Aus unerfindlichen Gründen scheinen politische Entscheidungsträger in Deutschland ebenso wie deutsche Journalisten aber fest daran zu glauben, dass sich das Corona-Virus durch magisches Denken dazu bewegen lässt, auf die heilige Kuh des links-grünen Zeitgeistes – auf den ÖPNV – Rücksicht zu nehmen. Ein Gastbeitrag von Harald Pfeiffer*

Kinder und Mitglieder primitiver Kulturen neigen zum „magischen Denken“. Dabei nehmen diese Menschen an, dass sie alleine Kraft ihrer Gedanken, Worte oder Handlungen Ereignisse in ihrer Umwelt hervorrufen oder verhindern können, obwohl diese Ereignisse in keinem kausalen Zusammenhang mit ihren Gedanken, Worten oder Handlungen stehen. Der „Regentanz“ ist ein anschauliches Beispiel für solches magische Denken

Aber nicht nur Kinder und Mitglieder primitiver Kulturen, sondern offenbar auch der grüne Mainstream neigt zu diesem magischen Denken, wie sich gerade in der Corona-Pandemie besonders deutlich zeigt. Ich möchte Ihnen das im Folgenden am Beispiel des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) veranschaulichen:

Vernunftgeleitetes rationales Denken muss unweigerlich zu dem Schluss führen, dass gleiche Rahmenbedingungen überall gleichermaßen die Übertragung des Corona-Virus begünstigen oder hemmen. Wenn sich eine bestimmte Anzahl an Personen in einem ungelüfteten Raum einer bestimmten Größe aufhält, dann spielt es für das Risiko, das Corona-Virus zu übertragen, keine Rolle, ob es sich bei diesem Raum um ein S-Bahnabteil, um einen kleinen Laden oder um eine Kleinkunstbühne handelt.

Gleiches gilt für die Corona-Maßnahmen. Vernunftgeleitetes rationales Denken führt unweigerlich zu dem Schluss, dass bestimmte Maßnahmen unter vergleichbaren Bedingungen überall gleich wirksam (und daher gleich notwendig oder gleich sinnlos) sind. So muss man annehmen, dass das Desinfizieren von Oberflächen in der U-Bahn gleich wirksam wäre, wie in einem Friseursalon.

Beispiele für das „magische Denken“ unserer politischen Entscheidungsträger

Aus unerfindlichen Gründen scheinen politische Entscheidungsträger in Deutschland ebenso wie deutsche Journalisten aber fest daran zu glauben, dass sich das Corona-Virus durch magisches Denken dazu bewegen lässt, auf die heilige Kuh des links-grünen Zeitgeistes – auf den ÖPNV – Rücksicht zu nehmen.

Wie sonst wäre zu erklären, dass Schüler vielerorts dichtgedrängt in Bussen und Bahnen zu den Schulen befördert wurden, OHNE dass Politik und Medien ein ernsthaftes Problem darin gesehen hätten? Gleichzeitig scheint man aber davon auszugehen, dass das Corona-Virus in Schulgebäuden umso gnadenloser zuschlägt – ungeachtet der Tatsache, dass dort jedem Schüler im Vergleich zu den Schulbussen ein Vielfaches an Platz zur Verfügung steht, das Abstandhalten somit sehr viel besser möglich ist.

Noch mehr Platz, um den von Epidemiologen geforderten Sicherheitsabstand einhalten zu können, bietet der Friseursalon. Auf die Fläche eines Wagons umgerechnet werden dort über den ganzen Tag verteilt deutlich weniger Kunden bedient, als sich zu Stoßzeiten gleichzeitig(!) in S-Bahn oder U-Bahnwagons drängen. Hinzu kommt, dass ein Friseurstuhl nach jedem Kunden desinfiziert werden muss, während Sitzflächen und Haltegriffe im ÖPNV von hunderten oder gar tausenden Fahrgästen angefasst werden.

Kein Zweifel, man scheint zu glauben, dass die heilige Kuh des grünen Zeitgeists auch dem Corona-Virus heilig ist, während dieses Virus überall sonst umso gnadenloser zuschlägt. Anders ist nicht zu erklären, dass Friseursalons geschlossen wurden, während man mit Blick auf den ÖPNV allenfalls die Augen vor den dortigen Problemen verschließt.

Dieses wundergläubige magische Denken unserer politischen Entscheidungsträger ließe sich noch an vielen anderen Beispielen durchexerzieren. Etwa an Gastronomie- und Kulturbetrieben, die trotz leistungsfähiger Lüftungsanlagen und trotz guter Hygienekonzepte geschlossen und in den Ruin getrieben werden. So schrieb erst vor wenigen Tagen der Tatort-Regisseur Thomas Bohn in der WELT:

[…] Wie kann es … einleuchten, dass man Kinos, Theater, Kleinkunstbühnen und Musikhallen schließt, während man den öffentlichen Nah- und Fernverkehr ungebremst weiter rauschen lässt?

