Höcke nutzt einschlägige Schlagworte und Denkfiguren, die in Reden und Publikationen sowohl des historischen Nationalsozialismus als auch des zeitgenössischen Rechtsextremismus zu finden sind. Daher ist sein Aufstieg in der AfD mehr als bedenklich. Ein Gastbeitrag von Felix Schönherr

Können wir das nochmal drehen?“ „Nein!“ Nach der glücklosen Intervention des Höcke-Pressesprechers Günther Lachmann erfolgt der Gesprächsabbruch…

Was ist passiert? Die Redakteure von Berlin direkt hatten den Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke in einem harten Schlagabtausch mit der Kritik konfrontiert, seine politische Rhetorik beinhalte Anklänge an die Sprache der Nationalsozialisten. Wer das Interview noch nicht kennt, sollte es hier in voller Länge ansehen.

Und wieder einmal ist Deutschland polarisiert: Endlich fällt die Maske, sagen die „helldeutschen“ Höcke-Gegner. Was für eine denunziatorische Interviewfalle, hingegen die „dunkeldeutschen“ Höcke-Sympathisanten.

War das Interview tatsächlich unfair? Und was hat es mit der Kritik auf sich, die Höcke stilistisch und ideologisch in NS-Nähe rückt? Wie folgt der Versuch einer Auflösung…

Berlin direkt versucht mit der Brechstange, Fakten zu schaffen

Vor der Situation wurde einigen AfD-Abgeordneten mit diversen Zitaten aus Höckes Autobiographie eine Fangfrage gestellt: Wer hat’s gesagt – Höcke oder Hitler?

Die AfD-Abgeordneten wussten ganz genau, dass eine Antwort für jeweils beide Optionen zu ihren Ungunsten ausgelegt werden wird. Dementsprechend enthalten sie sich.

Man habe weder Höckes Nie zweimal in denselben Fluss noch Hitlers Mein Kampf gelesen, heißt es unisono, und könne daher nicht entscheiden, aus welchem Buch das vorgelegte Zitat stammt.

Unfair ist dieses Vorgehen zum einen, weil Berlin direkt keine Zitate von Hitler vorlegt, die den vorgelegten Höcke-Zitaten ähneln. Damit wird der Vergleich einfach ins Blaue hinein gezogen und Ähnlichkeit suggeriert, obwohl ein Beleg oder Indiz hierfür fehlt.

Und zum anderen: Die Redaktion suggeriert im Beitrag sowie auch während der Interviewsituation, Höckes AfD-Kollegen könnten sich nicht entscheiden aufgrund der zu großen Ähnlichkeit zwischen Hitlers und Höckes Sprache. Tatsächlich legen die Aussagen der AfD-Abgeordneten dies in Aussagen aber überhaupt nicht nahe. Sie verweisen schließlich darauf, dass sie die entsprechenden Schriften gar nicht kennen (und tatsächlich dürfte sich der Personenkreis, der Mein Kampf gelesen hat und aus dem Stegreif daraus zitieren kann, in engen Grenzen halten.)

Aber allen Beteiligten sollte klar sein, dass es hier um Fairness nicht geht. Auch unfaire Methoden können im Journalismus ethisch durchaus zulässig sein, wenn sie den einzigen Weg darstellen, für die Öffentlichkeit sehr wichtige Informationen ans Tageslicht zu bringen.

Höcke sollte durch den Einspieler und die sehr konfrontative Art des Interviews aus der Fassung gebracht werden, damit er sich verplappert. Gewissermaßen hat Berlin direkt hier versucht, eine Entscheidung über die NS-Nähe der Höcke-Rhetorik mit der Brechstange zu erzwingen.

Höcke kann seine ideologische Botschaft platzieren und ist damit heimlicher Sieger des Interviews

Berlin direkt scheitert jedoch mit dieser Strategie. Höcke lässt sich bis zuletzt kaum aus der Fassung bringen und erhält eine glänzende Möglichkeit zur bekannten Selbstinszenierung.

