Montag, 20. Mai 2024

Sahra Wagenknecht: „Wir sind da und werden nicht mehr verschwinden!“

(David Berger) Viele feiern die Rede, die Sahra Wagenknecht gestern auf der großen Friedensdemo vor etwa 50.000 Menschen gehalten hat, heute schon als die Rede des Jahres, als den Beginn einer neuen, dringend nötigen Bürger- bzw. Friedensbewegung.

Eines ist jetzt schon klar: von der Rede Wagenknechts, unterstützt von zahllosen Menschen, die trotz Kälte und vorherigen Verunglimpfungen durch Medien und Politiker hierher gekommen sind, geht ein Signal ins ganze Land aus:

Eine neue Friedensbewegung

„Wir sind da und werden nicht mehr verschwinden, wir stehen auf für den Frieden und gegen den Krieg: Lasst uns heute den Startschuss für eine neue Friedensbewegung in Deutschland geben!“

Hier die Rede Wagenknechts in Schriftform:

Liebe Friedensfreunde! Ich bin so froh, dass ihr alle hier heute gekommen seid. Und ich weiß, dass auch viele Tausende unsere Kundgebung an den verschiedenen Livestreams mitverfolgt folgen. Ich denke, heute kann man sehen, wie viele wir sind. Und von jetzt an werden wir unsere Stimme so laut erheben, dass sie nicht mehr übergangen werden kann.

Denn liebe Freundinnen und Freunde, wir sind nicht nur viele, wir fangen jetzt auch an, uns zu organisieren. Weil: Deutschland braucht endlich wieder eine wirklich starke Friedensbewegung.

Ihr habt ja alle verfolgt, was passiert ist, als Alice Schwarzer und ich gemeinsam mit 69 Erstunterzeichnen, unser Manifest für Frieden veröffentlicht haben. Da ist ein Teilen der politischen und medialen Öffentlichkeit Deutschlands eine regelrechte Hysterie ausgebrochen.

Was hat man uns nicht alles unterstellt! Was hat man uns nicht alles vorgeworfen! Uns und damit stellvertretend natürlich auch den über 600.000 Unterzeichnen unseres Manifest. Wir seien zynisch, gewissenlos, amoralisch, Handlanger Putins, womöglich sogar von Putin bezahlt. Und trotzdem haben sich die Menschen nicht abhalten lassen. Sie haben unser Manifest unterzeichnet. Jeden Tag werden es mehr, die das Manifest unterzeichnen.

Und da muss ich auch nochmal sagen, das ist großartig von euch allen! Ein herzliches Dankeschön! Die Kampagne gegen uns gipfelte darin, dass man versucht hat, uns in die Nähe der extremen Rechten zu rücken. Daran sieht man, wie krank die Diskussion in Deutschland inzwischen ist.

Seit wann ist der Ruf nach Frieden, der Ruf nach Diplomatie und Verhandlungen rechts? Und Kriegsbesoffenheit ist dann wohl links!

Einige haben ja offenbar völlig ihren politischen Kompass verloren. Und ich sage auch noch mal in aller Deutlichkeit, nur um die alle abzuschrecken, die das schon wieder überall verbreiten wollen, weil es sich eigentlich von selbst versteht. Aber ich sage es trotzdem nochmal:

Selbstverständlich haben Neonazis und Reichsbürger, die in der Tradition von Regimen stehen, die für die schlimmsten Weltkriege der Menschheitsgeschichte Verantwortung tragen, auf unserer Friedenskundgebung nichts zu suchen. Das versteht sich aber wohl von selbst, dachte ich.

Aber genauso sage ich auch, jeder, der ehrlichen Herzens mit uns für Frieden und für Verhandlungen demonstrieren will, ist hier willkommen, und daraus soll man nicht so eine dumme Debatte machen. Es nervt mich, auf welchem Niveau in Deutschland inzwischen diskutiert wird. Es ist wirklich unsäglich.

Und ich finde auch – auch, das möchte ich hier nochmal sagen – wenn wir schon über Rechtsoffenheit reden – das ist ja ein Begriff, der ganz oft gefallen ist im Vorfeld der Kundgebung – wenn wir schon über Rechtsoffenheit reden, dann sollen sich die Kriegstrommler doch verdammt noch mal an ihre eigene Nase fassen! Leute, die keine Scham haben, sich mit anderen zu verbünden, die ganz echte Nazis verehren. Ich denke da zum Beispiel an den früheren Rüpel-Botschafter und den Vizeaußenminister der Ukraine, Herr Melnyk, der macht gar keinen Hehl daraus.

