(Kopekenstudent) Der Osten, insbesondere Sachsen, ist gegen die zeitgeistlich-politischen Strömungen deutlich renitenter, als der Westen. Erklärend wird hierfür meist die DDR-Erfahrung herangezogen. Es gibt jedoch tiefere und weiter zurückliegende Gründe.

Da Sachsen bevölkerungsmäßig, kulturell und wirtschaftlich das stärkste der sogenannten fünf neuen Länder ist, werden hier Sachsen und Ostdeutschland teilweise synonym füreinander verwendet, obwohl die Mentalitätsunterschiede zwischen Erzgebirge und der Ostseeküste doch erheblich sind. Beim historisch jüngsten beginnend und dann zurückgehend wären dies:

1.) ostdeutsche Verlusterfahrungen

Der Osten, heißt es, habe den Zweiten Weltkrieg drei mal verloren. Das erste Mal mit der Kapitulation der Wehrmacht, mit Vertreibung und dem Verlust der Ostgebiete Pommern, Schlesien und Ostpreußen. Mitteldeutschland wurde der neue „Osten“, während sich der Blick ins nach Westen verschobene Polen in den gewaltigsten Gebietsverlust der deutschen Geschichte richtete: 114.000 qkm mit einer Bevölkerung von 10 Millionen Menschen, die daraus vertrieben wurden, wobei Millionen von ihnen das Leben verloren. Das Dörfchen, in dem man aufgewachsen war, blieb hinter der neuen Grenze ein auf immer abgetrennter Sehnsuchtsort.

Aus der Traumaforschung weiß man, dass sich solche Einschnitte über Generationen weiter vererben. Von Westen aus gesehen war dies alles nicht nur geografisch, sondern auch emotional weiter weg.

Ein anderes, nie entsprechend gewürdigtes Trauma Sachsens war das wahrscheinlich größte singuläre Kriegsverbrechen aller Zeiten. Zwei Tage lang wurde Dresden mit Napalm (1) und anderem bombardiert. Dem Angriff fielen gezählte 260.000 Menschen zum Opfer (Zählung der Royal Air Force und der US Army). Es könnten doppelt so viele gewesen sein und damit etwa drei mal so viele, wie bei den beiden Atombombenabwüfen auf Hiroshima und Nagasaki, da sich etwa 1.2 Millionen Menschen in der Stadt aufhielten (600.000 Einwohner und 600.000 Flüchtlinge aus Breslau und Umgebung), von denen viele bei 1.600 Grad Celsius so vollständig, wie Winston Churchill es nannte, „gebraten wurden“, dass die Rückstände nicht mehr als menschlich zu identifizieren waren.

Wie die Opferzahl Dresdens von Linksideologen herunter gerechnet wurde

Erst unter dem Druck einer linkspolitischen Neubewertung der Geschichte wurden die Opferzahlen nach und nach auf die heute offiziellen 25.000 herunter gerechnet. Niemals zuvor wurden in einem Krieg an nur zwei Tagen eine viertel bis eine halbe Million Menschen einfach so dahingeschlachtet. Das Wort „Holocaust“ bedeutet „vollständige Verbrennung“ bzw. „vollständiges Brandopfer“. Wenn dies je auf ein singuläres Verbrechen zutraf, dann auf die Bombardierung Dresdens.

Das zweite Mal verlor der Osten den Krieg durch die Reparationsleistungen an die UdSSR. Anfang des 20. Jahrhunderts war Sachsen nicht nur das mit Abstand am dichtesten besiedelte deutsche Flächenland, sondern neben Berlin auch das wirtschaftliche Kerngebiet des Deutschen Reiches mit der größten Industriedichte. Der alte sächsische Spruch, „in Chemnitz wird das Geld verdient, in Leipzig wird es vermehrt und in Dresden wird es ausgegeben“ zeigt, dass Chemnitz (und Westsachsen) nicht erst seit der Industrialisierung der wichtigste sächsische Technologie- und Produktionsstandort war.

