Verleihungen von Literaturpreisen werden von der breiten Öffentlichkeit oftmals nur mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen. Anders bei solchen, die nicht angenommen werden, wie im Falle der Verleihung des Elbschwanenordens des Vereins Deutsche Sprache. Anstatt den Preis anzunehmen, zieht es die bekannte Kinderbuchautorin Kirsten Boie vor, den Vereinsvorsitzenden zu „canceln“. Ein Gastbeitrag von Dr. Bernd Fischer

Literaturpreise gibt es mittlerweile ja fast wie Sand am Meer, sodass eine Preisverleihung vom breiten Publikum häufig nur mehr mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen wird. Selbst der Nobelpreis für Literatur bildet hier keine Ausnahme. Hand aufs Herz! Wer könnte die Namen der Autoren nennen, die ihn in den letzten Jahren erhalten haben? Einen nachhaltigen Eindruck erzielt man eher, wenn der Mann den Hund beißt, wenn also der Laureat bspw. den Preis öffentlichkeitswirksam nicht annimmt. Sartre lehnte einmal den Nobelpreis ab, Reich-Ranicki den Fernsehpreis. Selbst ein russischer Mathematiker, Grigori Perelman, lehnte vor einigen Jahren die Fields-Medaille, den bedeutendsten Preis, den man als Mathematiker erhalten kann, ab. Böse Zungen behaupten, damit trug er mehr zur Erhöhung des Bekanntheitsgrades dieses von der breiten Öffentlichkeit beinahe gänzlich ignorierten Preises bei als alle, die ihn tatsächlich angenommen haben.

Nun liegt wieder ein Fall einer öffentlich deklamierten Preisannahmeverweigerung vor. Ausgesprochen wurde sie von der bekannten Kinderbuchautorin Kirstin Boie gegen den Verein Deutsche Sprache (VDS), der ihr den Elbschwanenorden 2020 verleihen wollte. Dieser Verein bemüht sich um die deutsche Sprache, indem er auf Veränderungen hinweist, die aus seiner Sicht Fehlentwicklungen darstellen. Neben Aspekten des Regelwerks (Stichwort Rechtschreibreform) sind die grassierende Durchsetzung der Sprache mit sogenannten Gender-Begriffen und der umfangreiche Gebrauch von Anglizismen Themenbereiche, die man mit Sorge betrachtet und entsprechend kritisch begleitet.

Anders als beispielsweise in Frankreich oder Italien (Académie française, Academia della Crusca) gibt es in Deutschland keine Sprachakademie, die über die Landesprache wachen würde. Somit sind die Aktivitäten des Vereins grundsätzlich zu begrüßen. Grundsätzlich! Allerdings hat sich dieser Verein in den letzten Jahren durch seine konsequente und mitunter auch polemische Ablehnung der sog. „Gendersprache“ eine ganze Reihe von Feinden im „linken“ Lager geschaffen. Begriffe wie „Gender-Gaga“ oder „Gender-Unfug“ kommen nämlich in diesen Kreisen nicht so gut an. So wehrt man sich dort gegen die „Andersmeinenden“, indem man diesen Verein als Sprach-Puristen diffamiert. Von dort ist in den linken Kreisen gedanklich nicht mehr weit zur AFD und ähnlichen „rechten“ Vereinigungen. Mit anderen Worten man betreibt – ein mittlerweile bekanntes Muster — die gesellschaftliche Ächtung dieses Vereins.

Statt Preisannahme Cancelling des Vereinsvorsitzenden

Vor diesem Hintergrund ist wohl auch Frau Boies Begründung für die Ablehnung des Preises zu sehen. Vor die Wahl gestellt, ob sie es sich mit dem linken Lager verscherzen möchte, zieht sie es vor, sich mit ihren vielen bereits erhaltenen Preisen zu begnügen. Ihre Kritik richtet sich allerdings nur indirekt gegen den Verein, denn in erster Linie greift sie dessen ersten Vereinsvorsitzenden Prof. Walter Krämer an, einen renommierten Professor für Statistik. Dem Verein wirft sie lediglich vor, sich nicht genügend von Krämer zu distanzieren, ihm jedoch „rechtspopulistische“ Äußerungen. Sie führt folgende Äußerungen von Krämer als Beleg diese einem Bannspruch gleichkommende Eingruppierung an: „Meinungsterror unserer weitgehend linksgestrickten Lügenpresse“, „Überfremdung der deutschen Sprache“, „Genderwahn“.

