(David Berger) Am vergangenen Sonntag habe ich hier beschrieben, inwiefern die Aktualität des mittelalterlichen Denkers Thomas von Aquin heute gerade darin besteht, dass er als Antipode des Zeitgeistes dienen kann. Die soll nun etwas konkreter an einigen beispielen aufgezeigt werden.

In jenem Teil von „Fides et ratio“, in die „bleibende Neuheit“ des Aquinaten näher charakterisiert wird, steht ein Gedanke ganz zentral im Mittelpunkt: Die Rolle des Thomas als „einzigartigem Liebhaber der Wahrheit“: Thomas besaß „zweifellos in höchstem Maße den Mut zur Wahrheit. Er darf mit Recht „Apostel der Wahrheit“ genannt werden“ (nr. 43-44).

Der Papst hatte hier ganz offensichtlich auch das geforderte Konzept der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Blick, die Diasatase die das heute allgemein anzutreffende Verhältnis zur Erkenntnis der Wahrheit vom Wahrheitsbegriff des Thomas trennt.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein Wort des französischen Denkers Alain Finkielkraut:

„Wenn der moderne Geist ein Sakrileg oder eine Blasphemie begangen hat, dann ist es die Arroganz gegenüber der Wirklichkeit.“

Kardinal Ratzinger hat die seltsam paradoxe Grund­haltung, in die sich diese Arroganz auffaltet, exakt beschrieben:

„Dem tiefer Blickenden wird in dieser modernen Grundhaltung eine falsche Demut und ein falscher Hochmut zugleich sichtbar: die falsche Demut, die dem Menschen die Wahrheitsfähigkeit abspricht, und der falsche Hochmut, mit dem er sich über die Dinge, über die Wahrheit selber stellt …“

fra angelico vorschauDie Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit des Aquinaten durchbricht diese Arroganz gegenüber der Wirklichkeit deutlich. Die mutige, absolute, uneingeschränkte und vorurteilsfreie Liebe zur Wahrheit kann als die Grundhaltung des Thomas schlechthin bezeichnet werden. Dies zeigt sich schon äußerlich auf rein quantitativer Ebene: Mit Hilfe der elektro­ni­schen Datenverarbeitung („Index Thomisticus“) kann man problemlos ersehen, dass im gesamten Werk des Thomas das Wort „veritas“, Wahrheit, allein mehr als 10’000 mal vorkommt.

Nach der Wahrheit verlangen, wie Thomas an zahlreichen Stellen seines Werkes immer wieder betont – und hier zeigt er sich völlig immun gegen jeden Prag­ma­tismus – alle Menschen unabhängig von dem greifbaren Nutzen, der aus ihrer Erkenntnis erfließt.

Denn von Natur ist es dem Menschen eigen, nach der Er­kennt­nis der Wahrheit zu streben. Das eigentliche Gut des Menschen liegt darin, dass seine Vernunft in der Erkenntnis der Wahrheit vollendet wird (De virt. q.9).

Das heißt, nicht die Frage: „Was bringt es mir?“, sondern jene: „Was ist wahr?“, ist ausschlaggebend.

In den Bereich der (Kirchen)Politik übersetzt würde dies bedeuten: Das Kriterium der Wahrheit steht über dem kontingenten Kriterium der Diplomatie.

Wir erlauben uns hier kein Urteil über die Vergangenheit der Kirche, glauben aber sagen zu können, dass ein stärkeres Ernstnehmen dieser thomistischen Gewichtung manches drohende Unheil in der Zukunft wird abhalten können. Damit hängt auch ein Punkt zusammen, auf den Otto H. Pesch aufmerksam gemacht hat: Nicht die Furcht um das persönliche Heil, wie bei Martin Luther, sondern die Sorge um die Wahrheit und die Verachtung des Irrtums prägen den Tho­mis­­mus.

