Respektvolle, aber deutliche Kritik übt der Buchautor und Kirchenmusikwissenschaftler Dr. Hermann Conen angesichts der kirchlichen Corona-Maßnahmen an seinem Bischof, aber auch den Gläubigen. Wir dokumentierten hier seinen offenen Brief an den Erzbischof von Köln, Kardinal Rainer Maria Woelki

Sehr geehrter Herr Kardinal Woelki,

Zunächst zu meiner Person: Jahrgang 1953, vom Studium her Musikwissenschaftler, von Beruf vor allem Musikpädagoge und Autor von u.a. drei Büchern. Nach einer guten katholischen Kindheit und Jugend Austritt aus der Kirche 1974, nach 33 Jahren im „Exil“ Wiederaufnahme 2007: Ich schreibe Sie also als ‚meinen‘ Bischof an. Ich bin weder Mitglied in einer politischen Partei noch in einer innerkatholischen Gruppierung und engagiere mich vor allem für die Musik in meiner Gemeinde St. Joseph in Köln-Dellbrück.

Der unmittelbare Anlass dieses Briefes ist das Interview der „Tagespost“ vom 31.5.20 mit dem hiesigen Ministerpräsidenten Armin Laschet, in dem er mitteilte, das Verbot von öffentlichen Gottesdiensten sei von den Kirchen erlassen worden und eben nicht vom Staat. Laschet: „Die Religionsgemeinschaften haben selbst erklärt, dass sie darauf verzichten, wir als Staat haben das zur Kenntnis genommen.“ In Ihren Äußerungen finde ich von diesem tief verstörenden Vorgang nichts, das musste erst Herr Laschet in einem Interview sagen, damit meine Mitchristen und ich das erfahren. Ihre Pfingst-Predigt wäre ein später, aber nicht zu später Zeitpunkt für diese Information gewesen, denn die historische Singularität von Ostergottesdiensten ohne das gläubige Kirchenvolk kann doch unmöglich unerwähnt bleiben.

Der zweite ist das offenkundige Ausbleiben jeglicher Kritik an Ihren Maßnahmen von Seiten der Kirchenmitglieder, Herr Kardinal. So jedenfalls, wenn man den Medien glauben darf, aber das ist nur die veröffentlichte und nicht die wahre öffentliche Meinung. Aber vielleicht sind ja auch die meisten Katholiken schon so sehr an die Einengung des Meinungskorridors gewöhnt, dass sie lieber den Mund halten. Das macht mir schwere Sorgen.

Und drittens nehme ich Anstoß an der Tatsache, dass Sie in Ihren Äußerungen zur Corona-Krise zwar die Herrschenden um Lockerungen gebeten, aber zu deren Maßnahmen kein klares Wort der Kritik geäußert haben. Weder Sie noch ich können behaupten, Experten der Epidemologie und Virologie zu sein und die angemessenen Schritte zur Bekämpfung von Seuchen entwickeln zu können. Mir scheint aber, Ihnen fehlt mindestens die Hälfte des hier bestehenden Meinungsspektrums. Die von Ihnen offensichtlich favorisierten Medien (die öffentlich-rechtlichen Medien im Verein mit der Mainstream-Presse, in Köln in Gestalt des „Kölner Stadt-Anzeiger“) arbeiten stur an der Verbreitung des Regierungskurses. Deshalb ist Ihnen entgangen, dass zahlreiche hochkompetente Wissenschaftler und Ärzte den zunächst fast totalen „lockdown“ für völlig unangemessen und die ergriffenen Maßnahmen für nicht zielgerichtet und überzogen halten. Die Schädlichkeit der Gegenmaßnahmen übersteigt seit längerem schon den Schaden durch das Virus.

Eine interne Studie des Bundesinnenministeriums (KM 4 – 51000/29#2, Stand: 7. Mai 2020), die Gott sei Dank den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat, schätzt die Zahl der durch aufgeschobene bzw. nicht stattgefundene medizinische Operationen schon verstorbenen bzw. bald versterbenden Menschen auf zwischen 5000 bis 125 000 Menschen! Und die Situation der immer noch in den Heimen alleingelassenen Alten schreit zum Himmel (ich empfehle Ihnen hierzu das youtube-Video auf dem Kanal Rubikon mit Prof. Dr. Sucharit Bhakdi: „Der Pandemie-Schwindel“ • 03.06.2020).

Die von Ihnen, Herr Kardinal, angeordneten Regeln für Zugang und Verhalten in den Kirchen haben in der Deklination durch die einzelnen Pfarrer zum Teil absurde Planüberfüllungen gezeitigt. Es zeigt sich darin der deutsche Hang zum übersteigernden Mitläufertum und eben kein Vertrauen in die persönliche Verantwortung des Einzelnen. Für mich ist jedenfalls, nach zahlreichen Recherchen, die These von der dramatischen Unverhältnismässigkeit der Regierungsmaßnahmen unabweisbar geworden.

Das heißt für mich im weiteren, dass hintergründige politische Absichten damit verfolgt werden sollen. Denn eine politische Seite hat es ja: Es sind fundamentale Grundrechte außer Kraft gesetzt worden (die Artikel des Grundgesetzes: Art. 4 (2) Religionsausübung / Art. 5 Meinungsfreiheit / Art. 8 Versammlungsfreiheit / Art. 11 Freizügigkeit / Art. 12 Berufsfreiheit / Art. 18 Grundrechtsverwirkung). Das alles in Berufung auf einen verfassungsrechtlich fragwürdigen „Ausnahmezustand“ und durch ein Gremium, das es gar nicht geben darf („Corona-Kabinett“).

Herr Kardinal Woelki, ich bin mir der Last der Verantwortung, die Sie tragen, bewusst, habe mich jedenfalls, so gut es mir möglich ist, darum bemüht, Sie zu verstehen. Und in der ersten Phase der Virus-Ausbreitung waren wir alle orientierungslos. Doch kann ich Ihnen die harsche Kritik nicht ersparen, vor allem, weil ich das Gefühl habe, damit allein auf weiter Flur zu sein. Ich nehme mir meine Freiheit eines Christenmenschen. Ich habe übrigens keinen Augenblick in den letzten Monaten Angst wegen des Virus gehabt, obwohl viele daran gearbeitet haben, sie mir einzureden. Das hat zuinnerst etwas mit meinem Glauben an Christus zu tun.

In Erwartung Ihrer Antwort sendet Ihnen pfingstliche Grüße

Dr. Hermann Conen

WICHTIGER NACHTRAG: Ich bemühe mich, diesen Brief zu veröffentlichen, nachdem er Ihnen zugestellt worden ist