Und die lässt sich in etwa so beschreiben:

  • Höcke tritt als sensibel-intellektueller Philosophenkönig in Erscheinung, der mit Vorliebe eine „poetische“, wenngleich ungewöhnliche Sprache pflegt und fünfstündigen Gerichtsverhandlungen lauscht, die interessante „rechtsphilosophische“ Aspekte zutage fördern.
  • Als Philosophenkönig würde er sich liebend gerne vornehmlich der intellektuellen Sphäre zuwenden, wird aber wegen der akuten Bedrohung für das Vaterland zur Pflicht gerufen.
  • Bösartige Medien und parteiinterne „Feindzeugen“ (ein Wort, das Höcke offenbar selbst erfunden hat) rücken ihn NS-Nähe, um ihn zu diffamieren und an seiner Middion zu hindern.
  • Dabei sind seine Sprache und seine Rhetorik aus eigener Sicht völlig legitim und normal.
  • Eines Tages könnte er ein „interessanter“ Politiker sein, und auf die Pressehetze gegen ihn könnten „massive Konsequenzen“ folgen.

Berlin direkt gelingt es nicht, Höcke aus der Reserve zu locken – zumindest nicht aus der Sicht eines unvoreingenommenen Betrachters.

Die Freude der Höcke-Gegner dürfte daher von erwartbar kurzer Dauer sein. Denn schließlich wurde das Fragezeichen hinter vermeintlichen NS-Anklängen in Höckes Sprache durch das Interview keineswegs in ein Ausrufezeichen verwandelt.

Doch es gibt sehr wohl bedenkliche Anzeichen hierfür, die weiter unten im Artikel noch näher ausgeführt werden.

Sprach- und Rhetorikvergleiche müssen den semantischen Kontext beachten

Dies unter anderem auch deshalb, weil die falschen Fragen gestellt werden. Denn bei der Beurteilung, ob NS-Anklänge vorliegen, geht es nicht um einzelne Wörter wie „Lebensraum“ bzw. „Lebensräume“.

Die meisten der durch den Nationalsozialismus inkriminierten Begriffe können nämlich auch in einem unverfänglichen Kontext verwendet werden. So titelt zum Beispiel die Webseite des katholischen Domradio: „Adveniat warnt vor Zerstörung der Lebensräume (sic!) indigener Völker“.

Es ist also der Kontext, der entscheidet. Oftmals sind NS-Vorwürfe daher auch überzogen und lächerlich. Man denke an die Debatte um das Wort „Heuschrecke“ in einer Rede des verdienten Sozialdemokraten Franz Müntefering. Heuschrecke ist weder ein NS-Begriff noch hat sich Müntefering mit dieser Metapher auf Menschen bezogen, sondern vielmehr auf das Vorgehen bestimmter Unternehmen.

Ein Blick auf Höckes ideologische Äußerungen offenbart jedoch einige problematische Ansichten, vor deren Hintergrund eine Kritik an seiner politisch-„poetischen“ Sprache notwendig und angemessen erscheint.

Höcke ruft zum ideologischen Kampf gegen das „internationale Finanzkapital“ und die „Auflösung aller Dinge“ auf

Dazu sei beispielhaft aus Höckes Beitrag „Widerstand gegen den Raubtierkapitalismus“ zitiert, der im Februar 2018 in der Zeitschrift Alternative Gewerkschaft sowie ebenfalls in Jürgen Elsässers COMPACT erschienen ist.

Höcke schreibt darin (Hervorhebungen wurden vom Autor dieses Artikels eingefügt):

„Die AfD muss auch den sozialistischen Auftrag übernehmen, den die Linke verraten hat: Als Anwalt der Arbeiter und der sozial Schwachen die Gegenwehr gegen das internationale Finanzkapital organisieren, das die Völker zerstört.

[…]

Dass diese Erkenntnisse und Errungenschaften einem rapiden Verfalls- und Zerstörungsprozess ausgesetzt sind, ist die unmittelbare Folge einer Politik der systematischen Entstrukturierung, Entdifferenzierung und Entgrenzung – in der Summe: der Auflösung aller Dinge. Das ist auf eine kurze Formel gebracht die Agenda der Globalisten!