Wer diese Frage nicht versteht, ist noch nicht mit der Linie 101 die dreißig Minuten von der Turmstraße in Berlin-Moabit bis zur Deidesheimer nach Wilmersdorf gefahren. Dicht gedrängt. Mensch an Mensch. Während des Lockdowns. […]

Auch scheint man in Politik und Medien fest zu glauben, dass das Anstehen an Skiliften – und damit an der frischen Luft – die Corona-Hölle über uns hereinbrechen ließe, während das Anstehen an Bus-, S-Bahn- und U-Bahnhaltestellen offenbar kein Problem darstellt. Menschen, die während der letzten Wochen ihre Kinder mit vergleichsweise großem Abstand an der frischen Luft mit Schlitten die Schneehänge hinunter sausen ließen, haben in den Medien hysterische Verbalattacken und regelrechte Hasstiraden ausgelöst. Dabei dürfte sich wohl kaum ein Epidemiologe finden lassen, der ernsthaft behaupten würde, dass das Übertragungsrisiko am Schneehang mit vielen Metern Abstand auch nur annähernd so groß wäre, wie im beengten, schlecht gelüfteten und überfüllten ÖPNV.

Wenn magisches Denken nicht hilft, ist mehr magisches Denken die Lösung

Seit dem Mittelalter gleich geblieben ist die Art und Weise, wie Anhänger des magischen Denkens reagieren, wenn sich die Realität nicht ihrem Wunderdenken fügen will. Damals wie heute wird daraus messerscharf geschlossen, dass man das magische Denken lediglich noch konsequenter praktizieren müsse, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Das ist zwar nicht vernünftig, aber immerhin konsequent.

Leuchtendes Beispiel dieser trotzigen Unvernunft ist Städtetagspräsident Peter Kurz (SPD). Dass die Infektionszahlen nicht wie gewünscht sinken, kann seiner Meinung nach nur daran liegen, dass immer noch Menschen Joggen gehen, ihre Hunde ausführen, über den Gartenzaun hinweg ihre Nachbarn grüßen, oder womöglich sogar – Gott behüte! – an irgend einem Schneehang rodeln. All das tun Menschen zwar nur mit Mitgliedern des eigenen Haushalts und mit relativ großem Abstand zu anderen Mitmenschen, dennoch steht für Peter Kurz fest, dass man die Bürger noch nicht konsequent genug ihrer Freiheit beraubt hat.

Auch Bundesregierung und Ministerpräsidenten begründeten die Verlängerung der Corona-Maßnahmen jüngst damit, dass diese Maßnahmen bisher noch nicht wirksam gewesen seien. In ihrer unendlichen Weisheit kamen sie daher zu dem Schluss, dass die bisher erwiesenermaßen wirkungslosen Maßnahmen verlängert und verschärft werden müssten.

Dabei gibt es in Deutschland einen öffentlichen Ort, an dem immer noch Tag für Tag Millionen Menschen so dicht gedrängt und in so schlecht gelüfteten kleinen Räumen wie nirgendwo sonst aufeinandertreffen: Dieser Ort ist der ÖPNV!

Mit „Sachzwängen“ lässt sich grünes magisches Denken nur bedingt entschuldigen

Natürlich wird nun manch Einer einwenden wollen, dass das alles ja überhaupt nichts mit „magischem Denken“ zu tun habe, sondern mit ganz simplen Sachzwängen. Schließlich müssen die Menschen ja irgendwie an ihren Arbeitsplatz und wieder nach Hause gelangen. Ganz besonders diejenigen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten.

Dieser Einwand leuchtet jedoch nur auf den ersten Blick ein. Denn Erstens treibt das magische Denken des grünen Mainstreams auch in Bereichen absurde Blüten, die frei von vergleichbaren Sachzwängen sind. Beispielsweise scheint man in diesen Kreisen auch zu glauben, dass alleine durch grüne Beschwörungsformeln CO2 weniger dramatische Folgen für das Klima haben kann. Weil PKWs mit Elektromotor und Batteriespeicher in grünen Ritualen als „klimafreundlich“ beschworen werden, hält man das CO2, das bei Herstellung und im Zusammenhang mit dem Betrieb solcher Fahrzeuge freigesetzt wird, für weniger klimaschädlich als etwa solches CO2, das bei der Herstellung und dem Betrieb von PKWs mit Verbrennungsmotoren freigesetzt wird. Nur so ist zu erklären, dass trotz ähnlicher CO2-Gesamtbilanz PKWs mit Elektromotoren als „klimafreundlich“ gefördert werden, während PKWs mit Dieselmotor als „klimaschädlich“ bekämpft werden.