Das änderte sich nach 1945. Laut Beschluss der Konferenz von Jalta sollte sich jede Siegermacht aus ihrer Besatzungszone an Reparationsleistungen bedienen. Da die Sowjetunion die meisten Kriegsschäden verzeichnete, traf es die SBZ und da wiederum Sachsen am härtesten. 2000 bis 3000 Betriebe wurden im Osten in den Jahren 1945/46 demontiert und in die UdSSR verbracht.

Weswegen viele Firmen in schnell die Westzonen wechselten. Der wirtschaftliche Erfolg des Westens fußt also auch auf der Verlagerung der Industrie von Ost nach West. Zudem war im Westen der Anteil der demontierten Betriebe vergleichsweise gering. Die Westalliierten verfolgten andere wirtschaftliche Ziele. In allen drei westlichen Besatzungszonen wurden zusammen lediglich 686 Betriebe demontiert. (2)

Reparationszahlen waren für den Osten verheerend

Die Reparationsfolgen waren für den Osten verheerender, als die direkten Kriegszerstörungen, die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen somit wesentlich ungünstiger, als im kreditgestützten Westen. Bis zuletzt musste die DDR-Wirtschaft für die Sowjetunion mitproduzieren. Als die Reparationen 1953 offiziell für beendet erklärt wurden, hatte die DDR Wiedergutmachungen in Höhe von 99.1 Milliarden D-Mark (zu damaligem Wert) erbracht, die BRD lediglich 2.1 Milliarden. Damit trug die DDR rund 98 Prozent der Gesamtlast aller Reparationsleistungen, oder umgerechnet etwa das 130-fache pro Einwohner. (3)

Das dritte Mal verlor der Osten „den Krieg“ nach der Wende, als das gesamte Staatsgebiet der DDR plötzlich Spekulationsobjekt des Westens wurde. Trotz schlechterer Ausgangsbedingungen gelang es der DDR, wieder eine einigermaßen funktionierende Industrie aufzubauen. Funktionierend insofern, als bis zuletzt alle Löhne gezahlt und alle Rechnungen beglichen werden konnten. Wobei sich einige Firmen auf international höchstem Niveau bewegten und der Westen auch damals schon gerne viele Produkte im Osten einkaufte.

So kamen beispielsweise maschinengewebte Wollteppiche meist aus der Halbmond-Fabrik im vogtländischen Oelsnitz, wurden nach Fertigstellung kurz in den Nahen Osten exportiert, um von dort als „original Orientteppiche“ wieder in die BRD re-importiert zu werden.

Zwar erreichte die DDR-Wirtschaft niemals auch nur annähernd das Niveau des Westens. Allerdings blieb der Abstand in der Wirtschaftsleistung beider deutscher Staaten in den letzten 25 Jahren bis zur Wende durchweg konstant. Das bedeutet, dass die BRD-Wirtschaftsleitung zwar enorm wuchs, jene der DDR aber eben auch. Bis 1980 um durchschnittlich 4 Prozent, im letzten Jahrzehnt um durchschnittlich 2.3 Prozent (3). Von Stillstand oder gar einem „bankrotten“ Staat konnte also keine Rede sein. Das Narrativ vom wertlosen Osten ist in Wahrheit eine propagandistische Lüge der Westeliten, die es den Ostdeutschen leichter machen sollte, den neuerlichen Verlust hinzunehmen. Nach dem Motto, was ist schon der Verlust von etwas Wertlosem?

DDR war alles andere als „wertlos“

In seinem Klassiker „Was war die DDR wert“ rechnet der Ökonom Siegfried Wenzel nach, dass die DDR alles andere als wertlos war. Den Grundmittelbestand listet er mit umgerechnet ca. 600 Mrd DM im Jahre 1990. Dazu kam ein Kapitalstock von umgerechnet etwa 450 Mrd DM. Hinzu kamen Eigentumskomplexe, die außerhalb der Treuhand verwaltet wurden, bspw. der gesamte militärische Bereich (Ausrüstung und Liegenschaften), die Wenzel mit rund 200 Mrd DM beziffert. In all dem noch nicht enthalten ist der Wert an Grund und Boden (108.000 qkm Landfläche) und an immateriellen Gütern, Kunst- und Kulturschätzen.

