Lassen wir uns unsere Geschichte und unsere eigenen Sichtweisen mündiger, denkender Bürger nicht nehmen, hören wir nicht auf die verengten, ja unwahren Geschichtskonstrukte etwa dieses Bundespräsidenten oder das „Narrativ“ sich selbst geistig beschränkender Staatssender. Schreiben wir selber – ohne Pseudonym! Hinterlassen wir unser Bild unserer Zeit! Ein Gastbeitrag von Dr. Wulf D. Wagner

„Es ist unglaublich, die Neugier der Berliner zu sehen, und auch die Zuvorkommenheit, mit der sie ihn grüßen.“ (1890)

„Ich habe viele Freunde unter den Deutschen gefunden. Die Herzlichkeit [ital. cordialità] dieser Leute ist unglaublich. Im Vergleich zu uns [Italienern] sind sie um Jahrhunderte voraus.“ – Berlin, „eine prächtige Stadt, ein Rom in groß, breite Straßen, asphaltiert, und dennoch ganz ohne Lärm.“ – „Auf einmal strömten alle Leute von einer Seite [von Unter den Linden] herbei, rannten, selbst die vornehmsten Herren. Ich löste mich von meinen Begleitern und folgte den anderen. Ein Deutscher, den ich fragte, wer es denn sei, antwortete mir: „Der Kaiser!“ Und tatsächlich ritt wenig später der Kaiser zu Pferde an mir vorbei. Es ist unglaublich, die Neugier der Berliner zu sehen, und auch die Zuvorkommenheit, mit der sie ihn grüßen. In Italien geschieht nichts ähnliches.“ – Die Kaiserin „ist eine sehr sympathische Frau, groß, schlank, von bestem Aussehen.“

Erweitern wir die Bilder – die alten wie die unserer Zeit

Wer so im März 1890 aus Berlin ins ferne Sizilien seinem Vater berichtete, war Giuseppe Majorana (* 1863), der damals an der ersten Internationalen Arbeitsschutzkonferenz teilnahm, die auf Wunsch des an der sozialen Frage interessierten Kaisers Wilhelm II. stattfand. Der Sohn des früheren Ministers für Landwirtschaft, Industrie und Handel Salvatore Majorana schrieb täglich und ausführlich über die in schöner Atmosphäre stattfindende europäische Konferenz, über die Empfänge bei Hof im Schloss und über all seine Eindrücke und Begegnungen in dieser „città meravigliosa“, „eingehend viele Dinge betrachtend, die wirklich einzigartig und wunderbar sind.“

Ich entdeckte das Büchlein mit seinen Berlin und das Kaiserreich so liebevoll betrachtenden Briefen durch Zufall (Giuseppe Majorana: Il Grand Tour – Lettere alla famiglia 1890. Palermo 2000); es ist nicht ins Deutsche übersetzt. Ein Kollege, dem ich Auszüge sandte, schrieb mir dazu: „Das positive Bild von Kaiser und Kaiserin ist wirklich berührend. Die Arbeiterschutzkonferenz von 1890 ist ein blinder Fleck in der deutschen Sozialgeschichte. Möglicherweise, weil die Sozialdemokraten diese Konferenz damals boykottierten“ und die Nationalsozialisten sie „in dem Film ‚Die Entlassung‘ von Wolfgang Liebeneiner von 1940 als Marotte des Kaisers lächerlich machten.“

Ganz im Gegensatz dazu findet sich bei Majorana die Stelle: „Auf der Konferenz wurde ein langer Brief des Papstes [Leo XIII., Freund des protestantischen Kaisers,] verlesen, der die Konferenz begrüßt und sich viel von ihr erhofft.“ Ebenfalls erfahren wir, dass selbst italienische Lokalzeitungen ausführlich berichteten.

(Bild: Leo XIII. © Authentic portrait from the Vatican album of the Ecumenical Council., Public domain, via Wikimedia Commons)

So widerspricht alles in diesen Briefen jenen negativen Darstellungen zum Kaiserreich, wie sie zuletzt etwa in Erinnerung an dessen Gründung vor 150 Jahren vom – in jeder Hinsicht von historischem Wissen befreiten – Bundespräsidenten geäußert wurden. Die Verdrehungen und Einseitigkeiten solcher, ihre eigene Geschichte nicht kennenden Politiker ist nicht der Rede wert – bemerkenswert ist vielleicht, wie brav all die Historiker und Historischen Kommissionen sich einmal mehr wegducken und schweigen, wie sie es ja überhaupt im gesamten Jahr 2020 taten.

