Im gestrigen Artikel habe ich dargelegt, dass sich in der „Zionismuskritik“ der Sezession in Bezug auf Israel gängige antizionistische Weltbilder der Linken widerspiegeln. Vom Juden als Dieb des bereits von Palästinensern „besiedelten Gebietes“ über eine „Ghettoisierung“ der Palästinenser bis hin zum Juden, der seine Opferrolle selbst und zu seinem eigenen Vorteil konstruiert. Erzählungen, die sonst sorgsam von linken Israelhassern gepflegt werden. Ein Gastbeitrag von Dr. Dr. Marcus Ermler.

Sucht man nach den Gründen für dieses Israelbild der Sezession, wird man fündig bei der Bewertung des Holocaust durch das Theorieblatt. Kubitschek selbst räumt in seinem Artikel Israel und Deutschland vom 11. Februar 2020 freimütig ein, dass man als „deutscher Patriot […] Israel nicht bedingungslos unterstützen“ kann und dies auch nicht „moralpolitisch mit Auschwitz und der deutschen Schuld“ erzwingen könne.

Denn so begründet der Kopf der „wahren, guten und schönen Rechten dies in seinem Text Nachdenken über Auschwitz (öffentlich?) vom 27. Januar 2020, „die Vergangenheitsbewirtschaftung, die moralische Instrumentalisierung, die unehrliche Überhebung – das alles muss ein Ende finden“, weil Auschwitz eben „nicht vom deutschen Volk, aber von Verbrechern im Namen des deutschen Volkes angerichtet wurde“.

Vergangenheitsbewirtschaftung und Schuldkult

In seinem Beitrag „Notizen über Israel (2): Die Versprechen des Daniel Pipes“ vom 18. Februar 2020 umrahmt Martin Lichtmesz diese von Kubitschek diagnostizierte „Vergangenheitsbewirtschaftung“ mit dem Begriff „Holocaust-Religion“, in der sich „der ‚Schuldkult‘, von dem sich eine nationale Alternative unbedingt lossagen muss, affirmiert und perpetuiert“. Lichtmesz präzisiert diese „Holocaust-Religion“ in seinem Artikel „Obamas Auschwitz“ aus dem Jahr 2009. So gäbe es eine amerikanische „Holocaust-Education“, die „die Ikonographie des ‚Holocaust‘ verwaltet, editiert, montiert, propagiert und ihr einen spezifischen geschichtlichen Sinn gibt“. Antiamerikanismus gepaart mit Verharmlosung des Holocaust.

Dazu passt, dass Lichtmesz in seinem Text „Notizen über Israel und seine Parteigänger“ vom 30. Januar 2020 ein Framing „der vom ‚Neokonservatismus‘ geprägten Ära George W. Bush“ behauptet, die eine „partikularistische“ Rechtfertigung, „warum gerade dieses Land [also Israel, Anm. des Autors] besonderer Unterstützung bedürfe“, ableite „von einer postulierten Sonderstellung des Holocaust und damit auch des jüdischen Volkes in der menschlichen Geschichte“. In einem anderen Artikel bringt Lichtmesz den Holocaust und Israel so auch mit einem „Israel-Partisanentum“ in Verbindung und umreißt dies als den Bezug auf „Surrogat-Identitäten wie die liberalen Allgemeinheiten oder blindes USA- und Israel-Partisanentum“.

Israelische Instrumentalisierung des Holocausts?

Von Arthur Szyk – The Arthur Szyk Society, Burlingame, CA (www.szyk.org), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44358240

Benedikt Kaiser nennt diese Verfechter eines „Israel-Partisanentum“ in seinem Beitrag „Reeducation, Charakterwäsche und die AfD“ vom 28. Januar 2020 „strukturelle Opportunisten“, die „meinen, eine Anpassung an die Politik und Geisteshaltung der israelischen und US-amerikanischen Rechten würde der eigenen Handlungsfähigkeit in Mitteleuropa gut tun“, so dass „deren Ritterschlag eine Reinwaschung der eigenen, verfemten Position bedeuten würde“. Kaiser bezeichnet dies schließlich als „das unterwürfige Ersuchen um einen Persilschein“.