Somit betrug allein der ökonomische Wert der DDR deutlich über eine Billion DM, war jedoch nach offizieller (West)-Darstellung nicht mehr, als ein riesengroßer Schuldenberg, der fast vollständig (und erstaunlich zügig für etwas offiziell Wertloses) in westlichen Besitz wanderte. So dass die Ostdeutschen quasi über Nacht alles, was sie zuvor in Jahrzehnten harter Arbeit aufgebaut hatten, wieder verloren. Der Westen indes bekam nicht nur die materiellen Werte, sondern zudem Millionen neue Kreditnehmer, die von einem Tag auf den anderen „zu Marktbedingungen“ ihr Dasein erwirtschaften mussten.

Seit diesem Bruch fungiert Ostdeutschland in weiten Teilen als verlängerte Werkbank, oder wie Siegfried Wenzel es nennt, „Filialwirtschaft“ des Westens. Bis heute ist der Osten im Vergleich zum Westen Niedriglohngebiet. Bis heute sind die Ostfilialen die am schwächsten aufgestellten und diejenigen, an denen zuerst der Rotstift angesetzt wird. Nicht, weil die Menschen im Osten weniger arbeitsam wären. Sondern weil den Ostdeutschen schlicht die Möglichkeiten fehlen, für ihre eigenen Belange regulierend einzugreifen.

Die Nachwendezeit und das Trauma des Ostens

Die Nachwendezeit ist deshalb in Wahrheit eine der größten Vermögensumschichtungen und Enteignungen der deutschen Geschichte – ein Trauma, das im Osten bis heute nachwirkt, von der westlichen Bevölkerungsmehrheit jedoch noch nicht einmal ansatzweise registriert wird. Statt dessen schlug man den Ostdeutschen von Beginn an mit dem respektlosen und demütigenden „Jammerossi“ (ähnlich dem gerade gebräuchlichen „Mimimi“) ins Gesicht und wischte sämtliche berechtigten Vorwürfe aus dem Osten einfach weg.

Was, wie auch die erwähnte Lüge von der wertlosen DDR, in zahlreichen Westhirnen Teil des Nährbodens wurde, in dem bis heute jene unglaubliche Verachtung und Ablehnung der östlichen Landsleute gedeiht.

Diese mehrfache Verlusterfahrung und Demütigung macht die Menschen im Osten wachsamer für gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Umso mehr, wenn Veränderungen, wie aktuell durch die illegale Massenzuwanderung absehbar, in Verteilungskämpfe um das im Osten ohnehin schon kleine Kuchenstückchen münden werden. Es gibt im Osten schlicht nichts mehr zu verteilen, weil alles schon mehrfach verteilt worden ist. Und zwar immer an jene, die nicht aus dem Osten kamen.

2.) ostdeutscher Sozialismus / westdeutscher Kulturmarxismus

Deutschland wurde vom Marxismus schwer in Mitleidenschaft gezogen. Während allerdings im Osten 40 Jahre lang an einem unverstellten Hau-Ruck-Marxismus – der „real existierende Sozialismus“ – laboriert wurde, schien der Westen als kapitalistisches Wunderland davon zunächst verschont zu bleiben. Die Injektion erfolgte im Westen mit dem 68er Kulturmarxismus. Westdeutschland blieb zwar weiterhin offiziell kapitalistisch.

Das tückische und zersetzende Gift der Frankfurter Schule indes wirkte, wie man heute sieht, weit „nachhaltiger“ als das des verhältnismäßig plumpen Ost-Sozialismus.

Beide Versionen des Marxismus werden heute exemplarisch von je einer Partei repräsentiert. Die Partei des proletarischen Ost-Sozialismus war die SED und ist heute Die Linke. Die des westlichen Kulturmarxismus sind Die Grünen. Die Linke ist im Osten stark, die Grünen sind es im Westen. Die Linke verhehlte ihre gesellschaftlichen Ziele nie: Etablierung eines modernen Kommunismus.