Legen wir Zeugnis ab von 2020

Doch darum soll es hier nicht gehen. Die freundlichen Zitate des Sizilianers wähle ich, um zu zeigen, wie wichtig Briefe und Tagebuchaufzeichnungen sind, um die offiziellen, oft ideologischen Bilder mit authentischerem zeitgenössischen Material zu konfrontieren. Die Stellung von Briefwechseln und Tagebüchern nicht allein bedeutender Männer und Frauen und nicht nur für die Forschung, sondern für das historische Verständnis jedes einzelnen von uns, ist bekannt. Erinnert sei an die herausragenden und gerade heute wieder lesenswerten Tagebücher von Jochen Klepper „Unter dem Schatten deiner Flügel“ und Victor Klemperer „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ oder die grandiose Reihe „Echolot“ von Walter Kempowski.

Die SMS‘, die wir uns heute schreiben, wer überträgt sie in ein Tagebuch? Sie werden irgendwann mit dem einfachen „Chatverlauf löschen“ verschwinden – und nichts bleibt von uns.

Was aber wird uns und kommenden Historikern von unserer Zeit bleiben? Seit Einführung des Smartphones schreiben wir keine Briefe mehr, und jeder von uns Älteren, der noch seine Schachtel mit Jugend- oder Liebesbriefen besitzt, weiß, was da für jeden selbst verloren gegangen ist, verloren geht. Die SMS‘, die wir uns heute schreiben, wer überträgt sie in ein Tagebuch? Sie werden irgendwann mit dem einfachen „Chatverlauf löschen“ verschwinden – und nichts bleibt von uns.

Außerdem gibt es jene, die an der Notwendigkeit solcher Aufzeichnungen zweifeln, es ist ihnen peinlich über sich auszusagen, es folgt der Vorwurf, der Schreiber nähme sich zu wichtig. Doch geht es bei Briefen und Tagebüchern um mehr als nur um uns selbst. Es geht darum, Erlebnisse, Stimmungen, Gefühle, Atmosphären der eigenen Zeit, Wandlungen, die wir und unsere Gesellschaft erleben, mit eigenen Worten zu bewahren. Dies aber gelingt nicht digitalisiert, denn erstens wird, wie SMS‘ und Twitter leicht zeigen, schnell und damit zumeist flüchtig und unüberlegt geschrieben, außerdem löschen wir selbst öfters diese unsere Ergüsse und – wie auch gegenüber denen, die immer noch davon quasseln, nichts würde eingeschränkt, zu betonen ist – wird immer mehr von oben gelöscht, selbst Präsidenten. Wir können uns also sicher sein, dass in Zukunft weit gründlicher digital entfernt werden wird, selbstverständlich mit den hehrsten Erklärungen.

Konkreter. Welche Erzählungen werden etwa bleiben vom Jahr 2020? Wer hat seine Erlebnisse, Gefühle, Sorgen, Erfahrungen aufgeschrieben? Wer hat den Wahnsinn, die Widersprüche um uns analysiert? Wer hat zum Beispiel mit dem Blick des Humoristen notiert, dass im Sommer in Mondello beim Eintritt der zu bezahlenden Strände erst einmal die Körpertemperatur gemessen wurde, während am danebenliegenden freien Strand alles sich ungezwungen tummelte? Wer hat die friedliche Atmosphäre der Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen etwa in Berlin mit seinen eigenen Worten noch aus der Stimmung der Begeisterung heraus festgehalten? Und so weiter und so fort.

Unterlaufen wir unsere Löschungen

Ja, vieles dazu wird auf den verschiedensten Seiten und Kanäle im Internet festgehalten werden, manch einer vertraut hier dem Speicherplatz der Technik, und doch weiß jeder spätestens seit 2020 besser als je zuvor, dass wir alle ruck-zuck der Zensur zum Opfer fallen können. Werden damit irgendwann bestimmte kritische Artikel oder auch ganze Internetseiten einfach gelöscht und es bleibt dann nur die eine, die offizielle Heldenerzählung einer Merkel, eines Lauterbach oder eines Drosten?