[…]
[Die neoliberale Wirtschaftstheorie] ist das perfekte ideologische Vehikel, mit dem eine kleine Geldmachtelite ihre Interessen auf Kosten aller Völker der Welt durchzusetzen trachtet. Es handelt sich um die Interessen einer winzigen Minderheit, letztlich der wenigen hundert Letzteigentümer der miteinander verflochtenen internationalen Konzerne. Ein Patriot, der das erkannt hat, hat seinen wahren politischen Gegner erkannt!

[…]

Es mag ja sein, dass Globalisierung im Sinne zunehmender internationaler Arbeitsteilung und wachsenden grenzüberschreitenden Handels bis zu einem gewissen Grad ein naturwüchsiger Prozess ist – die politisch gewollte Zerstörung von Staat, Volk, Recht, 

Religion, Sicherheit, Sitte und Anstand aber ist es nicht, und der Verrat der Linken an den „kleinen Leuten“ ist es erst recht nicht!“

Die Zeitschrift mit dem hier zitierten Artikel kann kostenlos auf der Webseite von Einprozent heruntergeladen werden

Auf Basis dieser Zitate lassen sich bereits drei Einschätzungen zu Höckes Denken vorlegen:

Es ist erstens reaktionär und strukturkonservativ. Wandel und Fortschritt sind darin per se etwas schlechtes. Höcke vertritt die Annahme, dass sich durch die kapitalistische Globalisierung manche Aspekte der Gesellschaft relativ verschlechtern könnten, offenbar nicht weit genug. Denn er spricht in Absoluten: Zerstörung der Völker und Auflösung aller Dinge.

Zweitens ist es verschwörungsideologisch. Höcke geht davon aus, es gebe eine Minderheit von „wenigen hundert“ Letzteigentümern der Konzerne, die auch politisch die Strippen ziehen . Freilich führt Höcke nicht näher aus, wer diese genau sein sollen. Die Behauptung, dass die Konzerne der Welt einem Kreis von wenigen hundert Personen „gehören“, ist sehr gewagt und mit einem differenzierten Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge so nicht haltbar. Ebenso schuldet Höcke den Nachweis einer politischen Agenda der „Letzteigentümer“. Eines scheint für Höcke aber sicher: „Patrioten“ müssen demgegenüber Gegenwehr leisten! Aber gegen wen genau? Die Rede Höckes von den „wenigen hundert“ markiert eine ideologische Leerstelle, die vom Zuhörer nach gusto gefüllt werden kann: Kapitalistische fat cats, Freimaurer, „Reptiliode“ oder eben beliebige andere Gruppen, denen in der Geschichte bereits häufiger Verschwörungen nachgesagt wurden…

Die hier geäußerte Ideologie ist drittens und schließlich rechtssozialistisch. Das bedeutet, Höcke definiert einen sozialistischen – sprich marktwirtschaftsfeindlichen – Auftrag als Ziel der AfD. Ein Schulterschluss mit linken Sozialisten käme für ihn aber nicht in Frage. Denn er argumentiert, die Linken haben die Sache der Arbeiter „verraten“, arbeiteten ebenfalls an der von den „Letzteigentümern“ angestoßenen „Auflösung aller Dinge“. Der sozialistischen Idee will Höcke daher von rechts – also gepaart mit einer nationalen und gesellschaftspolitisch reaktionären Stoßrichtung – neues Leben einhauchen.

Höckes Kapitalismus-Kritik wirft beim Vergleich zur NS-Rhetorik ernsthafte Fragen auf

Der oben besprochene Höcke-Artikel lässt sich nun mit der NS-Propaganda vergleichen, wobei an einigen Stellen durchaus stilistische Ähnlichkeiten ins Auge fallen.

