Oder: Wie wir der Judenbefreiung vor 72 Jahren bekömmlich gedenken können. Ein Gastbeitrag von Josef Hueber

Als Euphemismus bezeichnet man ein Stilmittel, das etwas beschönigt, anstatt es direkt zu benennen. Die Stilfigur kann bewusst dazu genutzt werden, einen Sachverhalt zu verharmlosen und somit unbedeutender erscheinen zu lassen (http://wortwuchs.net)

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“, hat Thomas Mann den ersten Satz seines fast 1500 Seiten umfassenden Romans Joseph und seine Brüder mit alttestamentlichen Stoff begonnen. Gewiss wollte er nicht den Gedanken zum Ausdruck bringen, der, allem Anschein nach, ein Anliegen unserer fett-finanzierten öffentlich-rechtlichen Medien zu sein scheint:

Sie wollen zwar den Holocaust nicht ignorieren, aber ihn doch sprachlich so zu präsentieren, dass er bekömmlich und nicht allzu schrecklich in den Wohnzimmern vor dem Bildschirm rüberkommt. Nur dann gleitet er, fast nicht wahrnehmbar in den Brunnen der der Vergessenheit hinab. Denn es gilt immer auch, bei aller schwindenden Betroffenheit hinsichtlich des Holocaust, noch ein Fenster für stets aktuelle Kritik an der Politik Israels offen zu halten: Gaza, die unrechtmäßig besetzte Gebiete Judäa und Samaria, die Militäraktionen zur Verteidigung gegen Hamas-Rakten und so weiter. Das alles, Holocaust hin oder her, ist gleich zweimal nicht okay.

Ganz im Dienste dieses Ideologie-Reservats ist die Holocaust-Berichterstattung in der „Tagesschau“ v. 15.4.2018. Anlass: 73 Jahre sind es her, dass das KZ Bergen-Belsen befreit wurde. Für alle, die es nicht wissen sollten, lässt uns der eng-tailliert gekleidete Heute-im-Studio-Redakteur Thorsten Schröder, der ja nicht bloß Vorleser ohne Verantwortung für die abgelesenen Texte ist, wissen, dass zur besagten Zeit 52 000 Menschen „zu Tode kamen“. War, so die Formulierung nahelegend, die systematische, bestialische Entmenschlichung der jüdischen Fast-Kadaver auf zwei Beinen mit finalem Körperschuss oder Vergasung oder was auch immer den Killer-Ariern einfiel, eine Art Naturereignis wie ein Vulkanausbruch in Pompeij, ein Erdrutsch oder ein Kometeneinschlag?

In Konzentrationslagern, mit Verlaub, Herr Dschournalist, gab es niemanden, der „zu Tode kam“, sondern nur die kurz vor der Hinrichtung stehenden Menschenwracks – ein Besuch in Israels Museum Yad Vashem sei empfohlen. Sie alle wurden schlicht und einfach brutal-bestialisch „ermordet“. Unter diesen (im Vergleich zu heute in Deutschland schlechter Behandelten als Tiere bis hin zur Stubenfliege) befand sich, so die Tagesschau-Faktenjäger, auch Anne Frank, die „wenige Wochen vor der Befreiung durch britische Soldaten „starb“. Sie war, hört hört!, „eines von mehreren tausend Kindern, die vor der Befreiung in Bergen-Belsen „gefangen gehalten“ wurden.

Die Berichterstattung über die aktuelle Ausstellung anlässlich der Befreiung von Bergen-Belsen, so erfahren wir, gibt weitere Auskunft durch 20 Überlebende, die eigens angereist waren. Einige von ihnen „kamen“ damals ohne Eltern in das KZ.

Eine 76-Jährige, damals 3-jährig, erinnert sich. Sie „kam“ mit 3 Jahren ohne Eltern dort an. Sie hält in die Kamera eine von ihr heute als hässlich bezeichnete Puppe, die ihr damals „Geborgenheit“ gab. Die Kommentatorin des Filmberichts lässt uns wissen, dass die Besucher der Ausstellung „berührt“ seien, obwohl das Material „bewusst nüchtern präsentiert wird.“

„Nüchtern“, so weiß man, hat man damals auch Listen über die Ermordeten geführt. Inwiefern ein derartiges Thema nüchtern dargestellt werden sollte, bleibt ein Geheimnis.

Wenn unsere Staatsrepräsentanten, egal auf welcher Ebene, bei einer Gedenkfeier für gute, d.h. tote Juden wieder einmal von der Pflicht salbadern, angesichts des Holocaust aus Verantwortung nicht zu vergessen (unter gleichzeitigem Ignorieren des gegenwärtig pilzartig aus dem Boden schießenden Antisemitismus), dann mögen sie sich doch bitte an die Verneigung eines deutschen Bundespräsidenten vor dem Grab eines im Westen nicht selten gewürdigten Judenhassers beschämt erinnern.

Und die anwesenden Journalisten mögen sie dann wissen lassen, dass der erste Schritt zu einem glaubhaften Bekenntnis zum Schutz der Nachfahren ermordeter Juden eine authentische, d.h. die Sache offen legende Sprache in ihren feierlichen Reden gehört.

Von der Tagesschau können sie dabei ex negativo lernen.

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