Mittwoch, 4. Februar 2026

Überlebensvorsorge oder Schweine verstehen nicht, was Winter ist

Eine Kindheit auf dem Bauernhof zeigt eindrücklich, wie lebensnotwendig Vorsorge einst war. Die Erinnerung an Schweinemüsli, Kartoffelkeller und gefüllte Tiefkühltruhen wird zum Spiegel unserer heutigen Bequemlichkeit – und ihrer Folgen. Gastbeitrag von Meinrad Müller

Die zehn Schweine im Stall meines Vaters hatten eine wesentliche Aufgabe, die ihnen selbst vollkommen unbekannt war. Nach ihrem kurzen Leben sollten sie umgewandelt werden in Leberwurst, Schinken, Schweinebraten und Blutwurst. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, bekamen die Tierchen zweimal am Tag Müsli. Ja, richtig gelesen: Müsli.

Wir Kinder auf dem Bauernhof hatten dabei ebenfalls eine Aufgabe. Nach der Schule mussten wir Kartoffeln dämpfen. Zu diesem Zweck stand hinter dem Bauernhof ein großer Ofen mit eingebautem hundert Liter fassendem Wasserbehälter. Zunächst wurde Wasser eingefüllt, dann musste der Ofen etwa eine Stunde lang geheizt werden, bis das Wasser kochte.

Kartoffel im Keller war Überlebensvorsorge

In der Zwischenzeit zupften wir Kinder die Kartoffeln. Zupfen bedeutete, dass die Kartoffeln, obwohl sie im Keller lagerten, im Laufe der Zeit kleine Austriebe bildeten. Diese Austriebe seien giftig, hieß es. Also musste jede einzelne Kartoffel in die Hand genommen und von diesen Trieben befreit werden.

Nachdem die Kartoffeln gekocht und anschließend wieder abgekühlt waren, konnten sie mit einem großen Schöpfer entnommen werden. Man stampfte sie mit einem schweren Stampfer. Die Schalen ließ man dran. Diese mussten wir nicht entfernen. Gott sei Dank.

Mit zwei Eimern holten wir Gerste. Nicht Weizen, sondern Gerste. Diese Gerste kam in eine Mühle, die daraus groben Schrot herstellte. Gedämpfte Kartoffeln und Gerstenschrot wurden anschließend mit einer Kelle vermischt. Fertig war das Schweinemüsli.

Dieses bekamen die Schweine in ihren Trog. Und es schmeckte ihnen sichtlich, denn Kartoffeln und Gerste verwandelten sich in Fleisch und Speck.

Die Schweine überlebten den Winter zwar, kamen aber reihenweise im Frühling an das Ende ihres Lebens. Wir Menschenkinder hatten dafür wieder eine gefüllte Tiefkühltruhe und konnten aus den Schweinebestandteilen lange Zeit schöpfen. Leberkäse fürs Pausenbrot. Die Erfahrung, dass aus Vorsorge Überleben wurde, prägte sich bis heute ein.

Seit Menschengdenken war Vorsorge überlebenswichtig

In unseren Gegenden wachsen keine Bananen auf den Bäumen, die man täglich pflücken könnte. Also musste man in drei Jahreszeiten Vorsorge treffen, um die vierte zu überleben.

Die Kühe brauchten Heu und Futterrüben.

Die Schweine brauchten Kartoffeln und Gerste.

Die Hühner brauchten Weizenkörner.

Und die Kaninchen bekamen ebenfalls Heu.

In der heutigen Zeit haben wir das Vorsorgen verlernt. Es ist bequem geworden, zum Supermarkt zu gehen und die Wurst hundertgrammweise zu kaufen, immer dann, wenn wir Hunger haben. Vorsorge jedoch hat unseren Vorfahren über Jahrtausende hinweg das Überleben gesichert.

Diese Vorsorgekurs scheint uns verloren gegangen zu sein.

Man sorgte vor, indem Holz geschlagen und zu Scheiten gespalten wurde. Schließlich wollte man es warm haben. Äpfel wurden zu Most verarbeitet, der sich vom Apfelsaft dadurch unterschied, dass er rund zehn Prozent Alkohol enthielt. Karotten wurden in Sandkisten eingelegt, um sie haltbar zu machen.

Keine Gasvorsorge. Wer nicht hören will, muss fühlen

Heute lesen wir stattdessen, dass das Heizmaterial, das wir für warme Wohnungen brauchen und für die Erzeugung von Strom, zur Neige geht. Ohne Gas keine warmen Wohnungen. Ohne Gas keine Gaskraftwerke, die Strom erzeugen. Der Obervorsorger, Vater Staat, hat versagt.

Die alte Vätersitte des Vorsorgens hat sich in Luft aufgelöst. Und wir spüren die Auswirkungen am eigenen Leib: an kalten Fingern und womöglich auch am leeren Bauch.

***

Unterstützen Sie bitte die Arbeit von „Philosophia Perennis“! Hier mit einem Klick:

PAYPAL (Stichwort Schenkung)

Oder per Überweisung auf

David Berger, IBAN: DE44 1001 0178 9608 9210 41 – BIC REVODEB2 – Stichwort: Schenkung

ÜBERWEISUNG (Stichwort: Schenkung)


Entdecke mehr von Philosophia Perennis

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Meinrad Müller
Meinrad Müllerhttps://www.amazon.de/-/e/B07SX8HQLK
Meinrad Müller (Jg. 1954), Unternehmer im Ruhestand, kommentiert mit einem zwinkernden Auge Themen der Innen-, Wirtschafts- und Außenpolitik für Blogs in Deutschland. Seine humorvollen und satirischen Taschenbücher sind auf Amazon zu finden. Eine Zusammenstellung all seiner Blogbeiträge findet sich unter B

Trending

VERWANDTE ARTIKEL