Jean Raspail ist tot. Die größte Ehre tut man einem großen Autor an, wenn man ihn liest. Darum folgt hier eine kleine Führung durch das ins Deutsche übersetzte Werk Raspails. Ein Nachruf von Prof. Adorján Kovács

Man hat Jean Raspail nur anschauen, ins Gesicht sehen müssen, um einen Grandseigneur zu erkennen. Diese Qualität ist das, was es leider kaum mehr gibt, wie auch Begriff und Wesen der „Dame“ verschwunden sind. Tun wir etwas dagegen.

Jean Raspail ist am 5. Juli 1925 in einer großbürgerlichen Familie geboren worden. Nach einer erstklassigen Ausbildung wurde er zunächst eine Art Forschungsreisender auf allen Kontinenten. Seine besondere Liebe galt dabei Völkern und Kulturen, die vom Untergang bedroht waren. Deren Bewusstsein, zur Vielfalt und Schönheit der menschlichen Lebensäußerungen beizutragen zu haben, weshalb ihr Ende eine schreckliche Nivellierung der Welt bedeuten würde, setzte er mit seinen Reiseberichten in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Denkmal.

„Das Heerlager der Heiligen“

Seit den 70er Jahren wandte sich Raspail dem Schreiben von Romanen zu, die sich durch originelle Utopien und Dystopien auszeichnen. Sein berühmtester Roman ist „Das Heerlager der Heiligen“ (1973). Hier sind es die Europäer, deren Kultur durch eine Masseneinwanderung als vom Untergang bedroht dargestellt wird. Das Verhalten, besser: Versagen der europäischen Eliten einschließlich des Papstes und der Presse gegenüber dieser, nennen wir es: Herausforderung wird in geradezu prophetischer Weise geschildert, was den Roman gerade heute zu einer äußerst erhellenden Lektüre macht.

Den Roman „Sieben Reiter verließen die Stadt“ (1993; deutsche Übersetzung durch Horst Föhl) halte ich für sein schriftstellerisch bestes Buch. Von einer intakten Stadt aus wird die Umgebung, die in einer unverstandenen Katastrophe untergegangen ist, von einem „Stoßtrupp“ besichtigt. Der Befehl an ihn lautet: „Was geschieht um uns herum? Was ist die Bedeutung von alledem? Es wäre dieser Stadt nicht würdig, das Ende untätig abzuwarten, ohne nach einem Ausweg zu suchen.“ Es ist klar, dass hierdurch wir alle angesprochen sind, aktiv zu werden und uns die uns aufgezwungenen Veränderungen nicht als „alternativlos“ oder „zum Verstehen viel zu komplex“ verkaufen zu lassen, sondern nach einem Ausweg zu suchen. Jeder der Truppe hat einen anderen Zugang zur Katastrophe, und in der subtilen Schilderung dieser starken Charaktere liegt meines Erachtens die hohe Qualität des Romans. Es wäre andererseits viel gewonnen, wenn wiederum wir etwas von der Qualität dieser Figuren Raspails hätten und behielten.

Alternative Geschichte

Zwei seiner Romane könnte man unter der Rubrik „Alternative Geschichte“ verbuchen. In „Sire“ (1991; deutsche Übersetzung von Joachim Volkmann, nova & vetera 2009) wird 1999 in der Kathedrale Notre-Dame de Reims nach fast 175 Jahren wieder ein Bourbonenprinz zum König von Frankreich geweiht, nachdem er des Nachts, wenn Frankreich schläft, durch das halbe Land geritten ist. Dabei sieht er die Verwüstungen der Moderne, das Frankreich der Autobahnen, Betonvorstädte und Konzerne. Die Republik, deren Geschichte weit blutiger ist als die des Königreiches je war, versucht ihn mittels Beamten des Nachrichtendienstes des Innenministeriums auf seinem Weg zu fassen, was den Roman richtig spannend macht.

Hingegen geht es in „Der Ring des Fischers“ (1995; deutsche Übersetzung von Joachim Volkmann und Horst Föhl) um ein Papsttum, das ebenso geheim ist wie es das französische Königtum in „Sire“ ist. Im frühen 15. Jahrhundert gab es einmal drei Päpste gleichzeitig, einen in Rom, einen in Avignon, einen in Pisa. Jener in Rom setzte sich durch. Die Päpste in Rom sind aber die falschen (was man nachvollziehen kann, hört man den Jesuiten auf dem Stuhl Petri), die von Avignon dagegen die echten, so Raspail. Sie haben eine verborgene Nachfolge bis heute. Welch‘ ein Trost, dass die Wahrheit wenigstens unterirdisch lebt und vielleicht wieder ans Licht kommen könnte…

„Der letzte Franzose“

Der Roman „Die blaue Insel“ (1988; ins Deutsche übersetzt von Konrad Markward Weiß, 2018) fällt aus dem Rahmen, denn er ist autobiographisch und schildert Erlebnisse eines Jungen im Juni 1940 während der erniedrigenden Niederlage Frankreichs gegen die Wehrmacht. Ein tapferer Einzelner und die Mehrheit, die sich aufgegeben hat: ein Hauptthema Raspails.

Eine Auswahl aus den Essays von Jean Raspail erschien unter dem Titel „Der letzte Franzose“ (2014). Raspail ist Katholik und Monarchist, wie schon aus „Sire“ und dem „Ring des Fischers“ klar ist. Deshalb hat auch die französische Wikipedia als Raspails Nationalität dessen Auffassung übernommen: Royaume de France. Weiß Gott: Frankreichs Abstieg hat sich, seit es Republik und laizistisch ist, unaufhaltsam fortgesetzt.

Einen Höhepunkt der Veröffentlichungen Raspails in deutscher Sprache stellt „Die Axt aus der Steppe“ dar (1974; deutsche Übersetzung von Konrad Markward Weiß, Karolinger 2019), denn hier werden ethnographischer Bericht und essayistische Arbeit vereinigt. Wir lesen von den letzten Ainus und Kariben, den japanischen beziehungsweise karibischen Ureinwohnern, aber auch von sich zäh erhaltenden Nachfahren der Napoleonischen Truppen in Russland oder jenen der Hunnen Attilas in der Champagne. Liest man dieses wunderbare Buch, dann erkennt man das Verbrechen, das in jedem Versuch liegt, eine einheitliche und gleichgemachte Menschheit zu erzwingen. Sie wird grau sein und keineswegs friedlich. Der Versuch nützt nur den Herrschenden, die dann über die abhängigen, manipulierten und wehrlosen Massen wachen. Raspails liebevolle Schilderung von Tradition, Heimat, Treue ist ein Gegengift gegen die Beliebigkeit, die heute überall gepredigt wird. Raspail lesen macht immun gegen diese linksliberalen Zumutungen. Das ist der Hauptgrund, weshalb Sie, liebe Leserinnen und Leser, in den Qualitätsmedien kaum etwas über Raspail erfahren werden außer, dass er „ein umstrittener Autor“ gewesen sein soll.

Jean Raspail ist am 13. Juni 2020 in gesegnetem Alter verstorben, fast bis zuletzt aktiv. Möge er ruhen in Frieden! Doch sein Werk lebt weiter: Kaufen Sie sich seine Bücher! Lesen Sie sie! Es stimmt, was Raspail über sein Werk sagte: „Kanaillen gibt es genug, und ich habe keine Lust, über solche auch noch zu schreiben.“ Für alle seine Werke gilt: „Ich will mich mit aufrechten Charakteren umgeben.“ Versuchen wir, etwas von dieser Qualität Raspails über seine Bücher zu bekommen oder zu mehren und zu behalten!