(Widerstand steigt auf) Im Osten Deutschlands ist der offene Widerstand gegen Unrecht fester Bestandteil der geschichtlichen Verantwortung geworden. Der Westen unseres Landes tat sich bisher schwer mit dem Gesicht-Zeigen. Das ist seit Kandel anders geworden. Um solche schlimmen Ereignisse nicht überhand nehmen zu lassen, sollte fortan jedes zu einem Anlass für öffentlichen Protest auf den Straßen werden.

Auch wenn es nicht jeder offen zugibt, aber die Beklemmung, die Hilflosigkeit, die innere Zerissenheit und Unsicherheit hat unser gewohntes Leben verändert. Hier wurde schon vieles darüber geschrieben und gesagt und dennoch gibt es einen Blickwinkel, über den so noch nicht nachgedacht wurde.

Deshalb berichte ich heute nicht über die politische Landschaft und all die unzähligen leid- und todbringenden Einzelfälle.

Heute geht es um das, was nun zwingend notwendig und unausweichlich geworden ist: Protest auf der Straße, und zwar mit besonderem Augenmerk auf die regionalen Unterschiede in unserem Land, die darüber entscheiden, „wie“ die Menschen Widerstand leisten.

Denn eines ist so sicher, wie unser Leben unsicher ist: Worte können aufrütteln, aber nur Taten können verändern.

Die Widerstandsbewegung der letzten Jahre hat in vielfältiger Art aufgeklärt, aufgedeckt, aufgerüttelt und aufgeweckt. Es gibt für jeden individuelle Möglichkeiten, sich am Protest zu beteiligen, ob als Einzelperson, als Gruppe oder als organisierte Bewegung.

Dieser wertvollen Vorarbeit hunderttausender kritischer und mutiger Bürger und der mittlerweile entstandenen, verschiedenen Gruppen und Bewegungen ist es zu verdanken, dass wir heute schon mehr Einfluss auf die Politik nehmen, als wir wahrscheinlich ahnen.

Die staatlich angeordnete Massenzensur der freien Meinung in Form durch Löschen und Sperren im Internet und durch Denunziation, an den Pranger stellen und Repressalien im Alltag hat nicht nur das Ziel, die Wahrheit zu vertuschen, sondern auch, diesen in großer Überzahl virtuell existierenden Widerstand zu zerschlagen.

Der Gegner ist zwar nicht größer, aber mächtiger. Wir sind mehr, als alle denken, aber wir haben nicht die Möglichkeiten, die unsere Gegner haben. Aber selbst, wenn wir sie hätten, würden wir sie nicht anwenden, dessen bin ich mir sicher.

Denn unser Widerstand war bisher friedlich und gewaltfrei und muss friedlich und gewaltfrei bleiben. Das ist das einzige und zugleich wichtigste, was ihn autorisiert und uns von unseren Gegnern unterscheidet.

Nur auf diesem Weg können wir überzeugen. Volksnaher, beharrlicher, nationaler Widerstand gegen politische, kriminelle, genozidiale Selbstzerstörung.

Es gab und gibt viele konstruktive und engagierte Bemühungen, den Widerstand zu bündeln, die Netzwerke zu koordinieren und die einzelnen Menschen, Gruppen und Bewegungen unter eine Administration zu stellen, um so den Widerstand gezielt zu organisieren.

In den letzten zwei Jahren entstanden hier dann auch tatsächlich sehr viele neue Verbindungen. Die meisten agieren regional oder ortsgebunden und sind für sich autark. Das „große Ganze“ jedoch hat sich als Utopie herausgestellt, ist nicht realisierbar und im Grunde auch keine sinnvolle Option.

Wir im Widerstand sind nicht nur dem Zeitgeschehen gegenüber kritisch, sondern schauen auch selbstkritisch in den Spiegel. Einige gut gemeinte Gruppen, die an den Start gingen und innerhalb kürzester Zeit viele Menschen erreichten, waren mit der Organisation und den allgemeinen Aufgaben schnell überfordert. Als zwar engagiert, aber eben als Laien, gelang es vielen nicht, persönliche Ambitionen und Vorstellungen hintenanzustellen und die Arbeit konstruktiv in einem Team zu organisieren. Es gibt nur wenige, denen dies gelang. Demokratie und ein demokratischer Diskurs beginnen im Kleinen.

