(David Berger) Genau zehn Jahre ist es her, dass ich mir auf Facebook ein Profil zugelegt habe. Zuletzt hatte das Profil ca. 20.000 Follower und 5000 „Freundschaftsverlinkungen“. Nun habe ich es gelöscht.

Die ersten geposteten Bilder aus dem Jahr 2009 zeigen mich mit Nico, unserem Hund. Die Zahl der „Freunde“ war auch nach einem halben Jahr überschaubar – auch deshalb, weil viele damals einfach noch kein Profil in dem sozialen Netzwerk hatten.

Und doch führte das Facebookprofil im April 2010 zu dem ersten „Skandal“: Ich hatte eine Seite der Kölner „Gay-Games“ geliked, was aufmerksame Schnüffler sofort entdeckten und an die Hetzseite kreuz.net weitermeldeten, die daraus einen Skandal machte, der schließlich kurz darauf zu meinem öffentlichen Outing in der „Frankfurter Rundschau“, zu dem Bestseller „Der heilige Schein“ und schließlich zu einer eher fragwürdigen „Karriere“ in der Homoszene führte.

Als man dort bemerkte, dass ich auch nach meinem Outing und meiner Kritik an dem Umgang der katholischen Kirche mit homosexuellen Priestern zu keinem Schoßhündchen links-grüner Kreise wurde, ja vielmehr meine Kritik auf die Verfolgung Homosexueller durch den real existierenden Islam ausweitete, begannen auch auf Facebook die Kampagnen linksgrüner Kreise gegen mich zuzunehmen.

Da sie nur beschränkt erfolgreich waren, ging man dann den linkischen Weg über permanente Profilmeldungen meinen Account zum Schweigen zu bringen. Mit Erfolg. Als ich kurz nach dem Massaker von Orlando wieder gesperrt wurde, machte dies noch Schlagzeilen von einigen wenigen deutschen Randmedien bis hin zu den großen Medien in den USA und Israel.

Wie aus der Oase der Freiheit ein faschistoides Reich der Willkür wurde

Dennoch war Facebook in den Anfangsjahren – ähnlich wie das Internet – noch eine Oase der Freiheit. Und daher den Mächtigen ein Dorn im Auge. Unter fadenscheinigen Argumenten (Kampf gegen Kinderpornographie, Terrorismus usw.), die aber bei der Mehrheit der Bevölkerung wirkten, schränkte man auf der einen Seite diese Freiheiten zunehmend ein, nutze das Internet aber gleichzeitig, um den Hauptfeind der Mächtigen, das Volk, besser aushören zu können. Auch das mit Erfolg.

Auch das Interesse der Öffentlichkeit an Facebook- Sperrungen, Shadowbans etc. schwand mit jeder neuen restriktiven Maßnahme. Stattdessen entdeckten erste Rechtsanwälte den Ärger über solche Sperrungen als Marktlücke und konnten seither über zumeist völlig unsinnige juristische Maßnahmen und Prozesse gegen Facebook ihren Geldbeutel in unvorstellbarer Weise auffüllen. Was hier hinter den Kulissen der „patriotischen Kultur“ lief und derzeit langsam durchsickert, spottet jeder Beschreibung. Obwohl immer wieder dazu aufgefordert, weigerte ich mich deshalb von Anfang an weder das eigene (nicht vorhandene) Geld dafür auszugeben noch um Spendengelder dafür zu betteln.

Statt der immer mehr überhand nehmenden, häufig von Willkür, aber auch von einseitiger ideologischer Ausrichtung geprägten Zensur bei Facebook etwas entgegenzusetzen, sah das System Merkel mit Heiko Maas als typischem Vertreter, seine Stunde gekommen, mit dem Netzdurchsetzungsgesetz die sozialen Netzwerke geradezu zu einer weitergehenden Zensur zu zwingen. Seither kann das Recht auf Meinungsfreiheit in Deutschland praktisch als suspendiert gelten. Auf Interesse oder Protest freilich stieß dies kaum. In Zeiten immer stärker steigender Ideologisierung stirbt die Freiheit immer zuerst. Sowohl auf der rechten wie der linken Seite ist man nur bereit sie zu verteidigen, wenn es um die eigene Freiheit geht. Eine schlimmere Perversion des Meinungsfreiheitsverständnisses ist kaum vorstellbar, wird aber die Atmosphäre der nächsten Jahrzehnte in Deutschland bestimmen – egal, ob sich nun die rechten Scharfmacher durchsetzen oder die linksgrüne bzw. dann islamgrüne „Diktatur“ ihre Macht weiter ausbaut.