Jonas Schick wirft in einem Artikel vom 16. November 2019 daher Teilen der deutschen Rechten vor, dass sich bei diesen „seit geraumer Zeit ein neokonservativer Hang zur Israel-Apologetik“ zeige und deshalb „der bemitleidenswerte Versuch unternommen wird, sich vom linken Brandmal des der Rechten als immanent angedichteten Antisemitismus zu befreien“.

Dem Iran nicht wegen Israel vor den Kopf stoßen

Kubitschek widerspricht deshalb diesem vermeintlichen „Israel-Partisanentum“ in seinem Artikel „Die peinlichen Musterschüler“ vom 24. Januar 2020, da es eine „Instrumentalisierung des Holocausts gegen nationale, rechte Positionen“ sei, die man nicht dadurch versuchen sollte dergestalt „zu drehen, dass man sich an die Spitze einer bedingungslos israelfreundlichen Politik setzt und Auschwitz als Argument für den ‚Regime Change‘ [so gegen den israelfeindlichen Iran, Anm. des Autors] in anderen Ländern verwendet“. So wirft er beispielsweise dem AfD-Politiker Petr Bystron konkret vor, dass dieser „Auschwitz [instrumentalisiert], um den Regime Change im Iran zu befördern“.

Artur Abramovych, stellvertretender Vorsitzender der „Juden in der AfD“, kritisierte Kubitscheks Artikel in einer Replik scharf, die die Sezession sich übrigens weigerte, zu veröffentlichen. So sei Kubitscheks Kritik am „Zionismus der politischen Rechten schlichtweg als Desinteresse an jedweder Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden [zu] interpretieren“. Abramovych konstatiert:

Aber offenbar wünscht sich Kubitschek nichts weiter, als dass man ‚moralpolitische Verweise auf die »deutsche Schuld«‘ künftig unterlassen sowie das ‚Gängelband‘ lockern möge, und pfeift zugleich darauf, was die Juden dazu zu sagen haben“

„Demnach wären die Juden eine Art Herrenvolk“

Dass die Sezession ein Abweichen von derlei Antizionismus nicht goutiert, exemplifiziert mustergültig der Fall des langjährigen und heute ehemaligen Sezession-Autors Siegfried Gerlich. Besagter Gerlich sezierte im Jahr 2018 in seinem Beitrag „Antithesen zum Islam. Erwiderung auf v. Waldstein II“ den Antizionismus dezidiert als einen Versuch einen „ehrbaren Antisemitismus“ zu konstruieren, der „sorgfältig zwischen ‚Juden‘ und ‚Zionisten‘ [zu] unterscheiden“ versucht:

Zwar ist ‚Antizionismus‘ nicht per se ‚Antisemitismus‘, aber de facto ist er es verdächtig häufig. Den Verdacht eines ‚ehrbaren Antisemitismus‘ (Jean Améry) erwecken zumindest jene ‚Israelkritiker‘, die in Ausübung ihres Amtes unter empfindlicher Temperaturerhöhung leiden, mögen sie auch noch so sorgfältig zwischen ‚Juden‘ und ‚Zionisten‘ unterscheiden.“

So dekonstruierte Gerlich in seinem Text auch gängige antizionistische Mythen. Beispielsweise, dass „der arabische Antizionismus eine bloße und begreifliche Reaktion auf die jüdische Staatsgründung sowie die spätere israelische Fremdherrschaft über Land und Volk der Palästinenser darstelle“. Denn stimmt dies, hätte der „palästinensische Befreiungskampf“ sich ebenso „gegen Jordanien gerichtet, welches immerhin den weit größeren Teil des britischen Mandatsgebietes Palästina annektiert hatte“.