Melnyk und auch andere Größen dieses Landes machen doch gar kein Hehl daraus, dass sie beispielsweise in dem Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera einen nationalen Heroen sehen, und ich erinnere daran: Bandera, der Antisemit, ist mitverantwortlich für die Ermordung von tausenden Juden, Polen und Russen.

Und dieser Mann wird von Melnyk und anderen verehrt, und unsere Kriegstrommler machen sich mit denen gemein und erzählen uns etwas über Querfront und Rechtsoffenheit. Was ist das für eine verlogene Debatte! Das möchte ich ja auch nochmal deutlich sagen.

Aber das hysterische Gebrüll in Teilen der Politik und der Medien zeigt natürlich auch, sie haben wirklich Angst vor uns. Sie haben Angst vor einer neuen Friedensbewegung, und ich finde, da haben sie auch Grund dafür. Sie haben nämlich Angst, dass sie ihre Politik nicht mehr ohne Weiteres so fortsetzen können.

Und ich sage Ihnen ja, genau deshalb sind wir hier, damit sie diese Politik nicht fortsetzen können. Also bitte schön, wenn sie Angst haben, das ist ein Kompliment für uns alle!

Es geht um viel. Es geht zum einen darum, das furchtbare Leid und das Sterben in der Ukraine zu beenden. Es geht darum, Russland ein Verhandlungsangebot zu unterbreiten, statt einen endlosen Abnutzungskrieg mit immer neuen Waffen zu munitionieren. Ich meine, man muss sich das mal vorstellen: Das Weiße Haus, Joe Biden, hat mit Rüstungskonzernen über viele Jahre Verträge abgeschlossen – also für viele Jahre Verträge abgeschlossen – dass die die Ukraine mit Waffen beliefern. Für viele Jahre soll die Kriegsmaschinerie munitioniert werden, damit ihr nicht die Waffen ausgehen.

Was ist das für eine wahnsinnige und zynische Politik!

Und die stellen sich dann auch noch hin und sagen, das sei Solidarität mit der Ukraine. Was ist das für eine Lüge! Das ist doch keine Solidarität! Das ist das genaue Gegenteil dessen.

Denn Solidarität, das ist doch völlig klar: Solidarität wäre, alles dafür zu tun, das Sterben zu beenden. Solidarität heißt, Leben retten und nicht Leben zerstören. Solidarität heißt, sich für den Frieden zu engagieren und nicht für den Krieg. Und dafür braucht man keine Panzer, dafür braucht man Diplomatie, Verhandlungen und Kompromissbereitschaft von beiden Seiten. Das braucht man dafür, das ist solidarisch.

Und ja, natürlich, das sage ich ja auch: Selbstverständlich geht dieser Appell auch an den russischen Präsidenten. Natürlich muss auch Putin bereit sein zu Verhandlungen und Kompromissen. Die Ukraine darf kein russisches Protektorat werden. Aber nach allen Berichten, die wir über die Friedensverhandlungen im Frühjahr haben – und damals hatte sich der damalige israelische Ministerpräsident (…) engagiert und auch die türkische Regierung – nach allen Berichten über die Verhandlungen damals muss man sagen, die sind offensichtlich damals nicht an der russischen Seite gescheitert. Und auch das gehört zur Wahrheit, finde ich, dazu.

Es geht also darum, das Sterben in der Ukraine zu beenden. Aber es geht auch um mehr. Das ist ja hier schon angesprochen worden. Es geht auch darum, das Risiko einer Ausweitung dieses Krieges auf ganz Europa, womöglich auf die ganze Welt, dieses Risiko zu bannen, und es ist verdammt groß, dieses Risiko.

Wir haben alle gesehen, der Einschlag einer ukrainischen Raketen in Polen damals, die ja zunächst als russische Rakete hingestellt wurde, der hat dazu geführt, dass die ersten Verrückten tatsächlich schon gefordert haben, der Bündnisfall müsse jetzt eintreten.

