Die Corona-Krise hat der deutschen Wirtschaft den härtesten Schlag seit Jahrzehnten versetzt. Erst für 2021 ist mehr Optimismus angesagt. Ein Gastbeitrag von Peter Entinger

Die deutsche Wirtschaft rollt wieder“, schrieb die „Frankfurter Allgemeine“ optimistisch, meinte damit allerdings den Lkw-Verkehr auf den deutschen Straßen. In der Tat hat das Transportaufkommen fast wieder das Vorkrisen-Niveau erreicht. Aber die Auswirkungen, welche die massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens verursacht haben, dürften noch lange nachwirken.

Besonders betroffen sind Hotellerie und Gastronomie. Dort wurden Umsatzeinbußen von bis zu 85 Prozent vermeldet. Viele Hotels haben Kurzarbeit bis zum Jahresende angemeldet, denn das Geschäft mit Firmenfeiern, Hochzeiten und Jubiläen dürfte in diesem Jahr weitestgehend flachfallen. „Die vorsichtige Öffnung ist für viele Gäste ein positives Signal, aber für unsere Mitglieder bedeutet das nicht das Ende der Krise“, sagte der baden-württembergische Landesvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA), Fritz Engelhardt. Und der sächsische DEHOGA-Sprecher Axel Klein mahnt, dass die Situation sich im Herbst noch einmal verschlechtern könnte. „Solange die Menschen bei schönem Wetter im Freien sitzen können, geht es einigermaßen. Aber was ist, wenn eine zweite Welle kommt?“

Die Sorge vor einem Wiederanstieg der Infektionszahlen in den kälteren Monaten, verbunden mit einem neuerlichen Lockdown, ist groß. Dies gilt für alle Bereiche der deutschen Wirtschaft.

Wie aus einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) unter 8500 Unternehmen aller Branchen und Regionen hervorgeht, rechnet die Hälfte der Betriebe frühestens im kommenden Jahr mit einer Rückkehr zur geschäftlichen Normalität. Nur ein Drittel erwartet eine Normalisierung schon in diesem Jahr. In dem vom DIHK ermittelten Konjunkturradar gehen vier von fünf befragten Unternehmen davon aus, dass sie bis Jahresende mit Umsatzeinbußen zu kämpfen haben werden. Dies sei der schlechteste Wert seit 1985.

Angst vor einem zweiten Lockdown

„Diese Zahlen zeigen die aktuell große Verunsicherung unserer Unternehmen“, sagte DIHK Geschäftsführer Martin Wansleben dem „Spiegel“. „Sie sehen mit großer Sorge, dass ihre Geschäfte nicht schnell wieder in Gang kommen, obwohl der Shutdown in Deutschland und anderen Partnerländern gelockert worden ist.“ Anfang Mai rechneten 28 Prozent der Unternehmen damit, erst 2021 zum normalen Geschäft zurückkehren zu können.

Inzwischen sind es bereits 40 Prozent. Weitere zehn Prozent erwarten sogar eine noch spätere Normalisierung. Der DIHK geht weiterhin von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von zehn Prozent für das Jahr 2020 aus. Wissenschaftliche Institute sehen die Lage nicht ganz so dramatisch. Aber auch sie prognostizieren einen Rückgang von mindestens sechs Prozent.

Immerhin: Es gibt auch in diesen Tagen noch positive Signale. Zumindest die deutschen Exporteure gehen davon aus, dass das Schlimmste überstanden ist. Die vom Münchner Ifo-Institut erhobenen Exporterwartungen stiegen gegenüber dem Vormonat um 24,4 Punkte auf minus 2,3 Zähler. Das sei der stärkste jemals gemessene monatliche Anstieg, erklärte Ifo-Präsident Clemens Fuest hoffnungsvoll: „Die deutsche Industrie arbeitet sich aus dem Keller.“ Auch für die anderen Bereiche der deutschen Wirtschaft sieht Fuest leichte Anzeichen einer Entspannung: „Die Stimmung ist insgesamt etwas besser geworden.“ Die Krise sei aber noch lange nicht vorbei. „Die aktuelle Lage wird weiterhin von einer großen Mehrheit der Unternehmen als schlecht eingestuft“, betonte Fuest. Vor allem mit Blick auf das kommende halbe Jahr sei man aber weniger pessimistisch. Es sind vor allem die milliardenschweren Konjunkturpakete des Bundes, die für eine leichte Aufhellung sorgen.

Dennoch sieht DIHK-Hauptgeschäftsführer Wansleben weitere Probleme auf die deutsche Wirtschaft zukommen. Viele Unternehmen hätten bislang von Rücklagen gezehrt. Im Herbst drohe ein massiver Mangel an Eigenkapital, zahlreiche Pleiten könnten die Folge sein.

Die Rücklagen sind begrenzt

Während die Deutschen während der Sommermonate ihre „neue Normalität“ leben, wird in Wirtschaftskreisen die Angst „vor dem Herbst“ zum geflügelten Wort. Eine zweite Welle und ein neuerlicher Lockdown könnten jedes zarte Pflänzlein des Aufschwungs zunichtemachen. „Die Unsicherheit verhindert langfristige Planungen. Das ist ein großes Problem“, sagt der DIHK-Mann.

Der Beitrag erschien zuerst bei der PAZ.