Dank konsequenter Politik: Arabien fast „judenfrei“

Weithin sei Israel „seit seiner Gründung mehreren Vernichtungskriegen ausgesetzt gewesen“, denn „die Vernichtung des jüdischen Staates hatte allemal Vorrang vor der Gründung“ eines palästinensischen Staates. Die arabische Welt habe darüber hinaus „im Zuge des ersten israelisch-arabischen Krieges von 1948/49“ die „Flucht und Vertreibung hunderttausender Juden“ vorangetrieben und sei daher heute weitgehend „judenfrei“.

Von khamenei.ir – http://farsi.khamenei.ir/photo-album?id=40792, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=74115037

Die Jungle World nannte diesen für Gerlich nicht folgenlos bleibenden Text sein „proisraelisches Finale“. Nicht nur, dass Gerlich heute nicht mehr für die Sezession schreibt, ebenso brachte es ihm „seitens der Leser der Sezession umgehend den Vorwurf ‚zionistischer Propaganda‘ ein“. So warf der oben bereits referenzierte Martin Lichtmesz Gerlich ein „astreines Kolonialargument“ vor, nämlich das „Vorrecht der Zivilisierten gegenüber den minderwertigen, unentwickelten, unzivilisierten Völkern“. Wobei, so Lichtmesz weiter, die „Zivilisierten“ in Gerlichs Darstellung demnach „die Juden [als] eine Art Herrenvolk [sind], dem das Land aus diesem und jenem Grund zusteht“. Und die „Minderwertigen“ die Palästinenser, die „aus diesem und jenem Grund nichts zu melden haben und sich gefälligst damit zufriedengeben sollen, was sie bekommen hätten“.

Delegitimierung der Heimstatt jüdischen Lebens

Nico Hoppe kam daher im September 2019 in seinem Artikel über „Rechte Gräben“ im Magazin Novo auch zu dem Schluss, dass das Verhältnis von Kubitscheks Mannen aus Schnellroda zu Israel als „mindestens ambivalent, in vielen Fällen von einer tiefen Aversion geprägt“ zu klassifizieren sei:

[So] findet man in den Verlautbarungen und Texten des Schnellrodaer-Umfelds statt eines konsequenten Eintretens gegen Antisemitismus vages Geschwätz von einer ‚Antisemitismuskeule‘; statt Solidarität mit der einzigen Demokratie im Nahen Osten Verständnis für Antizionismus, das sich auch noch als differenziert aufspielt; statt einer weithin normalisierten Erinnerungskultur beschwörendes Geraune vom alles umfassenden ‚Schuldkult‘.“

Israelkritik ist oft nur eine Maske der Judenhasser

Auschwitz wird in der „Schuldkult“-Lesart der Sezession unentscheidbar als zentrales Momentum der Gründung des Staates Israel. So muss in dieser „Schuldabwehr“ das lebendige Monument der Holocausterinnerung zu einem „Siedler- und Kolonialstaat auf besiedeltem Gebiet“ abqualifiziert werden, der „sich nur durch Gewalt, Terrorismus, Krieg und ethnische Säuberung konstituieren“ konnte, dessen „Geschichte des Kolonialismus [demnach] immer wieder den Vorwand zu massiven Schurkereien geliefert“ habe, bei dem „die Juden eine Art Herrenvolk“ darstellen.

In dieser Delegitimierung der Heimstatt jüdischen Lebens, die doch nur eine Chiffre für die Delegitimierung jüdischen Lebens an und für sich ist, nähert sich die Sezession verdächtig dem linken Israelhass an, der gerade und besonders von der BDS-Kampagne zelebriert wird. Doch die Wirkung solch einer rechten Kopie von linkem Antizionismus mit BDS-Prägung ist gleichermaßen gesellschaftspolitisch fatal. Erlaubt sie es doch Judenhassern von rechts, sich im unheilschwangeren Schatten sogenannter „Israelkritik“ zu sammeln, die demnach Israels unumkehrbares Recht auf Existenz in Frage stellt.