschlecht“ und bezeichnet in der gegenwärtigen Debatte das gesellschaftlich oder kulturell geprägte Geschlecht im Gegensatz zum biologischen. Mit der Verantwortlichkeit der Bischofskonferenz wurde dieser Text auch in meinem Namen der Öffentlichkeit empfohlen, ohne dass ich den Inhalt vorher gesehen hatte, geschweige denn, dass ich ihm zugestimmt hätte. Deshalb war es geboten, meine Kritik öffentlich zu äußern. Die Details können Sie auf der Bistumswebsite nachlesen.

Der Flyer möchte in Abgrenzung zu einer extremen Form des Gender-Mainstream diese Theorien für grundsätzlich mit dem katholischen Glauben vereinbar erklären, und er erhebt den Anspruch, die katholische Position dazu zu formulieren. Das erste scheint mir unmöglich – es gibt letztlich kein „gender light“. Der Begriff ist und bleibt das Einfallstor und der Türöffner für mit dem christlichen Glauben nicht vereinbare Positionen. Und die katholische Position wird in diesem Flyer nicht vorgestellt, eher verschwiegen (…)

Jeder, der sich für die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern oder den Schutz der Menschenwürde einsetzt, hat mich an seiner Seite. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben die Gleichberechtigung von Mann und Frau formulieren können ohne den Begriff gender zu gebrauchen. Die Sorge der Kirche und ihre Zuwendung gelten allen Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft und sexueller Orientierung.

Diese Sorge gilt sogar schon vorgeburtlich und in jeder Lage und Phase des Lebens. Auch ein durch PID festgestellter genetischer Defekt rechtfertigt es nicht, einem Menschen das Lebensrecht abzusprechen und ihn zu töten.

Und mit Entschiedenheit treten wir dafür ein, dass auf alte und kranke Menschen nicht dadurch Druck ausgeübt werden darf, dass die Beihilfe zum Suizid legalisiert und somit ein Weg eröffnet wird, dass sie sich fortan ihren Angehörigen legal „ersparen“ können.

Nur: Um all das geht es in der Genderdebatte nicht. Die Gendertheoretiker nützen das Gleichberechtigungsanliegen, um in der Gesellschaft ein Menschenbild einzuführen, das weit über das Anliegen der Gleichberechtigung hinausgeht und letztlich, paradoxerweise, zur Auflösung dessen führt, was geschützt werden soll, nämlich der je eigene Wert des Mannseins und des Frauseins. Gender läuft darauf hinaus, die Natur von Mann und Frau zu bestreiten und damit auch den Glauben an Gott, den guten Schöpfer auszuschließen.

Sehr klar zeigte er dann auf, was eines der Grundprobleme der Genderideologien ist: „Noch einmal: Es geht längst nicht mehr um die Frage nach vermeintlich männlichen oder weiblichen Rollen und Verhaltensmustern. Natürlich können auch Männer Hemden bügeln, Geschirr waschen und Kinder wickeln. Und auch Frauen können Autos einparken, Bundeskanzler werden und Reifen wechseln.

Es geht nicht um das vermeintlich „typisch weibliche“ und das vermeintlich „typisch männliche“. Es geht um das Wesentliche. Und hier kommt eben sehr wohl die Biologie zum Tragen, die man nicht von der Kultur loslösen darf, sondern die eben selbst noch einmal der Kultivierung bedarf. Die allzu starke Unterscheidung, im Extremfall die Trennung von biologischem und sozialem Geschlecht ist der Grundirrtum des Genderismus.

Das Wesen von Mann und Frau ist das potentielle Vatersein und das potentielle Muttersein. Das sind nicht austauschbare Rollen, sondern vom Schöpfer geschenkte Gaben, letztlich Berufung. Wenn eine Frau ein Kind bekommt, dann sagen wir nicht: typisch Frau, so als bräuchte es nur einen hinreichend emanzipierten Mann, der es ihr gleichtun könnte.

Nein, das ist nicht typisch, sondern das ist wesentlich. Und das leibliche Dasein einer Frau, ihr Hormonhaushalt, ihre Körperlichkeit ist daraufhin ausgerichtet; und bleibt es auch, wenn sie ehelos lebt und kinderlos bleibt …  All dies gilt umgekehrt auch für die Männer.

Die gesamte Ansprache kann hier noch nachgelesen werden: Bistum Regensburg

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In der Rubrik „Nachgelesen“ stellen wir lesenswerte und noch immer aktuelle Texte vor, die zu schnell vergessen wurden.