So war sie schon in der DDR und blieb es bis heute eine berechenbare Größe, die nie stark genug war, das kulturelle Selbstverständnis der Gesamtbevölkerung zu verwandeln. Dem Sein, welches laut Marx das Bewusstsein bestimmen sollte, mangelte es im Kommunismus immer an Attraktivität. Besonders da, wo es sich mit dem Westen verglich.

Die „Grünen“ tarnten ihre Kulturzersetzung mit dem Begriff „Selbstverwirklichung“

Ganz anders der Kulturmarxismus. Er konnte im wirtschaftlich erfolgreichen Westen lange aus dem Vollen schöpfen. Die Grünen tarnten ihre Absicht der Kulturzersetzung mit moralischem Exzeptionalismus, mit Begriffen wie „Freiheit“ und „Selbstverwirklichung“. Sie hausierten mit psychologischen Verdrehungen, postchristlicher Erbsündenlehre und apokalyptischen Szenarien, wodurch ihre Dogmen eine teils magisch-religiöse Saugkraft entfalteten, die nach und nach das Denken großer Teile der westdeutschen Bevölkerung versklavte.

Mit seinen Leitbildern Frau (contra Mann), Natur (contra Technologie) und Minderheiten (contra Mehrheit) spaltete der Kulturmarxismus das Land in nie gekannter Weise. Seiner Akzeptanz von allem und jedem anstatt (v.a. konservativ-moralischer) Grenzsetzungen, seiner Brachialsexualisierung, seinem Hedonismus, seinem Islam-Gehype bei gleichzeitiger Christentumsverachtung und seinem permanent-hysterischen Nazigeschrei ist mindestens ein Drittel der Bevölkerung völlig verfallen.

Insofern war es beinahe ein Glück der Geschichte, dass Ostdeutschland mit der geistig und materiell ärmeren Version des Marxismus konfrontiert war. Sich von seiner Rationalität zu lösen fiel leicht, sobald man das Offenkundig-Faktische, nämlich das Scheitern des Paradieses, anerkannte.

DDR machte mit ausländischen Straftätern kurzen Prozess

Der Westmarxismus hingegen ist weitaus emotionaler und darum irrationaler. Weshalb ihm, obwohl beide Ausprägungen fanatisch in ihren Extremen sind, wesentlich schwerer mit Argumenten beizukommen ist. Seine Anhänger sind für Logik über weite Strecken nicht mehr erreichbar; es sind Menschen, für die, wollte man sie aus jener geistigen Umnachtung herausholen, zunächst einmal so etwas wie ein säkularer Exorzismus nötig wäre.

Mit ausländischen Straftätern beispielsweise machte die DDR kurzen Prozess; auf ein knallhartes Urteil folgte die umgehende Abschiebung. Die gegenwärtige BRD leugnet dagegen schlicht die Existenz eines solchen Problems.

Diese unreflektierte, westliche Irrationalität, die im Osten vielfach als Arroganz aufgefasst wird (und es auch ist), spiegelt sich sowohl im Verhalten der Eliten (Wirtschafts-, Medieneliten und die Bundesregierung bestehen fast ausschließlich aus Westdeutschen) als auch dem der einfachen Menschen gegenüber dem Osten, speziell gegenüber Sachsen. Dagegen findet sich die auch in der DDR nicht verloren gegangene Rationalität exemplarisch im Verhalten der Sachsen.

3.) Nicht-Russifizierung im Osten, vollzogene Amerikanisierung im Westen

Die Fähigkeit, kulturell prägend zu wirken, setzt wirtschaftliche Stärke voraus. Nach dem Zweiten Weltkrieg besaß diese allein die USA. Deshalb konnte der Westen amerikanisiert werden. Ihm wurde ab 1949 mit der Kopplung an das US-dominierte Wirtschafts- und Finanzsystem, durch NATO-Einbindung, Reeducation und Kulturmarxismus nicht nur das hitlerdeutsche Weltbild, sondern nach und nach auch die deutsche Identität ausgetrieben – was übrigens erklärtes Ziel der Reeducation war. Der „American Way of Life“ besaß eine derartig hohe Attraktivität, dass die Westdeutschen den Deal der Amerikanisierung letztlich akzeptierten, weil das, was sie dafür bekamen, durchaus nicht von schlechten Eltern war:
einen materiellen Wohlstand, der seinesgleichen suchte und dem Bundesbürger individuelle Freiheiten verlieh, die ihn seine grundsätzliche Unfreiheit vergessen ließ – namentlich die ununterbrochene Besatzung sowie die nie wieder hergestellte Souveränität des Landes.