Aber zurück zum Thema. „Sachzwänge“ als Ausflucht will auch aus einem zweiten Grund nicht so recht einleuchten. Denn der Hinweis auf Sachzwänge kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auf geradezu gefährliche Weise irrational ist, wenn ausgerechnet Menschen, die täglich in sehr engem Kontakt mit Risikogruppen stehen – also beispielsweise Krankenpfleger, Altenpfleger usw. – dem höchsten Infektionsrisiko ausgesetzt werden, indem sie täglich in übervollen öffentlichen Verkehrsmitteln ins Krankenhaus oder ins Altenheim fahren, während gleichzeitig so getan wird, als müssten viele alte und vorerkrankte Menschen vor allem deshalb sterben, weil andere Menschen trotz Lockdown Schlittenfahren, Joggen, oder mit Kinderwagen nach 20:00 Uhr noch eine Runde an der frischen Luft spazieren gehen.

Ja, der ÖPNV ist systemrelevant. Genauso wie Bäcker und Hausarzt und …

Natürlich ist der ÖPNV systemrelevant, keine Frage. Genauso wie der Metzger, der Bäcker und der Hausarzt. Rational und vernünftig handelnde Politiker würden im Falle einer Pandemie alle diese systemrelevanten Räumlichkeiten gleich behandeln!

Wenn solche rational und vernünftig handelnden Politiker also beispielsweise beschließen, dass sich nur noch sehr wenige Kunden gleichzeitig in Metzgereien, Bäckereien oder Arztpraxen aufhalten dürfen, weil sie der Meinung sind, auf diese Weise das Infektionsrisiko deutlich verringern zu können, dann würden sie selbstverständlich auch die Zahl der Fahrgäste deutlich einschränken, die sich gleichzeitig in Bussen, S- oder U-Bahnabteilen aufhalten dürfen.

Für den ÖPNV würde das idealerweise bedeuten, dass die Taktung dramatisch erhöht würde. Da jedoch eine Pandemie auch vor dem Personal des ÖPNV nicht halt macht, ist eine andere Strategie zur Verringerung der Fahrgäste pro Fahrt sehr viel realistischer: Nämlich die Nutzung des ÖPNV auf solche Personen zu beschränken, die in systemrelevanten Berufen arbeiten.

Wie irrational es ist, ausgerechnet den ÖPNV so zu behandeln, als würde er bei der Verbreitung von Viren keine Rolle spielen, zeigt ein Blick nach China. Nachdem es dort kürzlich in der Provinz Hebei zu einem erneuten Ausbruch des Corona-Virus kam, wurde als eine der ersten Maßnahmen die Metro, sowie Bus und Zugverbindungen in der Provinzhauptstadt Shijiazhuang auf unbestimmte Zeit eingestellt, wie staatliche Medien berichteten.

Offenbar ist man in China also der Meinung, dass der ÖPNV bei der Verbreitung des Corona-Virus eine wichtige Rolle spielt.

Vor diesem Hintergrund lässt es übrigens tief blicken, wenn deutsche Politiker und Journalisten bei der Frage, warum China bei der Pandemiebekämpfung so erfolgreich ist, zwar gerne (und bisweilen sogar ein wenig neidvoll) auf deren autoritäres System verweisen – gleichzeitig aber Chinas konsequenten Umgang mit dem ÖPNV unterschlagen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der politische und mediale Mainstream in Deutschland bei der Pandemiebekämpfung eher bereit ist, sich am autoritären Politikstil Chinas ein Beispiel zu nehmen, als an deren evidenzbasierten epidemiologischen Konzepten.

Aus der Tatsache, dass hierzulande eine Einschränkung des ÖPNV noch nicht einmal in Erwägung gezogen wird, kann man zwei Schlüsse ziehen. Entweder ist der politische und mediale Mainstream tatsächlich von seiner Befähigung zum magischen Denken überzeugt. Oder man fürchtet, die Gleichbehandlung systemrelevanter Räume könnte eine gefährliche Schwäche des ÖPNV offenlegen: Dass nämlich eine zu große Abhängigkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln uns als Gesellschaft im Falle einer Pandemie vergleichsweise wehr- und schutzlos macht.

Im Falle eines hochgefährlichen Virus droht die politische Triage!