Die merkwürdige Idee Höckes, dass die Völker (sic!) würden zerstört, taucht ebenfalls in einer der schlimmsten antisemitischen Hetzreden Hitlers auf:

„Der Jude als Rasse hat eminente Selbsterhaltung, als Mensch aber besitzt er keine kulturelle Befähigung. Er ist ein Dämon der Völkerzersetzung, das Symbol der dauernden Zerstörung der Völker.“

Aus einer Hitler-Rede auf einer NSDAP-Versammlung am 1. Mai 1923 in München im Zirkus Krone, zitiert nach sgipt.org

Die plurale Redeweise von der „Zerstörung der (sic!) Völker“ ist der NS-Propagandalüge geschuldet, Hitlerdeutschland wolle „die Völker Europas“ vor den Grausamkeiten des Stalinismus schützen. Ungeachtet dessen, dass letztere traurige Realität waren (man denke an den Holodomor, einen millionenfachen Völkermord in der sowjetisch besetzten Ukraine), beging das NS-Regime in allen besetzten Gebieten selbst schwerste Verbrechen an der Zivilbevölkerung – ob in der Ukraine, den baltischen Staaten, Griechenland, Italien oder Frankreich. Dieser propagandistische Vorläufer des „Ethnopluralismus“ war also reine Makulatur.

Auch die Angst vor einer „Auflösung aller Dinge“ wurde von Hitler in ähnlicher Weise artikuliert, hier in Bezug auf die moderne Kunst:

„Das ganze Kunst- und Kulturgestotter von Kubisten, Futuristen, Dadaisten u.s.w. ist weder rassisch begründet noch volklich erträglich – es ist höchstens als Ausdruck einer Weltanschauung zu werten, die von sich selbst zugibt, daß die Auflösung aller bestehenden Begriffe, aller Völker und Rassen, ihre Vermischung und Verpanschung, höchstes Ziel ihrer intellektuellen Urheber und ihrer Führergilde ist.“

Anlässlich der am 19. Juli 1937 in München eröffneten Wanderausstellung „Entartete Kunst“, zitiert nach Deutschlandfunk

Gottfried Feder, durch sein berüchtigtes Werk Brechung der Zinsknechtschaft zum Vordenker der NS-Bewegung in wirtschaftlichen Fragen avanciert, sah im „internationalen Finanzkapital“ eine Gefahr für das „Selbtsbestimmungsrecht der Völker“:

„Unter Mammonismus ist zu verstehen: […] die internationalen übergewaltigen Geldmächte, die über allem Selbstbestimmungsrecht der Völker thronende überstaatliche Finanzgewalt, das internationale Großkapital, die einzig goldene Internationale“

Zitiert nach Wikisource

Natürlich war die „Zinskritik“ Feders eindeutig antisemitisch konnotiert.

In der NS-Propaganda waren überdies nicht nur alle Juden und die Bolschewiken der Sowjetunion ein festehendes Feindbild, sondern auch die „anglo-amerikanische Plutokratie“. So verkündete NS-Propagandaminister Goebbels noch im April 1945:

„Eine britische Zeitschrift schrieb vor einigen Tagen, das aus der Wahnsinnspolitik der Feindmächte mit Sicherheit resultierende Ergebnis werde eine Revolution der Völker Europas gegen die anglo-amerikanische Plutokratie sein und Hitler sei der Mann der, als er daranging, Europa politisch und wirtschaftlich glücklich zu machen, von ebenderselben Plutokratie in unheilvollem Bündnis mit dem asiatischen Bolschewismus daran gehindert wurde. Ich habe dem nichts hinzuzufügen. Es ist so in der tat und kein Beschönigungsversuch kann unsere plutokratischen Feinde von diesem Verbrechen reinwaschen.“

Zitiert nach Jugend 1918-1945

Goebbels nutzte den Begriff „Plutokratie“ zur Diskreditierung der westlichen Demokratien in Großbritannien und den USA. Er sah die Demokratie der Plutokratie untergeordnet; erstere sei nur eine Fassade von Mitbestimmung des Volks, da in Wirklichkeit wenige sehr reiche Akteure im Hintergrund politisch die Strippen ziehen.

Bemerkenswert ist, dass die Nationalsozialisten westliche „Plutokratie“ und sowjetischen „Bolschewismus“ als eine Plattform angesehen haben, die mit vereinten Kräften an der Zerstörung Europas und seiner Völker arbeite. Klammerelement in der NS-Ideologie war schließlich und mit schrecklichen Konsequenzen der Antisemitismus, der den Juden in beiden Systemen die verantwortliche Rolle zuwies.