Quasi als Ausgleich für den allmählichen Verlust der nationalen Identität konzentrierte sich der Deutsche-West in den folgenden Jahrzehnten ganz darauf, sich tugendhaft in technologischer Entwicklung und der Realität zunehmend entrückten, meist links geprägten Gedankenwelten auszuleben.

Im Osten, dem ehemaligen Mitteldeutschland, erschöpfte sich die Umgestaltung durch das kommunistische Sowjetsystem auf der politisch-administrativen Ebene. Die UdSSR war durch den Krieg so geschwächt, dass sie ohne deutsche Reparationsleistungen (siehe erster Punkt) wirtschaftlich nicht überlebt hätte.

Der Osten bleib im Kern, was er zuvor gewesen war: das alte Deutschland

Um die Tiefe des Denkens so zu prägen, dass die „Ost“-Deutschen ihr Deutschsein vergessen würden, erwies sich beides – politischer Zwang und der im Prinzip nicht vorhandene russische Coolness-Faktor – als zu schwach. Der Osten wurde folglich nicht analog zum Westen russifiziert. Wenn aber der Osten nicht russifiziert wurde, dann blieb er im Kern, was er zuvor gewesen war: das alte Deutschland.

Bei Lichte betrachtet war in der DDR also nur das Herrschaftssystem rotlackiert. Unter der Oberfläche konservierte der Osten Mentalitäten, Sitten, Gebräuche und Denkweisen, die sich im 19. Jahrhundert herausbildeten, wie in einem Einweckglas. Nicht einmal die Hitlerjahre hatten die Deutschen diesbezüglich umerziehen können; dazu war die Herrschaft des 3 Reiches, das nicht einmal eine halbe Generation währte, viel zu kurz.

Die DDR blieb somit bis zuletzt der Nachfolger eines wertkonservativen, humanistischen Landstriches: Preußen und Sachsen. Eine bessere Tarnung als den kommunistischen Anstrich konnte es gar nicht geben. So wie im Westen der kapitalistische Überbau perfekt das marxistische Zersetzungswerk tarnte.

Selbstverständlich blieb die deutsche Kultur weder von der Zeit noch vom zwischenzeitlichen DDR-Regime vollständig unberührt. Wie auch eingekochte Erdbeeren keine frischen mehr sind. Aber sie überlebte – im Gegensatz zum Westen – und kann heute, wenn überhaupt irgendwo in der Breite, dann noch in Sachsen, Brandenburg, Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern gefunden werden.

4.) katholischer Westen / protestantischer Osten

Der Westen Deutschlands ist mehrheitlich katholisch, der Osten überwiegend protestantisch. Auf dieser Karte aus dem Jahr 1855 (4) sieht man die historische Verteilung der Konfessionen sehr deutlich.

(c) Unknown author (Meyers Konversations-Lexikon, 4th ed., vol. 4) [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons

Die starken katholischen Regionen Rheinland und Bayern übten auch politisch den größten Einfluss in der alten Bundesrepublik aus. Die katholische Soziallehre bildet die Grundlage des christlichen Menschenbildes der CDU und der sozialen Marktwirtschaft der alten Bundesrepublik. Die SPD wiederum war traditionell gerade dort am stärksten, wo es auch besonders katholisch zuging: in NRW.

Dagegen blieb die DDR – das Kerngebiet Preußens und Sachsens – nach 1945 konfessionell überwiegend evangelisch-lutherisch. Zwei Regionen zeichneten sich im Osten durch eine besonders starke Frömmigkeit aus: Erzgebirge und Vogtland im südlichen Teil Sachsens.