Um es ganz deutlich zu sagen: Sollten wir die Abhängigkeit vom ÖPNV weiter erhöhen, und sollten wir eines Tages von einem wirklich hochgefährlichen Virus heimgesucht werden (Corona ist nicht Ebola), dann droht uns zwangsläufig eine politische Triage. Denn dann können wir uns nur entscheiden, auf welche Weise wir den gesellschaftlichen Zusammenbruch herbeiführen wollen:

Wir können dann entweder allen Menschen, die vom ÖPNV abhängig sind, erlauben, diesen zu benutzen (zumindest so lange, wie ausreichend Personal für den Betrieb des ÖPNV gesund zur Verfügung steht) – wodurch eine effektive Eindämmung des tödlichen Virus unmöglich wird und daher der gesellschaftliche Kollaps droht.

Oder aber wir entscheiden uns dann für effektive Maßnahmen zur Eindämmung des Virus, und begrenzen die Zahl der Menschen ganz dramatisch, die überhaupt den ÖPNV nutzen dürfen (zumindest so lange, wie ausreichend Personal für den Betrieb des ÖPNV gesund zur Verfügung steht) – was zwangsläufig ebenfalls zum gesellschaftlichen Kollaps führen muss, weil zu viele Menschen vom ÖPNV abhängig sind, und daher nicht mehr zur Arbeit oder in die Krankenhäuser und Arztpraxen gelangen können.

Wo magisches Denken herrscht, da sind Tabus nicht weit

Fassen wir kurz zusammen: Die Maßnahmen, die im Verlauf der Corona-Pandemie ergriffen wurden, zeichnen sich durch krasse Widersprüche aus, die zumindest den Eindruck erwecken, dass wir von Politikern regiert werden, die dem Wahn verfallen sind, die Geschicke unserer Gesellschaft mit magischem Denken beeinflussen zu können.

Schaut man genauer hin, dann findet sich durchaus ein Grund für dieses eigentümliche Verhalten: Die politischen Entscheidungen, sowie die mediale Berichterstattung darüber sind geprägt von einem Tabu. Dieses Tabu macht es unseren politischen Entscheidungsträgern schier unmöglich, Entscheidungen zu treffen, durch die die heilige Kuh ÖPNV in Frage gestellt werden könnte. Gleichzeitig macht es dieses Tabu für Haltungsjournalisten unmöglich, politische Entscheidungen zu kritisieren, wenn durch solche Kritik die Heiligkeit dieser Kuh in Frage gestellt würde.

Man sollte die heilige Kuh nicht schlachten – aber von ihrem Altar herunterholen!

Das Corona-Virus ist nicht Ebola. Zum Glück! Denn andernfalls würden wir das Tabu rund um die heilige Kuh „ÖPNV“ mit sehr viel mehr Toten bezahlen, als dies derzeit der Fall ist.

Und genau aus diesem Grund müssen wir aus den Fehlern der aktuellen Corona-Politik die richtigen Lehren ziehen, um so für den Fall vorbereitet zu sein, dass uns irgendwann ein wirklich hochgefährliches Virus heimsucht.

Eine dieser Lehren muss sein, dass „grüne Tabus“ im Krisenfall brandgefährlich sind, weil sie eine effektive Krisenpolitik verhindern.

Das bedeutet nun nicht, dass wir die heilige Kuh des grünen Zeitgeistes schlachten – sprich: den ÖPNV abschaffen – müssen.

Allerdings sollten wir diese heilige Kuh unbedingt vom Altar herunterholen, auf dem sie vom grünen Zeitgeist angebetet und vergöttert wird.

Denn der ÖPNV hat zwar unbestreitbar einen großen Nutzen und daher durchaus seine Berechtigung, aber er ist kein „Allheilmittel“. Eine zu große Abhängigkeit vom ÖPNV kann im Falle einer gefährlichen Pandemie im wahrsten Sinne des Wortes tödlich sein – für die Menschen genauso, wie für die Gesellschaft als Ganzes.

Eine wichtige Lehre, die wir aus der Corona-Pandemie ziehen müssen lautet daher: Der Individualverkehr ist systemrelevant! Der grüne Kampf, der seit vielen Jahren gegen den Individualverkehr geführt wird, ist nicht nur unsinnig, sondern auch in höchstem Maße unverantwortlich.

*Zum Autor:

Harald Pfeiffer (* 9. Januar 1972 in Böblingen) ist seit dem 2. Februar 2018  Abgeordneter im Landtag von Baden-Württemberg (MdL) –  ehemals für die  AfD, zuvor auch die  CDU.

Austritt 2019 aus der AfD-Landtagsfraktion und der Partei, da er dort s.E. seine „liberal-konservativen Werte“ dort nicht mehr verfolgen könne.

(Foto: © Screenshot YT)

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