Man muss Björn Höcke hier fairerweise zugute halten, dass seine Äußerungen sich von der NS-Propaganda in einem wesentlichen Punkt klar unterscheidet: Sie enthalten keinen Antisemitismus. Für die oben zitierten Reden würde man heute aber wohl auch mit dem Strafrecht in Konflikt kommen. (Wenngleich Höckes Aussagen für antisemitische Interpretationsweisen durchaus offen stehen können; dies liegt dann aber am Rezipienten, der die entsprechende Leerstelle mit seinen Ansicht füllt.)

Kritisch ist ohnehin zu hinterfragen: Welches Bild zeichnet Höcke, wenn er daran glaubt, das internationale Finanzkapital zerstöre die Völker? Kapital hat per se keine politische Macht – es sei denn, es wird für Korruption eingesetzt. Höcke müsste also eine vollständige Korruption von Politik und Medien annehmen, damit seine Aussagen halbwegs plausibel erscheinen. Ohne konkreten Beleg ist diese Vorstellung jedoch im Bereich der Verschwörungstheorien anzusiedeln. Unterschwellig vermittelt sie das Bild einer verachtenswerten, „gekauften“ und disfunktionalen Demokratie. Da ist der rechte Antiparlamentarismus der Weimarer Republik nicht mehr weit.

Begriffe, die Brücken zur extremen Rechten der Gegenwart bauen

Höckes Rede von der „Auflösung aller Dinge“ findet sich unter anderem bei dem rechtsextremen Autoren Hans-Dietrich Sander.

Dessen Buch Die Auflösung aller Dinge. Zur geschichtlichen Lage des Judentums in den Metamorphosen der Moderne wird auf der Webseite des Instituts für Staatspolitik von Martin Lichtmesz besprochen.

Zugegebenermaßen habe ich Sanders Buch nicht gelesen und habe es auch nicht vor. Folgende Zitate aus Lichtmesz’ Rezension lassen jedoch erahnen, wohin die Reise geht:

Als erster ernstzunehmender Autor nach 1945 (wagte er es, den »Rubikon« (Jürgen Habermas) einer kritischen Neusichtung der »deutsch-jüdischen Frage« zu überschreiten

Im Zentrum der »Metamorphosen der Moderne« sieht Sander die »Entortung« des Denkens, die zu fortschreitenden Abstrahierungen und Rationalisierungen führte, an deren Endpunkt der Verfall des Politischen, der Transzendenz, der Kunst, der Philosophie ebenso wie der Tod der Völker und der Umwelt des Menschen, kurz: die »Auflösung aller Dinge« steht. In diesen Prozeß hat laut Sander das Judentum, bedingt durch seine geschichtliche Lage, als Katalysator erheblich eingegriffen.

Die spezifisch jüdische »Daseinsweise« der Ortlosigkeit hat die Bindungslosigkeit und den Nomadismus der Moderne vorweggenommen und als utopisches Heilsversprechen propagiert.

Auf der Grundlage der Höhe, »die von der Kritik der Moderne in Deutschland erreicht worden war«, müßten auch der »Antisemitismus« und das »Dritte Reich« beurteilt werden: »Das Dritte Reich war ein Versuch, die Krisen der Moderne mit richtigen und falschen Mitteln aufzuheben.«

Die Auflösung aller Dinge wurde nach ihrem Erscheinen weitgehend totgeschwiegen, eine Auseinandersetzung mit Sanders Thesen fand nur innerhalb kleiner Kreise statt. Dort hat das Buch jedoch eine andauernde subkutane Wirkung entfaltet und wurde zum Geheimtip.

Hier läuft es einem kalt den Rücken herunter: Die Moderne als Prozess der Auflösung, das Judentum als ihr Agent und der Nationalsozialismus als (teils legitimer?) Versuch, sie aufzuhalten…

Sanders Buch scheint mir auf den Versuch einer Apologetik des NS-Antisemitismus hinauszulaufen.

Dass seine Rezeption laut Lichtmesz nur in „innerhalb kleiner Kreise“ erfolgt und es lediglich als „Geheimtip“ gilt, könnte daran liegen, dass diese Art von Literatur lediglich für Insider des rechtsextremen Randes von Interesse ist.

In einem Nachruf auf Sander, der auf dem Blgo des Höcke-Weggefährten Götz Kubitschek erschienen ist, feiert Lichtmesz das Buch zudem als „meisterhafte polemische Studie“.