Schon Jahrzehnte bevor Martin Luther auftrat hatten sich verfolgte Anhänger des 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannten böhmischen Predigers Jan Hus über die Kammlagen des Erzgebirges nach Sachsen geflüchtet und in den grenznahen Gebieten angesiedelt. Hus gilt wie die Waldenser als Vorläufer der Reformation. Die letztlich durch Luther angestoßene neue Glaubensfreiheit fiel in Sachsen auf besonders fruchtbaren Boden.

Um die Bedeutung dieser konfessionellen Unterschiede zwischen Ost und West einordnen zu können, richten wir das Augenmerk einen kleinen, kaum beachteten Aspekt: auf das Gewissen.

Die Gottunmittelbarkeit des Menschen im Protestantismus

Der unter katholischem Einfluss stehende Mensch überantwortet sein Gewissen sinnbildlich der Kirche, die die relevanten Fragen für ihn – als „Mittlerin zwischen Gott und den Menschen“ – stellvertretend und dogmatisch vorab klärt. Alle Obrigkeit kommt von Gott, heißt es in der heiligen Schrift. Deshalb ist Kritik an der Obrigkeit Sünde. Oder war es jedenfalls lange Zeit. Weil sich die Katholische Kirche nun ebenfalls zu einer Kirche der „Vielfalt und Toleranz“ wandelt (ein Transformationsprozess, den die Evangelischen Kirche schon hinter sich hat), ändert sich das zwar, doch der jahrhundertelange Einfluss lässt sich nicht so einfach abstreifen.

Im Protestantismus fungierte die Kirche nie als „Mittlerin zwischen Gott und den Menschen“. Sie sollte in erster Linie die Ortsgemeinde versammeln und den gemeinsamen Gottesdienst organisieren. Der einzelne Mensch jedoch war und ist Gott persönlich und unmittelbar selbst verantwortlich und das Gewissen ein Ding, mit dem sich jeder Protestant / Lutheraner ganz für sich allein auseinandersetzen muss.

Deshalb existiert im ehemals tiefprotestantischen Osten, auch wenn dort heute überwiegend Atheisten leben, bis heute ein über Jahrhunderte gewachsenes, scharfes Bewusstsein für Kritik an der Obrigkeit – eine direkte Folge von Martin Luthers „hier stehe ich und kann nicht anders“, sowie seines „allein Gott und die Schrift können über mich richten“. Aktuelles Beispiel eines Mannes, der „da stand“ und aufgrund seines Gewissens nicht anders konnte, ist jener Justizbeamte, der den Haftbefehl gegen Daniel Hilligs Mörder leakte. (*Dazu Anmerkung des Blogmachers am Ende des Artikels)

Der westliche Justizbeamte hätte sich möglicherweise gesagt, es ist zwar sehr unschön, was dort zu lesen ist, und eigentlich müssten die Menschen es erfahren. Ich kann das aber nicht verantworten, denn mit einer eigenmächtigen Handlung würde ich unsere Institution und damit letztlich die Demokratie gefährden. So weh es mir tut – aber mit meinem Gehorsam schütze ich unsere Gesellschaftsordnung. Und das ist die größere Verantwortung.

(Anmerkung: Hier soll keinesfalls Menschen katholischer Prägung das Gewissen abgesprochen werden. Es geht vielmehr um feine Tendenzen, psychologische Prägungen und über Jahrhunderte gewachsene Mentalitätsunterschiede. Diese sind schlicht und ergreifend einfach vorhanden.)

Sachsen, das Herz der Nation

Fassen wir zusammen: größere Wachsamkeit aufgrund mehrfacher, traumatisierender Verlusterfahrungen, eine psychologisch und materiell schwächere Form des Kommunismus die sich der Rationalität nicht grundsätzlich verwehrt, aufgrund nicht erfolgter Russifizierung erhalten gebliebene deutsche Identität sowie eine dem Protestantismus entstammende Gewissensfreiheit, die sich weniger scheut, die Obrigkeit in Frage zu stellen – das alles sind die Zutaten des ostdeutsch-sächsischen Widerspruchsgeistes, den das Merkel-Regime nicht nur hasst, sondern auch fürchtet.