„Die größte Wohltat, die man einem Menschen erwiesen kann, besteht darin, dass man ihn vom Irrtum zur Wahrheit führt“

…schreibt Thomas in seinem Kommentar über des Pseudo-Dionysius Areopagita „De divinis nominibus“ (13,4). Diese absolute Ergebenheit in die von uns zunächst unabhängige Wahrheit zeigt sich auch in einem der wichtigsten Charakterzüge des Aquinaten: Wenn es darum geht, die allzu leichte und leider allzu oft sehr erfolgreiche Verfälschung der Wahrheit aufzudecken und zu brandmarken, kennt Thomas keinen Kompromiss und keinen Irenismus. Pieper erwähnt als die seines Erachtens wichtigsten Charakterzüge des Aquinaten die

„Sorge, nur ja nicht, um irgendeiner vordergründigen Stimmigkeit, irgendetwas auszu­lassen oder zuzudecken, das zum Totum der Wirklichkeit und Wahrheit gehört und die Bereitschaft, Konflikte unter Verzicht auf vorschnelle Harmonisierungen durchzu­stehen.“

Thomas von Aquin und der interreligiöse Dialog

Entsprechend streng ist Thomas dann auch bei den Grundsätzen, die er für einen Dialog mit „Ungläubigen“ aufstellt und auf deren Aktualität Leo Elders erst vor kurzem in einem Vortrag vor der Päpstlichen Akademie des hl. Thomas im Vatikan hingewiesen hat: Eine genaue Kenntnis der jeweiligen Positionen sowie ein gesunder Respekt der Gesprächspartner voreinander sind selbstverständliche Voraussetzungen.

thomas von aquinEbenso selbstverständlich muss der katholische Gesprächspartner aber auch darauf bedacht sein, die katholische Lehre in ihrer Ganzheit und ohne jede Abstriche darzustellen.

Alles andere wäre eine schwere Sünde (II-II q.10 a.7); auch nur der leiseste Eindruck einer Gemeinschaft muss dort vermieden werden, wo in Wirklichkeit eine solche nicht existiert. Grundsätzlich ist bei einem Dialog mit den Ungläubigen immer die Gefahr zu bedenken, von ihnen „angesteckt“ zu werden oder bei Unkundigen einen falschen Eindruck zu erwecken, der die Häretiker in ihren Augen entschuldigen würde (Quodl. X q.9 a.1).

Der Dialog darf nie Selbstzweck sein, sondern muss stets ganz im Dienste der Wahrheit stehen.

Sie bei den nichtchristlichen Religionen zu suchen, die Thomas äußerst negativ einschätzt, ist ein naives und gefährliches Unterfangen (In Eph 4,6): „Der heute weit verbreitete religiöse Pluralismus ist sehr weit vom Denken des Thomas entfernt.“ (Leo Elders).

Der große Realismus des Aquinaten weiß natürlich, wie bereits angedeutet, um die Tatsache, dass die Wahrheit für manche auch einen Skandal darstellt und einige deswegen gegen sie rebellieren. Doch vor einem solchen Skandal dürfen sich die Liebhaber der Wahrheit nicht fürchten.

Wenn es um die Wahrheit geht, kann dann der edle und ausgeglichene Geist, welcher der hl. Thomas war, gegen die, die diese Wahrheit entstellen, sogar äußerst polemisch werden.

– Freilich immer in der Überzeugung, dass die Wahrheit auf keine Weise besser offen­kundig wird, als im Widerstand gegen jene, die ihr widersprechen; und immer zugleich darauf vertrauend, dass die Wahrheit eine geradezu überwältigende Macht ausübt. In seinem Kommentar zum Buch Job (13,19) schreibt der engelgleiche Lehrer:

„Man muss in Betracht ziehen, dass die Wahrheit durch die Verschiedenheit der Personen nicht verändert wird. Wenn daher jemand etwas Wahres sagt, kann er nicht besiegt werden, mit wem auch immer er disputiert.“

Es ist leicht einzusehen, dass dieser Satz nicht nur der Todesstoß für jeden Historizismus ist, der mit der These einer Geschichtlichkeit der Wahrheit auch in der Theologie hausieren geht. Sondern auch, dass dieses Wort eine großartige Ermutigung für die Christen von heute ist, die in vielen Ländern zunehmend von dem Hauptstrom der Gesellschaft ins Abseits und die zahlenmäßige Bedeutungslosigkeit gedrängt werden.