Dass Höcke das Schlagwort der „Auflösung aller Dinge“ ebenfalls bringt, wirft natürlich Fragen auf. Handelt es sich um Zufall? Oder hat Höcke Sanders Buch gelesen und will die darin enthaltenen Thesen popularisieren? Das kann am Ende nur Björn Höcke selbst beantworten; nur sollte er sich nicht über das wachsende Misstrauen beschweren, welches seiner politischen Person entgegenschlägt.

Eine bürgerliche AfD ist mit Höcke nur schwer vorstellbar

Aus diesen Betrachtungen sollte ersichtlich werden, dass eine fundierte Ideologie- und Sprachkritik der Schriften und Reden Björn Höckes richtig und wichtig ist.

Wenn er im Interview davon spricht, sich Ausflüge in die Poesie zu erlauben, zeugt dies von einem Projekt, das über die parteipolitische Ebene hinausgeht. Höcke geht es offenbar darum, eine neue politische Sprache etablieren – möglicherweise auch das bisher nicht Sagbare sagbar zu machen.

Dabei sollte aber auch nicht unter den Tisch fallen: Die Ablehnung Marktwirtschaft, die Infragestellung demokratischer Prozesse als von Kapitalisten gesteuert, der Glaube an Unterdrückung und Enteignung durch das „internationale Finanzkapital“ sind für sich genommen keine genuin nationalsozialistischen Ideen. Sie wurden auch in der DDR-Propaganda häufig kolportiert. Dies könnte nicht zuletzt auch der Grund sein, weshalb vielen Wählern der Wechsel von der „Wagenknecht-Linkspartei“ zur „Höcke-AfD“ spielend leicht fällt.

Auch Marx und Engels wiesen in ihrem „Manifest der Kommunistischen Partei“ auf die gesellschaftlich verändernde Rolle der Kapitalisten hin:

„Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt. Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.“

Freilich haben Marx und Engels diese gesellschaftlichen Umwälzungen begrüßt und wollten sie durch die kommunistische Bewegung noch beschleunigen. Wer ein reaktionäres Projekt verfolgt, also die „idyllischen Verhältnisse“ alter Zeiten trotz technologisch-wirtschaftlichen Fortschritts beibehalten will, findet in ihnen jedoch bereits zu einem gewissen Grad ideologische Gewährsmänner für den Kampf gegen die freie Marktwirtschaft. Kollektivismus und Sozialismus treffen sich bekanntlich an den extremistischen Rändern.

Das bürgerlich-konservative Spektrum sieht zwar beispielsweise die Massenmigration ebenfalls kritisch, wie Höcke auch, argumentiert dabei aber auf der Basis von Recht und Ordnung sowie der Rechtsstaatlichkeit – und nicht auf Basis einer gefürchteten „Zerstörung“ des deutschen Volkes bzw. anderer europäischer Völker. Die soziale Frage adressieren Konservative auf Basis der Selbstverantwortung des Individuums; erst wenn die Fähigkeit zur Selbstverantwortung in Härtefällen nicht mehr gegeben ist, muss der Sozialstaat einspringen. Die Menschen in unserem Land, auch die Arbeiter, müssen nicht vor dem „internationalen Finanzkapital“ geschützt werden. In den meisten Fällen profitieren sie nämlich von ihm.

Dies zeigt beispielhaft, dass die Diskrepanzen zwischen dem ideologischen Sprachspieler Höcke und dem bürgerlich-konservativen Lager sehr groß sind. Damit die AfD wie von Gauland behauptet als „bürgerliche“ Partei gesehen werden kann, muss Höcke seine Ansichten entweder größtenteils revidieren oder die Partei verlassen.

Mein Fazit steht fest: Höcke nutzt einschlägige Schlagworte und Denkfiguren, die in Reden und Publikationen sowohl des historischen Nationalsozialismus als auch des zeitgenössischen Rechtsextremismus zu finden sind. Daher ist sein Aufstieg in der AfD mehr als bedenklich.

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Der Beitrag erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors. Er ist zuerst im Magazin „TAXIS“ erschienen.