Und wir alle wissen doch, es kann ja tatsächlich mal eine russische Rakete, sogar aus Versehen jenseits der Ukraine einschlagen. Und was passiert? Haben wir dann den Bündnisfall? Haben wir dann den Weltkrieg? Das heißt, mit jedem Tag, an dem dieser Krieg verlängert wird, und mit jeder tödlichen Waffe, die wir da weiter zusätzlich in dieses Pulverfass liefern, wächst die Gefahr für einen großen Krieg in ganz Europa und womöglich in der ganzen Welt.

Und auch das müssen wir unbedingt stoppen. Auch dagegen stehen wir heute hier, weil das ist eine unverantwortliche Entwicklung, die unbedingt aufhören muss.

Und dann erzählt man uns: Ja, das sei doch Putin Propaganda! Nein, liebe Leute, auch der UN Generalsekretär Guterres hat vor kurzem sehr deutlich davor gewarnt, dass die Welt gerade dabei ist, mit sehenden Augen, mit weit geöffneten Augen in einen großen Krieg hineinzugehen.

Ist Guterres auch ein Putin Propagandist? Mein Gott, wie kann man nur die Augen so schließen, wie kann man nur so kriegsbesoffen sein, dass man diese Gefahr nicht sieht. Das ist doch Wahnsinn, das zu verantworten!

Oder meinen einige vielleicht: Ach, diese Gefahr, die müssen wir heldenhaft in Kauf nehmen, weil wir ja für das Gute kämpfen und auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Und denen, die das sagen, möchte ich deutlich entgegnen: Nein, wäre die Gefahr eines nuklearen Infernos in Kauf nimmt, der steht nicht auf der richtigen Seite der Geschichte.

Und wer nicht alles in seiner Macht stehende tut, um die Gefahr einer solchen Eskalation zu bannen, der kämpft auch nicht für das Gute, sondern der ist verantwortungslos.

Die Atomkriegs-Uhr steht aktuell bei neunzig Sekunden vor zwölf. Die Wissenschaftler, die diese Uhr betreuen, haben sie vor kurzem noch einmal nach vorne gestellt. Interessiert das die Bundesregierung überhaupt nicht? Noch nie, noch nicht mal im kalten Krieg, stand die Welt so nah an der Schwelle eines atomaren Infernos. Und auch deshalb sind wir heute hier, denn das darf nicht weitergehen. Diese Atomuhr muss wieder zurück, verdammt nochmal, sie muss weiter weg von zwölf Uhr und nicht immer näher drankommen.

Ich kann mich noch gut an meine Kindheit und Jugend erinnern. Das waren die 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts, das war die Zeit, wo über Raketenstationierung in Deutschland diskutiert wurde und weltweit über Sternkriegsprogramme. Ich bin aufgewachsen mit der Angst vor einem großen Krieg, mit der Angst vor einem Atompilz über Berlin. Und ich kann mich noch gut erinnern, wie dankbar ich war, als dann mit Michael Gorbatschow eine neue Zeit begann. Eine Zeit der Abrüstungsgespräche und Abrüstungsverträge.

Und das war eine Zeit, wo man das Gefühl hatte: Ja, jetzt beginnt ein neues Zeitalter, ein Zeitalter der Abrüstung, der Zusammenarbeit und der gemeinsamen Sicherheit. Ich gebe zu, ich hatte in den Jahren danach fast vergessen, wie es sich anfühlt, wenn man Angst hat vor Krieg. Heute weiß ich es wieder. Heute, dreißig Jahre nach Gorbatschow, hat Putin mit dem Start-Abkommen gerade den letzten noch gültigen Abrüstungsvertrag auf Eis gelegt.

Das hat er getan, nachdem die USA zuvor den ABM-Vertrag, den INF-Vertrag und das Open-Sky-Abkommen aufgekündigt hatten. Heute redet niemand mehr von Abrüstung. Heute wird aufgerüstet, was das Zeug hält, und die Atomwaffenarsenale werden modernisiert. Heute wollen Politiker unseres Landes, das Gorbatschow seine Wiedervereinigung verdankt, Russland ruinieren.

Heute sollen deutsche Kampfpanzer wieder auf russische Soldaten schießen, und zumindest Melnyk ist sich sicher, dass bald auch Kampfjets geliefert werden.

Liebe Freundinnen und Freunde, diesen Wahnsinn müssen wir stoppen. Deshalb sind wir heute hier.