Weil nun der größte denkbare Antagonismus zu Links Rechts ist und Sachsen sich als größter Gegenspieler zum Linksstaat erweist, ist eben Sachsen besonders „rechts“ oder hat, wie man sagt, ein „besonderes Problem mit Rechtsextremismus“. Diese sinnfreien und verlogenen Behauptungen vertieften die deutsche Wunde.

Nach 28-Jahren Teilung und weiteren 28 Jahren „Wiedervereinigung“ wird erst jetzt offenbar, dass sie sich mittlerweile zu einem alles verschlingen wollenden Abgrund ausgewachsen hat, den keiner mehr gefahrlos überqueren kann. Siehe Boris Palmer, siehe Sahra Wagenknecht, die beide schon mit Nazi-Vorwürfen konfrontiert wurden.

Schon zu Wendezeiten war bei den Mächtigen die Angst vor dem Volk im Osten groß

Schon zu Wendezeiten, das soll nicht unerwähnt bleiben, wollten die westdeutschen Eliten schnellstmöglich eine Beruhigung der Lage im Osten, um Verhandlungen mit dem SED-Regime führen zu können. Mit dem Volk wollte man schon damals von westlicher Seite aus nicht kooperieren. Schon damals fürchtete man das eigenmächtige Aufbegehren und zog ihm, trotz anderslautender Bekundungen, in Wahrheit die alte SED-Elite vor. Man kannte sich ja längst aus gegenseitiger Bespitzelung und Geschäftemacherei.

Der damalige Keim der Volksverachtung ist zu einem veritablen Hass geworden und konzentriert sich auf den Osten, besonders auf Sachsen. Hier stehen momentan die Chancen, dass die AfD erstmals einen Ministerpräsidenten stellt, am besten. Obwohl erst nächstens Jahr gewählt wird, muss dies bereits jetzt mit allen unlauteren Mitteln verhindert werden. Das System erkennt, wie ernst die Lage ist. Die Sachsen erkennen es auch. Und reagieren. Im Osten arbeiten die deutschen die Vitalfunktionen noch einigermaßen. Unter diesen ist Sachsen gegenwärtig das Herz der Nation.

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Anmerkung von David Berger: Mein Blick auf die protestantische Lehre von der Gottunmittelbarkeit des Menschen ist ideengeschichtich ein ganz anderer als der des Gastautors. Wie die Geschichte zeigt, öffnete gerade die Abkoppelung des Protestantismus von der röm-katholischen Kirche als zweiter kritischer Machtinstanz neben dem Staat (Investiturstreit) den totalitären Staatsformen Tür und Tor.

Das zeigte sich bereits bei Luthers Einknicken gegenüber den Mächtigen im Bauernkrieg. Aber auch an der fast geschlossenen Gleichschaltung der Protestanten Deutschlands mit dem Nationalsozialismus sowie der starken Kollaboration der evangelischen Kirche mit dem SED-Regime.

So hat der Protestantismus ein ähnliches Problem wie die nicht mit Rom unierten Orthodoxen: Ihre Unabhängigkeit von dem sehr zuverlässigen und weithin stabilen, übernationalen und von wechselnden Staatssystemen und politischen Ideologien „römischen System“ (der unwürdige Auftritt von Papst Franziskus ist ein – wenn auch tragischer – „Fliegenschiss“ in der Kirchengeschichte) bezahlen sie mit einer kompletten politischen Abhängigkeit von den jeweils wechselnden Machthabern und Systemen. Diesen sind sie hilflos ausgeliefert, weil für sie der lutherische Gewissensentscheid keine relevante Instanz darstellt.

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Fußnoten:

(1) http://www.faz.net/aktuell/feu illeton/kunst/fernsehen-es-war -napalm-1212798.html
(2) http://www.kas.de/wf/de/71.663 0/
(3) vgl. Siegfried Wenzel, „Was war die DDR wert“, Verlag „Das Neue Berlin“, Berlin, 2000