Jeder von uns sollte wieder anfangen, ab und an etwas über sein Leben aufzuschreiben, für sich selbst, für seine Kinder und Enkel oder vielleicht auch für kommende Historiker. Scheuen Sie sich nicht, wieder Briefe zu schreiben oder ein Tagebuch zu führen. Es hat viele Vorteile, es schärft das eigene Denken und formt in mehrerer Hinsicht den Schreibstil – gerade auch in Zeiten, in denen Schreibschrift nicht mehr vom ersten Schuljahr an gelehrt und gefördert wird.

Jene, die heute durch Blogs, durch ihre Teilnahme an Demonstrationen, oder wie auch immer für den Erhalt unserer Gedankenfreiheit, ja für Offenheit, Breite und Tiefe der Meinungsvielfalt eintreten, sollten dafür sorgen, dass ihre Texte, Ideen und Initiativen nicht mit einem Knopfdruck verschwinden, sie sollten ab und an schriftliche – also hand-, nicht computerschriftliche – Notizen machen und ihre Gedanken und Erfahrungen auf diese Weise bewahren. Organisationen sollten zumindest ein kleines Archiv anlegen.

Es muss dokumentiert werden, wie grundlos berufliche Existenzen zerstört wurden, Familien in Not gerieten, wer für all das Verantwortung trug.

Denn es ist und wird unsere Aufgabe sein, dass es nicht zur einseitigen Darstellung des Jahres 2020 durch jene kommt, die uns beherrschen, sondern durch uns, die wir auf welche Weise auch immer als normale Bürger unter diesen, unsere Grundrechte einschränkenden Bedingungen lebten. Es muss dokumentiert werden, wie grundlos berufliche Existenzen zerstört wurden, Familien in Not gerieten, wer für all das Verantwortung trug. Die Namen derer dürfen nicht ausgetilgt werden, die zu den wenigen Mutigen gehörten, die von Berlin über Leipzig bis Wien für unser aller Freiheit eintraten, die uns umfassendere Informationen vermittelten oder ihr breiteres Wissen dem eingeschränkten offiziellen Bild entgegenstellten.

Es ist unsere Geschichte – damals wie heute

2020 besteht aus widersprüchlichen Geschichten und Sichtweisen zwischen tatsächlicher Corona-Angst der einen und der Furcht vor einem neuen Totalitarismus der anderen; beides ist aufzuzeichnen. Allein die herrschende Politik und die staatsfinanzierten Medien haben nichts getan, um der Lage entsprechend eine würdige, ehrliche und freiheitliche Sprache zu finden, sie haben Panik geschürt und sich mit immer unkontrollierteren Verboten und widersprechenden Einschränkungen weder heilend noch hegend gebärdet. Und daher dürfen wir diesen Politikern und diesen Medienmachern nicht gestatten, dass sie jetzt und in Zukunft ihre alleinige Sicht festschreiben, denn 2020 gehört auch uns, es besteht aus viele verschiedenen Erzählungen.

Lassen wir uns unsere Geschichte und unsere eigenen Sichtweisen mündiger, denkender Bürger nicht nehmen, hören wir nicht auf die verengten, ja unwahren Geschichtskonstrukte etwa dieses Bundespräsidenten oder das „Narrativ“ sich selbst geistig beschränkender Staatssender. Schreiben wir selber – ohne Pseudonym! Hinterlassen wir unser Bild unserer Zeit, so wie Giuseppe Majorana uns seinen Blick auf das kaiserliche Berlin überliefert hat:

„Ich spazierte zum Brandenburger Tor. Ich fand die Sonne sinkend, bezaubernd. Und eine Woge an Menschen. Berlin, so sagen mir die Berliner, ist verrückt für die freie Luft. Kaum erlaubt es das Wetter, so strömt alles auf die Straßen. Und das tut sehr gut.“

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Dr. Wulf D. Wagner (Foto: links außen) lebt als Architekturhistoriker zwischen Berlin und Palermo.

Er veröffentlichte u.a. in „Das Rittergut Truntlack“ (Husum Verlag 2014) zahlreiche Dokumente und Privatbriefe zur Geschichte eines ostpreußischen Gutes.

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