Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, für wie grotesk fehlbesetzt ich die Position der Berliner Bundesbeauftragten (im Rang eines Staatssekretärin) mit Sawsan Chebli halte. Diesmal muss ich Madame jedoch ausnahmsweise verteidigen. Ein Gastbeitrag von Daniel Matissek

Der aktuelle Shitstorm, der sich über sie ergießt, weil sie auf einigen Image-Fotos aus dem Jahr 2014 eine Rolex-Uhr für 7300€ trug, halte ich für unerträglich kleinkariert und neidbehaftet. Auch wenn Chebli Sozialdemokratin ist und „von Steuergeldern bezahlt wird“, hat sie selbstverständlich das Recht, sich nach persönlichem Gusto einzukleiden, zu stylen oder Luxusaccessoires zu tragen.

Selbst die Tatsache, dass ihr Brötchengeber ausgerechnet das finanzausgleichgepamperte Pleite-Badland Berlin ist, ändert daran nichts. Man mag es für skandalös halten, dass Chebli Staatssekretärin geworden ist – aber nicht, wofür sie den ihr regulär zustehenden Sold ausgibt.

Auch Sozialdemokraten dürfen dem Konsumismus frönen

Nur zur Erinnerung: Sozialdemokraten stehen spätestens seit dem Godesberger Programm 1959 nicht mehr abseits des bürgerlichen Spektrums, sondern sie bekennen sich zur Marktwirtschaft und dürfen somit auch dem Konsumismus frönen, ohne ihre Überzeugungen zu verraten. Das galt, solange die SPD Volkspartei war und gilt immer noch für die derzeitige Splitterpartei.

Insofern ist die Debatte reine Heuchelei. Wer verlangt, dass Politiker in Sack und Asche darben sollten, propagiert nichts als unterschwelligen Sozialneid. Da finde ich dubiose Figuren das Politparketts aus den Reihen der „Linken“ doch weitaus verlogener, etwa die Kuba-Zigarren rauchende Sahra Wagenknecht und ihr burgeoiser Göttergatte Lafontaine, die ihr saarländisches Luxusanwesen bewohnen, oder der porschefahrende Klaus Ernst. Dass sich Chebli stilvoll kleidet und den Politbetrieb zumindest optisch deutlich aufwertet, braucht man ihr nun wirklich nicht auch noch zum Vorwurf zu machen.

Es gibt bei Chebli ganz andere Angriffsflächen

Da gibt es ganz andere Angriffsflächen. Denn ursächlich für Cheblis Karriere waren drei affektive Strömungen, die ansonsten just von den Vertretern ihres Spektrums so vehement bekämpft werden: Sexismus, ethnisches Profiling und Parteienfilz.

Wäre Chebli weniger attraktiv, wäre sie nicht die Tochter palästinensischer Einwanderer und hätte sie kein SPD-Parteibuch, dann wäre sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht bereits als Mittdreißigerin zu solchen politischen Höhen aufgestiegen.

Dass sie selbst ebenso wie einige ihrer elf Geschwister aktiv als bekennende Muslime in Erscheinung traten – ihr dieses Jahr verstorbener ältester Bruder war Imam – und dass ihr Vater bis zu seinem Tod kein Deutsch konnte, obwohl er seit 1970 hier lebte, lassen westliches Auftreten und Werdegang der studierten Politikwissenschaftlerin zwar umso außergewöhnlicher erscheinen – doch unüberlegte, dämliche Posts über Integration, im Zuge der „metoo“-Kampagne oder zu bestimmten Ansichten „der Deutschen“ warfen, ebenso wie ihre Verteidigung der Scharia, grundsätzliche Zweifel an ihrer Eignung für höhere Staatsämter auf.

Die Frau fürs Fremdschämen

Ihre jüngste peinliche Verwechslung der Amtsbezeichnungen von Bundes-, Bundesrats- und Bundestagspräsident war mehr als ein protokollarischer Lapsus, er war zum Fremdschämen.

Dies alles sind Aspekte, die eine kritische Beurteilung Sawsan Cheblis nahelegen; aber nicht, welche Uhr sie trägt.

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