Vor der letzten Bundestagswahl lief im Fernsehen die vorweihnachtliche Aktion „Ein Herz für Kinder“. Viele haben die Sendung gesehen, aber wohl nur wenige haben hingesehen. Dabei genügten wenige Sequenzen, um den Charakter der gegenwärtig herrschenden Politikerkaste zu erfassen. Gastbeitrag von Frank Steinkron.
Man achte auf die Details. Als der Moderator Ralf Schmitz beispielweise Markus Söder nach einer Spende fragt, antwortet dieser mit einem sehr gedehnten, von mehreren Pausen unterbrochenen „Ähh, ja, also…“.
Die Sprechweise simuliert eine gewisse Verlegenheit gegenüber einer unerwarteten Frage. In Wahrheit weiß Söder natürlich, in welcher Sendung er gerade sitzt. Aber das Thema ihm ist lästig. Viel lieber würde er jetzt einer potentiell muslimischen Klientel demonstrieren, wie gerne er Döner isst.
Indes hat ihn der Imageberater zur Teilnahme an dieser Sendung gedrängt. Im Strickpullover mit einer Adventskerze etwas Besinnlichkeit herbeizuzaubern, genügt nicht. Weihnachten verlangt auch ein gewisses Maß an Mildtätigkeit. Noch ist die Wählerschaft der CSU überwiegend christlich.
„Äh, ja also“. Söder hat keinen Bock
Doch Söder ist Söder. Aus seinem Pullover kann er zur Not, nicht aber aus seiner Haut. Selbst als der Moderator ein gespieltes „Oh Gott!“ stöhnt, kann ihn das nicht beirren. Es folgt ein weiteres genervtes, „Äh, also…“. Nach einer Weile ringt Söder sich immerhin zu einem flapsigen „Zwei“ durch. Genüsslich blickt er zum irritierten Schmitz: wie der Papa, der seinem Bub gerade eine Rechenaufgabe gestellt hat und nun abwartet, ob der Kleine die Antwort weiß. Auf die Nachfrage „Zwei was?“ schiebt Söder dann genüsslich nach: „Zweitausend“. Für diesen kurzen Augenblick gibt er den jovialen Landesvater; die Gönnerhaftigkeit seiner Mimik ist unübertroffen. Doch der freche Moderator, wenngleich er sich artig bedankt, findet dieses Angebot eher „knickrig“.
„Also hören Sie mal!“ Merz weiß es besser
Knickrig! Die ideale Steilvorlage für Merz! Ungeduldig hat er seinem Auftritt entgegengefiebert. Nun kann er den Söder überbieten! Um noch cooler zu erscheinen, hält er die Arme über der Brust verschränkt. Dann kommen gleichfalls einige „Ähms“, die nun aber nicht verlegen, sondern bedeutsam klingen sollen. Und statt „zwei“ zu sagen, nennt er gleich die Summ von hundert Euro. Das hört sich zwar auch nach nicht viel an, doch hat Merz sich den eigentlichen Überraschungsmoment sorgsam aufgespart: hundert Euro für jeden Prozentpunkt, den die Union in den Umfragen erreichen wird.
Dem Gesagten verleihen Daumen und Zeigefinger, zu einem Kreis zusammengeführt, Nachdruck. Die Sprache ist auffällig prononciert. Kein Buchstabe darf verloren gehen, darf unverstanden bleiben. Jede Silbe wird dem Zuschauer eingehämmert, manches Wort wiederholt. Das penetrierende Stakkato macht aus der Handgeste des Präzisierens einen Ausdruck schulmeisterlicher Belehrung.
Merz, der Welterklärer
Merz, der künftige Welterklärer! Ein Mann, der sich nicht mit der schnoddrigen Wurschtigkeit eines Söder zufriedengibt. Einer, der es besser machen will – so wie er überhaupt in allem besser sein muss als die anderen. Wenn Merz Schmitz anblickt, dann nicht wie Söder in herablassender Überheblichkeit, sondern in koketter Selbstgefälligkeit mit zurückgelehnten Kopf, als wolle er sagen: Na, sehn Se mal, hätten Se jetzt nicht gedacht, was? Dazu federt er, die Arme noch immer verschränkt, im Sofapolster auf und ab. Auch das soll locker wirken, offenbart aber er ein geradezu kindliches Bedürfnis nach lustvollem Auftrumpfen. Hier will nicht mehr ein Vater seinen Buben examinieren, sondern der kleine Bub in Merz zeigt allen, wie schlau er schon ist.