Liebe Freundinnen und Freunde, wir leben ja in einer Orwellschen Welt. Was erzählt man uns da eigentlich für Geschichten? Panzer schaffen Frieden, Waffen retten Menschenleben, und der ukrainische
Oligarchenkapitalismus, der genauso korrupt ist wie der russische, kämpft angeblich für unsere Freiheit und unsere Demokratie.

Schon George Orwell wusste, wenn alle die verbreitete Lüge glaubten, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde zur Wahrheit.

Und deswegen sagen wir deutlich: Wir glauben eure Lügen nicht mehr. Wir wissen, dass Waffen töten und Panzer dazu da sind, Krieg zu führen. Und wir wissen auch, dass unsere Freiheit nicht in der Ukraine verteidigt wird, genauso wenig wie vorher am Hindukusch.

Und es geht auch nicht um hehre Werte in diesem Krieg, sondern um die NATO und den Umfang der amerikanischen Einflusszone. Und deshalb sind wir hier, damit dieses sinnlose Sterben aufhört. Und wir sind auch deshalb hier, weil wir uns von der deutschen Regierung nicht vertreten fühlen.

Wir fühlen uns nicht vertreten von einer grünen Außenministerin, die wie ein Elefant im Porzellanladen über das internationale Parkett trampelt und ihre öffentlichen Äußerungen so wenig im Griff hat, dass sie mal eben aus Versehen Russland den Krieg erklärt.

Nein, von Frau Baerbock fühlen wir uns nicht vertreten. Und wir fühlen uns auch nicht vertreten von Panzer-Toni und den ganzen grünen Waffennarren, die den Eindruck erwecken, sie würden am liebsten gleich selbst mit geladenem Rohr im Leopard gegen Russland rollen. Was ist das für eine Debatte, die da geführt wird?

Petra Kelly würde sich mit Grausen von dieser Partei abwenden. Das muss man hier auch mal deutlich sagen.

Und liebe Freunde und Freunde, wir fühlen uns auch nicht vertreten von einer Rüstungslobbyistin Strack-Zimmermann, der die Geschäftsbilanz von Rheinmetall und Co offensichtlich mehr am Herzen liegt als das Schicksal der Menschen in der Ukraine oder gar der Weltfrieden. Nein! Von dieser Frau und von einer FDP, wo die Strack-Zimmermanns den Ton angeben, fühlen wir uns nicht vertreten.

Aber wir fühlen uns auch nicht vertreten von einem Kanzler, der zwar zunächst immer zögert und für Bedachtsamkeit und Vorsicht wirbt, aber dann trotzdem regelmäßig vor den Kriegstrommlern in seiner Koalition einknickt und eine rote Linie nach der nächsten überschreiten.

Nein, Herr Scholz, auch von ihnen fühlen wir uns nicht vertreten, weil, das ist eine fatale Politik!

Wir wollen nicht, dass mit deutschen Panzern auf die Urenkel jener russischen Frauen und Männer geschossen wird, deren Urgroßeltern tatsächlich von der Wehrmacht auf bestialische Weise millionenfach ermordet wurden. Wir wollen nicht, dass auf deren Urenkel wieder geschossen wird mit deutschen Waffen. Auch deshalb sind wir hier, weil das ist wirklich völlig geschichtsvergessen. Haben die denn überhaupt nicht mehr im Kopf, was Deutsche Geschichte mal war?

Liebe Freundinnen und Freunde, wir wollen auch nicht – auch deshalb sind wir hier –, dass Deutschland sich immer weiter in diesen Krieg hineinziehen lässt, solange bis der Krieg möglicherweise hier ist. Das wollen wir auf gar keinen Fall, und dagegen wehren wir uns, und deswegen sind wir hier auch so zahlreich.

Nein, Schluss, nieder mit dem Krieg!

Wir halten es mit der großen pazifistischen Schriftstellerin Bertha von Suttner, die einmal geschrieben hat: Keinen vernünftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, Ölflecken mit Öl wegwaschen zu wollen. Nur Blut, das soll immer wieder mit Blut ausgewaschen werden.

Nein, liebe Freundinnen und Freunde, das wollen wir nicht! Lasst uns das Blutvergießen stoppen! Wir stehen auf für Frieden und gegen den Krieg. Wir sind da, und wir werden nicht mehr verschwinden! Lasst uns heute den Startschuss für eine neue starke Friedensbewegung in Deutschland geben! Ganz herzlichen Dank!“

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Besteller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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