Auch „Rechte“ und AfD-Fans schätzen die Meinungsfreiheit nur so lange sie für die eigene Meinung gilt

Das wurde mir endgültig bei meiner letzten Facebooksperrung deutlich, die wegen eines Posts erfolgte, der Kritik an dem Antisemitismus einiger Vordenker der rechtsradikalen „Identitären Bewegung“ übte. Man hatte sich in Neonazi-Kreisen zusammengetan um den Post einfach so oft zu melden, dass die Sperre automatisch eintritt, die Widerspruchsfunktion hatte Facebook für mein Profil bereits ein Jahr zuvor deaktiviert, „Correctiv“ dafür gesorgt, dass die Reichweite meines Profils bereits damals extrem eingeschränkt war.

Das Desinteresse bzw. sogar Verständnis für diese Zensurmaßnahme war auf einmal bei denen groß, die sich zuvor noch über Jahre bei jeder Zensurmaßnahme gegen die eigenen Positionen als die großen Verteidiger der Meinungsfreiheit gerierten.

Überhaupt scheint Facebook bezüglich antisemitischer Hassposts nahezu blind zu sein – egal ob sie nun aus islamistischen oder links- bzw. rechtsextremistischen Kreisen kommen. Was sich da in mancher Facebookgruppe abspielt, spottet jeder Beschreibung.

Wurde der Boden für Halle auch auf Facebook mit vorbereitet?

Zugleich bemerkte ich an mir selbst, wie schwer es in Zeiten der Ideologisierung fällt, weiterhin konsequent für die Meinungsfreiheit zu streiten: Gerade wenn man die Kommentare in sozialen Netzwerken, aber auch in den Kommentarforen „alternativer Medien“ liest, wird einem deutlich, wie enorm Hass, Hetze und vor allem auch die damit untrennbare verbundene Dummheit in diesen zehn Jahren, in denen ich ein Facebookprofil hatte, zugenommen haben. Gerade im Zusammenhang mit dem gestrigen Massaker von Halle fragt man sich dann: Inwieweit wurde der ideologische Boden für das, was da geschah, nicht nur in Telegram-Gruppen, sondern auch auf Facebook mit vorbereitet?

Und dann steigt irgendwann schließlich die Frage auf, die man nie fragen wollte und für die man sich als Liberaler sofort wieder schämt: Wie reif sind diese Menschen für die Inanspruchnahme des Grundrechts auf Meinungsfreiheit, v.a. im Internet mit seiner vermeintlichen Anonymität? Ist es vielleicht sogar irgendwo verständlich, dass die Mächtigen die Dummen unter Kontrolle halten wollen, ja vielleicht sogar im Sinne der öffentlichen Ruhe geboten?

Erschreckender Spiegel der Gesellschaft

Kurzum: Facebook, von seinen Usern bis hin zu seinen „Machern“ ist zu einem besonders erschreckenden Spiegel einer Gesellschaft geworden, die mit den Werten der offenen Gesellschaft, von denen sie permanent redet, nun wirklich gar nichts mehr zu tun hat – ganz im Gegenteil. Das Zusteuern auf die Katastrophe, die ich schon vor einigen Jahren in einem telepolis-Artikel als virtuellen Bürgerkrieg bezeichnet habe, hat weiter volle Fahrt aufgenommen.

Eine Situation, in der man sich – um geistig zu überleben und sich nicht auch an der anstehenden großen Katastrophe mitschuldig zu machen – eben am besten in die Innere Emigration zurückzieht. Insofern war die komplette Löschung meines Facebookprofils, das zuletzt ca. 20.000 Follower und 5.000 „Freundschaftsverlinkungen“ hatte, nur konsequent.

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