Aber auch für die Menschen, die sich heute erlauben am System Merkel Kritik zu üben un deshalb von vielen Medien und Politikern als Untermenschen verachtet werden, ist dies ein Trost.

Nichts wäre dem Denken des Thomas aber mehr entgegengesetzt als sich in rechthaberischer Weise als Besitzer der Wahrheit zu fühlen und zu benehmen. Nicht wir besitzen die Wahrheit, sondern sie besitzt uns. Wir können Sie stets nur demütig als Geschenk annehmen und ihr fortan in Be­schei­denheit dienen. Denn: Alle Wahrheiten haben in Gott als der Wahrheit schlechthin ihre Quelle: „Multae sunt veritates ex una veritate.“ (In Ioan c.1 lect.1) Während dem ewigen und un­ver­änderlichen göttlichen Verstand der absolute Primat des Maßgebens zukommt, ohne dass dieser irgendwie oder von irgendwem gemessen würde, gilt für den menschlichen Verstand, dass er gerade nicht aus sich messend ist, sondern gemes­sen wird während das Erkenntnisding zwischen Gott und Mensch stehend gegenüber der Erkenntnis des Menschen mes­send sein kann, weil ihm zuvor schon sein Maß im Er­kennen Gottes zu­teil wurde.

Anbetung statt „Wortdurchfall“

Hier zeigt sich – neben dem Primat des Objektiv-Seienden – die vollkommene Abhängigkeit des geistigen Geschöpfes von seinem Schöpfer und dessen Maß, die den Menschen vor Gott demütig werden lässt. Das Gesagte wird durch eine weitere Beobachtung unterstützt: Immer wieder treffen wir bei Thomas auf Stellen, die zum Ausdruck bringen, wie defizient, wie bruchstückhaft unser Erkennen ist. Dies gilt besonders bei dem Versuch der natürlichen Erkenntnis, sich Gott zu nähern. Im Kommentar über des Boetius „De Trinitate“ (1,2) lesen wir:

„Am Ende unserer Erkenntnis erkennen wir Gott als Unbekannten. Denn eben dann befindet sich der Geist am vollkommensten in der Erkenntnis Gottes, wenn erkannt wird, dass sein Wesen über allem ist, was im Zustande des gegenwärtigen Lebens erkannt werden kann.“

IMG_7221Die adäquate Antwort auf diese Situation findet Thomas jedoch nicht in der Verzweiflung bzw. dem Agnostizismus, dieser traurigen Signatur der auf den Spuren Kants dahin schwankenden Moderne. Sie besteht vielmehr im Akt der Anbetung.

Allein die Anbetung nimmt den ganzen Abgrund, der zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf klafft, wirklich und konsequent Ernst.

Der Mensch erkennt in jenem Akt an, dass er aus sich nichts Entscheidendes vermag, nichts ist gegenüber der über­ragenden Majestät des Ewigen. Die Anbetung bewirkt, dass wir

„uns selbst auslöschen, um zu verkünden, dass Gott der Erste ist“ (Marie-Dominique Philippe).

Nicht nur, dass das Verstummen des Thomas am Ende seines Lebens aus dieser Einsicht die Konsequenzen gezogen hat. Auch hier offenbart sich der Thomismus als eine echte Alternative zu falschem Autonomiedenken und als ein wirkungsvolles Heilmittel für jenen „kirchlichen Wort-Durchfall“, der nach dem Wiener Pastoraltheologen Paul M. Zulehner heute das Immunsystem der Kirche in besonderer Weise schwächt.

Die Zeichen für eine Wiederentdeckung des großen Lehrers aus Aquino scheinen von der Sache her betrachtet so schlecht nicht zu stehen …

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