Folgendes Zitat von ihr wurde in der Presse wiedergegeben:

„Aber mehr noch als die verkürzte und realitätsfremde Vorstellung von Sprache, die sich in vielen Äußerungen zeigt, erschreckt mich, wie genau sie sich ausgerechnet in einer Zeit, in der wir mit Sorge einen Rechtsruck in Teilen der Bevölkerung beobachten müssen, in deren Argumentationsgänge einfügt.“

Nun muss man allerdings begreifen, dass Krämer Mathematiker ist. Diese Berufsgruppe neigt von Berufs wegen zu einer pointierten, bildreichen Sprache. Es ist sicher nicht die Sprache eines Flauberts! Aber überkommt einen angesichts von gender-korrekten Wortungetümen wie „Bürger*innenmeister*in“ oder „Nærr*innenzug“, denen man mittlerweile überall begegnet, nicht ein gewisses Verständnis für die von Krämer gewählte Bezeichnung vom Genderwahn, die noch dazu schön an den Rinderwahn erinnert?

„Linksgestrickte Lügenpresse“ ist in der Tat ein harter Ausdruck. Sicher könnte man hier über die Begrifflichkeiten streiten. Der Begriff der „Lüge“ greift hier zu kurz, denn die Vorgänge sind viel komplexer. Allerdings ist ein Trend in den öffentlich-rechtlichen Medien und in vielen Printjournalen zu einer linksgerichteten, selektiven, aber auch sehr schlampigen Berichterstattung wohl kaum noch zu bestreiten. Mittlerweile liegen dazu unzählige Analysen vor. Der Leser sei auf das Buch von Birk Meinhard („Wie ich meine Zeitung verlor“) über seine berufliche Tätigkeit bei der Süddeutschen Zeitung und auf den Artikel „Das war’s“ von Prof. Peter J. Brenner über seine Erfahrungen mit der FAZ, der in Tichys Einblick erschienen ist, verwiesen. Dies soll hier nicht weiter vertieft werden. Nur eine Bemerkung zum Thema „links“ sei hier noch gestattet. Eine (allerdings nur bedingt repräsentative) Umfrage unter den Volontären im öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat jüngst zu folgendem Ergebnis geführt: 57 Prozent der „Volos“ wählen die Grünen, 23 Prozent die Linke!

Und abschließend: Wer jemals in der Welt großer Unternehmungen gearbeitet hat, weiß auch ganz genau, was Krämer meint, wenn er von der „Überfremdung der deutschen Sprache“ (mit Anglizismen) spricht. In dieser Welt wird mittlerweile Kauderwelsch gesprochen: „Das müssen wir irgendwie bridgen!“, „Was ist denn hier das Downsize-Risk?“! Selbst der einfache Hausmeister wurde zum „Facility Manager“…

Boie weicht dem Diskurs aus

Sehr gerne hätte man übrigens mehr über die genaue Position von Frau Boie erfahren. Welche Worte hätte Sie denn Herrn Krämer zugestanden, um den aus seiner Sicht vorliegenden Linksruck in den Medien zu veranschaulichen? Dürfte er seine Ansichten überhaupt verbalisieren, oder würde er sich bereits dadurch in bestimmte „Argumentationsgänge“ einfügen? Worin besteht denn ihrer Meinung nach genau die „verkürzte und realitätsfremde Vorstellung von Sprache“, die sie Krämer unterstellt. Und stellt ihrer Meinung nach die sog. Gendersprache keine verkürzte und realitätsfremde Vorstellung von Sprache dar, wie der VDS es empfindet? Wie steht sie ferner zu der Überfrachtung der deutschen Sprache mit Anglizismen? Unterstellt sie auch der Académie française eine rechte Gesinnung, da sie ja genau gegen eine solche Überfrachtung ankämpft?

Ja dies alles sind Fragen, die man gerne von Frau Boie beantwortet gesehen hätte, vorzugsweise im Rahmen der Verleihung des Elbschwanenordens. Sie hätte den Preis annehmen sollen! Sie hätte dem Diskurs mit Leuten wie Krämer nicht ausweichen sollen, die alles andere als rechtsextrem sind. Man fragt sich, mit wem sie zukünftig überhaupt noch wirklich (also kontrovers) debattieren will!? Nur mit Vertretern des linken „woken“ Spektrums, wo man sich gegenseitig auf die Schultern klopft? Es ist jedenfalls kein vorbildliches Handeln ausgerechnet in einer Zeit, in der man mit Sorge eine extreme Polarisierung in Teilen der Bevölkerung beobachten muss, den kritischen und sorgfältigen Dialog zu verweigern.

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Zum Autor: Dr. Bernd Fischer hat viele Jahre in leitenden Positionen in der Finanzindustrie gearbeitet. Er ist ausgebildeter Physiker und promovierter Mathematiker.

Seit ca. einem Jahr auch freiberuflicher Schriftsteller.

Mehr von ihm finden Sie auf seinem Blog www.philippicae.de.

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