„De mortuis nihil nisi bene.“ Über die Toten soll man nichts als Gutes sagen. Die Augsburger Allgemeine verweigerte dennoch den Abdruck einer Traueranzeige für den verstorbenen AfD-Kreisrat Paul Traxl. Ausgerechnet das Heimatblatt einer Stadt, die sich Frieden und Toleranz auf die Fahnen geschrieben hat. Gastbeitrag von Meinrad Müller.
Zwanzig Jahre lang war die Augsburger Allgemeine die Zeitung meiner Jugend. Umso schwerer fällt es mir heute, zu verstehen, was aus diesem Heimatblatt geworden ist. Traditionsgemäß begann man die Zeitung nicht auf Seite eins. Man schlug sie von der letzten Seite her auf. Dort standen die Todesanzeigen. Man erfuhr, wer gestorben war, welchen Namen man kannte und welche Familie nun einen Platz am Tisch freihalten musste.
Todesanzeigen gehören zur Heimat wie der Kirchturm und das Wirtshaus. Dort standen der Handwerksmeister, die Lehrerin, der Bauer, der Arzt und der frühere Bürgermeister noch einmal nebeneinander. Vor dem Tod waren alle gleich. So jedenfalls hatte man es einmal gelernt.
Ein Bürger seiner Heimat wird posthum erniedrigt
Paul Traxl war Zahnarzt, Familienvater und von den Bürgern gewählter Kreisrat im Landkreis Aichach-Friedberg. Sein Mandat übte er, wie alle Kreisräte, ehrenamtlich aus. Er stellte Zeit und Arbeitskraft in den Dienst seiner Heimat. Allerdings für die aus Sicht der Augsburger Allgemeinen „falsche“ Partei, die AfD. Noch im Mai nahm er als ältestes Kreistagsmitglied dem neuen Landrat den Eid ab. Am 28. Juli starb Paul Traxl im Alter von 78 Jahren. Seine politischen Weggefährten wollten sich mit einer bezahlten Traueranzeige von ihm verabschieden. Kein Wahlaufruf. Nur ein letzter Gruß an einen Mann, mit dem sie viele Jahre zusammengearbeitet hatten. Die Augsburger Allgemeine lehnte ab.
Der Verlag erklärte, grundsätzlich keine Anzeigen der AfD anzunehmen. Diese Unternehmensgrundsätze gälten auch für Nachrufe. Eine private Traueranzeige der Familie durfte erscheinen. Der Abschiedsgruß seiner politischen Weggefährten nicht. Damit wurde sogar der Tod noch nach Parteibuch sortiert. Ein Verlag darf Anzeigen ablehnen. Das ist sein gutes Recht. Aber ein marktbeherrschendes Heimatblatt besitzt mehr als nur Rechte. Es trägt auch Verantwortung für die Menschen in seinem Verbreitungsgebiet. Es berichtet über ihre Hochzeiten, Vereinsfeste, Jubiläen und Beerdigungen. Es ist für viele Bürger das Gedächtnis ihrer Region.
Die Wähler hatten Paul Traxl in den Kreistag gewählt. Für die Augsburger Allgemeine genügte dieses Votum offenbar nicht einmal für einen bezahlten Abschiedsgruß. Der woke linke Zeitgeist hat inzwischen auch im bayerischen Schwabenländle Einzug gehalten. Er sitzt in einer Verlagsstube und nennt politische Ausgrenzung einen Unternehmensgrundsatz.
Augsburg feiert die Toleranz
Am 8. August feiert Augsburg sein Hohes Friedensfest, als einen regionalen staatlichen Feiertag. Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 beendete zwar nicht alle religiösen Gegensätze. Aber Katholiken und Protestanten fanden nach langen und blutigen Auseinandersetzungen einen Weg, miteinander zu leben. 471 Jahre später schafft es die Augsburger Allgemeine nicht, eine Traueranzeige der AfD auszuhalten. Früher stritt man über den richtigen Glauben. Heute genügt offenbar schon die falsche Partei, um selbst einen Abschiedsgruß aus der Zeitung zu verbannen.
Die Augsburger Allgemeine hätte Größe zeigen können. Sie zeigte ihre Unternehmensgrundsätze. Und sie macht sich mehr als unbeliebt. Zwanzig Jahre lang war sie die Zeitung meiner Jugend. Umso schwerer fällt es mir heute, zu verstehen, was aus diesem Heimatblatt geworden ist.
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