Dem Moderator lässt er nicht einmal einen vorsichtigen Einwand durchgehen: „Was heißt: Na ja. Also hören Sie mal!“, weist er Schmitz zurecht. Immerhin seien für seine Partei 40 Prozent zu erwarten. Nun ist Merz nicht mehr der bubenhafte Gernegroß oder der Streber, sondern der erwachsene Mister Wichtig.
Der labile Gernegroß: kompensatorische Grandiosität
Kombiniert man diese Persönlichkeitsmerkmale, ist das Ergebnis ein labiler Mensch, der seine Wankelmütigkeit durch jahrelang antrainierte Gesten und Sprüche zu überdecken sucht. Alles ist aufgesetzt, alles wirkt peinlich. „Kompensatorische Grandiosität“ nennt es die Psychologie. Ein klassischer Vertreter dieses Menschenschlags ist beispielsweise der Angeber, der großspurig mit dem Dienstwagenschlüssel winkt, sich bei nächstbester Gelegenheit aber anderen anbiedert. Oder der großmäulige Blender, der verspricht, was alle hören wollen, aus Opportunitätsgründen dann aber das Gegenteil tut. Oder der forsche Sprücheklopfer, der sich beim leisesten Widerspruch wieder wegduckt. Oder der Theatraliker, der sich in Gegenwart eines ukrainischen Diktators weinerlich von der eigenen Rührung übermannen lässt, sich dann aber an der Vorstellung berauscht, als ein zweiter Siegfried Russland niederzuringen. Selbst das Kindeswohl macht so jemand von seiner Karriere abhängig. Im Fall von Merz: Je mehr Prozentpunkte für die CDU, desto mehr Geld gibt’s für die Kleinen.
Pech für die Kleinen, dass die CDU bei der Bundestagswahl dann auf dürftige 28,5 Prozent absackt. Für das Jahr 2029 haben die Kinder wohl noch weniger erwarten. Fällt die CDU unter 20 Prozent, wirkt selbst Söders Spende nicht mehr ganz so knickrig. Merz freilich wird nichts dafür können. Schuld am Unglück der Kinder werden dann die AfD-Wähler sein. Bei Narzissten sind ohnehin immer die anderen schuld.
Der wahre Held des Abends: Tony Kroos
Für einen erfreulichen Kontrast innerhalb der Sendung sorgt am Ende immerhin der ehemalige Nationalspieler Toni Kroos. Ohne viel Aufhebens sagt er umgehend 100.000 Euro zu. Wer Fußball spielt, hat eben doch mehr Bodenhaftung als ein Blackrock-Multimillionär, der sich gern an schwindelerregenden Spekulationsgewinnen berauscht oder als Hobbypilot im Privatflugzeug durch Wolke Sieben schwebt.
Merkel giftiges Erbe
Bleibt als Fazit: Merz, so legt es sein Auftritt nahe, fehlt es an allem: an Begabung, an Charakter, aber auch an geistiger und psychischer Stabilität. Im Voraus erkannt haben es nur wenige, etwa Merkel. „Er kann es nicht“, sagte sie lapidar. Eines kann Merz allerdings doch: überzeugend blenden. Dass er damit Erfolg hatte, ist paradoxerweise Merkels Schuld. Sie hat das Land in eine so schlechte Lage gebracht, dass viele sich von Merz allein schon schierer Verzweiflung blenden lassen. Ebenso hat Merkel es zu verantworten, dass der von ihr so tief gedemütigte Merz alles tut, um im Kanzle zu bleiben.
Mehr als alles andere ist Friedrich Merz Merkels giftiges Erbe.
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