Was mich persönlich sehr beschäftigt ist, dass quasi nicht nur die Politik unsere Bevölkerung spaltet, sondern dass wir bisher nicht wahrgenommen haben, wie wichtig es ist, dass unsere Widerstandaktionen selbst nicht auch spalten.

Was für die eine Region passt, ist in einer anderen nicht durchführbar. Das kann die Organisatoren enttäuschen, sollte es aber nicht.

Gerade der Westen unseres Landes tut sich schwer damit, Gesicht zu zeigen. Aber es ist gerade der Western, der weit mehr leidet als der Osten – und das wissen die Westbürger sehr genau.

Deshalb tut es auf eine Art auch weh, dass zum einen die sehr tatkräftigen Bemühungen nur zaghaft angenommen werden und es zum anderen demotiviert, dass der Osten den Westen oftmals „verloren“ nennt.

Allein die Tatsache, dass sich nun 600 Menschen zu einem Schweigemarsch in Kandel getroffen hatten, zeigt, dass der Westen eben nicht verloren ist, nur länger braucht und die Menschen hier große Scheu und Vorbehalte haben, sich einer organisierten Gruppe anzuschließen.

Vor allem aber hat es eines gezeigt: Der Westen geht aus anderen Gründen #AufDieStrasse als der Osten. Das wurde bisher so nicht wahrgenommen – denn im Grunde kann der Westen hier einem Vergleich mit dem Osten schuldlos gar nicht mithalten.

Im Osten ist der offene Widerstand fester Bestandteil der geschichtlichen Verantwortung geworden.

Dem Volk im Osten unseres Landes gelang es durch friedliche Demonstrationen auf der Strasse, die Ketten der Diktatur zu sprengen – ohne Zutun der westlichen Bevölkerung, die hier nur als Zaungäste ehrfürchtig das Geschehen verfolgte. Geprägt durch die DDR und gestärkt durch den Erfolg dieser Demonstrationen, haben sich die Emotionen und Erkenntnisse dieses gemeinsam Erlebten tief in die Seele und Selbstverständlichkeit der Menschen im Osten eingegraben.

Deshalb steht der Westen heute im Grunde hilflos vor dem Vorhaben, etwas tun zu wollen, es aber auf Grund eines fehlenden, eingeschworenen Wir-Gefühls schlicht nicht umsetzen kann.

Kandel hat nun gezeigt, dass der Westen nicht emotionslos ist. Der Mord an Mia, ein solch traumatisches Erlebnis, hat ein erstes, zaghaftes und wehrhaftes Wir-Gefühl möglich gemacht.

Während der Osten seinen politischen Widerstand durch regelmäßige, kontinuierliche Treffen, Spaziergänge und Demonstrationen kundtut, kann der Westen einen anderen Weg gehen und temporär auf Ereignisse bezogen agieren lernen. Das mag makaber klingen, sollte aber tatsächlich als Motivation verstanden werden.

Die schweigende Mehrheit wird immer schweigen, aber Worte sind nicht immer nötig. Offener Protest ist dort angebracht, wo es Opfer zu beklagen gibt und zwar auf der Strasse.

Mit dem Wissen, dass es ohne Unterlass weitere Opfer geben wird, wenn sich nichts ändert, sollte einen die Ahnung, dass es beim nächsten Mal den eigenen Nachbarn, das eigene Kind oder sich selbst treffen kann, #AufDieStrasse treiben.

Offener Protest zu Geschehnissen in der eigenen Umgebung in Form von spontanen stillen Beisammenkommen oder kurzfristig angemeldeten Schweigemärschen und offenkundiger Solidarität und direkter Anteilnahme mit dem Opfer und dessen Familie ergänzen den organisierten Widerstand um einen wichtigen Bestandteil. Allgemeiner Widerstand klärt auf, mobilisiert und sorgt dafür, dass kontinuierlich und fortwährend die Menschen regelmäßig #AufDieStrasse gehen.

Der offene Protest bei aktuellen Geschehnissen ist individuell, kann spontan agieren und sorgt vor allem dafür, dass man nicht mehr wegsehen kann, dass der Fall an Bedeutung gewinnt und nicht totgeschwiegen wird.

Egal, wo Sie wohnen, egal welche Art von Aktionismus Ihnen entspricht – wir sehen uns auf der Strasse und laufen Schulter an Schulter. 

#AufDieStrasse – lassen Sie uns Zeichen des Widerstandes setzten. 

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